Ein Tag in Jerusalem

Dienstag Morgen, auf dem Plan stand der Tagesausflug nach Jerusalem mit dem Fanprojekt. Da im Hostel erst um 8:30 Uhr Frühstück angeboten wurde, duschte ich in den Gemeinschaftsduschen und schlurfte auf die Dachterrasse, rauchte eine Zigarette und blickte auf das Flutlicht des Bloomfield-Stadiums. Einige Helden der vergangenen Nacht schliefen noch auf den Sofas, auf den Tischen die Zeugnisse der vergangenen Stunden: überquellende Aschenbecher und leere Flaschen.

 Da der Treffpunkt am Carlton Hotel über fünf Kilometer entfernt lag und ich keine Lust auf einen Fußmarsch hatte und eine Busfahrt ob der hebräischen Schrift eine Reise ins Ungewisse zu werden schien, zudem ich ja pünktlich sein musste, fragte ich an der Rezeption nach dem angebotenen Fahrradverleih – und diese Frage sollte sich als der Joker für die kommenden Tage erweisen. Ein Rad kostete mich inklusive Schloss 10 Schekel am Tag, etwa zwei Euro – und ich hatte freie Fahrt. Der einzige Wermutstropfen bestand darin, das Vehikel jeweils gegen acht Uhr Abends wieder abzugeben. Ich suchte mir aus den Klapperkisten im Hof eine aus, welche sowohl Luft auf den Reifen als auch funktionierende Bremsen aufwies, besprühte die Kette mit WD40, das in einer Ecke neben Werkzeug stand und wanderte zurück auf die Dachterrasse. Das angebotene Frühstück bestand aus Toast, Marmelade, einem Topf mit heißem Wasser und Nescafé ohne Milch. Immerhin. Von den Sofas ragten noch immer Socken in die Luft.

Wenig später rollte ich die Derech Ben Tzvi runter zum Glockenturm, radelte zur Strandpromenade und weiter Richtung Treffpunkt. Jogger säumten meinen Weg, derweil ich mich auf die von der Sonne beschienenen Steine hockte und über das Meer in die Ferne blickte. In meiner Tasche hatte ich nicht viel, meinen Reiseführer, zwei Flaschen Wasser, die ich im Hostel aufgefüllt hatte und natürlich meinen Fotoapparat. Der Anstand wollte, dass ich trotz der Hitze meine kurze Hose gegen eine lange Jeans getauscht hatte.

Das spannende an Israel ist die Vielschichtigkeit. In Jerusalem liegt der zentrale Punkt dreier Weltreligionen, hier treffen Christen, Juden und Muslime seit Jahrhunderten aufeinander; eine Geschichte der Vertreibung, der Zerstörung und der Behauptung. Zudem ist Israel nicht denkbar ohne den Holocaust, dem größten Verbrechen der Weltgeschichte. Politisch hoch brisant natürlich die Auseinandersetzung um die autonomen Gebiete, die Reiberei zwischen Palästinensern und Juden, der seit Jahrhunderten andauernde Kampf um die Gebiete, die seit Gedenken wechselnder Herrschaft unterliegen, seit 1948 durch die Staatsgründung Israels gipfelnd in der aktuellen Situation. Und dann liegt ganz einfach das Mittelmeer vor der Haustür, der Urlauber denkt an unbeschwertes Strandleben – und wir natürlich noch an das Spiel unserer Eintracht am Donnerstag. Fußball also, profane Wirklichkeit.

Ich war einer der Ersten am Treffpunkt, radelte unter eine Brücke und schon hallte es: Beve. Auf der Brücke standen Basti, Benny und Busi vom Fanprojekt und wunderten sich, weshalb der Herr Beve wie zuhause mit einem ollen Fahrrad herumgurkte. Peu a peu trudelten die Mitfahrer ein, hier kamen Ruth und Holger, da kamen Johannes oder Steffi, die ihren John zuhause gelassen hatte, René war vor Ort und auch durchaus eine ganze Menge Leute jeglichen Alters, die ich nicht kannte und die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, nach Jerusalem zu fahren. Mit Max, Sebastian und Simon traf ich sogar drei Jungs, die im gleichen Hostel wie ich untergebracht waren. Ich radelte noch kurz zu dem schon vom meinem ersten Spaziergang bekannten Café, und hockte mich an einen der Tische am Straßenrand – mit Nescafé alleine beginnt kein schöner Tag.

