Ich kenne zwar niemand, der in diesem Leben schon einmal ein Pferd vor einer Apotheke hat kotzen sehen – aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, vor allem, wenn das Fell eines Bären schon vor dessen Ableben verteilt wird. Also, wir fahren hin als Zweitligist. Noch.

Im Dezember 2010 fing vielleicht alles an. Damals, im Schnee, als Schwegler vom Platz flog, und die Eintracht das Pokalspiel im Tivoli nach Elfmeterschießen verlor. Nach der Winterpause sauste die Eintracht in den Tabellenkeller – und stieg ab. Und nun ging es wieder nach Aachen.

Schon vor ein paar Wochen stand fest: Wir fahren mit dem silbernen Golf – und wir sind diesmal zu viert. Und damit meine ich nicht die Badeente und den neuen kleinen Wackel-Terrier nebst Pia und mir, sondern Marc und Ariane. Die Geiselgangster aber hatten eine Fahrt vor sich, die diesmal nicht nur von dem Fußballspiel lebte, sondern vor allem durch den Verlust des zu jung gestorbenen Ralf geprägt war; es war gewissermaßen die letzte Fahrt von Ralf, ohne ihn die Geiselgangsterfahrten undenkbar wären – und wir waren gedanklich dabei.

Elf Uhr. Der Golf schob sich über den Alleenring, an der Haltestelle am Polizeipräsidium warteten schon unsere beiden Mitfahrer, ein kurzes Hallo und schon tuckerten wir auf die Autobahn. Die Wettervorhersagen versprachen viel Regen, wir aber waren gewappnet. Natürlich pluggerte Musik aus den Lautsprechern; Frank Turner, Killing Joke, The Boys – und natürlich Die Toten Hosen mit ihrem – hab ich es schon gesagt – grandiosen Song Tage wie diesen.

Ein Sieg, vielleicht schon ein Unentschieden würde reichen und Eintracht Frankfurt hätte einen Aufstieg geschafft, der im Grunde nichts anderes als eine Pflicht ist. Eine Wiedergutmachung des Jahres 2011. Sicher war jedoch niemand im Golf, guter Dinge aber schon. Auch wenn manch einer der Ansicht war, dass ein Aufstieg in Aachen weitaus cooler sei, als am Sonntag durch die Resultate der anderen zuvor, so tauchte vor meinem geistigen Auge ein Szenario auf – Rückfahrt mit null Punkten. Bitte nicht.

Und so hielten wir die Augen offen, ob wir während der Fahrt Zeichen des bevorstehenden Aufstiegs entdecken würden. Pia meinte, wenn es in Limburg nicht regnet, steigen wir auf. Ebenso falls wir einen ICE sehen. Wir sahen den ICE, sogar zwei Mal – und es regnete nicht in Limburg. Allerdings in Diez. Aber: Diez ist nicht Limburg.

Wir verließen Hessen, tauchten ein in Rheinland Pfalz und landeten bald in Holland. Besser in NordrheinWestfalen; die Verkehrsschilder entlockten uns ein herzhaftes Scheiß Fortuna, Scheiß Fortuna Düsseldorf, die Sonne blinzelte in den Tag, wir überquerten den Rhein, entdeckten einen norwegischen LKW mit dem schönen Firmennamen Toten-Transport, blauer Wolkenhimmel, 13:14 Uhr: Parkplatz, strahlende Sonne – dann Aachen.

Am Tivoli vorbei rollten wir Richtung City, fanden nach einiger Suche einen kostenfreien und dennoch zentralen Parkplatz und marschierten in den Tag. Schon nach wenigen Metern begegneten wir einem Aachener Punk, der uns lachend zurief: Heute Abend gewinnen wir. Er meinte natürlich die Alemannia – und wir deuteten dies als ein weiteres Zeichen; immerhin erlebten wir in Paderborn und Duisburg, dass Fans der jeweiligen Heimmannschaft die Eintracht als unschlagbar deklarierten. Im End fuhren wir ohne Punkte heim. So im Vorfeld Aachen die drei Punkte hat, so werden wir am Ende siegen.

