Der Beginn

Es ist Freitag Mittag, 14 Uhr. Ich bin an der Haltestelle Stadion ausgestiegen, laufe hoch Richtung Waldstadion, trete durch den Eingang an der Wintersporthalle aufs Gelände und marschiere mit dem Rucksack in der Hand zum Eintracht Museum. Vor der Eingangstür sehe ich Pia, wir fallen uns in die Arme, ich bin wieder zuhause. Fünf Tage zuvor hatte ich Frankfurt verlassen, über Bornheim Mitte Richtung Konstablerwache, weiter zum Flughafen Frankfurt Richtung Warschau. Ziel der Reise war Israel, genauer gesagt Tel Aviv. Ihr merkt schon: Eintracht Frankfurt international. Im Handgepäck ein paar Klamotten, ein mir neulich von Flo mitgebrachter Beutel für Shampoo und Duschgel, ein Reiseführer und keine Zahnbürste. Die hatte ich nämlich vergessen. Gebucht hatte ich eher kurzfristig, Fernreisen sind teuer – aber nachdem ich aus diesem Grunde schon Baku und Nikosia hatte sausen lassen, veranlassten mich nicht zuletzt zwei Veranstaltungen im Museum, welche jeweils die Eintracht und Israel zum Thema hatten, die Reise nach Israel zu buchen. Der Plan sah vor, über Warschau zu fliegen, dort nach sieben Stunden Aufenthalt weiter nach Tel Aviv – Ankunft mitten in der Nacht um 3:45. Gebucht waren zudem drei Nächte im Hostel Overstay TLV, die letzte Nacht sollte nach dem Spiel in der avisierten Bembelbar verbracht werden, um von dort nachts um drei zurück zum Airport Ben Gurion in Tel Aviv zu fahren. Da ich beim Spiel gegen Wolfsburg noch Suse, Muelli und Arne getroffen hatte, die Tel Aviv etwa zur gleichen Zeit verlassen wollten, planten wir, gemeinsam ein Taxi zum Flughafen zu nehmen.

Das Frankfurter Fanprojekt hatte zudem zwei Ausflüge geplant, Dienstags nach Jerusalem, Mittwochs nach Yad Vashem, die bedeutendste Holocaust-Gedenkstätte, gleichfalls in Jerusalem – und bei beiden hatte ich mich angemeldet; zum sensationellen Preis von 25 Euro. Donnerstag stand das Spiel auf dem Programm und der Montag war reserviert für das Meer – soweit der Plan.

Meine Reise nach Israel begann mit dem online Check-In, so hatte ich meine Bordkarten in der Tasche und war natürlich viel zu früh am Frankfurter Flughafen, über den Kopfhörer lauschte ich New Model Army, Velvet Underground, Led Er Est oder Nick Cave, blätterte im Reiseführer und wartete auf das Boarding, welches punktgenau begann. Der Flieger hob ab und landete zur vorgegebenen Zeit gegen fünfzehn Uhr am Flughafen Frédéric Chopin in Warschau, die Nahrung während des Fluges bestand aus einem kleinem Schokoriegelchen und einem Glas Wasser. Von nun an hatte ich sieben Stunden Zeit, doch was tun? Den Flughafen verlassen, um in die City zu fahren? Ein reizvoller Gedanke; weniger reizvoll allerdings jener daran, die Passkontrolle zu passieren, um dann mit der Unsicherheit eines eventuell verlegten Weiterfluges zu leben – in einer Stadt, deren Gepflogenheiten ich nicht kannte. Da es zudem in Strömen goss, entschied ich mich, am Airport zu bleiben. Die nächste Nahrung erwartete mich tendenziell in 16 Stunden in Israel, bis dahin würde ich vom Stengel fallen und so tauschte ich zu wenig vorteilhaftem Kurs 30 Euro in Zloty, löffelte eine merkwürdige Miso-Suppe in mich hinein und zählte die Minuten. Von Zeit zu Zeit gönnte ich mir eine Zigarette in den Raucherglaskästen, in denen vereinzelte Menschen schweigsam der Sucht frönten – es dürfte auf der Welt wenige deprimierende Orte geben, als jene Kästen. Immerhin entdeckte ich im Untergeschoss eine Art Lounge, einen abgedunkelten Raum mit bequemen Sitzen, in dem zwei TV-Geräte Filme zeigten. So hockte ich in die Dunkelheit, lauschte meiner Musik und guckte auf die Bilder von Watchmen bis das erneute Boarding näher rückte.

