Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

Wind. Tanker. Hafen.

Es ist schon seltsam; vier langjährige Eintrachtler stehen nun gemeinsam im Kader des VfL Wolfsburg: Chris, Kyrgiakos, Ochs und Russ; mit Chris und Ochs sogar zwei ehemalige Spielführer. Dafür tummeln sich nun bei der Eintracht die Ex-Gladbacher Anderson, Matmour und ab heute nachmittag womöglich Idrissou. Die einen, die ehemaligen Frankfurter, sind mit Ausnahme von Kyrgiakos noch vor wenigen Wochen sang und klanglos abgestigen – so sie denn überhaupt mitmachen konnten (Chris) und sollen nun den VW-Club in internationale Regionen führen, die anderen, ehemaligen Gladbacher, sind nur deshalb nicht abgestiegen, weil die Eintracht darum gebettelt hat und sollen nun den Durchmarsch aus der zweiten Liga schaffen, gemeinsam mit den Herren Kessler und Lehmann, die in der letzten Saison bei St. Pauli kickten, die als einzige Mannschaft noch schlechter waren als die Eintracht.

Jetzt hat die Eintracht ja seit ein paar Wochen neue Auswärtstrikots, jene mit den Kringeln. Sorgen über übermäßige Beflockung muss man sich wohl nicht machen; die Stimmen die derzeit von „wir“ sprechen, so sie Eintracht Frankfurt meinen sind auffällig leise geworden. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass viele bis heute nicht begriffen haben, weshalb der Vertrag von Ioannis Amanatidis gegen eine exorbitante Summe und gegen seinen Willen aufgelöst wurde und Aleks Vasoski keinen neuen Vertrag erhalten hat, obgleich der tadellose Sportsmann sich zuletzt nach zahlreichen Verletzungen wieder ins Team zurück gekämpft hatte. Dafür wurde Stefan Bell verpflichtet, der bis heute keine Minute für die Eintracht gespielt hat.

Es muss die Frage gestattet sein, welches Konzept Eintracht Frankfurt verfolgt; eine Eintracht, die zwar nicht zum Aufstieg verdammt ist, die aber gleichwohl durch die vergangene Saison so viel Porzellan zerschlagen hat, dass die entstandenen Narben noch nicht mal im Ansatz verheilt sind. Das Konzept „junge Leute aus der Region“ ist es nicht, die Nachwuchsspieler im Kader, Dudda, Hien und Wille haben ebenso wie Titsch-Rivero noch keine Sekunde gespielt und es sieht derzeit nicht so aus, als baue Trainer Veh auf die Jugend. Das Konzept mit frischen Spielern, die sich im Trikot der Eintracht noch beweisen wollen kann es auch nicht sein – Alvarez, Bell, Schmidt oder auch Hoffer scheinen derzeit nicht erste Wahl. Vielmehr schimmert eine Beliebigkeit durch, die keine klare Linie erkennen lässt. Stand Gekas zunächst auf der Verkaufsliste, so reichte ein einziges brauchbares Spiel (in Braunschweig) um ihn unverkäulich scheinen zu lassen, bloß um ihn ein paar Wochen später gegen ein ordentliches Angebot doch ziehen lassen zu wollen; wir sind gespannt, wie sich die Glasgow Rangers heute entscheiden. Unterdessen wird Trainer Veh nicht müde, seiner Unzufriedenheit freien Lauf zu lassen. Mal haben wir nach etlichen Neuverpflichtungen dennoch nur 14 taugliche Spieler im Kader, mal ist der Rasen Ursach allen Übels und mal brauchen wir dieses oder jenes. Ärmel hochkrempeln, trotz aller Widrigkeiten das Schiff klaglos im Kurs halten, Aufbruchstimmung erzeugen, Kampfansage gegen die Gegner – all dies sieht anders aus. Sicher, euphorisch kann die Saison 2011/12 nach der vergangenen Halbserie nicht angegangen werden, aber die schleichende Gleichgültigkeit gepaart mit Widersprüchen oder Fragezeichen verhindert fraglos ein geschlossenes Auftreten mit nur einem Ziel: den sofortigen Wiederaufstieg. Sicher, die Verlängerung der Wechselfrist bis zum 31.August, nachdem in der zweiten Liga schon sechs Punktspiele absolviert wurden, ist für weniger solvente Vereine suboptimal – doch in der zweiten Liga sind 17 Vereine finanziell schwächer aufgestellt als die Eintracht, deren Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen im Vorstand der DFL der Ausdehnung der Wechselfrist zugestimmt hat – damals davon ausgehend, dass die Eintracht erstklassig spielt.

