Neblig ists geworden, kühl doch trocken. Immerhin. Das Museum der Eintracht hatte gemeinsam mit der Fan- und Förderabteilung den Plan gefasst, neben den heimischen Veranstaltungen im Museum auch auswärts anzutreten und am 25.10.2012 war es dann soweit: Die Meister von 1959 sollten in Homberg (Ohm) präsentiert werden.

Vor Ort sorgte der Regionalleiter der Fufa, Stefan Schabl, für eine reibungslose Organisation, die Frankfurter aber trafen sich um 13:00 am Riederwald – wo sonst sollte die Reise beginnen?

Der große Eintracht-Bus des Vereins stand schon bereit – samt Fahrer Werner Ochs, der uns im folgenden sicher und souverän durch die Lande fahren sollte.Und peu a peu trudelten sie ein, die Helden von einst und diejenigen, die dahinter standen, allen voran die Gattinnen der einstigen Spieler. Letztlich waren dabei Dieter Lindner, Egon Loy, Friedel Lutz, Erwin Stein, Dieter Stinka und Hans Weilbächer, allesamt im hochschicken Ausgehanzug samt Eintrachtkrawatte sowie die Frauen Bäumler, Bechtold, Höfer, Kress, Loy, Lutz, Stinka und Weilbächer. Natürlich durften auch Anton Hübler und seine Christel nicht fehlen. Komplettiert wurde die Reisegruppe durch Thomas Nixdorf und Stefan Ungaenz nebst Praktikantin von der FuFA, sowie Pia, Matze und Beve vom Museum und auch Eintrachtfan Thommy Kummetat ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Helden von einst zu begleiten.

Pünktlich um 13 Uhr schipperten wir los, rollten auf dem Highway durch nebelverhangene Täler und Wälder, die rotgelbbraunen Blätter der Herbstbäume leucheteten dennoch in den Tag und pünkltlich wie die Maurer erreichten wir unser Ziel Homberg (Ohm). Vor der Sparkasse gab es sogar einen eigens eingerichteten Sonderparkplatz für den Eintrachtbus und sogleich wurden wir vom hiesigen Empfangskommitee freundlich begrüßt.

Der erste Weg führt schnurstracks ins Rathaus, dort trugen sich die Meisterspieler unter der Anwesenheit von Bürgermeister und Stadtrat ins Goldene Buch ein – Matze und ich wollten uns noch dazwischen mogeln, sahen letzlich aber von solchen Faxen ab. Ehre, wem Ehre gebührt.

Nun folgte eine hochkundige Stadtführung und wir marschierten von der Stadtmitte Richtung Schloss und erfuhren dabei, welche Rollen in all den Jahren Thüringen, Heinrich IV und dessen Mutter, Philipp der Großmütige oder die heilige Elisabeth gespielt hatten – und weshalb der Kalte Markt heuer zum 459sten Mal stattgefunden hat. Und weshalb das nahe Marburg dies einst gar nicht so gerne gesehen hat.

Das Schloss selbst befindet sich seit dem 1. April in der Hand der Homberger, die sich hochdemokratisch dafür ausgesprochen hatten und die Schlosspatrioten kümmern sich nun darum und bewirteten uns mit Donauwellen (schwarz-weiß-rot) oder Amerikanern (schwarz-weiß), dazu gabs Kaffee und Tee und ein Kaminfeuer obendrein.

Alsbald standen wir vor einer riesigen uralten Linde, die der einstige Gärtner Toni Hübler natürlich vor allen anderen entdeckt hatte. Durch allerlei Geschichten informiert, spazierten wir letztlich zur evangelischen Kirche und lernten, dass jeder Steinmetz ein eigenes Zeichen hatte, welches die Gebäude zierte und sogar in eine Art Mandala hinein passte. Große Freude hatten dabei die Damen Höfer, Bechtold und Weilbächer sowie Dieter Lindner, auf deren hellen Jacken jene mitgebrachten Zeichen gut zu sehen waren.

Schon drängte die Zeit und wir rollten aufs offene Feld zum Gasthof Hainmühle, der noch eigenen Apfelwein keltert. Wir wurden bewirtet wie die Weltmeister; sogar die Speisekarte war dem meisterlichen Anlass entsprechend gestaltet – ein rot-schwarz-weißer Streifen zierte jene und kaum war der letzte Schluck Espresso getrunken ging es zurück in den Ort, diesmal ins Brauhaus, wo es jedoch kein Bier mehr gibt – sondern das Heimatmuseum zu bestaunen. Und heute Abend diente es auch als Veranstaltungsort.

Vor ausverkauftem Haus reisten wir zurück in eine Zeit, in der Adenauer noch Bundeskanzler war. Wir reisten in das Jahr, in dem Buddy Holly tödlich verunglückte und Gerhard Delling oder John McEnroe geboren wurden: 1959 – das Jahr der bislang einzigen Deutschen Meisterschaft der Frankfurter Eintracht.

Natürlich verflog die Zeit viel zu schnell, Dieter Stinka erzählte, wie er beinahe in Offenbach gelandet wäre – doch der Wechsel des Trainers Osswald bewog ihn, gleichfalls zur Eintracht zu kommen. Und dort verdrängte er im Laufe der Zeit einen anderen ehemaligen Gelnhäuser, Eberhard Schymik.

