Grau. Und kühl. Es gibt Tage, die sind einfach so naja. Früh ging es los zum Heimspiel der Eintracht gegen Leverkusen, war allerdings nicht notwendig, in der Stadt war nichts los und auch der Einlass war unspektakulär. Bin ja immer früh da. Vorbei die Tage, als man sich noch gepflegt am Gleisdreieck ein Schöppchen gönnte, die Arbeit ruft und da ist eine Stocknüchternheit von Vorteil.

Seit 2011 gibt es sie nun, die Waldtribüne mit Geschichten und Geschichtchen rund um das jeweilige Spiel und man kann sagen, dass wir durchaus ein Stammpublikum haben. Trotz des nasskalten Wetters harrten jede Menge Fans aus, um uns während der 45 Minuten zu begleiten. Doch manchmal klappt es nicht so wie wir uns das vorgestellt haben – das kennen wir ja von unserem Leben.

Kurz vor Waldtribünenanpfiff erreicht mich eine Mail von Frauke, sie hängt in den Seilen und kann nicht kommen. Damit fing es also schon einmal an, mein Co-Moderatorin fällt aus, doch ich stand aber Gott sei’s gedankt nicht im Regen, die Bühne ist überdacht. Die nächste Meldung flattert nur wenig später auf meinen imaginären Schreibtisch: Auch unsere Leverkusener Gäste vom schwul-lesbischen Fanclub Bayer04 Junxx kommen nicht, sie stecken im Stau. Viel Zeit darüber nachzudenken habe ich nicht. Schon erklingt unsere Erkennungsmelodie, A banda von Herb Alpert und ich moderiere die Veranstaltung an. Verlass ist auf Doc Hermann, dem Meister der einträchtlichen Sammelaktivitäten, der zu jedem Spiel einige kleine Anekdoten vorzutragen weiß. So auch heute – und wir erinnern uns an Titelgewinne 1985 und 2010, als der Eintracht-Nachwuchs in Finalspielen um die Deutsche Meisterschaft jeweils die Kicker von Bayer04 besiegen konnte. Der Einfachheit halber bleibt Doc bei mir oben, so bin ich nicht mehr mutterseelenalleine, als die Macher des FC Zürich Museums zu uns auf die Bühne kommen, die sich auf einem Groundhopping-Wochenende in Deutschland befinden. Sandhausen, Frankfurt und Kaiserslautern so lauten ihre Stationen – und sie haben jede Menge zu erzählen. Das müssen sie auch, denn unser nächster Gast, der gelb gesperrte Haris Seferovic ist nicht in Sicht. Pia irrt in den Katakomben herum, um unsere Nummer neun aufzutreiben und wir babbeln uns oben durch die Zeit.

Es gab ja durchaus einige Begegnungen zwischen der Eintracht und dem FCZ und auch einige Spieler waren für beide Seiten aktiv. Elsener, Güntensbperger oder Scheppe Kraus zum Beispiel. Von Seferovic keine Spur. Ich befrage die Jungs nach ehemaligen schweizer Eintrachtlern, dem Bauernbub Schwegler oder Benni Huggel. Barnetta, Spycher, Dietrich. Bei Dietrich müssen sie passen – aber der kam ja auch schon in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu uns. Und dann kam er endlich, der Haris – und oh Freunde, selten habe ich einen lustloseren Gast auf der Bühne begrüßt. Aber wir sind Profis, wir lassen uns nichts anmerken, stellen Fragen, lauschen den Antworten und überreichen Bembel. Das können wir.

Fußball. Die Eintracht steht hinten drin, Leverkusen macht das Spiel, nach etwas mehr als einer viertel Stunde stehen 0:5 Ecken auf dem Videowürfel. Castaignos muss verletzt raus, für ihn kommt Chandler. Und wenig später fällt das Tor für die Werkself zur verdienten Führung. Sekunden zuvor startete die Eintracht einen Angriff. Also versuchte es. Besser gesagt: Hatten wir den Ball. Hradeckys Aufbauspiel zu Medojevic führte zu Ballbesitz von Bayer, ein schnittiger Ball nach innen, Hradecky rutscht knapp am Leder vorbei, Abraham trifft die Kugel auch nicht, dafür aber Chicharito. Unverdient ist die Führung nicht, unnötig allemal. Fortan entwickelte sich eine Partie, in der vor allem Kampl heraus ragte, die Eintracht schien willens aber unfähig zu sein, den zuvor gebeutelten Leverkusenern adäquate Gegenwehr zu leisten und so hieß es folgerichtig 0:2. Erneut Chicharito – dieser jedoch stand zuvor im Abseits. Als Stendera kurz vor dem Pausenpfiff einen Freistoß in den 16er zimmerte und Medojevic die Kugel zum Anschlusstreffer ins Netz wuchtete, keimte Hoffnung auf. Die Hoffnung auf mehr in Hälfte eins allerdings machte Schiedsrichter Aytekin zunichte, der überpünktlich zum Pausentee bat. Trinkt man eigentlich noch Pausentee?

In der zweiten Hälfte zeigte die keineswegs überragende Werkself dem biederen Frankfurtern wo der Frosch die Locken hat, Stendera, Zambrano oder Abraham hielten dagegen, der schwarz-rote Rest bereitete sich gedanklich auf das nächste Wochenende vor. Ich betrachtete die flackernde Werbebande, die Kurve mantrate mich in einen Herbstnachmittagszustand, nahezu meditierend erlebte ich das 1:3 durch Calhanoglou. Zwar hatte Aigner noch zwei Chancen, die er über den Kasten hämmerte – aber ernsthaft hat wohl niemand mehr daran geglaubt, dass die Eintracht hier noch irgend etwas reißt. Abpfiff. Abgang.

Nach dem Spiel fuhren wir noch einige Kilometer raus aus Frankfurt, Freunde feierten Geburtstag. Aus dem Autoradio erklang der Soundtrack zur jetzigen Saison, die Fehlfarben schrammelten: So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Später stand ich in einer großen Halle auf einer Empore, blickte nach unten. Dort leuchteten etliche Oldtimer wie Matchboxautos ins Neonlicht. Es war das schönste Bild des Abends. Ganz zum Schluss schneite ich noch in der Bembelbar im Backstage vorbei, die Familie trank sich das Spiel aus den Knochen, mir reichte ein Absacker. Nächste Woche also Mainz. Das schenke ich mir aus bekannten Gründen. Manchmal freut man sich schon im November auf die Sommerpause. Das Beitragsbild übrigens hat nur symbolischen Charakter.