Zur Frage, ob es sich beim Spiel der Eintracht um ein Derby handele erklärte Stefan Minden, Abteilungsleiter der Fan- und Förderabteilung der Eintracht zum Auftakt einer Veranstaltung im Eintracht Museum zum bevorstehenden Derby: Auf diese Frage gibt es zwei klare Antworten. Ja und Nein. Ja, weil ein Derby klar ein Duell zweier Vereine einer Stadt ist und Nein, weil eine Rivalität zu Grunde liegen soll, die im Falle Eintracht und FSV seit knapp 50 Jahren nicht mehr gegeben scheint – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Dies war jedoch nicht immer so – wie ein Beitrag des Herrn und Meisters des Eintracht Archivs Frank Gotta im Blog von Kid Klappergass eindrucksvoll belegt. Vor allem die Berichterstattung zum Freundschaftsspiel am Hang beim 4:0 des FSV im Jahr 1927 bleibt in lebhafter Erinnerung: Der Kicker schrieb seinerzeit: Vor der Tribüne, da wo die Sessel der Prominenten stehen, kam es zu erregten und wüsten Szenen. Galeriemob wetteiferte mit besser angezogenen Leuten im Toben und Randalieren. … Schließlich erschienen drei berittene Schutz-Polizisten. Sie drängten die Massen ab, da Pferde keinen Unterschied zwischen Blau-schwarz und Rot-weiß kennen.

Mit Rot-weiß ist tatsächlich die Eintracht gemeint, selbst zu Oberligazeiten schmückten die Taxifahrer ihre Fahrzeuge mit Bändchen, Schwarz-blau die einen, Rot-weiß die anderen. Heutzutage sind Taxis eher selten geschmückt – und Rot-weiß schon gar nicht.

Zu Gast im Museum waren mit Dieter Stinka und Ernst Gunne zwei Spieler, die ihre Jugendjahre gemeinsam in Gelnhausen verbrachten, um dann nach Frankfurt zu wechseln. Dieter Stinka zur Eintracht, mit der er gleich im ersten Jahr Deutscher Meister wurde um anschließend in das Finale des Europapokals der Landesmeister einzuziehen – und Ernst Gunne zum FSV. Friedel Späth, der über Kaiserslautern und den KSC zum FSV kam, hatte 1959 schon sein Ehrenwort gegeben, zur Eintracht zu wechseln, landete jedoch statt dessen beim KSC. Als er Jahre später auf einer langen Reise in die USA im Flugzeug dem Eintrachtpräsdidenten Rudi Gramlich gegenüber saß, sprach dieser mit Späth kein Wort. Ja wir Eintrachtler sind nicht nachtragend. Aber wir vergessen auch nichts. Späth wurde übrigens fünf lange Jahre lang vom FSV umworben, bis er schließlich 1961 dem Werben erlag und doch an den Bornheimer Hang wechselte.

Alle drei, Gunne, Späth und Stinka standen sich im letzten Pflichtspiel beider Vereine in der Oberliga Süd gegenüber, in Zeiten, in denen der FSV Frankfurt, der nach dem Krieg zunächst die führende Kraft im Frankfurter Fußball gewesen ist, gegen den Abstieg kämpfte und am Ende der Saison erstmals absteigen musste. 0:4 unterlagen die Bornheimer der Frankfurter Eintracht – Späth hatte zwei gute Chancen vergeben und der Eintrachtler Schämer zwei Tore erzielt. Jener Lothar Schämer, der im August 1963 beim 1:1 gegen Lautern das erste Tor für die Eintracht in der Bundesligahistorie erziele sollte. Die weiteren Torschützen waren Ernst Kreuz und Dieter Stinka. Den Abstieg des FSV besiegelte jedoch ein 0:1 in Hof am allerletzten Spieltag, ein Unentschieden hätte gereicht, Späth wiederum eine glasklare Chance vergeben. Das Rostock des FSV heißt also Bayern Hof.