Wenig später rollte der Bus los, an Bord auch Yalon, einer unserer beiden Stadtführer. Yalon war 1989 aus Norddeutschland nach Israel eingewandert und sollte uns fachkundig durch den Tag begleiten. Schon während der Fahrt versuchte er, uns die Historie des Landes näher zu bringen, ein Versuch, der ob der permanenten Herrschaftswechsel, Kriege und Aufstände natürlich zum Scheitern verurteilt war – er war sich ob des Unterfangens bewusst und ging davon aus, dass wir am Ende des Tages mehr Fragen stellten als zu Beginn. Ich spare mir an dieser Stelle, die Geschichte Israels zu wiederholen, bei Interesse kennt ihr ja die entsprechenden Seiten im Netz, nur soviel zur Begriffsklärung sei gesagt. Israeli ist, wer die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, gleich welcher Religion. Araber ist, wer in den Gebieten westlich vom Iran lebt, dies besagt der Begriff, auch hier ist keine Religionszugehörigkeit zwingend. Und Palästinenser ist – hochoffiziell niemand, da das Land ebenso offiziell nicht existiert, was natürlich nicht alle so sehen.

Wir rollten durch ein Land, das sich in den letzten Jahren massiv verändert hat, aus der Trockenheit der Wüste erwächst künstlich bewässertes Grün, Eisenbahnstrecken werden neu erbaut, Autobahnen verbinden den Norden mit dem Süden, den Westen mit dem Osten. Während Tel Aviv erst 1909 gegründet wurde, ist Jerusalem Jahrtausende alt, während Tel Aviv wie eine Melange aus New York, dem Orient und Malaga hochmodern daherkommt, erscheint Jerusalem (so man sich die Menschenmengen in der Altstadt wegdenkt) an vielen Stellen wie in längst vergangenen Zeiten, helle Steinbauten prägen die Stadt. Auf der Strecke entdeckten wir vor den Toren Jerusalems einen einst beschossenen Autokonvoi, der als Mahnmal der Auseinandersetzungen zwischen Arabern und (so ich richtig liege) Briten stehen gelassen wurde, erhaschten einen Blick auf die Wüste, die sich seit alttestamentarischen Zeiten nicht verändert hat und so fuhren wir ein und schlängelten uns nach einem kurzen Stopp, wo wir noch einige Mitreisende nebst unserem zweiten Stadtführer Norman einsammelten, hoch zum Ölberg, der in englischer Sprache als Mount d’Olives ausgeschildert ist. Dort hatte einst Jesus das Schicksal seiner selbst aber auch Jerusalems beweint und wir genossen den Blick über die Stadt, deren auffälliger Mittelpunkt die golden glänzende Kuppel des Felsendoms ist. Der Legende nach träumte Mohammed an dieser Stelle einst einen himmlischen Traum, von daher ist der Felsendom für Muslime nach Mekka und Medina einer der heiligsten Plätze. Wir befanden uns nun ca. 60 Kilometer von Tel Aviv und 30 Kilometer von Jordanien entfernt. Unter uns erkannten wir den jüdischen Friedhof, auf den Gräbern will es der Brauch, dass kleine Steine zum Gedenken aufgelegt werden.

