Als ich erfuhr, dass die schwedische Musikerin Amanda Bergman am 4. März im Berliner Privatclub auftreten würde, besorgte ich mir ein Ticket, fragte meine Freundin Susi, ob ich – wie so oft – bei ihr übernachten könne (was sie bejahte), und buchte Bahntickets für die Reise. Mittwochs hin, donnerstags zurück.
Natürlich wurde die Rückfahrt schon Wochen vor dem Reisetag gestrichen. Für mich war das aber ganz praktisch, denn die ursprüngliche Zugverbindung entfiel, und ich konnte mich auf eine – eigentlich teurere – spätere Bahn umbuchen. Die Sitzplatzreservierung ließ sich ganz elegant schon Wochen zuvor an der Information im Wiesbadener Bahnhof ändern.
Der Zug ist pünktlich. Ich sitze schweigend im Ruheabteil und rolle nach einer kurzen Anreise mit der U4 in den anbrechenden Morgen. Nur wenige Fahrgäste sind an Bord, auch Pia bleibt leider zu Hause. The Beauty of Gemina und das neue Album von And Also the Trees begleiten mich auf meiner Reise durchs sonnige Deutschland. Fulda, Eisenach und Erfurt ziehen an mir vorbei; in Leipzig wechseln wir die Richtung. Für den letzten Rest der Strecke setzt sich eine Frau mir gegenüber, sodass mein Plan, mich umzusetzen, um weiterhin in Fahrtrichtung zu sitzen, torpediert wird. Wichtiger ist jedoch, aus dem Fenster zu schauen. Und zu lesen.
Florias Illies Buch über Caspar David Friedrich ist durchaus klug und unterhaltsam, wesentlich angenehmer als sein Erstlingswerk Generation Golf, das auf nostalgischer Ebene zwar funktioniert, nicht jedoch auf der politischen. Am Südkreuz steige ich aus.
Vor ein paar Wochen wurde ich im Berliner Tatort – dem letzten mit Corinna Harfouch – auf eine Location aufmerksam, die ich weder kannte noch wusste, wo sie liegt: den Teufelsberg im Grunewald. Auffällig waren großflächige Graffitis im scheinbaren Nirgendwo. Das Internet wusste besser Bescheid als ich und lokalisierte den Ort – und so mache ich mich mit der S-Bahn Richtung Grunewald auf, den ich nach einem Umstieg am Berlin Westkreuz auch flott erreiche. Mein Ziel ist die ehemalige Abhöranlage aus den Zeiten des Kalten Kriegs, etwa dreißig Minuten Fußmarsch von der S-Bahn-Station Grunewald entfernt.
Ich wandere los und bin gespannt, was mich erwartet. Am Dauerwaldweg laufe ich an einigen Villen vorbei und biege dann in den trockenen Wald ein. Der Boden ist sandig, bis auf den ein oder anderen Hundebesitzer ist kaum jemand unterwegs. Eigenartig. Zwar war ich früher mal am Wannsee oder bin mit Pia und Flo um den Schlachtensee gelaufen – aber dass ich einmal im Grunewald gewesen bin, daran kann ich mich nicht erinnern. Vor allem, als ich noch mit dem Auto nach Berlin gefahren bin, hatte ich ja auch meist mein Rad dabei und bin rumgegondelt. Damals gab’s viel zu entdecken.
Der Teufelsberg weist eine interessante Geschichte auf. Als das Gelände vor dem Zweiter Weltkrieg noch berglos war, zog es Ausflügler hierher. Dann bauten die Nationalsozialisten eine Fakultät der Wehrwissenschaften, scheiterten aber auch daran. Nach dem Krieg wurde die Anlage gesprengt, und die Berliner schütteten weitere Trümmer dazu – so wuchs der Berg in die Höhe. Die Alliierten bauten darauf die markante Abhöranlage, nebenan entstand ein Wintersportgebiet mit Rodelbahn und Skisprungschanze. Dit is Balin, wa?
Nach dem Fall der Mauer wurde die Abhöranlage stillgelegt, das Gelände aber bis 1999 noch zur Flugüberwachung genutzt. Anschließend folgten hochtrabende Pläne zur Bebauung, die wieder fallengelassen wurden – seit 2018 steht das Gelände unter Denkmalschutz.
