Da unsere Bemühungen, im Vorfeld kurzfristig an eine Stehplatzkarte zu kommen, nicht wirklich von Erfolg gekrönt waren, hieß es am 8. März 2015: Alle nach Köln, ob mit oder ohne Karte. Alle hieß in diesem Fall: Die Pia, der Beve und der rote Dacia. Eintracht Frankfurt hatte Geburtstag, 116 Jahre wurde die Diva alt und mit Geschenken ist das ja so eine Sache …

Die Sonne blinzelte wie noch nie dieses Jahr, die Temperatur kletterte in ungeahnte Höhen, der Tank war gefüllt. In mir tobten dezent die Nachwirkungen der vergangenen Nacht; eine Geburtstagsfeier mit Menschen, mit denen du vor über 30 Jahren verdammt lustige Zeiten erlebt hast, weckt einiges an Erinnerungen und die wollen begossen werden. Pia war jedoch brav gewesen und setzte sich freiwillig ans Lenkrad, ein Korb mit Brötchen und Getränken auf den Rücksitz und los geht’s, zwei Stehplatzkarten werden sich schon irgendwie auftreiben lassen und wenn nicht, dann sollte sich in einer Kneipe ein Platz finden lassen. Hauptsache unterwegs. Sitzen ist fürn Arsch und außerdem zu teuer.

Mit dabei: Paloma Faith, Olli Schulz, Lotus Feet, Motorama, Blur, The Psychdelic Furs, Sleaford Mods und noch einiges Meer. Mehr! Paloma Faith sang: Only love can hurt like this, ihr Auftritt bei den Brit Awards neulich fand ich dann doch recht beeindruckend und so nehme ich euch kurz auch musikalisch mit.

Während Pia den Dacia hochsouverän über die Autobahn steuerte, versuchte ich, noch Tickets zu ergattern – und meine Bemühungen wurden tatsächlich belohnt, irgendwann funkte Ina durch: Hab Steher. Das war natürlich klasse, kein Stress mehr, wir tuckerten über den Highway, Sonnenbrillen auf den Nasen und gute Laune im Handgepäck. Da auf der A3 auch nichts los war, überholten wir zwar ein paar Eintrachtbusse, sausten aber wie die Großen Richtung Köln, Felder, Wälder lichtbeschienen. Und da ich derzeit eine neues altes Handy ausprobierte und die Offline-Navigation tadellos funktionierte, stand dem Glück nichts im Weg. Außer der Eintracht natürlich – aber dazu kommen wir noch.

Wir enterten Köln über die Severinsbrücke, rechter Hand thronte der Dom, linker Hand die Kranhäuser, die wohl bei jedem neueren Köln Tatort im Bilde sind und nach ein paar flotten Kilometer bogen wir in Lindenthal ab und parkten den Dacia in der Kloster Straße. Was sollen wir uns durch den Fußballverkehr quälen, wenn die Füße dich leicht durch den Frühling tragen können – und so marschierten wir Richtung Stadtwald, vorbei an Krokussen in Vorgärten, ein SamstagSonntagfrühlingsmittag wie aus dem Bilderbuch. Der Stadtwald ist ein guter Platz, um vor dem Spiel die Nasen in die Sonne zu recken, Fahrradfahrer und Jogger sind unterwegs, zwei junge Frauen üben das Inlinerfahren, Kinder sausen mit ihren kleinen Rädchen durch die Wege, Spaziergänger schlendern plaudernd an uns vorbei, man könnte fast vergessen, dass nur wenige Kilometer entfernt in zwei Stunden ein Fußballspiel angepfiffen wird. Jetzt weiß ich: Hätten wir es bloß vergessen.

Wir spazierten weiter, jetzt hatte sich ein Auto im Wäldchen verfranzt, die beiden Insassen zeigten sichtbar schlechte Laune – die meisten Eingänge waren mit Poller gesichert und guter Rat teuer. Etwas später gurkte der Wagen wieder an uns vorbei, Er war wohl ausgestiegen, Sie wünschte sich woanders hin. Immerhin schien eine hilfsbereite Spaziergängerin einen Ausweg zu kennen. Rundum zwitscherten Vögel.

Mit jedem Schritt näherten wir uns jetzt dem Stadion, an einer Kneipe an der Straße stimmten sich Kölner und Frankfurter auf das Spiel ein kurz danach erreichten wir die offizielle Grenze, ab hier waren Bierflaschen verboten und rundum zeigte Polizei Präsenz. Blaulichter sausten über die Aachener Straße, der ganz normale Fußballalltag. Ich meine, Köln gegen die Eintracht: DAS ist Fußball.

