Reden wir doch einmal genau darüber. Den Blog „Beves Welt“ gibt in dieser Form seit 2011, also ziemlich genau seit fünf Jahren, davor war der Vorläufer seit 2008 hier zu finden, der kleine Bruder hier. Angefangen hat alles eigentlich 2001 im Forum der Eintracht, später dann die Fortsetzung in der Fan geht vor – die Zeiten haben sich gewaltig geändert.

Damals stand die Eintracht im Zentrum meines Geschehens, sowohl analog als auch digital. Facebook und Twitter waren noch nicht erfunden, Berichte von Auswärtsfahrten gab es in Fanzines zu lesen, ich war zumindest bei der Eintracht einer der ersten, der über das Internet mit längeren Texten eine – damals noch überschaubare – Masse an Gleichgesinnten erreichte. Wer online war, der nutzte ein Modem, die Flatrate war noch nicht erfunden, entsprechend kostspielig war das Ganze – und entsprechend sorgsam nutzte man die Möglichkeit des Netzes, eine wunderbar anarchische Zeit der Kommunikation. Neben der sogenannten „aktiven Fanszene“, die auch damals noch überschaubar war und zu Beginn des neuen Milleniums durch die Gründungen der UF und etwas später der Fan- und  Förderabteilung geprägt wurde, verband das Eintrachtforum zunächst virtuell und kurz danach auch sehr reell weitere Eintrachtfans, während die Eintracht kurz darauf vor dem Lizenzentzug und dem Absturz aus dem Profifußball stand.

2002 wurde ich Stadionsprecher der Amateure, deren Stimme ich neun Jahre lang war – als Nachfolger von Kurt E. Schmidt, der uns 2013 am Tag vor dem Spiel gegen Bordeaux für immer verlassen hat. Etliche Jahre stand ich auch für die U19 am Mikro. Etwas später moderierte ich gemeinsam mit Dirk Chung und Patrick Widera eintrachtfans.tv – ein Magazin auf Rhein Main TV, welches von Eintrachtfans für Eintrachtfans produziert wurde, wiederum etwas später öffnete das Eintracht Museum seine Pforten, vom ersten Tag an (der sich im November 2017 zum 1o. Male jährt) war ich dabei, moderierte unzählige Veranstaltungen, schrieb auch darüber meine Texte. Seit 2011 moderierte ich zudem mit (nunmehr) wechselnden Partnern die von uns gegründete Waldtribüne vor jedem Heimspiel. Zudem publizierte ich bis zur Einstellung im Dezember 2016 regelmäßig in der Diva, dem Magazin für Mitglieder der Eintracht, bzw der Fußball sowie der Fan- und Förderabteilung.

Jahrelang versuchte ich den Spagat zwischen meinem Fandasein und den offiziellen Anforderungen zu meistern, sprich gleichermaßen klar zu texten wie auch die Eintracht zu repräsentieren. Unzählige Texte entstanden in all den Jahren, über Auswärtsfahrten und Einschätzungen, über Begegnungen und Veranstaltungen und dazu recherchierte vorwiegend historische Geschichten, sie dürften Bücher füllen. Unzählige Gespräche wurden in all den Jahren geführt, mit einstigen Größen, allen voran Alfred Pfaff, Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein oder Tony Yeboah, den ich sogar einmal für das Projekt „Im Gedächtnis bleiben“ im Rahmen eines Filmes zur Einweihung des Tony Yeboah Hauses in Niederrad über eine Stunde lang auf Englisch interviewte – ein Ergebnis davon könnt ihr euch hier anschauen.

Aber auch mit weniger bekannten dafür umso unterhaltsameren Gästen kam ich vor allem auf der Waldtribüne ins Gespräch, Gäste aus den Fanszenen der Vereine, gegen die die Eintracht an diesen Tagen spielte. Ich habe unzählige Leute in all den Jahren kennen gelernt, unzählige Kilometer auf den Highways abgerissen, in Bussen, im Golf (silbern) oder wie 2006 oder 2013/14 auch im Flugzeug. Ich hab den ganzen Scheiß mit allem drum und dran geliebt.