Pünktlich um 22:40 rollten wir über die Startbahn, hoben ab und glitten durch die Nacht. Inklusive Schokoriegelchen und einem Glas Wasser. Brav stellte ich meine Uhr eine Stunde vor, versuchte eine Mütze Schlaf zu nehmen und rutschte im Sitz hin und her – aus dem Fenster sah ich: Nacht. Dann leuchtete das Zeichen zum Anschnallen, wir befanden uns im Landeanflug, unter uns das Meer, die Lichter von Tel Aviv. Flughafen. Shuttle. Terminal.

Man hört ja so einiges, was die Ein- bzw Ausreiseprozedur angeht, die Realität allerdings war kurz und schmerzlos. Als zweiter am Schalter beantwortete ich drei Fragen nach Flugnummer, Reisezweck, und geplanter Rückreise, wurde durchgewunken, tauschte Euro in Schekel und war da, wo ich hin gewollt hatte, die Uhr zeigte kurz nach vier und ich hatte Zeit.

Unter dem Terminal befindet sich eine Bahnstation, ich löste ein Ticket für 15 Schekel, wartete ein gute halbe Stunde und rollte dann in Richtung Bahnhof. Leider wurde der dem Hostel am nächsten gelegenen Bahnhof, HaHagana, nachts nicht angefahren, der erste Halt war der Bahnhof Savidor. Dort stieg ich aus, verließ das Terminal und stand ziemlich genau nachts um fünfe mit meinem Rucksack auf der Straße. Wohin? Ans Meer. Ich fragte zwei, drei Mal nach dem rechten Weg und marschierte durch meine erste israelische Nacht. In der Ferne glänzten hochmoderne Hochhäuser, Katzen schlichen durch die ruhigen Straßen, die Häuser teils abgeschabt, die Läden – mit hebräischer Beschriftung – geschlossen, die Stadt erwachte langsam.

Nach einer ganzen Weile entdeckte ich an der Ecke Arlozorov/Ben Yehudin Straße ein kleines Lädchen, kleine Croissants und Stückchen genauso im Angebot wie Milchkaffee und Wasser, ich orderte, zahlte und setzte mich auf ein Stühlchen, rauchte beim Frühstück eine Zigarette und realisierte: Ich war angekommen.

Durch den beginnenden Tag wanderte ich weiter und landete nach einiger Zeit am Carlton-Hotel, was insofern von einiger Bedeutung war, da von dort die Touren nach Jerusalem starten sollten. Nach wenigen Schritten blickte ich aufs Meer. Jogger sausten an der Uferpromenade entlang, Katzen schlichen umher. Hinter einer recht befahrenen Straßen reihte sich ein Hotel an das nächste, dort wohnten die Urlauber, während ich in Jaffa zuhause sein sollte. Dies bedeutete einen Weg an der Promenade entlang bis zum anderen Ende des Strandes, ca. vier Kilometer Fußmarsch mit Blick auf den Sandstrand, mit Blick auf das Mittelmeer.

