Es ist spät. Und dunkel. Ich sitze ganz alleine auf der Haupttribüne der Arena, auf dem Videowürfel läuft eine Zusammenfassung des Spieltages. In der Hand eine Zigarette. Und ein Bier. Es gibt Tage, die vergisst du nicht. Heute war so ein Tag.

Und er fing früh an. Meine Nichte feierte ihre Erstkommunion, da müssen Onkel Beve und Tante Pia natürlich hin. Also: Alle nach Seligenstadt ob mit oder ohne Karte. In der Hand: Eine Geschenkkarte und ein Poster. Auf jetzt! Um uns herum aufgeregte Eltern, brav herausgeputzte Kommunionkinder, klickende Kameras. Thema des Tages ist: Regenbogen. Ich durchforste die ausliegende Karte mit den zu singenden Texten, ob irgendwo das Wort „Eintracht“ vorkommt. Ich bin ja stets auf der Suche nach Zeichen, die zu deuten sind, der Begriff Eintracht allerdings tauchte nicht auf. Mainz jedoch auch nicht. Immerhin.

Die Kirche ist proppenvoll – und da erkenne ich es, das Zeichen, der Hinweis, das Symbol. Doch wie ist es zu deuten? Eines der Kommunionkinder, ein Junge, trägt zum Anzug weiße Turnschuhe. Sieht keck aus. Als alle sich namentlich vorstellen, durchzuckt es mich – und ich wusste es vorher, meine Schwester hatte es zuvor angedeutet. Erinnert ihr euch an den ersten Abstieg der Eintracht? An die Akteure? Da gibt es einige Namen, die für das Desaster stehen. Schupp zum Beispiel. Oder Mornar. Oder Ekström. Oder Zelic. Ned Zelic. Ob ihr es glaubt oder nicht, Ned Zelic und ich hockten an jenem Tag, an dem es für die Eintracht um alles ging, in der gleichen Kirche. Da war kein Meisterspieler, kein Pokalsieger, kein Nichtabstiegsheld. Da war Ned Zelic.

Er nahm natürlich von mir keine Notiz, aber von nun an war die Beobachtung der religiösen Riten zweitrangig. Ich musste dieses Zeichen a akzeptieren und b so interpretieren, dass es für einen Sieg der Eintracht reicht. Statt Bilder des grandiosen 5:1 gegen Kaiserslautern zogen vor meinem geistigen Auge die Bilder des Abstiegs 1996 vorbei. Damals, als ich mit meinen Kumpels Andi und Michi zu den Spielen ins Stadion gepilgert bin, wir oft ein paar Minuten zu spät kamen und es stets bei Ankunft schon 0:1 hieß. Damals, als meine Jugend mit knapp 32 zu Ende ging. Als ich erstmals spürte: Das Leben ist endlich.

Ned Zelic.

Aber gut, wir waren in einer Kirche, es war die Rede von Hoffnung, von Gemeinschaft – was anderes außer der Eintracht konnte damit gemeint sein? Aber ich wusste: Wenn es heute schief gehen sollte, dann gibt es nur einen Grund: Er saß zehn Meter von mir entfernt. Und wenn es heute gut geht, ebenfalls. Niemals zuvor in der Historie fühlte ich mich mehr in der Verantwortung für den Spielausgang als heute. Ausgeliefert den närrischen Launen des Schicksals, eine Marionette im hilflosen Puppenspiel des großen Werdens. Verurteilt zum bloßen Zusehens des Untergangs. Oder heimliche Instanz des neuen Selbstbewusstseins?

Sicherheitshalber schickte ich Matze eine SMS, die umgehend beantwortet wurde: BEVE, bete drei Rosenkränze. Ich fühlte mich jetzt schon schuldig.