Die Anzahl der Worte ist nicht zu zählen, doch sie sind – nicht nur aber auch – im Blog seit Beginn des vergangenen Jahres weniger geworden, und dies hat Gründe. Und diese Gründe haben mit dem Blog oder dem Internet nichts zu tun hat, gleichwohl aber mit der Eintracht. Zumindest im Rahmen. Für mich ist nichts mehr so, wie es gewesen ist, da ist etwas unwiderruflich zerbrochen, den alten Beve gibt es nicht mehr. Details gehören hier nicht hin, aber ihr solltet im Ansatz wissen, weshalb hier kaum noch etwas über das steht, was der Ausgangspunkt von allem gewesen ist, über Eintracht Frankfurt. Es hat nichts mit dem Vorstand oder dem Präsidium zu tun, niemand hat sich von ganz oben je in mein Tun reingehängt, mich gegängelt – und dafür bin ich sehr dankbar, den ein oder anderen Anlass hätte es ja durchaus gegeben oder wie es mein einstiger Chef, der Fußballphilosoph H. Bruchhagen formulierte: Beve, sie lesen zuviel im Internet. Auch ist meine große Auswärtszeit fürs Erste vorbei. Zu teuer, zu gleich, zu viele Fahnen im Gesicht, zu viele Fanboxen, zu viel Trallala von allen Seiten. Europa wäre nochmal was. Oder wenn keiner mehr hingeht. Dann bin ich wieder da. Mein Barcelona heißt Bochum.

Und natürlich ist der Fußball im Arsch, dies ist ein weiterer Punkt – der alte Beve hätte dagegen angeschrieben. Alle Führer von den Institutionen, welche die Fußballfans in den vergangenen Jahren drangsaliert haben, sind mittlerweile unehrenhaft ihrer Ämter enthoben worden, ob Blatter/Fifa, ob Platini/Uefa, ob Niersbach/DFB. Der Präsident des mächtigsten Vereins Deutschlands saß im Knast, all die, die jahrelang kleinste Vergehen von missliebigen Doppelhaltern bis Pyro aufs Schärfste gegeißelt haben, haben den Fußball ruiniert und sich vor aller Augen die Taschen vollgestopft und an jedem noch so kleinen Deal mitverdient. Sie wollten  vordergründig eine antiseptische Kasperleveranstaltung – und sie haben sie bekommen. Die Kampagne „Keine Macht den Drogen“ wird ihnen präsentiert von Bitburger, flankiert von chinesischen Wegwerftoastern, die sie uns als Merchandise überteuert andrehen wollen. Marke, Produkt, Ware. Dafür habe ich mir doch nicht mit vierzehn auf den Hartplätzen des Kreises die Knie aufgeschürft. Da war Leidenschaft, Kameradschaft und später der Kasten Bier in der Kabine. Nachts um fünf im Trainingslager auf den Tischen getanzt, um drei Stunden später durch den Wald zu hecheln und die Kippen auszukotzen. Wir wollten kicken wie Grabowski, feiern wie Basler und nicht aussehen wie der Karriereplan von Philipp Lahm. Wenn es mittlerweile heißt: Weck den Ronaldo in dir, hol ich den Schlindwein raus.

Die, die das Sommermärchen gekauft haben, für das wir uns im Vorfeld verprügeln lassen mussten, leuchten nicht mehr. Ihre Hinterlassenschaft aber, der Fußball mit der hochgepushten Gelddruckmaschine Championsleague, mit Leipzig im bezahlten Fußball, mit einer WM in Katar und einer mit 48 Mannschaften, mit Spielern die sich binnen dreier Jahre mit drei verschiedenen Trikots ablichten lassen und dafür jedes Jahr zig Millionen einstecken und auch mit einer erbärmlich versagenden öffentlich rechtlichen Medienlandschaft, die zuweilen zwar kritische Berichte abliefert, ansonsten aber um jeden Platz in den VIP-Logen kämpft, um den Zugang zu den Speisekarten mit Goldrand, sie alle haben ein bunt angemaltes Illusionsspektakel hinterlassen und vor allem finanziert, in dem sie sich nicht zuletzt für keine Anbiederung zu schade waren, und damit meine ich nicht die Journalisten der FNP oder der FR, die seit Jahren damit zu kämpfen haben, einen Interviewtermin zu bekommen.

