Eins vorneweg; ein freier Platz im Auto bedeutet ein freier Platz im Auto. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Der Abend zuvor war durchaus unterhaltsam. Kettcar gaben in Neu Isenburg ein nettes Konzert und die von uns anschließend besuchte Feier des EFCs Alte Liebe beinhaltete eine erbauliche Ansammlung von Leuten, von denen jede/r einzelne mindestens eine Platte von Clash im Plattenschrank stehen hat. Das ist nicht das Schlechteste – und so wurde es spät.

Von daher ist es wenig verwunderlich, dass der nächste Morgen früh begann, eigentlich zu früh, aber was will man machen, wenn Paderborn Calling auf dem Programm steht. Und so gings’s auf Tour, der Beve, die Pia und der Golf, wobei der Golf sicherlich am ausgeschlafensten war. Noch am Nachmittag zuvor hatte ich die ersten zaghaften Frühlingsstrahlen genutzt, um den Winterschmutz aus dem braven 75 PS Boliden zu räumen, lungerte im T-Shirt im Hof rum und ging davon aus, dass die Frühlingssonne auch am Sonntag zu ihrem Recht kommt – Pustekuchen. Es war frisch. Es war feucht. Es war grau. Letzteres auch eine ganze zeitlang in mir; phasenweise fühlte ich mich, wie ein Fleisch gewordener Song von Cure; Gedanken zerwirbelten meinen müden Schädel und wollten doch zu keinem gescheiten Ergebnis kommen, selbst die Musik vom USB-Stick nudelte mehr oder minder lustlos vor sich hin – und irgendwo auf der Strecke fühlte ich mich urplötzlich mit allem eins. Tiefer Nebel lag über allem, Regen zerschlierte die Scheiben und Cure knödelten The same deep water as you. Da war selbst Pia machtlos.

Wir nutzten die Autobahn bis Gießen, rollten weiter nach Marburg und blieben fortan auf der Landstraße; Göttingen, Münchhausen – Orte, deren markanteste Eigenschaften die modernen Blitzgeräte sind, die darauf achten, dass man ja nicht übermütig wird. Landschaft war auch da, verschwand im Grau, irgendwo ging es zur Edertalsperre, Korbach, Lichtenau. Auf den Feldern ragten die Windräder in den Nebel, deren Spitze nicht zu erkennen  war. A perfect day to drop the bomb sangen Carter USM einst und ich nickte schweigend – nicht ahnend, dass das zu erwartende Fußballspiel ein weiteres Argument dafür liefern würde. Sonntagvormittag in Deutschland im Februar; in den Küchen brutzelten die Sonntagsbraten, Menschen marschierten zum Gottesdienst, kaum jemand jedoch war auf der Landstraße unterwegs. Wären wir über die Autobahn gefahren, hätten wir Beverungen passiert; ein Ort mit dem ich jedoch bis auf Kleinigkeiten nichts gemein habe.

Wir rollten gegen halb zwölf in Paderborn ein, erstmals in diesem Leben, das wohl das einzige bleiben wird und von daher müssen wir das beste draus machen, egal was die Prediger verkünden, und also parkten wir am Rande der Stadt, ich war zu dünn angezogen, sei’s drum, wir marschierten los, etwas planlos vielleicht, aber immerhin: Bewegung.

Nach wenigen Metern erkannten wir den Eintrachtbus, er parkte vor dem Best Western Hotel Arosa, das von Außen den Charme eines Hochhauses am Frankfurter Berg versprühte, ein paar Adler harrten erwartungsfroh der Dinge resp. der Mannschaft, die sich gegen 12 auf den Weg machen sollte. Wir knipsten ein Foto und wollten uns schon auf den Weg machen, als eine Stimme „Beve“ rief. Das bin ich und so drehte ich mich um und erkannte einen Adler aus dem Bremer-Exil, der die Chance genutzt hat, die paar Kilometer aus Bremen in Kauf zu nehmen, um die Eintracht zu sehen. Wir plauderten über Gott und die Eintrachtwelt und verabschiedeten uns wenig später, derweil die Spieler noch im Hotel saßen und es sich wohl gut gehen ließen. Ein paar Meter entfernt: Blaulicht.