Auf dem Weg zum Auto etwas später schneite es. Vom Moment des Loslaufens bis zum Hinsetzen. Eigentlich hätte es ja schon IN der Kirche schneien müssen. Im April. Gute Güte, war ich verwirrt. Und ich musste ja noch arbeiten, auf der Waldtribüne Gespräche führen und so. Das hat dann auch ganz gut geklappt. Was jedoch nur ich sehen konnte, war eine 30 cm große Puppe, die mich permanent anschubste und huhu grinste. Sie trug das Konterfei von Ned Zelic.

Hier mal eine Liste der Fußballer mit denen ich vor, während und nach dem Spiel gesprochen habe, nur damit ihr wisst, gegen wen sich Ned durchsetzen konnte.

Erwin Stein

Ansgar Brinkmann

Ervin Skela

Manfred Binz

Christoph Preuß

Alexander Schur

Heribert Bruchhagen

Friedel Lutz

Christian Heidel

Alles nette Jungs. Meinte der kleine Ned und klopfte mir lachend auf die Schulter, wo er mittlerweile saß und sich in meinen Haaren festkrallte. Wisst ihr, wie das ist, wenn du mit Ansgar Brinkmann beiläufig die Situation bei der Eintracht analysierst und Ned Zelic an deinen Haaren zuppelt? Die Rodgau Monotones sangen vor Jahrzehnten „Mein Freund Harvey“. Mein Harvey hieß: Ned.

Was folgte, sind unvergessliche Minuten, eine Eintracht, die überlegen war, einen Freistoßtreffer kassierte und nach 18 Minuten 0:1 hinten lag. Welche Rückennummer hatte Zelic eigentlich? Ich könnte schwören: Die 18. Ich fühlte mich schuldig und schuldiger. Jetzt also wird es sich erweisen, ob es einen Gott gibt. Ob es Erlösung gibt. Der Glaube glitt an mir hinunter wie zu warme Butter.

Und dann flog Ben-Hatira auf die Fresse, schubste den Ball noch in den Strafraum, während Russ gleichfalls im Liegen den Ball zum Ausgleich über die Linie stocherte. Wir fielen übereinander, High Five. Unten, etwa auf Kniehöhe stand der kleine Ned und grinste. Während der zweiten Hälfte fand sogar die Haupttribüne zusammen, eine Zittern, ein Hoffen und Bangen, eine überlegene Eintracht, doch alleine die Mistkugel wollte nicht über die Linie. Dann flog Karius hoch in die Luft und hielt den Ball, der eigentlich rein gehen sollte. Ned zuckte treuherzig blickend mit den Schultern. Nahezu jeder um mich herum vergaß sich, das sind genau die Momente, die ich beim Fußball liebe, selbstvergessen existiert nur noch das Spiel, alle sind darauf fokussiert, über 50.000 Menschen sind kurz vorm Durchdrehen.Nur Ned guckte ernst.

83 Minuten sind gespielt, die Eintracht muss gewinnen, ein Sieg wäre verdient, doch Mainz hat sich etwas befreit. Dann ist es Ben-Hatira, den – ich gebe es zu – ich schon ausgewechselt hätte. Er schießt, der Ball wird abgefälscht … und plumpst hinter Karius ins Netz, ein Ball, der niemals ins Tor hätte gehen können, die Eintracht führt, der Krieg dauert noch wenige Minuten, Abpfiff, Sieg, Chance bewahrt, High Five. Wo ist Ned? Als ich die Welt wieder realisiere, ist Ned verschwunden.

Pia und ich ziehen in die aufkommende Nacht, bleiben jedoch im Stadion, trinken ein Schöppchen, noch eines, lassen das Auto stehen, Ned bleibt verschwunden. Ich aber weiß: Die Eintracht wird in der Liga bleiben, und so dies eingetroffen ist, werde ich mir im Schlussverkauf ein Trikot kaufen und es mit Ned Zelic beflocken lassen. Wahrscheinlich mit der 18.

Es ist spät. Und dunkel. Ich sitze ganz alleine auf der Haupttribüne der Arena, auf dem Videowürfel läuft eine Zusammenfassung des Spieltages. In der Hand eine Zigarette. Und ein Bier. Es gibt Tage, die vergisst du nicht. Heute war so ein Tag.