Egon Loy, der in der ersten Partien der Saison 58/59 verletzungsbedingt zuschauen musste und durch Helmut Henig vertreten wurde, erinnerte an den jugoslawischen Stopper Ivica Horvat, der eigentlich schon beim FSV gelandet war und letztlich doch zur Eintracht wechselte. Den FSV trainierte übrigens ein Landsmann von Horvat, Bogdan Cuvaj, der ab 1958 Nachfolger von Paul Osswald in Offenbach wurde. Man stelle sich vor, Cuvaj als auch Horvat wären beim FSV geblieben, die Bornheimer hätten sich wohl ganz anders entwickelt.

Erwin Stein, der strenggenommen erst 1959 zur Eintracht wechselte und in der folgenden Europapokalsasion fur Furore sorgte, war schon als Griesheimer Kicker Nationalspieler und schoss Tor um Tor. Der Wechsel jedoch zur Eintracht kostete ihn seinen Amateurstatus und da Bundestrainer Herberger zu spät davon erfuhr, auch die Karriere in der Nationalmannschaft. Auf ein Versöhnungsangebot, vermittelt durch den damaligen Präsidenten Rudi Gramlich erwiderte Herberger lapidar: Geh mir fort mit dem Kerl.

Friedel Lutz schaffte es gleichfalls unter Herberger zum Nationalspieler und wurde unter Helmut Schön gemeinsam mit Jürgen Grabowski 1966 in England Vizeweltmeister. Anschließend avancierte er zum teuersten Bundesligawechsel der damaligen Zeit. 175.000 D-Mark ließ sich 1860 München den Wechsel kosten. Kurz darauf aber kehrte Lutz in seine Frankfurter Heimat zurück – und blieb der Eintracht bis 1973 als Spieler treu.

Dieter Lindner stand schon mit 17 Jahren in der ersten Mannschaft der Eintracht, wurde mit 19 Deutscher Meister und verhinderte 1970/71 als er seine Karriere zugunsten eines bürgerlichen Berufes eigentlich schon beendet hatte, den Abstieg der Eintracht – damals, als der Besechungskandal den Fußball in seinen Grundfesten erschütterte. Da zum Zeitpunkt der Deutschen Meisterschaft noch nicht ausgewechselt werden durfte, war mannschaftsintern klar, dass Lindner sogar bei einer eventuellen Verletzung des Torhüters Egon Loy stellvertretend das Tor hüten sollte.

Hans Weilbächer, der Hattersheimer Bub hatte einen weiten Weg vom Westen Frankfurts hinein in den Osten zum Riederwald, der von allen als die eigentliche Heimat der Eintracht angesehen wurde. Als torhungriger Stürmer von der Eintracht verpflichtet verunglückte er eines Tages mit dem Roller und kollidierte mit einer Trambahn. Eine Fußverletzung setzte ihn daraufhin eine zeitlang außer Gefecht und als er wieder fit war, spielte er als Läufer. Tore hat er dennoch noch etliche geschossen. Ein Wurf mit einer Blumevase nach Rudi Gramlich und die berufliche Zielsetzung bei der Höchst AG ließen ihn im Jahr des Bundesligastarts seine Karriere beenden.

Gefeiert wurde natürlich auch nach dem Titel, Hunderttausende wollten in Frankfurt ihre Eintracht hoch leben lassen. Frau Bechtold merkte jedoch kritisch an, dass die Frauen der Spieler damals eher stiefmütterlich behandelt wurden und nur ganz am Rand zusehen durften.

Gearbeitet haben sie alle neben dem Fußball, auch noch am Tag des Halbfinales gegen die Glasgow Rangers, die dann mit 6:1 besiegt wurden und somit stand die Eintracht als erste deutsche Mannschaft sogar im Finale des Europapokals der Landesmeister. 127.000 Zuschauer in Glasgow sahen ein 3:7 der Eintracht gegen Real Madrid – trotz der Niederlage für alle Beteiligten sicher das größte Erlebnis. Spektakulär sicher auch die Weltreise 61/62, welche die Eintracht über Athen und Thailand, über Hongkong und Japan, Hawaii, Kanada und San Francisco bis nach New York führte – und die Mannen um Paul Osswald weltbekannt machte. Alleine Dieter Lindner und Friedel Lutz erkrankten an einer Blinddarmentzündung und mussten im Lande bleiben, auch wenn es Lindner immerhin noch bis Athen geschafft hatte.

Was bleibt sind zähe Verhandlungen um Prämien, die Eintracht war sparsam und die Spieler mussten erst mit Streik drohen, um zumindest einen nennenswerten Betrag nach dem Europapokalfinale ztu erhalten. Was bleibt ist die Erinnerung an die Spieler, ohne die die Eintracht nicht hätte Meister werden können – und die nicht mehr unter uns weilen: Der Gelnhäuser Eberhard Schymik, Erich Bäumler, Flutlicht-Meier, Kapitän Alfred Pfaff, Rekordspieler Adolf Bechtold, Stopper Ivica Horvat, der Blitz von Horas, Richard Kress, „Stift“ Hermann Höfer, Torwart Helmut Henig, Hans Eigenbrodt oder Trainer Paul Osswald. Und was bleibt ist die Erinnerung an einen Tag resp. Abend, der Gästen und Aktiven sicherlich unvergesslich bleiben wird, zumald die Helden noch unzählige Autogrammwünsche erfüllten.

Alsbald rollten wir durch die Nacht und erreichten wohlbehalten den Riederwald, damals wie heute das Zuhause der Frankfurter Eintracht. Wer weiß schon, ob es irgendwann einmal Nachfolger geben wird, die die Eintracht meisterlich vertreten werden. Toll wäre es natürlich.