Wer wollte, konnte am Ölberg auf einem Kamel reiten, oder von findigen Händlern ein Panoramabild kaufen. Dies wollte indes niemand von uns und so setzte sich unser Bus in Richtung Altstadt in Bewegung und spuckte uns vor dem Jaffator aus. Dort teilte sich unsere Gruppe, die einen zogen mit Norman durchs Gewimmel, die anderen – so auch ich – enterten mit Yalon das Gewusel einer Altstadt, die armenische, jüdische, christliche und muslimische Viertel aufweist. Auf dem Weg dorthin, rockte ein Musiker in phantastischen Tönen, dass kurz der Gedanke aufkam, ihn für die Bembelbar zu verpflichtem.

Die muslimischen Viertel erkennt man daran, dass sich wie in Istanbul ein Lädchen an das andere reiht, fröhlicher Handel allen Orten. Durch die engen Gassen rauscht von Zeit zu Zeit ein Motorroller, Reisegruppen drängen sich an den Bauwerken vorbei, hier sehen wir fromme Juden, die einen mit Käppi, die anderen mit breitkrempigen Hut, Locken und Schnüren an den Hosen, die ans Beten gemahnen. Christen aus Afrika tummeln sich in den Gassen genauso wie kulturhistorisch Interessierte ohne religiösen Hintergrund.

Nach einer kurzen Stärkung wanderten wir los, hörten Yalon zu, der Geschichten von zerstörten Hauptstraßen, von verlegter Altstadt und dem permanenten Abriss und Wiederaufbau Jerusalems, von Eroberung und Vertreibung erzählte. Zeit zur Besinnung blieb wenig, es ging Schlag auf Schlag – und wir sahen und erlebten in den folgenden drei Stunden doch nur einen Bruchteil dessen, was möglich gewesen wäre und dennoch zwirbelte das Hirn.

Die drei hiesigen Religionen berufen sich letztlich alle auf den alttestamentarischen Abraham, der zwei Söhne hatte, Isaak und Ismael – von Letzterem leiten sich die Muslime ab, fußend auf Mohammed, der den Islam erst 632 n.C. begründet hat. Während die Christen sich natürlich auf Jesus Christus berufen, der in Jerusalem von Judas verraten und von den Römern hingerichtet wurde, wer kennt nicht den Namen Pontius Pilatus. Die Juden hingegen warten noch auf den Erlöser, was zur Folge hat, dass es sogar Ultraorthodoxe Juden gibt, die Israel ablehnen, da ihrer Ansicht nach das gelobte Land erst jenes sein wird, in welchem sich der kommende Erlöser offenbart. Bei den Christen gibt es die Katholiken, die Protestanten, die Griechisch-Orthdoxen oder die Kopten, bei den Muslimen die Sunniten, die Alaviten, oder die Schiiten und bei den Juden gemäßigte, orthodoxe oder ultraorthodoxe nebst weiteren Splittergruppen aller Richtungen, fürwahr eine brisante Mischung. Alle beanspruchen natürlich irgendwas – und somit scheint nachvollziehbar, weshalb Jerusalem nur schwer zur Ruhe kommt.

Zentrale Punkte für uns waren die Klagemauer, die Via Dolorosa und die Grabeskirche. Die Klagemauer, sicherlich eines der berühmtesten Bauwerke der Geschichte, ist 48 Meter lang, 18 Meter hoch und wird heutzutage eher Westmauer genannt. Letztlich war sie ein Bestandteil des zweiten Jerusalemer Tempels, der schon lange Geschichte ist. Heute steht dort oben der Felsendom. Sie ist geteilt in einen kleineren Bereich für Frauen und einen größeren für Männer, zugänglich für Menschen jeder Konfession. Neben gesitteter Kleidung ist eine Kopfbedeckung Pflicht, es reicht allerdings eine Basecap. Wer mit offenem Haupthaar erscheint, für den liegt eine Kippa bereit, die man sich greift und auch mitnehmen kann. Die Verhaltensweisen vor Ort sind recht unterschiedlich, der Tourist nimmt seinen Foto und knipst, der Gläubige berührt die Steine und ist beseelt und der Fromme betet in schaukelnden Bewegungen wenn es sein muss Stunde um Stunde vor den Steinen. Er wackelt deshalb hin und her, da bei Stillstand der Kreislauf ob der Hitze früher oder später kollabiert. Allen gemeinsam ist, dass sie Zettel mit Wünschen in die Steine stecken können, die alle naslang auf dem Ölberg vergraben werden. Es war natürlich für unsere Augen ein putziges Bild, unsere Reisegruppe mit Kippas vor der Klagemauer zu sehen. Der Blick nach oben offenbarte den Felsendom. Nah der Klagemauer führte eine Treppe hoch zur goldenen Kuppel, der einzige Weg für Nichtmuslime zur heiligen Stätte, derweil Muslime auf etlichen Wegen nach oben gelangen können.

