Es ist spät und dunkel, die Eintracht hatte Leverkusen mit 2:1 besiegt, Alex Meier wurde Torschützenkönig und sowohl im Stadion als auch am Gleisdreieck gefeiert, Musik, Apfelwein, Tanz und Gespräch.

Ein großartiger Tag neigte sich dem Ende entgegen, auch wenn ich es nicht ganz verleugnen kann: Aussagen von Spielern der SGE nach dem torlosen Remis in Berlin die Woche zuvor, dass sie nicht wussten, dass sie noch ein Tor brauchen, um sich die Chance auf Internationalität zu bewahren, machen mich ratlos. Wohlwollend ausgedrückt. Aber gut, manchmal verstehe ich die Welt nicht, der letzte Tag versöhnt. Ein wenig. Übrigens hat Simon Rolfes sein letztes Bundesligaspiel absolviert. Vor 12 Jahren stand er auch auf dem Platz, für Reutlingen, als die Eintracht mit 6:3 siegte.

Ich laufe vom Gleisdreieck Richtung S-Bahn-Haltestelle Stadion, es ist ruhig, die Nacht hat sich über Frankfurt gelegt, an der Haltestelle ist niemand außer mir vor Ort. Ein Schild verkündet die Ankunft der S8 Richtung Offenbach in zehn Minuten. Ich warte und hänge meinen Gedanken nach, sehe Alex Meier auf dem Container der Ultras, denke an die vielen kleinen oder längeren Gespräche des Tages, die Hallos und Gudewies. S8 nach Offenbach in fünf Minuten verkündet das Schild. Kurz darauf: Ankunft in Kürze.

So steht es auch noch nach 10 Minuten, nach 15. Eine Bahn kommt nicht, dafür verkündet das Schild nun: Ankunft S9 Richtung Hanau in 10 Minuten. Zaghaft schaue ich mich nach versteckten Kameras um, das Schild wechselt: Ankunft in fünf Minuten. Ankunft in Kürze. Ich bin immer noch alleine, als nach weiteren 10 Minuten immer noch: Ankunft in Kürze verkündet wird. Eine Bahn kommt nicht, dafür wird nun die S-Bahn nach Goddelau angekündigt. Falsche Richtung.

Eine halbe Stunde ist vergangen, zwei Menschen kommen die Stufen hochmarschiert, Er und Sie. Er fragt mich nach einer Zigarette, ich habe nur Tabak, der dankend abgelehnt wird. Ich rolle mir eine, zünde sie an, da wird der Wunsch nach einer gedrehten an mich gerichtet. Ich reiche die eben angezündete weiter. Ne, die nicht, eine frische möchte er. Natürlich von mir gedreht und so formuliert, dass ich nicht genau weiß, ob ich mich schuldig fühlen soll oder fick dich sagen. Ich entscheide mich für Ersteres, reiche sie ihm, und denke für mich: So ich etwas möchte, wäre ich freundlicher. Wir stehen einen kurzen Moment nebeneinander, bis ich ein paar Meter weiter laufe, derweil ein Mann sein Fahrrad auf den Bahnsteig wuchtet.

Kaum ist er angekommen, blökt er in die Nacht, dass Rauchen hier eine Frechheit und verboten sei. Wir sind zu viert in der Dunkelnacht, stehen im Freien, niemand hat ihm Rauch ins Gesicht geblasen. Er wiederholt sich. Ich stelle laut die Frage, ob denn nur Idioten unterwegs sind. Der andere Raucher löscht unsolidarisch und unterwürfig seine Zigarette, der Radfahrer schimpft. Ich gehe die paar Schritte zum Radfahrer und frage, ob dies sein muss. Er beginnt zu texten, dass dies seine Meinung sei, ihm mein Blick nicht gefalle und überhaupt. Er redet. ich stehe daneben und schaue ihn an. Sage nichts. Er redet sich in Rage und ich schaue ihn an, so wie ich blicken würde, wenn mich jemand fragt, ob ich zufällig 10.000 Euro wechseln kann. Zwischen ungläubig: Kann das jetzt gerade sein? Ist das wahr? Er redet. Ich gucke. Jeglicher Keim von Aggression ist nunmehr in mir verschwunden. Es ist eine müde Fassungslosigkeit gepaart mit der Neugierde, was nun noch kommt. Die S-Bahnen nach Offenbach oder Hanau jedenfalls nicht. Aber es kommen zwei weitere Radfahrer, sie kommen auf uns zu, kennen ihn und einer meint zu mir: Mach dir nichts draus, er ist betrunken, was ihr Kollege sofort wortreich dementiert. Mittlerweile ist die falsche S-Bahn nach Goddelau pünktlich ein- und auch wieder abgefahren.

Ich plaudere noch ein wenig mit dem neu angekommenen Radler und entdecke nun auf einem anderen Schild: Ankunft S8 Richtung Hanau in Kürze. Überlegend ob hier nicht doch die versteckte Kamera läuft, wechsle ich den Bahnsteig, gerade noch rechtzeitig, die Bahn kommt, ich steige ein und höre die Lautsprecherdurchsage, dass es ob einer Baustelle an der Hauptwache zu einer Verzögerung von einer Viertelstunde kommt. Kurz darauf bleiben wir stehen. Eine Stunde seit Ankunft an der Station Stadion ist nunmehr vergangen.

Irgendwann geht es weiter, ich verlasse die Bahn an der Konsti, die Nachtbusse warten, ich habe keinen Plan, wo sie hinfahren und gedenke den Fahrer zu fragen. Die Vordertür ist offen, zwei Fahrgäste kramen vor mir nach Geld, um sich Tickets zu kaufen, ich warte einen kurzen Moment und werde von hinten kräftig geschubst: Geh mal weiter. Meine Augen schlagen zu, mein Rest zuckt mit den Achseln. Ich kann nicht weiter gehen, vor mir stehen Leute. Es ist absurd.

Es war nicht der richtige Bus, ich nehme einen anderen, steige unfallfrei an der Rohrbachstraße aus, gehe ins Feinstaub. Pia ist dort. Und Heike. Ich bekomme lächelnd ein Bier, Menschen sagen Gude, Fremde kommen ins Gespräch. Geht doch. Alex Meier Fußballgott. Da daaa da da dappdapp, da daaa da dapp.