Die Überschrift stimmt natürlich nicht so ganz, immerhin haben die Fans der Braunschweiger Eintracht ihr Team auch nach der Niederlage gegen die ruhmreiche SGE gefeiert, vielleicht nicht ganz so enthusiastisch wie auf der Gegenseite. Also bei uns. Doch der Reihe nach.

Nachdem ich noch am Donnerstag den ersten Auftritt der Eintracht im Europapokal gegen Qarabag Agdam im Backstage verfolgt hatte, stand nun also wieder ein Auswärtsspiel in der Liga bevor, welches uns vor Ort erleben sollte. Braunschweig. Letztmals war ich dort 1981 beim Aufstiegsspiel zwischen der dortigen Eintracht und dem OFC. Damals gab es noch die zweigeteilte Zweite Liga und die jeweiligen Zweiten aus Nord und Süd spielten den dritten Aufsteiger unter sich aus. Seinerzeit hielt unsere Eintracht den DFB-Pokal gerade zum dritten Mal in den Händen und Hölzenbein hatte die SGE verlassen. Doch das sind andere Geschichten, lange her und doch nicht verjährt. Damals schaffte die Braunschweiger Eintracht den Aufstieg, da sie das 1:0 der Kickers aus dem Hinspiel binnen zwei Minuten drehen konnte. Im Trikot des OFC: Uwe Bein. Die Berliner Hertha schaffte es damals, in 17 von 42 Spielen vier oder mehr Tore zu erzielen – und doch nicht aufzusteigen. Aber das nur am Rande.

Wo war ich? Ach ja, Braunschweig anno 2013. Die EFCs Alte Liebe, Frankfurter Niveau und Backstage hatten geladen und wir waren dabei. Ob einer längeren Nacht zuvor schleppten sich Pia und ich todmüde gegen viertel vor neun zum parkenden Bus – und trafen -wenig verwunderlich- auf jede Menge bekannte Gesichter, von denen einige mit seltsamen Glanz in den Augen von der Reise nach Baku unter der Woche schwärmten. Sabine war auch dabei, wie gerne wäre sie mit der Vespa nach Braunschweig gefahren, es goss jedoch wie aus Kübeln.

Die Minuten tröpfelten dahin, andere Mitfahrer ein, von Wahlplakaten tropfte Regenwasser und Punkt 09:29 Uhr rollte der Bus los und gegen den Regen an. Die Reiseleitung meldete nahezu: Ausverkauft, in den Gängen lagerten brav einige Kästen Flens – auf deren Etiketten versteckt ein Hinweis zu entdecken ist, dass leere Flaschen ohne aufgepfropften Bügelverschluss zurück zu geben sind. Ein Hinweis, der in der Tat seine Berechtigung hat. Spätestens nach einer Stunde ziehst du eine verschlossene Flasche nach der anderen aus dem Kasten: Leer, leer, leer, leer, leer, leer, voll. Also Freunde: Bügelverschluss nach Genuss lässig baumeln lassen. Die Trinker unter uns danken es euch. Hinten lagerten zudem noch etliche Frikadellen, pikant oder normal, gebraten von der Backstage-Küche und dazu gab es Brötchen aus der Kornkammer, welche Neeko in einem längeren Prozess heldenhaft erobert hatte

Wo war ich? Ach ja, Braunschweig. Die Busbesatzung hatte mehrheitlich ein Alter erreicht, welches einen Heizdeckenverkäufer nicht gänzlich hoffnunglos zurück lassen würde, was uns insgesamt jedoch nicht daran hinderte, sprachlich recht juvenil zu agieren. Das ist ja das schöne an Auswärtsfahrten in der Gruppe: Fabelhafte Assoziationsketten setzen sich in Gang und eine muntere Achterbahnfahrt der Emotionen reist mit: Grinsen, Fremdschämen, Kopfkino oder durchdrehende Heiterkeit; es wäre ein vergeblich Unterfangen, dies hier in Wort und Schrift zu wiederholen. Auslöser war eine defekte CD im Player, die ums Verrecken stecken blieb. So blieb zwar ein Kassettenradio – aber natürlich hatte kein Mensch ein Tape dabei. (Für die Jüngeren unter uns folgt nun ein Link zwecks Erklärung.)

Kurz und gut: Es wäre wenig verwunderlich, so sich auf der nächsten Auswärtsfahrt eine Kassette mit einem polnischen Hörporno an Bord befinden würde, an der ein Haar klebt. Versteht ihr, was ich meine? Musikalisch wurde kurzzeitig eine spektakuläre und hochmoderne Methode gefunden: Ein Handy konnte via Transmitter UKW-Signale ans Autoradio senden und so die MP3s über die bordeigenen Lautsprecher abspielen – ein Triumph der Technik. Olli stand vorne und hielt das Handy fest. Der Triumph währte jedoch nur kurz, da nach dem dritten Song der Toten Hosen (Als wäre es ein Omen: Hier kommt Alex …) die ersten nach anderer Musik verlangten, die jedoch nicht vorhanden war und alsbald legte sich eine bleierne Stille über uns, die mittlerweile durch strahlenden Sonnenschein brausten. Silent running.

Auf den Rastplätzen trafen wir natürlich andere Busse, hier und dort ein großes Hallo und Gudewie, und selbstverständlich wurde der Name des Rastplatzes Lohfeldener Rüssel entsprechend gewürdigt. Wie passend, dass wie aus dem Nichts eine sogenannte Travel-Pussy auftauchte. Wahrscheinlich sind auswärtsreisende Fußballfans die einzigen, die so etwas kaufen – über eine etwaige Nutzung kommt hier nichts über den Ticker. Ihr merkt schon, phasenweise glitt das Ganze in Richtung Albern ab.