Während ich wanderte, ging die Sonne auf, am Strand warnten Schilder vor dem Baden im Meer, was allerdings kaum jemanden störte. Die einen badeten, andere machten Kraftübungen, wiederum andere schlenderten am Ufer entlang. Ich lief und lief, lauschten den leisen Wellen, entdeckte Graffitis und Strandbars, auch Mikes Place an der Straße, der als Treffpunkt vor dem Spiel dienen sollte und erreichte Jaffa. Weiter ging es bis zu einem kleinen Hafen, von dort bog ich ab und marschierte auf einen kleinen Hügel und setzte mich in ein modernes Amphitheater mit erneutem Blick auf das Meer. Ab und an kam jemand mit seinem Hund vorbei, ich aber packte mein Bündel und wanderte in die Altstadt, die nun geschäftig wurde. Händler räumten ihre Waren vor die Läden, legten Teppiche auf die Gassen. Die Gegend mutete nun orientalisch an. In den Auslagen lagen Krimskrams und Möbel, Elektrowaren und Lebensmittel, an allen Ecken und Enden wurden Säfte angeboten, Granatäpfel stapelten sich und die Autos stauten sich hupend in den kleinen Gassen.

 Am zentralen Platz befanden sich Lädchen, Wechselstuben und vor allem der Glockenturm, der zunächst meiner Orientierung diente. Ich lief über den Flohmarkt und machte mich auf den Weg zum Hostel, von dem ich zwar ahnte, wo es lag, aber nicht ganz genau wusste, noch hatte ich keinen Stadtplan. Immerhin war das Bloomfield-Stadion ganz in der Nähe, der Ort, an dem die Eintracht wenige Tage später auflaufen sollte. Bald ragten die Flutlichtmasten in den Himmel, ich umrundete das Stadion, suchte meine Straße, verlief mich ein bisschen und fand zurück auf den rechten Weg, eine Ausfahrtstraße mit starkem Verkehr, bald musste ich nur noch die Hausnummer finden und entdeckte diese hinter einigen Garagen und Werkstätten, ein Außenstehender hätte hier keine Unterkunft vermutet.

Ein Tag am Meer

Sobald ich das Eingangstörchen geöffnet hatte, blickte ich in einen Innenhof. Alte Räder lehnten an einer Wand, Graffitis bedeckten die Mauern und weiter hinten standen einige alte Sofas unter einem Baldachin. Dort führten Stufen zur Rezeption, es herrschte nun muntere Bewegung. Junge Leute wanderten barfuß durch die Räume, Türen klapperten, einige kochten etwas in der kleinen offenen Küche, andere – nahezu alle – hatten ein Handy oder ein Notebook in Reichweite, tippten oder stöpselten die Geräte an die zahlreichen Steckdosen; die Uhr zeigte zehn und ich war an die zehn, fünfzehn Kilometer gelaufen und seit 27 Stunden wach. Da ich erst um 13 Uhr einchecken konnte, holte ich mir eine Cola, machte mich mit den Örtlichkeiten vertraut und legte meinen Rucksack in eine Ecke, nachdem ich mein Badetuch eingepackt, die Jeans gegen eine kurze Hose und die Turnschuhe gegen Flip-Flops getauscht hatte. Mt einem Stadtplan in der linken und dem Reiseführer in der rechten Hand wanderte ich an den Strand, legte mich in den Sand und lauschte den Wellen.

Ruhe.

In der Ferne fuhren Bootchen, zur rechten sah ich die Skyline von Tel Aviv und dann ging ich Baden. Am fünften November 2013. Schade, dass Pia nicht dabei war.

Zurück im Hostel checkte ich ein, zum Glück hatte ich ein eigenes Zimmer, die meisten anderen Gäste teilten sich Sechser-, Achter-, oder gar Zehnerzimmer, es war ein Kommen und Gehen, Gewimmel und Gewusel. Mein Zimmer war klein, ein Bett und ein Tisch, aber es war sauber – und das war völlig ausreichend. Mein Rucksack flog in die Ecke und ich dachte kurz daran, mich hinzulegen – dachte mir aber, dass ich so schnell nicht mehr aufwachen würde und dies ja eigentlich schade wäre, da es draußen Sommer war und das Meer auf mich wartete. Also wanderte ich auf die Dachterrasse, entdeckte die Flutlichtmasten des Stadions, während einige Sofas unter Baldachinen von jungen Leuten belagert waren. Alles wirkte ein wenig benutzt, aber hippiesk-charmant, so rauchte ich eine Zigarette, klärte an der Rezeption einige Details und schlurfte durch Old-Jaffa zurück ans Meer. Auf dem Weg dorthin kaufte ich mir Zahnbürsten.

