Es gibt Fußballspiele, die bereits dreieinhalb Minuten nach Spielbeginn Geschichte schreiben. Der 12. September 2015 war so ein Tag – und es sollte noch besser kommen.

Fünf Monate war er verletzt gewesen, der Alex Meier – und schon auf der Waldtribüne erfuhren wir, dass er im Spiel gegen den 1.FC Köln in der Startformation der Eintracht stehen sollte. Dafür musste Stefan Aigner auf die Bank, eine Entscheidung, die unserer Nummer 16 sicher nicht sonderlich geschmeckt hat, der Blumenkohl der Trainerentscheidungen quasi. Zuvor konnten wir auf der Waldtribüne Kuttenpaule und den EFC Adlerkutte begrüßen, welche die traditionelle Kutte wieder salonfähig machen wollen; selbstverständlich ungewaschen. Die Kutte, nicht die Jungs. Thomas Schönig von der AG Fankultur erklärte uns gemeinsam mit einem Kollegen der Kölner Fanbetreuung die Fansituation beim 1. FC. Vor allem nach dem Abstieg 2012 herrschte Redebedarf, die AG Fankultur brachte Vertreter der einzelnen Gruppierungen an einen Tisch, die Kommunikation funktionierte, obgleich auch die Kölner unter massiven Strafen des DFB zu leiden haben, welcher Verfehlungen einzelner kollektiv bestraft, auch wenn sich manch einer über sein Stadionverbot nicht beschweren darf. Dazu stellte sich das neue Vorstandsmitglied, Oliver Frankenbach, bei uns auf der Bühne vor. Oliver, der schon seit Ende der Neunziger bei der Eintracht aktiv ist, hatte sich schon während seiner Studienzeit mit dem Thema Ausgliederung von Kapitalgesellschaften aus den Vereinen beschäftigt – und tatsächlich war dieses Thema nur wenig später auch bei der Eintracht brandaktuell. Seit Gründung des Museums ist er verantwortlich für die Finanzen, seit 1.9.2015 ist dies auch genau sein Thema im Vorstand der Fußball AG. Fan der Eintracht aber ist der aus Selters stammende Betriebswirt seit Kindertagen. Beim Überreichen des obligatorischen Waldtribünenbembels rempelte ich einen Geißbock an, der 1983 anlässlich des Finales um die Deutsche A-Jugend Meisterschaft der Eintracht übergeben und zum Exponat des Spiels auserkoren wurde. Der Geißbock fiel, nicht zum letzten Mal an diesem Tag, diesmal konnte ich ihn jedoch noch auffangen.

Seit Jahren verfolge ich ja die Eintracht auf der Terrasse des Businessbereichs, eine Arbeitskarte ermöglicht mir zwar den Zugang zu allen Bereichen, einen Sitzplatz aber habe ich nicht und in den Stehplätzen ist es mir meist zu eng, da ich ja erst spät zum eigentlichen Spiel ins Stadioninnere komme. Stimmungstechnisch ist das nicht der Brüller – aber da um mich herum doch einige Kollegen die Partie verfolgen, lebt es auch hier. Vorteilhaft natürlich die Möglichkeit, vor dem Spiel noch eine Kleingkeit zu essen. Nachteilig natürlich der von uns sogenannte „Pöbelparagraph“. Wir müssen uns benehmen. Ärgerlich …

Alex also von Beginn an dabei, der Jubel war groß unter den 51.500 – auch wenn traditionell viele Kölner im Stadion anwesend waren. Die UF präsentierte ein Spruchband: Ausländer rein – Rheinländer raus, die Stimmung war zu Beginn gelöst. Köln war gut in die Liga gestartet, jeder erwartete quasi ein Duell auf Augenhöhe. Es wurde letztlich ein Duell auf Augenhöhe des Alex Meier – und in dessen Höhe kommt bekanntlich kaum jemand. Holte sich zunächst Stendera nach einem überflüssigem Foul in der Kölner Hälfte nach nicht einmal einer Minute völlig zu Recht die gelbe Karte ab, so flankte Ignjovski nur wenig später von rechts in den Strafraum. Meier stieg hoch und höher als zwei Kölner – keine vier Minuten hatte es gedauert, bis die Arena explodierte, bis unsere Nummer 14 die Kugel zur Frankfurter Führung einköpfte. Es sind Fußballmärchen wie diese, die den Fußball aber auch unsere Eintracht so faszinierend machen. Fünf Monate verletzt, Reha, Wiederkehr ins Training – und dann nach 220 Sekunden der erste Treffer. Wir tobten.