Die Fans der Eintracht aber präsentieren sich derzeit auch eher suboptimal. Während auf der einen Seite die Fahne der Tradition und Vereinstreue hochgehalten wird und wechselwillige Spieler sich den Vorwurf des Söldnertums gefallen lassen müssen, so stehen mit Alex Meier und Benni Köhler ausgerechnet jene Spieler in der Kritik, die seit Jahren für die Eintracht spielen, die sich öffentlich mit Aussagen zurückhalten, die von jedem der nunmehr vier Trainer der vergangenen Jahren hochgelobt und mit Einsätzen belohnt wurden und die auch in dieser Saison mit bisher erzielten acht Treffern die Garanten dafür sind, dass die Eintracht in allen bisherigen Pflichtspielen unbesiegt geblieben ist. Wobei der Satz stehen in der Kritik viel zu milde bezeichnet, was sich tatsächlich im Stadion abspielt. Von niederträchtigen Beschimpfungen bis hin hin zu kollektiven Pfiffen ist alles dabei, um die Spieler zu destruieren, zu demotivieren und damit nicht nur die Spieler sondern die Mannschaft noch weiter von den Fans emotional zu entfremden, als dies ohnehin der Fall ist.

Das ist befremdlich und beschämend, all der Spirit, der unsere Kurve phasenweise ausgezeichnet hat und uns als Ausnahmekurve erscheinen ließ, liegt mittlerweile schon dermaßen lange zurück, dass es einem vorkommt, wie die gute alte Zeit; damals als Du-Ri Cha oder Arie van Lent (was macht der eigentlich heute) trotz Schwächen gefeiert wurden. Noch vor wenigen Jahren haben wir uns gefreut, als die Schalker den eigenen Mann Kevin Kuranyi ausgepfiffen haben, es schien den Gegner zu stärken, uns, und heute sind wir keinen Deut besser.

Die großen Fanvereinigungen, die Fan-und Förderabteilung wie auch die Vertreter der Fanclubs halten sich zu den eigentlichen Fanthemen merklich bedeckt; weder zu den schlagzeilenträchtigen Themen der letzten Wochen noch zu den Anfeindungen gegenüber Meier und Köhler äußerten sich Vertreter in öffentlichen Stellungnahmen, bezogen Haltung oder versuchten gar, die Fans in Richtung Zusammenhalt zusammen zu schweißen.

So taumeln wir durch eine Saison, die auf Grund des Etats und den optionalen spielerischen Möglichkeiten durchaus mit einem Aufstieg enden kann – gleichwohl eine längerfristige Planung nicht existent scheint. Weder werden von Seiten der sportlichen Führung die Weichen für eine Zukunft gestellt, die auch Nackenschläge verkraften – dazu gehört auch eine Perspektive und Identifikationsangebote – noch schafft es die Fanszene mit all ihren herausragenden Möglichkeiten eine Geschlossenheit zu erzeugen, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz in den Wind stellt, um gemeinsam mit der Mannschaft das große Ziel zu erreichen, den Wiederaufstieg. Man verzettelt sich in Kleinkriegen, positioniert sich im eigenen Gruppeninteresse – wenn überhaupt – und überlässt das Gebilde Eintracht Frankfurt mehr oder minder unkommentiert einem Schicksal, das von vielen Faktoren abhängig ist – bloß allem Anschein nicht vom Willen derer, die Verantwortung dafür tragen könnten, einen schlingernden Tanker mit klarem Kopf in den Hafen zu bringen.

12 Kommentare

  1. rotundschwarz

    Doch keine Currywurst ,-) – stattdessen ein nachdenklicher, nicht sehr erfreulicher und leider äußerst zutreffender Blick auf die planlos, miesepetrig und indifferent vor sich hin dümpelnde Eintracht dieser Tage. Ach, Mensch…

  2. ThorstenW

    … gibt es diese EINE Fanszene überhaupt (noch)? Oder hat sie sich nicht schon längst selbst im allgemeinen Sektierertum aufgelöst? Ich nehme sie/uns jedenfalls schon lange nicht mehr als Einheit wahr.

  3. korken

    Danke Axel. Emotional sachlich, gibts sowas? Tja, die Fanszene. Auflösungserscheinungen wie in anderen Bereichen auch. Aber fängt das nicht schon mit diversem Singsang und Forderungen von machen Gruppierungen an? Ja, Gruppierungen, da haben wirs schon…

  4. Lupadigitus

    Die EINE Fanszene kenne ich (in der Tat)nicht und kannte sie auch nie.

    Als ich vor 5 Jahren (wieder) anfing ins Stadion zu gehen, war keine der bestehenden Gruppierungen an uns *neuen* Fans interessiert, im Gegenteil.
    Und von wem man nicht für voll genommen wird/nicht mitmachen darf, denn kann man logischerweise auch nicht unterstützen.
    Wer so vehement nicht will, der hat anscheinend schon mehr als genug.

    Man bleibt für sich, und setzt sich halt irgendwo dazu.
    Mittlerweile ist die Lust (trotz DK) auch weiterhin ins Stadion zu gehen sehr geschrumpft. Nicht wegen dem Gegner (wichtig ist, dass die Eintracht spielt, gegen wen ist sekundär), sondern dem Gift und der Galle um einen rum.

    Wenn man selbst (immer noch) als Eventie verhöhnt wird, kann man auf Durchzug schalten bzw. das als warum-auch-immer-benötigtes *Privileg* der Alteingesessenen abtun.