Magisch davon angezogen nahmen wir zur Kenntnis, dass die Polizei die Straße abgesperrt hatte, da der Europapokalmarsch der Ultras in Richtung Rathausplatz sich in Bewegung gesetzt hatte. Und da kamen sie auch schon, vorneweg trugen sie einen überdimensionalen Europapokal, dahinter marschierten die Jungs und Mädels, umzingelt von Polizei und Pferden, die jedoch den Marsch keineswegs hermetisch abgeriegelt hatten – und so reihten wir uns ein. Wir trafen René, der von dezentem Ärger und unnötigem Pfefferspray berichtete, ähnliches erzählte Basti vom Fanprojekt, der mit ZoLo am Rand den Zug beobachtete. Jetzt war’s friedlich, wir latschten durch die Fußgängerzone bis zum Rathaus, wichen den Pferdeäpfeln aus und erlebten, wie ein paar Jungs unter lautem Beifall eine Eintrachtfahne aus den Fenstern hingen. Hinter uns zuckte ein Polizist nervös: Wie kommen die denn jetzt da rein? Nun, vielleicht mit dem Schlüssel, weil es zuvor abgemacht wurde?

Während sich die Eintrachtler zum Gruppenfoto versammelten, machten wir uns auf den Weg Richtung öffentlicher Transport – auf die Shuttle-Busse hatten wir keine Lust. Ein freundlicher Paderborner wies uns den Weg zur Haltestelle und da man als Frankfurter nie alleine ist, trafen wir prompt Frauke und Öri, mit denen wir uns in den vollen Bus quetschten. Die Fahrt war lustig, mindestens zwei Fans des SC Paderborn gaben sich als Werder Fans zu erkennen, andere waren erstaunt, dass Frankfurter im Bus waren und meinten scherzhaft: Wir sind aber mehr worauf die Antwort eindeutig war: Das mag sein – aber wir sind Frankfurter. Gelächter.

Und so plumpsten wir aus dem Bus, sahen ein Stadion, dass dem Düsseldorfer ähnelte und in Wirklichkeit gar kein Stadion war, sondern ein Möbelhaus und erneut ein Stadion, das bei näherem Hinsehen tatsächlich das Stadion war. Energieteam Arena. Nein, wir waren nicht in Cottbus, wir waren in Paderborn. Und dort war die Lage entspannt, wir liefen die paar Meter zum Gästeeingang und erblickten vor den Toren ein handgemaltes Schild des Blog_G, dem Eintrachtblog der Frankfurter Rundschau. Worredau und Frank hielten die Stellung, wir gesellten uns hinzu, quatschten über dies und das, wünschten ein schönes Spiel, mindestens aber drei Punkte und reihten uns am Einlass ein, ein kurzer Riss in die Karte, ein freundliches Durchwinken – und schon war ich drin. Ich meine, das ist doch was. Während dich sonst Ordner wie Schwerverbrecher abtasten, da reichte hier ein freundliches Kopfnicken;  und ich finde, das sollte man honorieren – und sich benehmen. Völlig albern wäre es, sich zu beschweren, nicht kontrolliert worden zu sein und dies als Rechtfertigung für etwaige Hanseleien zu nehmen. Immerhin, im Stadion selbst blieb es bis auf zwei, drei vereinzelte Kracher recht ruhig – und es ist eine große Kunst, im beschaulichen Paderborner Stadion zu zeigen, dass man in der Lage ist, einen Kracher anzuzünden und nach unten zu werfen. Toll.

Da wir relativ früh dran waren, erklommen wir ohne Schnickschnack den Block, stellten uns brav in ein Eckchen und harrten der Dinge, die nun kommen würden. Das Stadion ist für meinen Geschmack gar nicht mal schlecht, der große Vorteil ist die unmittelbare Nähe zum Spielfeld, der Gästebereich ließ Freiräume – aber sicher, eine architektonische Meisterleistung ist es nicht; problematisch wurde es vor allem für diejenigen, die spät kamen und es kaum in die Blöcke schafften. Scheibu gesellte sich zu uns, ein paar Meter weiter unten stand der Eintracht-Peter mit seinen Kumpels, während aus den Boxen brüllend laute Musik plärrte. Zu unserer großen Freude wurde Im Herzen von Europa gespielt, wie man generell sagen muss, dass sich Paderborn als freundlicher Gastgeber zeigte. Die Junior-Adler wurden begrüßt, an unsere Uefa-Cup-Zeiten erinnert und sicherlich war es für den SC Paderborn 07 eines der größten Spiele überhaupt, mit 15.000 Zuschauern war das Spiel ausverkauft, wobei wohl mindestens ein Drittel aus Frankfurt kam. Und die wedelten beim Einlauf mit goldenen Folien und dem großen Europapokal fröhlich in den beginnenden Nachmittag und sorgten für ein schönes Bild, das ich so gar nicht sehen konnte, weil ich selbst mitwedelte. Wobei mir der Begriff Europapokal im Zusammenhang mit Eintracht Frankfurt selbst bei ironischem Gebrauch ein Runzeln auf die Stirn zieht. Immerhin, die Paderborner Kurve antwortete mit einem Spruchband auf tschechisch: Alle Wege führen nach Paderborn wie ein Foto von Andy einwandfrei beweist. Vsechny cesty vedou do Paderbornska.