Mensch, da war ich nur ganz kurz schon hier, und hatte schon eine prima Übersicht, ich kannte die Treffpunkte, wusste, wo das Stadion lag, hatte schon einiges gesehen und tauchte in die Wellen des Mittelmeeres, rechter Hand pulsierte das Leben in Tel Aviv, in der Stadt, die angeblich niemals schläft – ihr ging es genauso wie mir. Über mir ratterte von Zeit zu Zeit ein Militärhubschrauber.

Schon kurz nach sechzehn Uhr begann die Sonne unterzugehen und plötzlich hörte ich leise Musik, die stets näher kam. Eine junge Frau trug einen Lautsprecher in ihren Händen, begleitet von einem Mann mit Blitzlichtstativ und Kamera, derweil ein älterer Mann mit hochgekrempelten Hosenbeinen barfuß im Wasser auf und ab ging; es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich Augenzeuge einer Fotosession wurde. Der ältere Mann war wohl ein Schlagersänger, die Musik war seine Musik und die untergehende Sonne, das Abendlicht, bildete mit dem Meer und der Mauer am Ende des Strandes worauf das Minarett der Moschee Al-Bahr auf einem Hügel in den Himmel erwuchs, die Kulisse für das nächste Plattencover.

Und kaum waren die Fotos im Kasten, erschien der nächste Trupp. Diesmal war der zu fotografierende Mittelpunkt ein junger, wohl strenggläubiger Jude mit breitkrempigen Hut und Schnüren an der Hose, der sich in ausgelassener Stimmung fotografieren ließ, wieder trug der Fotograf ein Blitzlicht auf einem Stativ mit sich. Das Fotomodell stellte sich in Position, zwei Freunde überprüften die Bilder – und diesmal fotografierte ich mit. Die Gruppe hatte sichtlich Spaß, lief mal hierhin, mal dorthin, sogar Luftsprüge wurden dokumentiert.

Kaum war diese Session beendet, kam eine junge Fotografin mit einem Kind und dessen Mutter, das nächste mobile Blitzlicht, die nächste Aufnahmen wurden gemacht. Und so ging es Schlag auf Schlag, ein Blitzlichtstativ nach dem nächsten wurde aufgebaut, die Modelle wurden geblitzt und abgelichtet, bis der Fotograf der gläubigen Juden erneut auftauchte – im Schlepptau diesmal eine Frau in einem phantastischem weißen Brautkleid. Es war ein himmlische Szenerie, die beginnende Nacht, das weiße Brautkleid, die Meereswellen. Und so ergab sich ein stimmiges Bild, die Braut und der fromme Jude gehörten zusammen, es schienen die Hochzeitsbilder zu entstehen – erstaunlicherweise jedoch wurde jeder einzeln fotografiert. Und als die letzte Session zu Ende ging, war es bereits dunkel. Ich verließ beschwingt den Platz, der den Tel Aviver Fotografen als pittoreske Kulisse dient, futterte noch eine Schawarma und wanderte meinen nun schon bekannten Weg ins Overstay. Nunmehr war ich 36 Stunden wach, von der Dachterrasse hörte ich Musik, die Jugend steuerte in die Nacht und ich legte mich gegen halb sieben kurz hin. Als ich erwachte war es 7:30 Uhr. Dienstag Morgen – ein neuer Tag war Wirklichkeit geworden.