Neben der Klagemauer liegt eine Synagoge, der Prayers Room. Ich marschierte hin, lunzte hinein und überlegte, ob ich den Eintritt wagen sollte. Und als ich da stand und überlegte, klatschte es auf mein T-Shirt, eine Taube hatte sich über mir entleert – ich deutete dies als ein Zeichen: Du sollst nicht zögern, geh hinein oder entferne dich, aber zögere nicht. Ich zögerte auch nicht, sondern marschierte schnurstracks zu einem Wasserspender und reinigte mich. Gründlich. Holger lachte.

Die Via Dolorosa entspricht dem vermeintlichen Kreuzigungsweg Jesu Christ. Einst mit sieben Stationen nun mit mit 14 Stationen versehen, die den Weg der Leiden versinnbildlichen. Hier bekam er das Kreuz, hier fiel er erstmals hin, hier wurde ihm ein Schweißtuch gereicht und hier übernahm Simon für eine Weile das Kreuz. Das Ganze hat natürlich vor allem einen symbolischen Gehalt, denn – auch wenn es blasphemisch wirkt – so ist dies alles historisch keinesfalls verbrieft. Ich kaufte bei einem der vielen Händler ein kleines Holzkreuz als Andenken für Pia und in meinem Kopf schwurbelten die Begriffe: Der Garten Gethsemane, Golgatha, Herodes, Barrabas, die Mutter Gottes, Kreuzigung, Auferstehung, der Spalt im Felsen, Galiläa, Judäa, altes Testament, neues Testament derweil wir mittlerweile in der Grabeskirche gelandet waren. Natürlich warteten Etliche um einen Blick auf das vermeintliche Grab Jesu werfen zu können, andere rieben Tücher an dem Stein, auf dem Jesu gesalbt wurde. Hier beteten Äthopier, dort Orthodoxe (waren sie russisch, waren sie griechisch?), dort wartete eine Prozession, hier war der Spalt im Felsen und dort löschte ein Geistlicher einige Kerzen, der partout nicht fotografiert werden wollte, wer kann es ihm verdenken.

Die Grabeskirche steht unter Polizeischutz, da sie natürlich von allen in Beschlag genommen werden will und jeder möglichst viel für sich beansprucht – auch einzigartig in der Welt. Eine kleine Holzleiter steht seit 150 Jahren vor einem Fenster am Eingang. Da niemand weiß, wer sie entfernen darf, bleibt sie stehen, bis sie vermodert.

Mittlerweile war es dunkel geworden, wir wanderten zurück zum Jaffator, manch einer deckte sich mit Postkarten oder Souvenirs ein und bald darauf rollten wir durch die Nacht, zurück nach Tel Aviv durch Bürohochhäuser und Wohnviertel und stauende Autos; durch Tel Aviv, das doch um einiges weltlicher daher kam als das eben erlebte Jerusalem. Wir versammelten uns in einem Restaurant mit Meerblick, futterten Kebab oder Fish ’n‘ Chips, Humusteller oder Burger, bis die Zeit drängte und ich mein Rad abgeben musste. So radelte ich an der Promenade zurück nach Jaffa, gab mein Fahrrad zurück, holte mir ein Bier und wanderte an den Strand. Die Nachtlichter Tel Avivs funkelten in die Dunkelheit, ich saß auf den Steinen und schaute aufs Meer.