Die Geschichte des Waldstadions anlässlich des 90sten Geburtstages des größten und bekanntesten Frankfurter Sportgeländes stand bei der letzten Tradition zum Anfassen, kurz TzA, im Vordergrund; eine Veranstaltungsreihe, welche das Eintracht Museum gemeinsam mit der Fan- und Förderabteilung der Eintracht zum nunmehr 34sten Male zelebrierte.

Und illustre Gäste waren geladen. Anton „Toni“ Hübler, der 1954 als Gärtner bei der Eintracht anfing und 1963 mit Gründung der Bundesliga Profi, sprich Zeugwart wurde, war gekommen, ebenso Erwin Stein, zweifacher Torschütze beim  Europacupfinale 1960 in Glasgow. Für die neueren Zeiten standen Dieter Hochgesand, Leiter der Stadion GmbH von 1991 bis 2003 und Manfred Binz, der von 1985 bis 1996 das Trikot der Eintracht trug. Zudem saßen im Publikum Zeitzeugen aus vielen Jahren Waldstadion, neben anderen Wolfgang Avenarius, Horst Reber, Stefan Minden oder Hans Peter Griesheimer, welche die Eintracht journalistisch oder im Amt über die Jahre begleitet hatten und zudem mit Dr. Thomas Bauer ein Mann, der die Geschichte des Stadions so gut wie kaum ein anderer kennt, hat er doch zum 75jährigen Bestehen des Stadions dessen Geschichte in einem fabelhaften Buch zusammengefasst.

Sicher waren der Uefa-Cup Sieg von 1980, JayJays Tor gegen den KSC, Fjörtofts Treffer zum 5:1 gegen Kaiserslautern, Schurs 6:3 gegen Reutlingen oder die vergangenen Europa-League-Spiele Höhepunkte der vergangenen Jahre, doch für viele ist das wahre Highlight womöglich das Stadiongelände an sich, welches jedoch vom ersten Tag an bis heute im Besitz der Stadt Frankfurt ist und niemals das Eintracht Stadion war, auch wenn die SGE seit Beginn der Bundesliga ihre Heimspiele regelmäßig dort austrug und -trägt.

Man glaubt es kaum, aber für die Entstehung des Stadions ist der Erste Weltkrieg aus verschiedenen Gesichtspunkten maßgeblich mitverantwortlich. Nach den kargen Jahren des Krieges, der zwar kaum Zerstörung, dafür jedoch Hunger, Improvisation und Auszehrung nach Frankfurt brachte, boomte der Sport – nicht nur in Frankfurt. Sportanlagen aber waren rar, zumal viele der einstigen Plätze während des Krieges als Ackerfläche genutzt und damit für den Sport unbrauchbar wurden. So erklärt sich die Notwendigkeit eines Neubaus, aber auch die Wahl des Ortes hängt mit dem verlorenen Krieg zusammen. Standen im Stadtwald die militärischen Schießanlagen, so waren schießende Deutsche anschließend bei den Siegermächten nicht gerne gesehen, das Gelände stand somit anderweitig zur Verfügung – und statt mit Gewehrkugeln konnte ab 1925 mit Bällen geschossen werden. Der einstige Kugelfang, errichtet zum Abfang verschossener Kugeln, die ihr Ziel nicht trafen, bildete dabei die Grundlage für die Gegentribüne. Architektonischer Blickfang aber war die Haupttribüne, deren Mittelteil einem griechischem Theater nachempfunden wurde.

Doch es war nicht nur die große Kampfbahn, die errichtet wurde, die heutige Arena; der Plan der Frankfurt Stadionbauer sah vor, ein Gelände für alle Frankfurter zu bauen. So entstand neben dem Fußballstadion ein Schwimmbad, eine Wintersporthalle, eine Radrennbahn und sogar ein kleines Theater, in einem gesunden Körper sollte ein gesunder Geist wohnen. Die Straßenbahn sollte auch die Arbeiter ins Städtische Stadion bringen – und sie kamen. Die Eintracht hatte ihre Heimat aber am Riederwald während der FSV am Bornheimer Hang kickte, das Stadion sah nur die großen Spiele – erstmals kurz nach der Eröffnung 1925 sogar das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, welches der 1.FC Nürnberg nach Verlängerung mit 1:0 gegen tapfer kämpfende Bornheimer vom Fußballsportverein mit 1:0 für sich entscheiden konnte. Im gleichen Jahr zog die Arbeiterolympiade die Frankfurter in den Bann.