Die letzten Meter geht es stetig nach oben, immer wieder spitzen die auffälligen Kugelbauten durchs Astwerk. Und dann bin ich am Ziel. Ich höre Stimmen und sehe eine Menschengruppe hinter dem Zaun, der das Gelände umschließt. Es scheint also möglich zu sein, das Areal zu betreten. Als ich um die Ecke biege, sehe ich ein offenes Tor – aber auch ein Schild, das auf Eintritt hinweist, und einen Container, in dem eine junge Frau sitzt und kassiert. Auf die Idee, mich vorher genauer zu informieren, bin ich gar nicht gekommen. Ich dachte, ich entdecke einen Lost Place, finde ein Loch im Zaun und muss aufpassen, nicht erwischt zu werden. The last romantic in a dying world.
Heute beherbergt das Gelände eine Event-Location, eine Streetart-Gallery und ein Museum. Es werden Führungen angeboten, Sonnenstühle stehen vor einem mobilen Kiosk, und eine Schülergruppe durchstreift schnatternd die Wege. Es ist Mittwoch, die Anzahl der Menschen ist überschaubar. Und ja, du findest viele Fotomotive – gut, dass ich meinen Telefonakku noch im Zug aufladen konnte. Das großflächige Bild von Hera oder Herakut erkenne ich noch aus dem Tatort, und tatsächlich: für mich ist es ein wahres Paradies zum Fotografieren. Über metallene Stufen kannst du von außen das einstige Hauptgebäude erklimmen. In den Etagen sind die Räume entkernt, die Wände bemalt. Die Schüler befinden sich auf einer Rallye, müssen einzelne Szenen entdecken und flitzen aufgeregt hin und her, neben mir schlurfen noch ein paar andere Flaneure durch die Räume.
Oben auf dem Dach stehen die – nun mit teilweise zerschnittener Leinwand bespannten – Metallgerüstkugeln. Ein paar Liegestühle laden zum Entspannen ein, und du hast eine fantastische Übersicht über die Hauptstadt: hier liegt das Olympiastadion Berlin, dort der Fernsehturm am Alexanderplatz. Blau der Himmel – und ich frage mich, weshalb ich den Ort wie auch den Grunewald in all den Jahren bislang nicht entdeckt hatte.
Ich umrunde das Gelände, spaziere durch das Museum, das die Geschichte seit der Kaiserzeit näher erläutert, und wandere mit Unmengen neuer Bilder und Impressionen im Gepäck wieder zur S-Bahn zurück. Susi muss noch arbeiten, ebenso Andi, und so nehme ich die Bahn zum Westkreuz und steige dort in die Ringbahn zum Gesundbrunnen um. Dort ist es für Ungeübte gar nicht so einfach, den Ausgang zu finden – ich nehme den Aufzug und wandere hinüber zur Curry-Baude, eine Institution in Berlin, die für mich schon lange Curry 36 ersetzt hat. Obwohl: Wenn ich am Mehringdamm bin, gehe ich dort immer noch vorbei.
Berlin. 1981 war ich das erste Mal hier. Kalter Krieg. DDR, Mädchen aus Ost-Berlin von Udo Lindenberg. Kurz vor dem Fall der Mauer kam ich wieder zurück, blieb ein paar Tage in Neukölln und besuchte Brechts Grab auf dem Dorotheenstädtischer Friedhof. Dann zog meine damalige Freundin nach Berlin. Charlottenburg, Pfaueninsel, „Ganz Berlin ist eine Baustelle“, Element of Crime.
Susi und Thomas siedelten nach Berlin: Mariendorf, Marina in Steglitz, Prenzlauer Berg, Kunsthaus Tacheles, Zitty, Müggelsee, Love Parade. Erinnerungen wehen durch die Gedanken, Schalkes Eurofighter 1997 im TV, Euro 2000 im Biergarten, DFB-Pokalfinale mit der Eintracht 2006 im Olympiastadion. Auch Andi wohnt jetzt in Berlin. Fahrradfahren am Kanal, später am Tegeler See, Bembelbar im Franziskaner. Bergmannstraße, Gethsemanekirche. Anfangs parkten hier Trabbis und ein Golf. Jahr für Jahr rollte ich in die Hauptstadt. Mit meinem Saab, dann dem Nissan, dem Kadett und dem Passat. Mit Pias Golf und später dem Dacia. Über die Mitfahrzentrale. Mal fuhr ich mit, mal nahm ich mit. Seit ein paar Jahren nehme ich meist die Bahn. Das geht im besten Fall schneller, ist oft billiger und immer entspannter – sofern du im Voraus buchst. Jahr für Jahr wandelten sich die Plätze, die Orte, das Lebensgefühl. Aus Freiflächen wurden Einkausfzentren. Die Eintracht im Olympiastadion, dann in der der Alten Försterei. Der DFB-Pokalsieg 2018, die Krönung.