Sie haben es geschafft, dass die große Sportart Fußball nur noch eine Nutte ist, die sich jedem Meistbietenden an den Hals geworfen hat, ohne darauf zu achten, welche Krankheit sie sich einfängt. Jeder Rotz wird zum „El Classico“ aufgeblasen und sie achten streng darauf, in vorauseilendem Gehorsam noch ehe der Hahn drei Mal gekräht hat „Rote Bullen“ zu sagen. Ist doch wurscht, morgen kräht der Hahn eh nicht mehr und wer dann noch dabei ist, verdient sich wenn auch keine goldenen Ohren so zumindest ein schickes Jackett mit „SKY“ Aufnäher. Diese distanzlose Müllerhohensteinisierung des Fußballs begann mit Töpperwien, komm mir keiner mit „Früher war alles besser“. Aber man konnte zumindest guten Gewissens noch den Europapokal der Landesmeister gucken, auch wenn die Eintracht nicht dabei war. Das war Fußball mit Sperenzchen. Heute geht es um Sperenzchen mit etwas Fußball. Und die Werbeindustrie flüstert uns die Texte. Und sie stopfen sich die Taschen, kennen kein Maß, kein Ziel und überdrehen immer weiter. Säuglinge mit Berater? Kein Problem. Der wird mal ein ganz Großer.

Natürlich ist die Eintracht in diesen Tagen eine bemerkenswerte Ausnahme, hier achten sie auf verträgliche Eintrittspreise, auf eine halbwegs stilvolle Inszenierung, auf Rahmenbedingungen, die nicht mit dem ganz großen Irrsinn mithalten wollen. Sei es aus reiner Notwendigkeit, aber auch die Hintergründe der Verantwortlichen verweisen darauf, dass Erkenntnisse maßgeblich für Entscheidungen sind und nicht die nackte Not. Sie müssen ja irgendwie mithalten, da führt kein Weg daran vorbei. Leipzig hat die Tür in Deutschland weit aufgestoßen, es zieht gewaltig.

Die Stadien in Europa? Sehen alle gleich aus. Zumindest die großen. Zumindest von innen. Ronaldo kickt für Real, Messi für Barcelona. Beim ganzen Rest musst du Woche für Woche gucken, ob sie jetzt gerade in Manchester oder in Paris gelandet sind. Oder in China. Ist ja auch so ein Markt. Überhaupt: Asien. Heute fangen die Spiele zu Zeiten an, in denen wir damals ins Bett sind. Und um die Stadien laufen die gleichen Leute mit den gleichen Schals, diesen rotweißen oder blauweißen Kunsstofflappen und legen ohne zu murren fünfzig, sechzig, siebzig oder gleich hundert Euro auf den Tisch, um noch beim letzten „El Idiotico“ dabei sein zu können. Und wenn am Horizont ein Spiel auftaucht, welches den Namen auch verdient hat, dann stehen die Fanszenen, die aktiven, oftmals auch noch Gewehr bei Fuß, um noch den letzten Sargnagel rein zu kloppen. Remmidemmi bis einer weint. Oder filmt. Drei Tage später gucken dann alle ganz bedröppelt. Die, die 90 Minuten lang konsequent Hurensohn durchbrüllen, brechen in Tränen aus, wenn jemand sich erdreistet, das Ganze als Gesocks zu bezeichnen. Jo mei, klar Gesocks, früher hätten wir stolz T-Shirts gemacht, heute setzen wir uns in Talkshows und weinen uns bei Lanz aus, der so kritisch gucken kann. Oder besser noch: Unser Lanz heißt Facebook. Macht euch mal Gedanken, weshalb von Reiner Wendt nichts mehr zum Fußball kommt. Das Ding ist durch. Aber wir haben ja nichts besseres zu tun, als tagein tagaus die Maschine zu füttern. Selfie hier, Twitter dort, Will Grigg’s on fire, Island, toll gell, und die Iren singen so schön und wenn die Eintracht Championsleague spielt, sind wir stolz wie Bolle und zahlen alles. Und lesen alles. Und bloggen, und podcasten, und gehen hin. Es sind ja nicht die anderen. Es sind wir. Du. Ich. Katar? Ach komm, jetzt ist es ja auch egal…

Machen wir uns nichts vor, der Fußball ist im Arsch und wer sich weiterhin nen halben Liter bleifreie Industrieplörre für fünf Euro hinter die Binde kippt, der hat es auch nicht besser verdient. Es gibt keinen richtigen Fußball im falschen.