Ein Road-Schöppchen, eine kleine Stärkung auf dem Weg zum Dom. Massives Polizeiaufgebot. Wegen uns? Nein, die Bundeskanzlerin spricht im Rahmen des NRW-Wahlkampfes justament heute in Aachen. Soll sie doch. Mächtig wuchs der Dom in die Höhe, gegenüber des Platzes thront ebenfalls das imposante Rathaus und unser Kulturprogramm führte uns natürlich in den Dom. Filigrane Fensterverglasung, Fresken und Mosaike beeindruckten uns ebenso, wie die Kerzlein, die das ewige Licht leuchten; Pia entzündete eins für Ralf, Marc eines für den Aufstieg – und mitten im Dom blickte uns ein Steinadler entgegen. Oder besser: Ein Adler aus Stein. Ein Zeichen.

In der City, die durch den zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde, reihten sich Nachkriegsbauten recht uninspiriert an die verbliebenen Altbauten, Printen gabs an jeder Ecke, ebenso Kirchenschnickschnack – wir aber zogen los, um zu finden, und wir fanden: Eine freundliche Gaststätte zwischen Rathaus und Uni, das Cafe Anvers; Schnitzel für 6,50, Leffe-Bier und Raucherraum. Hier verrann die Zeit und ehe wir uns versahen, marschierten wir schon hoch zum Stadion. Leuchtend gelb glänzte der Tivoli in den Tag, in dem die Anzahl der Regentropfen bislang an einer Hand abzuzählen waren. Nebenan verwitterte der alte Tivoli, von dem die Aachener mit glänzenden Augen erzählen. Alles hat seine Zeit. Und vergeht.

Am Gästeeingang tummelten sich Tausende Frankfurter, überall ein großes Hallo, ein High Five, Skepsis und leichte Vorfreude. Es waren die da, die immer da sind, Namen aufzuzählen erspare ich mir hier, ihr wisst ja selbst, wer unterwegs war – wir waren viele. Viele Eintrachtler jedoch mussten zu Hause bleiben – ein Spiel am Montag Abend um 20:15 Uhr ist natürlich nicht für jeden machbar und so hofften (nicht nur) die Zuhausegebliebenen, dass die Eintracht in der kommenden Saison wieder Samstags um halb vier antreten darf.

Der Gästeeinlass in Aachen verdeutlicht, dass es sich bei Auswärtsfans nicht um Gäste handelt, sondern um eine Masse, die kontrolliert werden muss. Erst stellst du dich an, um durch ein Gittergeschlängel in einen Tunnel zu gelangen, dann stellst du dich an, um kontrolliert zu werden, im End ging’s aber besser als gedacht. Pia und ich hatten Sitzplätze im Block N2 – erste Reihe; Ariane und Marc marschierten nach oben – bis später. Wir kämpften uns nach vorne, ich rutschte aus und hätte dabei beinahe unter großem Bedauern einer Dame die Brille von den Ohren gefegt, wir schoben ein paar Jungs zur Seite – dann aber standen wir. Ganz vorne, zwischen Eckfahne und Tor. Pia war völlig begeistert – es war angerichtet.

Die Aufstellung der Eintracht überraschte insofern, als dass Hoffer vorerst nur auf der Bank Platz nahm, Idrissou hielt zunächst die Stellung im Sturm alleine. Aber da waren ja noch Köhler und Kittel. Und natürlich Alex Meier. Wenig überraschend übernahm Matthias Lehmann die Position von Pirmin Schwegler. Bei Aachen fand sich Auer zunächst auf der Bank wieder; Albert Streit spielte ebenso wie David Odonkor von Beginn an – und die Alemannia brauchte einen Sieg, um noch einen Gedanken an den Klassenerhalt denken zu dürfen. Entsprechend mutig gingen sie zu Werke, spielten munter nach vorne; Torchancen jedoch gab es so gut wie keine. Aachens Kurve glaubte an die Möglichkeiten, die Stimmung war giftig, aber Fußball.