Von der Curry-Baude laufe ich über die Behmstraßenbrücke zum Prenzlauer Berg. Totgentrifiziert. Weiter unten haben wir einst gesessen: Thaifood für fünf Mark, die Bockwurst an der Schönhauser für eine. Wohnungen kosteten fast nichts. Der Blick Richtung Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, der auch bald Geschichte ist, weiter hinten leuchtet der Fernsehturm am Alexanderplatz. Gleise führen irgendwohin. In eine ungewisse Zukunft. An meinem Rucksack hängt ein „Willy wählen“-Button aus Lübeck. Willy Brandt, Regierender Bürgermeister in West-Berlin. Damals war die Zukunft noch besser. Heute fremdel ich mit Berlin. Für die Jugend ist es immer noch aufregend. Aber nicht mehr bezahlbar.
Susi ist noch nicht zu Hause. Ich trinke einen Kaffee in Berlins ältester Bäckerei, betrachte meine Fotos und breche nach einer Weile auf. Karla, Susis Tochter, ist vor Ort. Das Treffen mit Andi muss leider ins Wasser fallen. Berlins Straßen sind schmutzig. Split auf dem Trottoir und Plastik im Gebüsch. Abends dann Amanda Bergman im ziemlich gut besuchten Privatclub. Wenig verwunderlich – viele Schwed:innen sind vor Ort. Das Konzert ist prima, vielleicht ein wenig eintönig; ein leicht treibender Beat hätte das Ganze aufgepeppt. Das letzte mal war ich im November 2024 hier mit Pia und Thomas. And also the trees spielten. Jetzt ist Susi mit dabei. Wir sitzen anschließend im kerzenbeschienenen Raucherraum, bis wir humorlos nach draußen gebeten werden.
Am nächsten Morgen fährt meine Bahn um kurz nach elf vom Berliner Hauptbahnhof ab. Eigentlich wollte ich schon am Gesundbrunnen zusteigen, doch Susi fährt mich auf dem Weg zur Arbeit noch bei Thomas vorbei. Er wohnt jetzt neben Bertolt Brecht, Herbert Marcuse und Anna Seghers auf dem Dorotheenstädtischer Friedhof. Am Tag genau vor einem Jahr mussten wir ihn hier beerdigen. Im Gepäck habe ich nun Thomas’ alte Kamera, die mir Susi vermacht hat. Ich denke wehmütig an die alten Zeiten, als wir Cabinett Würzig rauchten und Bier tranken, am Feuer saßen und über Musik redeten. Ich zeige ihm, dass ich jetzt seine Canon habe. Bedanke und verabschiede mich. Auf dem Rückweg treffe ich am Ausgang noch Thomas’ Eltern. Vor einem Jahr habe ich sie bei seiner Beisetzung kennengelernt. Er kam ja, wie sie auch, aus Gelsenkirchen. Schalker, durch und durch. Eine kurze Begegnung – traurig und tröstlich zugleich. Und so unnötig sein Tod.
Die Bahn ist pünktlich. Natürlich telefoniert einer im Ruhebereich, natürlich reden sie am Nebentisch. Ich lege Thomas’ Kamera ins Gepäckfach, setze meine Noise-Cancelling-Kopfhörer auf und rolle Pia entgegen. Auf sie freue ich mich am meisten. Es ist schön, unterwegs zu sein.
Aber es ist immer besser, wenn sie dabei ist.
Im Kopfhörer laufen And Also the Trees. Und irgendwo klirrt leise ein silberner Schlüssel.


























Wie immer sehr schön geschrieben. Ich war das erste Mal 1979 da. Wiesbaden ist Partnerstadt von Kreuzberg. Die dortige DLRG hatte alle Partnerstädte zum Schwimmwettkampf eingeladen. Wir im alten T2, mit Jugendleiter am Steuer, durch die Zone. Später dann immer im Seehotel Grunewald unweit der Funktürme. Aber oben war ich auch noch nicht.
Aber die Stadt hat schon was anziehendes.
Grüße aus Wiesbaden
Uwe