Weniger freundlich sprang dann das Team mit unserer Eintracht um, kaum war das Spiel angepfiffen, spielte nur eine einzige Mannschaft; der SC Paderborn. Nach ein paar Sekunden schob unsere Nummer 4, Gordon Schildenfeld, den Ball völlig unbedrängt ins Seitenaus und nur ein paar Augenblicke später klärte nämlicher Spieler zur Ecke, obgleich einem Spielaufbau im Grunde nichts im Wege stand. Das ganze war symptomatisch für das, was nun folgte – nämlich 25 Minuten ohne Ballbesitz für die Eintracht und ein folgerichtiger 0:2 Rückstand. Unfassbar. Sicherlich, Paderborn hat eine gute Mannschaft, aber sich nach dem 1:1 in Düsseldorf und dem folgendem 6:1 gegen den FSV dermaßen willenlos von einer Mannschaft vorführen zu lassen, die beileibe nicht mit Nationalspielern gespickt ist, war eine Frechheit. Immerhin kam die Sonne raus und alsbald berappelte sich die Eintracht und zeigte bis zum Pausenpfiff, weshalb hier der bis dato führende Spitzenreiter zu Gast ist. Dem Anschlusstreffer durch einen blitzsauberen Köhler-Freistoß folgte der Ausgleich durch – wen sonst – Alex Meier. Durchatmen.

Die Halbzeitpause wurde verkürzt durch den Auftritt einer Mädelsband, die gut gemeint ihr Bestes gab – so ein Auftritt vor 15.000 Zuschauern ist natürlich eine große Nummer – aber sind wir ehrlich: Hat beim Fußball nichts verloren. Folgerichtig ertönten ein paar Ausziehen-Rufe, derweil die 2:0 Pausenführung des FSV gegen den KSC großen Beifall auf unserer Seite auslöste.

Also, Halbzeit Zwei. Und wer gedacht hätte, dass die Eintracht aus den ersten zwanzig Minuten der ersten Hälfte gelernt hätte, wurde bitterlich enttäuscht. Die Mannen von Roger Schmidt glitten durch unsere Abwehr wie sich eine Flutwelle ihren Weg bahnt, unbeirrt und ohne Widerstand fanden sie ihren Weg und der Ball den ins Herz der Eintracht. Zack 3:2, Bumm 4:2 – wie Schulbuben glotzte der Europapokalsieger dem Lehrling hinterher; es war erbärmlich. Sebastian Jung, der ein prima Kerl ist und ein guter Fußballer dazu, machte wohl sein schlechtestes Spiel für die Eintracht überhaupt, die Innenverteidigung einen Hühnerhaufen zu nennen wäre eine Beleidigung für jeden Hühnerhaufen und nach vorne ging gar nichts. Nikolov parierte mehrfach waghalsig, Alex Meier versuchte als Kapitän zu retten, was nicht zu retten war, Rode flitzte hin und her, vielleicht war Köhler noch zu gebrauchen, der ganze Rest war lasch. Die eingewechselten Idrissou und Friend; großer Gott, da setzt du keinen Pfifferling drauf. Klar, die Paderborner gingen jetzt häufiger zu Boden, der Schiedsrichter pfiff fahrig – aber geschenkt. Völlig verdient besiegte der SC Paderborn die Frankfurter Eintracht mit 4:2. Das Schlimmste war die Willenlosigkeit gepaart mit der Unfähigkeit jeweils zu Beginn der Halbzeiten. Was haben die sich dabei gedacht? Dass es hier gegen Paderbornheim geht, wie Stefan am FuFA-Bus später anmerkte? Dass der Europokalsieger sich hier in rosa Tüll zum Sieg tänzelt? War schon beim Spiel bei Sankt Pauli zu sehen; während sich der Stadtteilclub zum Sieg fightete, jammerten unsere über die Wahnsinnsbelastung. Also, setzt die Eintracht unter Druck und unsere Jammerlappen haben bis auf wenige Ausnahmen nichts entgegen zu setzen. In der zweiten Liga. Großer Gott, womit haben wir das verdient. Ich meine, du kannst gegen Paderborn im Jahr 2012 verlieren, keine Frage.