Im Laufe der Jahrzehnte erlebte das Stadion mehrfache Umbauten und Namenswechsel. Damit einhergehend änderte sich auch die Zuschauerkapazität, die beim Neubau 35.000 betrug. Fuhren die Frankfurter die ersten Jahre ins Stadion, so änderten die Nazis nach der Machtergreifung den Namen in Sportfeld, der griechische Ursprung des Wortes Stadion war ihnen zu undeutsch – ohne zu beachten, dass auch der Begriff „Sport“ keineswegs ein deutscher war. Bis 2006 stiegen Stadionbesucher noch an der S-Bahn-Haltestelle „Sportfeld“ aus, im Zuge der WM 2006 wurde auch dieser Name wieder in „Stadion“ geändert. Bis zum Neubau 1925 hieß die Eisenbahnhaltestelle übrigens Goldstein. Unter den Nazis wurde die Kapazität des Stadions durch den Umbau der Gegentribüne auf 55.000 Zuschauer erhöht. Einer der damaligen Höhepunkte war der Weltrekord über 400 Meter durch Rudolf Harbig im Jahr 1939.

Nach dem Krieg hatten die Amerikaner das Stadiongelände besetzt, änderten den Namen in Victory Stadium und schwammen fröhlich im nur ihnen zugänglichen Schwimmbad. Es sollte einige Jahre dauern, bis die Frankfurter wieder in ihr Stadion durften. Erst in den Fünfziger Jahren setzte sich allmählich der Name Waldstadion durch, dessen Kapazität durch die Neugestaltung der Haupttribüne nach 1953 auf 77.000 Zuschauer erhöht wurde, der antike Mittelteil war nunmehr Geschichte. Ausschlaggebend war eine massive Überbelegung beim Endrundenspiel der Eintracht gegen den 1.FC Kaiserslautern. Zu dieser Zeit pilgerten die Frankfurt auch in Scharen zu den Steherrennen in die Radrennbahn. Im Windschatten knatternder Motorräder drehten die Radler im Wettstreit um die schnellsten Zeiten ihre Runden. Später wurde die Radrennbahn auch als Eisfläche genutzt, Die Eintracht spielte Eishockey, die Eiskunstläufer sprangen den Axel. Die WM 2006 bedeutete das Ende der legendären Radrennbahn, sie wurde abgerissen und dient fortan als Parkplatz.

Toni Hüblers erste Begegnung mit dem Waldstadion können wir getrost auf das Jahr 1954 datieren. Die Eintracht suchte einen Gärtner, Toni ratterte mit der Bahn nach Frankfurt, fragte nach dem Weg zur Eintracht – und landete am Waldstadion, obgleich die Eintracht ihre Heimat am Riederwald hatte. Zu Fuß marschierte er quer durch die Stadt, kam zum vereinbarten Termin natürlich viel zu spät und hatte Glück, dass er auf Fritz Becker traf, der als erster Nationalspieler der Eintracht (1908 damals noch im Trikot des Vorgängervereins) auch 1954 bei der Eintracht in Amt und Würden stand und den jungen Toni engagierte. Dessen Heimat wurde der Riederwald, obgleich die Eintracht die meiste Zeit bis zu seinem Arbeitsende 1995 im Stadtwald kickte. Trainiert wurde jedoch in all seiner Zeit am Riederwald, dort pflegte Toni nicht nur die Schuhe der Kicker, sondern auch den Rasen, der stets eine perfekte Grundlage für die Aktiven bildete.

Erwin Stein lobte besonders die Atmosphäre des Stadions bei Flutlicht, erstmals erstrahlend im Heimspiel gegen die Young Boys Bern auf dem Weg ins Finale des Europapokals der Landesmeister. Einer der ewigen Höhepunkte der Stadiongeschichte war sicher das Halbfinale im gleichen Wettbewerb. Die Eintracht legte mit einem überragendem 6:1 gegen die Glasgow Rangers den Grundstein für den Einzug ins Endspiel. Doch einer war eine ganze Zeitlang unzufrieden. Erwin Stein: Jeder hatte irgendwie ins Tor getroffen, nur ich als Mittelstürmer nicht. Mit seinem Tor zum 6:1 Endstand war auch hier der Frieden wieder hergestellt.

Bis zur WM 1974 behielt das Stadion die Optik, die es durch den Umbau Mitte der Fünfziger erhalten hatte. Die alte Haupttribüne fiel endgültig, als 1972 begonnen wurde, Frankfurt als WM-Spielort herzurichten, legendär wurde die Wasserschlacht gegen Polen mit Grabi und Holz. Lang anhaltender Regen hatte die Spielfläche damals unter Wasser gesetzt. Regenwalzen kamen nicht dagegen an, erst die Feuerwehr konnte den Rasen so präparieren, dass er halbwegs bespielbar war. Der Zuschauerrekord von 1959, als 81.000 Besucher das Endrundenspiel gegen Pirmasens sehen wollten, konnte allerdings nicht mehr übertroffen werden. Eine Zusatztribüne musste seinerzeit errichtet werden, da versäumt wurde, den Gästen Sitzplatzkarten zukommen zu lassen. Mit dem Umbau 1972-1974 bot das Waldstadion 61.000 Zuschauern Platz.