In der siebzehnten Minute liefen unsere SMS-Speicher über, anscheinend waren wir groß im TV-Bild zu sehen – Pia und Beve, zu diesem Zeitpunkt eher etwas nachdenklich – denn die Eintracht spielte durchaus verhalten. Aber wer will es der Mannschaft verdenken, ein Punkt sollte reichen – und die Gewissheit, mit der Zeit aufdrehen zu können resultiert aus der Geschichte dieser Saison.

Bei Aachener Ecken wurde gewissenhaft gepöbelt, wir aber mussten uns zurück halten; wer weiß, ob die TV-Kameras erneut auf uns draufhalten würden. Die Ecken aber brachten nichts ein, und so dauerte es bis kurz vor der Halbzeit, bis ich die Arme hochriss und Toooor brüllte. In dem Moment war ich ziemlich einsam, murmelte ein: Ey wir führen in die Runde und dann hatten es alle begriffen – Toooooor für die Eintracht, irgendwie hatte Idrissou die Kugel ins Netz gebracht. Nie mehr zweite Liga. Auf den Stehblöcken flammten Bengalos und Rauch auf, und ich schwankte gedanklich zwischen: Scheißegal und ihr Kasper – bis tatsächlich eine Fackel über die Köpfe der Fans und Fotografen auf das Spielfeld flog und dort leuchtete. Scheiß auf eventuelle Geldstrafen und Spendenverlust – aber allein die Tatsache, dass durch diesen Wurf die Verletzung etlicher Unbeteiligter in Kauf genommen wurde, ist an Dummheit nicht zu überbieten. Wie toll war das Spiel in Berlin, wir euphorisch der Kick gegen Aue – und nun wieder das Gehassel, das vielen Leuten die Stimmung verhagelt. Halbzeit. Stefan vom Blog-G war sauer; völlig zu Recht: Er ist einer von denen, die uns Woche für Woche mit tollen Fotos beglücken – und läuft dafür Gefahr, ne Fackel ins Genick zu bekommen.

Kurz nach der Halbzeit hämmerte Idrissou vor unseren Augen die Kugel zum 2:0 für die Eintracht in die Maschen, es gab kein Halten mehr; die Leute fielen umeinand, Hektoliter Bier flogen uns ins Genick, soll gut für die Haare sein, und nun war der Aufstieg zum Greifen nah. Und als dann völlig kurios das 3:0 für die Eintracht fiel, als ich die Chance schon als perdu abgehakt hatte, da sangen ein paar Tausend Frankfurter: Im Herzen von Europa. In der 85. Minute wurde Caio eingewechselt – für Alexander Meier, dessen Namen erstmals und lautstark von der Kurve skandiert wurde, vielleicht der tollste Moment des Spiels. Ich freute mich schon auf die Feierei mit der Mannschaft. Aufstieg jetzt – und wir in der ersten Reihe.

Es kam leicht anders.

Schon vor dem Schlusspfiff marschierte ein Trupp Weißbehelmter vor die Aachener Kurve, immerhin waren die Fans sauer und die Alemannia in diesem Moment so gut wie abgestiegen. Und als das Spiel aus war, da kam keine Eintracht-Mannschaft in die Kurve, da kam der nächste Trupp Weißbehelmter und baute sich vor uns auf. Ich kochte; einige hüpften zaghaft über die Absperrung; die Fotografen verzogen sich aufs Spielfeld. Ein Eintrachtler kniete und betete eine Eintrachtfahne an, andere wurden von Ordnern gejagt, wiederum andere spazierten unbehelligt auf dem Stück Rasen zwischen Polizei und Kurve herum und jubelten: Nie mehr, zweite Liga.

Immer mehr Eintrachtler schoben sich auf den Platz, die Mannschaft war in der Kabine verschwunden. Ellen hielt tapfer ihr Banner mit dem Namen ALEX ins weite Rund. Die Polizei schob sich ein bisschen nach hinten, die Fanbetreuung musste arbeiten, die Fans drängten immer mehr auf den Platz, von Panik aber keine Spur. Kurz wurde es eng, ich überlegte, nach unten zu springen – aber Pia wollte zunächst oben bleiben und so hockte ich ganz vorne auf der Mauer, Pia stand neben mir, Donna gesellte sich zu uns und wir beobachtete das Treiben, das durchaus friedlich zu nennen war, das Tor nach unten war geöffnet. Aber es gab Momente, wo ich nicht abschätzen konnte, was passiert. Wie immer, wenn die Polizei sich in einem Fußballstadion bedrohlich breit macht. Aber klar, die Aufgabe war, die Aachener von den Frankfurtern zu trennen. Aber muss man dabei die Fans von der Mannschaft trennen. Bei einem Aufstieg?