Als Marco Russ einen Uwe-Bein-Gedächtinspass über das halbe Feld in die Schnittstelle der Kölner Abwehr spielte, Castaignos schnell wie der Wind den Ball erhaschte und nach einer Viertelstunde zum 2:0 einschob, begriffen wir, dass es ein ganz besonderer Tag werden würde. Dankenswerter Weise verzichtete der Stadionsprecher auf die Danke-Bitte Nummer. Dies freute wohl auch die Kollegen Seferovic und Meier. Ersterer flankte nach 23 Minuten, zweiter meierte – 3:0. Fußballgott donnerte es aus der Arena, so laut, wie selten zuvor. Die Kölner, die zuvor kaum ein Bein auf den Boden gebracht hatten, antworteten durch Modeste (oder wie ein Kollege meinte: der Ujah ist wirklich stark) aber dann packte Hasebe den Uwe Bein aus, schickte erneut Castaignos und es hieß postwendend 4:1. Halbzeit. Wahnsinn. Die Eintracht spielte Fußball, nutzte ihre Chancen und hätte sogar noch höher führen können. Aber Kölns Torhüter Horn ist ein Guter.

Ich marschierte hoch in den 43er. Dort hockt mein Vater und einige andere Pappnasen meines EFCs, verteilte ein paar Stadionmagazine und blickte in grinsende Gesichter: So kanns weitergehen, der allgemeine Tenor – nur Petra dürfte säuerlich geguckt haben: Sie weilte an jenem Tag irgendwo in den Bergen.

Naturgemäß erreichte die zweite Hälfte nicht ganz das Niveau der ersten 45 Minuten. Die Eintracht kontrollierte das Spiel, Köln versuchte es – aber es war nicht der Tag des FC. Die Fans aber ließen den Verein nicht im Stich, auch nicht als Seferovic nach Vorlage von Castaignos zum 5:1 traf. Der Ex-Eintrachtler Matze Lehmann hatte den Ball vertändelt, Reinartz war in der Attacke erfolgreich gewesen. Der Bogenlampe zum 5:2 setzte Alex Meier mit seinem dritten Treffer des Tages das 6:2 entgegen, der eingewechselte Flum hatte butterweich geflankt, Horn war zum sechsten Male machtlos. Wahrscheinlich spielte die Düsseldorfer Band Die Toten Hosen spontan „An Tagen wie diesen“. Wir aber brüllten „Fußballgott“, bis wir heiser waren.

Unglaublich das Ganze. Grinsende Gesicher, euphorisierte Eintrachtler, Fußballvergötternde Frankfurter allenthalben. Es war der Tag der triumphalen Rückkehr von Alex Meier – auch wenn wir sagen dürfen, dass die Neuzugänge der Eintracht das ihrige dazu beigetragen haben. Hradecky im Tor, Abraham in der Innenverteidigung, Reinartz im defensiven Mittelfeld, Castaignos im Sturm – das sieht schon klasse aus, auch wenn Stefan Reinartz den ein oder anderen Fehlpass zuviel in Petto hat. Hasebe ist im Mittelfeld besser aufgehoben als in der Verteidigung, Seferovic arbeitet wie ein Großer – und etwas weniger glücklich an diesem Tag wohl Stefan Aigner. Trainer Veh ließ es sich nicht nehmen, mit Flum, Kadlec und Medojevic gleich drei Spieler einzuwechseln, die sich zuvor nicht als erste Wahl entpuppt hatten aber nun wieder wissen, dass sie zum Team gehören.

Dass Lars uns zuvor noch zwei Karten für das Spiel in Hamburg überreicht hatte, rundete den Tag ab, HSV zieh dich warm an: Die Eintracht kommt.