Dadurch, dass das Stadion stets in städtischer Hand lag, ergab sich, dass zum einen nicht nur Fußball in all den Jahren die Hauptrolle spielte, sondern es zuweilen Konflikte mit dem Betreiber und der Eintracht gab und gibt. Einer der Höhepunkte war sicherlich der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Karl Mildenberger im Jahr 1966, ein anderer der Auftritt von Bruce Springsteen 1985.

Für Frankfurt ein Ereignis, für die Eintracht eher ein Ärgernis war die Nutzung des Stadions durch die Footballmannschaft der Frankfurt Galaxy, deren Anfänge in die Zeit von Dieter Hochgesand als Leiter der Stadion GmbH fielen. Zwar versuchten die Greenkeeper alles, um den ramponierten Rasen wieder herzustellen, lackierten sogar die footballspezifischen Linien mit Spezialfarbe, um sie verschwinden zu lassen – die Grundlage aber war alles andere als perfekt. Hochgesand versuchte stets den Spagat zwischen den Interessen der Stadt und derer der Eintracht zu wahren, kam der Eintracht auch mal mit der Stadionmiete entgegen, da die Stadt Frankfurt durchaus ein Interesse an einer erfolgreichen Eintracht zeigte – ob jedoch der Auftritt von Michael Jackson im Stadion, für den das Bundesligaspiel der SGE gegen die Bayern verschoben werden musste, auf Beifall seitens der Eintracht-Verantwortlichen stieß, darf getrost bezweifelt werden.

Manni Binz durchlebte höchst unterschiedliche Zeiten während seiner Karriere im Trikot der Eintracht. Waren die ersten Jahre durch Abstiegskampf geprägt, so spielte er später Fußball 2000 und international, der höchste Sieg war dabei das 9:0 gegen Widzew Lodz. Vor gerade einmal 11.000 Fans. Und Binz wusste genau, dass Anton Hübler weit mehr als nur der Zeugwart war: Er war wie ein Vater zu uns sprach er. Den Abstieg 1996 erlebte Manni als trauriger Höhepunkt seiner Zeit im Waldstadion. Damals war Toni nicht mehr dabei, ein Jahr zuvor war er in Rente gegangen.

Eine der skurrilsten Stadiongeschichten aller Zeiten erlebte Manfred Binz nicht im Trikot der Eintracht, sondern im gelbschwarzen Jersey des BVB im Bernabeu Stadion in Madrid. Beim Championsleague-Halbfinale gegen Real fiel vor Spielbeginn ein Tor in sich zusammen, das Spiel verzögerte sich um anderthalb Stunden, was Günther Jauch und Marcel Reif eine Nominierung für den Grimme-Preis einbrachte und Binz brennende Waden, die zuvor mit Salbe eingerieben wurden – und durch die Wartezeit wie Feuer brannten. Später schied der BVB gegen Real Madrid aus dem Wettbewerb aus. Zum Trost sollte Binz wenigstens im Museum eine Eintracht-Tasse gewinnen.

Zwischen 2002 und 2005 wurde das Waldstadion anlässlich der WM 2006 erneut umgebaut – und um genau zu sein, müssen wir sagen: Neu gebaut. Während des laufenden Spielbetriebs entstand aus dem Waldstadion die Arena mit dem heutigen Fassungsvermögen von 51.500 Zuschauern bei Bundesligaspielen. Und auch das neue Stadion erlebte einige Highlights, mit und ohne der Eintracht. Alex Schurs Kopfballtreffer zum 6:3 fiel genau so in die Umbauphase wie die Tatsache, dass der gesperrte Trainer Willi Reimann während der folgenden Spiele in einem Container der Baustelle saß. Die Männer kickten wie die Frauen des DFB während der jeweiligen Weltmeisterschaften in Frankfurt, Bruce Springsteen ließ sich wieder blicken und hochemotional schied die Eintracht trotz eines 3:3 im Rückspiel gegen den FC Porto aus dem Europapokal aus. Eines aber hat es im alten Stadion nie gegeben: Ein Eintracht Museum, welches seit 2007 seine Heimat in der Haupttribüne hat. Und das ist sicherlich auch ein Höhepunkt. Genau so wie die Initiative Stadionübernachtung: Zum 100sten Geburtstag der Eintracht kletterten Fans auf das Gelände und schlugen im Mittelkreis ihr Zelt auf. Nachdem sie alle relevanten Tore der Eintracht nachgespielt hatten, übernachteten sie im Stadion und blickten beim Aufwachen auf die Zuschauerränge. Ein erhabener Anblick.

Obgleich das Waldstadion seit 2005 einen anderen Namen trägt, so erschallt während der Heimspiele der Eintracht aus tausenden Kehlen noch immer die alte Bezeichnung: Waldstadion, Waldstadion und so wird es wohl auch noch lange bleiben.

Fotos: Pia Geiger