Bis Braunschweig ging’s recht flott, dann zog’s sich. Wir wurden zu unserer Sicherheit durch Polizeibus-chen durch den zähen Verkehr begleitet, in den Schrebergärten wehten massig Fähnchen der örtlichen Eintracht und erreichten nach einigem Hin und Her Ikea, welches sich bei näherer Betrachtung als das Eintracht-Stadion erwies. Unter ordentlichem Polizeiaufgebot (zu unserer Sicherheit) sollten wir auf den Knastparkplatz vor dem Gästeeingang geleitet werden, was sich auch wieder hinzog, da wegen Platzmangel die Gelenkshuttlebusse selbigen erst verlassen sollten. Erste Unruhe machte sich breit, konnte jedoch energisch bekämpft werden.

Da es mittlerweile schon kurz vor drei war, hatte sich eine ordentliche Menschentraube vor dem Gästeeingang gebildet, die sich geduldig Richtung Einlass schob. Flutlichmasten ragten in den blauen Himmel, Christian war nun auch dabei und so trollten wir uns ganz nach oben auf die Stehränge und beobachteten die Teams beim Warm-Up. Sagt man das heute so? Erstmals im Kader dabei, der Herr Kadlec, Neuzugang aus Prag, derweil in der Aufstellung Jung und Schwegler fehlten, ebenso Lakic, der noch nicht einmal auf der Bank saß. Später stellte sich heraus: Lakic hat Rücken. Wie wir Fußballer sagen.

Das Stadion ist vom Fassungsvermögemn recht klein, wird von einer Laufbahn umrundet und von einem metallenem Dach überdeckt, welches für den Support von einer rechten Bedeutung ist, da alles ganz schön laut klingt. Zu Beginn gabs eine Choreo, die wir natürlich nicht sehen konnten, da wir dahinter standen. Dann gings’s los, die eine Eintracht (Einmal Löwe, immer Löwe) in blaugelb und mit Norman Theuerkauf, der einst bei der U23 der SGE spielte, die andere traditionell in rot-schwarz und mit Wucht.

45 Minuten später standen gefühlte 104% Ballbesitz, etliche Chancen sowie ein durchgehender Support mit Aerobic-Einlagen auf Seiten der Frankfurter, als auch ein erstaunliches 0:0 bei strahlendem Sonnenschein in der Bilanz. Der Launepegel war ob des Gesamtauftrittes der Eintracht recht hoch, sollte jedoch in Halbzeit Zwei durchaus noch steigen. Zuvor blieb Zambrano in der Kabine, für ihn kam Russ, die Überlegenheit der Frankfurter Eintracht aber blieb bestehen – und wurde in der 52. Minute belohnt: Eine schöne Flanke von Kadlec meierte Alex noch abgefälscht zur völlig verdienten Führung ins Netz, keine 10 Minuten später, stiebitzte Aigner einen Fehlpass und schob zum 2:0 für die SGE ein. Der erste Bundesligasieg seit über drei Monaten lag greifbar nahe – und wurde nach etwas mehr als 90 Minuten zur Gewissheit: Die ersten Punkte waren unter Dach und Fach. Noch größer war jedoch, dass die Kurve während des Spiels völlig unvermittelt „Alex Meier“ skandierte – und dies hatte sich der Bub eingedenk seiner Historie im Trikot der Entracht redlich verdient. Gesteigert wurde dies noch nach Spielende, als er von den Fans der SGE von einem Interview herbeigebrüllt wurde, derweil die Mannschaft brav auf ihn wartete. Etwas unbeholfen, nahezu verschämt, ließ er sich feiern.

In weiter Ferne wartete eine Dame mit Mikro in einem viel zu kurzem blonden Kleid auf Gesprächspartner, die Braunschweiger feierten ihr Team gleichfalls, die Sonne schien hoch oben und Charly sprach die Worte des Tages augenzwinkernd aus: Frankfurt feiert, Braun schweigt. Da war sie doch, meine Überschrift.

So langsam füllte sich der Bus und setzte sich in Bewegung. Naturgemäß gab’s nur strahlende Gesichter, wir rollten – Salzgitter hinter uns lassend – in die untergehende Sonne. Heuballen lagen auf den Feldern, Windräder drehten sich majestätisch und wir hörten dezente Radiomusik zwischen Depeche Mode (man sang mit) und Vicky Leandros (man schaute betreten) und übersah dabei völlig den großartigen Text der griechischen Bardin. Sie sang vom Gerinnen der Ewigkeit, vom Drehen der Mühlen und für mich als Höhepunkt:

Und es kreisen die Gedanken
ohne Anfang ohne Ziel,
wie sich schnell die Wellen regen,
wenn ein Stein ins Wasser fiel,
wie ein Kreisel, den die Peitsche
uebers Straßenpflaster treibt,
wie Spiralen, die ein Adler
in den Abendhimmel schreibt.

Da war er also, der Adler. Ein Zeichen eines perfekten Tages.

Auf einem Parkplatz trafen wir auf den Bus der UF, etliche Polizeibusse nutzten die Gelegenheit, vorbei zu schauen und alsbald rollten wir durch den beginnenden Regen Richtung Frankfurt. Zögerliche Gesangseinlagen ersetzten die traditionell einsetzenden Beschwerden über die Musik während wir brav in einem Stau der Heimat entgegen standen, die wir viertel vor zwölf erreichten. Der Abschied war kurz und schmerzlos, der Heimweg kurz, der Schlaf erholsam. Schön war’s

Ob Braunschweig, ob Trier – Die Eintracht sind nur wir!