Spricht man die Helden von einst auf die Rivalität jener Tage an, so schimmert durch, dass der natürliche Feind des Frankfurters im Grunde der Offenbacher ist, obgleich im Stadtderby durchaus eine gewisse Brisanz lag, die auch von den Zuschauern in die Spiele hinein getragen wurde. So mussten die Fans des FSV nach dem Abstieg in der Zeitung eine Todesanzeige zum Anlass entdecken, aufgegeben von Fans der Frankfurter Eintracht. Manchmal ging es jedoch auch recht harmonisch zur Sache, wie ein Zitat von Ludwig Dotzert aus dem Jahr 1961 belegt: Im Reservespiel erreichte die gegenseitige Toleranz ein derartiges Ausmaß, daß es die Bornheimer widerspruchslos über sich ergehen ließen, als ihnen die Riederwälder nach dem Wechsel vier Minuten lang mit zwölf Mann auf den Leib rückten. Erst dann merkte Linksaußen Meyer, daß er zuviel an Bord war und verkroch sich eilends unter der Brause.

Wer weiß, wie sich die Historie beider Vereine entwickelt hätte, wäre nicht ein Zerwürfnis zwischen dem FSV-Trainer Bogdan Cuvaj und den Vereinsoberen des FSV anno 1958 dazwischen gekommen. Der jugoslawische Nationalspieler Ivica Horvath hatte schon seine Zusage gegeben, zum FSV zu wechseln – als jedoch bekannt wurde, dass Trainer Cuvaj sein Amt niederlegen würde, entschied sich der baumlange Stopper um und – wechselte zur Eintracht. Diese wiederum wurde in der folgenden Saison Süddeutscher Meister und holte anschließend gar die Deutsche Meisterschaft – im grandiosen Finale gegen die Offenbacher Kickers – deren Trainer nun Bogdan Cuvaj war. Dessen Vorgänger, Paul Osswald, aber war nun Trainer der siegreichen Eintracht. Horvath, der von allen Meisterspielern noch heute als Garant für den Titel genannt wird, stand im Endspiel jedoch nicht auf dem Platz. Eine schwere Verletzung gepaart mit einer Erkrankung nach dem Endrundenspiel gegen Köln sorgte für das vorzeitige Karriereende eines großartigen Spielers.

Der FSV jedoch verschwand im Mittelmaß. Ein gerüttelt Maß Schuld trugen die Verantwortlichen auch zu Beginn der Sechziger Jahre, die aus dem FSV ein Leichtathletikverein machen wollten – und mit Armin Hary ein Aushängeschild der Leichtathleten verpflichteten. So hätte zur Einführung der Bundesliga selbst ein Ligaverbleib 61/62  nicht gereicht, um einen der begehrten 16 Plätze zu erreichen; zu schwach schnitt der FSV in den letzten Oberligajahren ab. In der Saison 62/63 holten die Bornheimer zwar den Titel in der zweiten Liga – der jedoch wenig wert war; ein Aufstieg in die neu gegründete Bundesliga war von anderen Faktoren abhängig geworden; entscheidend waren die Platzierungen der letzten Oberligajahre. Immerhin trat der FSV am Bornheimer Hang in der Regionalliga auch gegen Bayern München an; die Herren Beckenbauer, Maier und Müller gaben sich die Ehre und konnten in Bornheim nicht gewinnen.

Wie überhaupt Bornheim der Mittelpunkt des Frankfurter Fußballlebens war. Billy Ott, der nicht nur im Museum der Eintracht arbeitet und Besucher durch die Historie der Eintracht führt, sondern seine gesamte Jugend beim FSV verbracht hatte, um dann zur Eintracht zu wechseln, erinnert sich, dass es für einen FSVler quasi Pflicht war, in Bornheim zu wohnen. Und wehe, ein Eintrachtler und ein FSVler begegneten sich auf der Straße. Einer musste dann die Straßenseite wechseln. Ernst Gunne und Friedel Späth wohnten selbstverständlich in Bornheim, doch auch Dieter Stinka oder Egon Loy von der Eintracht hatten dort ihr zuhause – und später auch Dietrich Weise, der Trainer der Eintracht, mit der er 1974 und 1975 den DFB-Pokal holen sollte.