Aber so?

Nach dem Schlusspfiff war die Gästekurve übersät mit den goldenen Fähnchen, ein Frankfurter im roten Trikot hing geknickt am Wellenbrecher, derweil sich die Paderborner Spieler zu Recht von allen Tribünen feiern ließen. Wir starrten bedröppelt ins weite Rund, während uns noch Andreas besuchte, der hier aus der Gegend kommt und Interessantes zu berichten wusste. So zum Beispiel, dass es den Sponsor Energieteam gar nicht mehr gibt. Dies ist eine traurige Geschichte; denn der Inhaber der Firma, der „Windkraftpionier“ Günter Benik, wurde im Sommer 2011 auf Grund finanzieller Unregelmäßigkeiten verhaftet – und tötete sich zwei Tage später in der Zelle selbst. Auch der vorhergehende Namensgeber des Stadions, die Firma paragon war seinerzeit nicht mehr in der Lage, die Dinge zu finanzieren.

Wir verabschiedeten uns von Andreas, wanderten an den Fanbussen vorbei und trafen natürlich jede Menge bedröppelte Eintracht-Gesichter. Stefan spendierte uns aus dem FuFA-Bus einen Schoppen; Jahn, der extra aus Wolfsburg angereist war, um die Eintracht zu unterstützen war genau so verärgert wie alle anderen und geknickt latschten wir über den Parkplatz zu den städischen Bussen. Unterwegs begegneten wir noch Heribert Bruchhagen, dessen Spielanalyse sich von der unsrigen in keinster Weise unterschied und so werden schwere Wochen auf die Eintracht zu kommen, insofern sich die Mannschaft um Trainer Veh nicht gewaltig am Riemen reißt.

Kalt war’s nun, in der Paderborner Innenstadt war dennoch ein munteres Völkchen unterwegs, klar, die hatten ja allen Grund, gut drauf zu sein. Wir beguckten das Rathaus, wanderten zum Dom und zum 400 Jahre alten Theodoranium, einem mächtigen Gymnasium und da wir keine vernünfige Wirtschaft fanden (es war ja auch noch recht zweitligafrüh) gings zum Golf zurück, der auch recht niedergeschlagen aus der Wäsche guckte. Oh –  Frankfurter erklang es hinter uns, eine Paderborner Familie marschierte vorbei, wir schnackten kurz über das aus unserer Sicht deprimierende Spiel und rollten alsbald aus der Stadt hinaus, die uns recht gastfreundlich empfangen hatte und ebenso entließ. Nun zeigte sich die Landschaft, die auf dem Hinweg noch so nebelgrau und schwer daher kam in einem freundlichen Sonnenlicht unter blauem Himmel; dort wo eben noch drei, vier Windräder im Nichts verschwanden zeigten sich nun Hunderte und wir spulten Kilometer um Kilometer ab, bis wir in Marburg landeten. Dort parkten wir den Golf in der Unterstadt, nahmen den Aufzug in die Oberstadt, dackelten durch die Fußgängerzone und entschieden uns für die Ratsschänke am Markt. Immerhin, das Essen schmeckte, der Service war freundlich und alsbald sausten wir über Gießen auf die Autobahn, derweil der FC Bayern über Schalke triumphierte. Bayern, Schalke – Namen wie aus einer anderen Welt, in der die Frankfurter Eintracht derzeit nichts verloren hat.

Dreizehn Stunden nach dem Aufbruch landeten wir wieder im Herzen von Europa – ohne Pokal aber mit der Gewissheit, dass alles immer irgendwie weiter geht. Nur Hoffnung, die braucht man sich nicht zu machen. Die Sonne scheint, wann sie will, da haben wir keinen Einfluss darauf. Ob in uns oder Außen. Oder wie Kettcar singt:

Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen.
Zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss:
Dass man weiter machen muss.