    Aber mich inmitten von Menschen zu setzen, die meiner Mannschaft größtenteils nur Haß und Verachtung entgegenbringen, auch noch + gerade in einer Zeit wo sie es am wenigsten gebrauchen/verkraften kann, das tut enorm weh.

    Würde ich jemals wieder (und es geht einigen die ich kenne ähnlich) aufhören zur Eintracht zu gehen, dann nicht wegen dem Verein, sondern wegen dem Anhang.

  5. Kid

    Ja, die Saison kann für den Tanker in einem Hafen, der Aufstieg heißt, enden. Oder an einem Eisberg. Es soll ja schon Kapitäne gegeben haben, die Warnungen in den Wind schlagen.

    Gruß vom Kid

  6. pia

    wie wahr, kid, wie wahr.
    ich bin im moment seltsam emotionslos. ärgern tu ich mich nur über den geplatzten gekas-transfer. da schwirren auf einmal namen herum, so viele neue namen, denen ich keine verbindung zu meinem verein zuordnen kann.

    ich hab im moment wenig lust auf die saison :-(

  7. Beve

    friend – ehemals gladbach kam noch hinzu, gekas bleibt vorerst. nun gut. interessant ist der widerspruch in bezug auf die vertragsdauer rob friends; die eintracht spricht von drei jahren; die hertha von leihe.

    eine fanszene, die gibt es so sicher nicht, aber es gab zeiten, da war der stadiobesuch deutlich angenehmer. und es gab ein gefühltes wir. fairerweise muss ich dazu sagen, dass stefan von der fan- und förderabteilung einen längeren artikel in der diva veröffentlicht hat, in dem er ebenfalls das verhalten anspricht und gleichfalls auf arie bzw du-ri verweist.

    aber lupadigitus, gerade vor fünf jahren war es für viele ein leichtes zugang zu finden, als beispiel sei die bembelbar genannt mit vielen großartigen veranstaltungen, höhepunkt in berlin 2006. aber auch der uefa-cup bot großartiges, sieht man einmal von den beschimpfungen von michi thurk ab.

    tja kid, die warnungen. der wind. bleibt noch das geld, darauf bin ich ja noch gar nicht eingegangen. das machst du ja schon :-)

    wenig lust auf die saison pia, ja. aber vielleicht entwickelt sich ja was. doch wie siehts danach aus?

    viele grüße

    beve

  8. Fritsch

    Doch wie sieht es danach aus? Das ist der wirklich wunde Punkt für mich: Die fehlende Perspektive. Das fehlende Konzept. Irgendwie ziemlich beängstigend, oder?

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

  9. ThorstenW

    So, auch nach einer Nacht drüber schlafen, kann ich den Transfers nichts positives abgewinnen. Das Problem ist nur, es immer noch MEINE Eintracht, wird es immer bleiben, auch wenn es einem immer schwerer gemacht wird, die emotionale Nähe zuzulassen, die es früher durchaus mal gab. Aber wahrscheinlich ist das in Zeiten wie diesen vergebliche Sozialromantik…I don’t know. Bin eher sprachlos, ob dem allen was in und um diesen Verein aktuell passiert.

  10. robertz

    Bin ich einfach nur zu blauäugig oder zu naiv, weil mir die Wolfsburgisierung der Eintracht sehr gegen den Strich geht? Sind Meier, Köhler und Oka nicht auch Söldner und nur mangels Angeboten bisher nicht als solche aufgefallen?

    Wozu hat man Hoffer geholt, wenn man jetzt mit Mo und Friend noch 2 weitere „Stoßstürmer“ verpflichtet hat? Wenn Veh das System nicht umstellt, werden immer 3 Stürmer auf der Bank vor sich hingrollen, so sie es überhaupt in das Aufgebot schaffen. Den mit dem dicken Hintern nicht zu vergessen.

    Wid Kid oben anmerkt, möglich dass wir mit diesem Kader den Aufstieg schaffen.

    Und dann? Wären wir konkurrenzfähig? Würden die guten Spieler Schlange stehen, um für wenig Kohle sich von einem Abstiegskandidaten anheuern zu lassen. Nur um den Adler auf der Brust zu tragen?

    Das ist nicht mehr meine Eintracht. Das habe ich in 40 Jahren noch nie gedacht. Diesen Abstieg verzeihe ich den Verantwortlichen nicht. Jedenfalls nicht so schnell. Und verantwortlich sind für mich nicht nur die Jungs in den kurzen Hosen.

  11. Beve

    robertz, thorsten, fritsch, ich glaube, da seid ihr nicht alleine im denken. tja, wär hatte das alles gedacht. damals. in istanbul.

    viele grüße

    beve

  12. Stay Cold

    @ Lupadigitus: Ja, das kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich ins Stadion schleiche. Das Publikum ist zu einem gewissen Teil so etwas von unangenehm, da hat man keine Fragen. Der Stadionbesuch hat früher mehr Spaß gemacht, irgendwie…

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