Also hüpfte ich von der Mauer nach unten, Pia folgte mir und so spazierten wir auf dem Aufstiegsrasen umher. Dies war den Aachenern nicht vergönnt, machtvoll hinderte die Polizei die Kurve, mit der eigenen Mannschaft zu kommunizieren. Sicher, drüben war die Stimmung nicht so prall.

Dass ich euphorisiert war, kann man auch nicht gerade behaupten, ich war voll widersprüchlicher Gedanken. Das gelbe, auf der Gegenseite fast leere Stadion, die Polizei, der notwendige Aufstieg, die Fackel, die Alex-Meier-Chöre, die im Moment  fehlende Mannschaft. Ich war irgendwie leer, nicht glücklich, nicht traurig, nicht erlöst – vielleicht am ehesten am Durchatmen. Dann flitzen alle Richtung Kurve, wir stellten uns an die Seite, das Geflitze legte sich. Einzelne schleppten grinsend Rasenstückchen auf die Tribüne, ein anderer klammerte sich am Tor fest – und nach einer Weile trollte ich mich auf die Tribüne, und wir gesellten uns zu Ariane und Nico.

Irgendwann wurde der Sportdirektor auf den Schultern der Fans durch die Gegend getragen und ich dachte mir, dass dies jetzt irgendwie der falsche ist. Und nach einer gefühlten Ewigkeit, kam die Mannschaft um Trainer Armin Veh. Diese tanzte hinter den Polizisten und warf den Trainer in die Luft, während das Gros der Fans auf der anderen Seite der Kette stand, es war schon ein kurioses Bild. Die Badeschlappen der Spieler flogen in die Menge, nie mehr zweite Liga, Sebi Jung hüpfte und Alex Meier wurde wie Armin Veh oder Nikolov lautstark gefeiert. Die Sitze im Stadion aber hielten keiner Belastung stand, da sind selbst die Schalen in Frankfurt stabiler. Ein weiterer Höhepunkt folgte jedoch noch für die Übriggebliebenen. Adi, unser Adi schenkte uns einen Auswärtsstrip – und da mussten selbst die Herren in Grün lachen.

Alles hat einmal ein Ende und so verließen wir Händeschüttelnd den Tivoli, sammelten Marc ein und sprangen in einen Bus, der uns fast bis zum Parkplatz brachte. Die Aachener gratulierten uns zum Aufstieg, wir machten Station bei einer Frittenbude, plauderten mit einem Aachener Gladbachfan, der uns die Pommes verkaufte und rollten alsbald durch die Aachener Nacht auf die Autobahn. Von Zeit zu Zeit überholten hupend wir einen Fanbus, von Zeit zu Zeit schallte ein Scheiß Fortuna, Scheiß Fortuna Düsseldorf durch den Golf; die Heartbreaks spielten Delay, Delay und der jetzt einsetzende Regen verschaffte zwar den Scheibenwischern Schwerstarbeit – wir aber fuhren als Erstligist zurück.

In Frankfurt verabschiedeten wir uns dann gegen halb drei zunächst von Marc, trafen auf der Leipziger noch ein paar Aufstiegsfeierer, die den Nachbarn klar machten, dass wir von nun an kein Zweitligist mehr sein würden, brachten Ariane sicher nach Hause und waren bei Ankunft im Nordend irgendwie … erledigt. Wir gingen als Zweitligist und kamen als Erstligist zurück. Und letztlich hatte sich in Aachen der Kreis geschlossen – nach anderthalb Jahren waren wir wieder dort, wo wir hingehören: In der ersten Liga.

Wer weiß nun, wo die Reise hingeht – doch das hier ist ewig. Ewig für heute!

Fotos: Pia und Beve