Im ersten Bundesligaspiel der Eintracht stand ein Spieler auf dem Platz, der im Jahr des großen Triumphes 1959 ebenfalls einen Titel holte – und gleichfalls im Museum zu Gast war. Mit 17,5 Jahren errang Horst „Schotte“ Trimhold mit Schwarz-Weiß Essen den DFB-Pokal. Das Talent des jungen Esseners blieb nicht lange unentdeckt; Eintracht Präsident Rudi Gramlich war einer der ersten, der versuchte, Trimhold zum Vereinswechsel zu überzeugen. Mit einem Geldkoffer in der Hand tauchte er im Hause Trimhold auf. Trimhold, dem kurz darauf auch andere Angebote ins Haus flatterten, ließ den Koffer zunächst unangetastet – und schaute sich das Angebot von Preußen Münster an; eine Eigentumswohnung im Wert von 200.000 Mark schien ein gewichtiges Argument. Da aber allem Augenschein nach diese Wohnung gleich fünf Spielern versprochen wurde, entschied sich Trimhold für die Eintracht – und öffnete in Anwesenheit seiner Geschwister den Koffer, um die Scheine zu zählen. Auch die Eintracht hatte sich großzügig gezeigt, 60.000 Mark waren ein großer Batzen Geld, den Trimhold nicht müde wurde zu zählen.

Noch beim Pokalsieg 1959 belief sich die Siegprämie auf 200 Mark für den jungen Mann. 160 Mark gar betrug das Anfangsgehalt bei Schwarz Weiß Essen. Trimhold sollte seinen Einstand geben, wartete jedoch auf den Eingang des ersten Gehaltes. Da sich dies verzögerte und seine Mitspieler stets vergeblich warteten, so galt Trimhold zunächst als geizig – bis das erste Gehalt eintrudelte. Schnurstracks marschierte Trimhold zum nächsten Laden und kaufte – elf Tafeln Ritter Sport Schokolade, die er in der Kabine verteilte. Fortan hatte er seinen Spitznamen weg: Der Schotte. Als er zur Eintracht wechselte, da wussten die Frankfurter schon: Da kommt der Oberschotte. Immerhin: während die Eintracht nach der ersten Bundesligasaison Dritter wurde und das Pokalfinale erreichte, stieg Preußen Münster als vorletzter ab – und nie wieder auf.

Nach seinen Jahren bei der Eintracht wechselte Trimhold 1966 zum frischgebackenen Europapokalsieger Borussia Dortmund und 1971 zum Ausklang seiner Karriere zum FSV, mit dem er 1972 Deutscher Amateurmeister wurde. Zu den Endrundenspielen reiste er kurzfristig aus dem Urlaub an, so auch beim Finale in Neuwied gegen Marl/Hüls. Und noch ehe er sich versah, spielte er einen Fehlpass der zum 0:1 führte. In der letzten Minute allerdings erzielte er den 2:1 Siegtreffer für den FSV.

Zimmerkamerad bei seinen Tagen bei der Eintracht war Oskar Lotz, der von Offenbach zur SGE kam und 97 Bundesligaspiele für die Eintracht bestreiten sollte. 1966/67 lieferte sich die Frankfurter mit der Braunschweiger Eintracht ein Kopf an Kopf-Rennen um den Titel. Erst ein 0:3 in Braunschweig warf die Frankfurter endgültig aus dem Titelrennen. Braunschweig wurde mit nur 27 Gegentoren Meister; die SGE Dritter. Diese Platzierung sollte die Frankfurter Eintracht in der gesamten Bundesligahistorie nur noch zwei Mal erreichen. 1975 mit Dietrich Weise als Trainer und 1992, worüber wir betrübt den Mantel des Schweigens legen.

Als Erich Ribbeck bei der Eintracht das Zepter übernahm, verlor Lotz ein wenig den Spaß am Fußball: Wir sollten laufen – ich wollte spielen, das ging nicht gut. Sprachs und wechselte zur Saison 69/70 zum FSV Frankfurt, für den er noch zwei Jahre spielte. Anschließend trainierte er sogar die neu gegründete Frauenfußballmanschaft der Bornheimer – und hatte seinen Spaß mit den Frauen, die sich Jahre später anschickten, den Frauenfußball in Frankfurt aber auch in Deutschland zu dominieren.

Matthias Hagner wechselte 1991 von Burgsolms zur Eintrachtjugend und schaffte von dort den Sprung in den Profikader. Erstaunt war der Junge aus Hessen schon, als er zur B-Jugend eines Bundesligisten wechselte, um in der Umkleidekabine zunächst die Kakerlaken zu verscheuchen – der Riederwald, Heimat der Eintracht war ebenso in die Jahre gekommen wie der Bornheimer Hang nur wenige Meter davon entfernt. Sein größtes Spiel im Trikot der Eintracht absolvierte Hagner sicherlich in der Saison 95/96, als er beim viel umjubelten 4:1 gegen den FC Bayern zwei Tore erzielen konnte. Am Saisonende stand jedoch der erste Abstieg für die Eintracht aus dem Oberhaus. Hagner wechselte zum VfB Stuttgart, mit dem er 1997 Pokalsieger wurde und über die Stationen Mönchengladbach und Fürth landete er beim FSV in der Hessenliga, um den Spaß am Fußball wieder zu gewinnen, der ihm in Fürth abhanden gekommen war. Nach einer Zwischenstation beim 1.FC Saarbrücken kehrte er erneut nach Bornheim zurück und trug seinen Teil dazu bei, dass sich der FSV nach mageren Oberligajahren wieder berappelte und nunmehr im vierten Jahr ununterbrochen in der Zweiten Liga spielt. Dort, wo er am Sonntag einen Tag nach seinem 112. Geburtstag auf die Frankfurter Eintracht trifft, die noch vor einem halben Jahr als etablierter Bundesligist galt. Und nun steht nach 49 Jahren wieder einmal ein Pflichtspiel beider Teams auf dem Programm; Heimspiel des FSV im Stadion. Erwartet wird die größte Kulisse, die der FSV jemals bei einem Heimspiel begrüßen durfte. Mit dabei sind Patric Klandt, Alex Huber und Yannick Stark, die allesamt für den FSV spielen – in der Jugend jedoch für die Eintracht am Start waren. Huber erzielte für die Eintracht sogar ein Tor im Uefa-Cup – damals beim 1:1 in Vigo. Eben war’s doch erst gewesen und doch ist’s Ewigkeiten her.

Noch länger her sind die Spiele in den ersten Jahren nach Ende des zweiten Weltkrieges, als Frankfurt zerstört und die Stadt am Boden war. Sowohl der FSV als auch die Eintracht gehörten schon in der ersten Saison der Oberliga Süd an – und Bornheim etablierte sich als führendes Frankfurter Team. Doch eine Schlagzeile aus der damaligen Zeit findet sich immer wieder: Der Favorit gewinnt das Derby nie. Erst Mitte/Ende der Fünfziger Jahre setzte sich der Favorit dauerhaft durch, das war die Frankfurter Eintracht – und ganz ehrlich wäre ich nicht böse, wenn es so bliebe. Auch wenn ich dem FSV sonst gerne die Daumen drücke; am Sonntag gibt es nur eines: Eintracht.

Die Fotos stammen allesamt von Pia Geiger.

Weitere Bilder der Veranstaltung von Sabina aka womeninblack findet ihr hier.