Am Gästeingang gab es irgendwie ein bisschen Gehassel, Polizeipferde staksten umher, wir aber trafen Ina und konnten unsere Tickets in Empfang nehmen, während es am Eingang langsam voller wurde. Da kam wie aus dem Nichts Zolo und wies uns darauf hin, dass um die Ecke noch ein weiterer Eingang sei, dort langweilten sich die Ordner – und zack waren wir drin. Der Gästeblock war noch recht leer und so erklommen wir die Sonnenbeschienenen Stufen und wanderten nach oben. Dort trafen wir wie so oft Suse, Muelli und Arne und natürlich die ein oder andere Pappnase dazu. Bis jetzt war alles perfekt gelaufen – dies änderte sich, als wir die Eintracht beim Warmlaufen entdeckten. Blau. Babyblau. Kackblau. Die sportlichen Vertreter des Geburtstagskindes sollte tatsächlich in Blau spielen. es ist ein Elend. Zum Einen hat blau nichts aber auch gar nichts mit der Eintracht zu tun, zum Anderen haben wir in diesen Lappen noch nie gewonnen und zum Dritten ist das ein unwürdiges Geburtstagsdress. An allen drei Punkten sollte sich auch nach Abpfiff nichts ändern. Mittlerweile hatten Cheerleader den Platz betreten und cheerleaderten – dass es so etwas noch gibt, scheint verwunderlich in diesen Zeiten, aber gut. Köln.

Die Eintracht (in blau, man muss da mehrmals hinschauen) begann ohne Inui und Madlung, dafür waren die zuvor gesperrten Seferovic und Zambrano wieder ins Team gerutscht. Und damit hatte das Schöne des Tages für 90 Minuten Sendepause. Köln zeigte eindrucksvoll, weshalb sie bislang zuhause nur fünf Tore geschossen hatten und die Eintracht erspielte sich in den ersten 45 Minuten keine einzige Torchance. Ein klassisches Nullnull zur Halbzeit hätte man meinen können, wenn nicht urplötzlich Deyverson vor Trapp aufgetaucht wäre und den Ball über unsere Nummer Eins ins Netz gehoben hätte. Wie ging das denn jetzt? Kurze Zeit darauf eine ähnliche Szene, doch diesmal konnte Trapp im letzten Moment noch retten. Halbzeit, 1:0 Köln. Der Kicker: Die Eintracht blieb erstmals seit November 2007 ohne Torschuss in einer Halbzeit. Warum ist das so? Der Support der Kölner war hingegen eher mau, was vor allem daran lag, dass die ausgesprochenen Kollektivstrafen nach dem Platzsturm einzelner neulich weithin für Verdruss gesorgt hatten. Etliche Banner sprachen diese Sprache.

Nach dem Seitenwechsel ging die SGE entschlossener zur Sache, erspielte sich Chancen und Ecken – und so fiel folgerichtig der Ausgleich, wer sonst außer Meier hatte den Treffer im zweiten Versuch erzielt. Jetzt hatten wir Köln im Griff dachten wir – und ich ließ mich zu dem Spruch hinreißen: Heute musst du hier gewinnen. Als hätte mich Chandler gehört, ließ er Risse viel zu viel Platz – und schon stand es 2:1. Natürlich für den Eff Zeh. Den Rest des Spiels können wir getrost in der Kategorie „Comedy“ ablegen. Zambrano verlor die Kugel. 3:1. Stendera verlor die Kugel. 4:1. In Köln. In blau. Torschütze Ujah schien Hennes den Achten an den Hörnern durchs Stadion zu wedeln. Dass Meier in der letzten Sekunde noch einen Elfmeter verwandelte, hievte ihn zwar wieder an Robben in der Torjägerstatistik vorbei, machte die Sache jedoch nicht wirklich besser. Seferovic war zuvor von Wimmer im Strafraum umgerissen worden, was diesem glatt Rot einbrachte. Auch das war egal, Köln hatte gewonnen und die Frankfurter schlichen bedröppelt in die Kurve. Pia meinte lapidar: Verbrennt die blauen Lappen. Es war der meistgesagte Satz nach Spielende. Schöne Scheiße. Überall lange Gesichter auf unseren Seiten und mir war danach, Kölner Kids den Schal wegzunehmen oder Behinderte zu schubsen. Nein, dass mache ich natürlich nicht, es war nur so dahin gesagt, um meinem Zorn, meiner Ratlosigkeit ein Ventil zu verschaffen.

Wir warteten, bis sich der Block geleert hatte und latschten zurück Richtung Auto. Stefan, der in Köln ansässig ist, gab uns einen Tipp zwecks Abendessen und so landeten wir in der Dürener Straße beim Haus Moritz. Heute im Angebot: Adlerschnitzel mit Blaubeersoße. Nein, es gab Burger oder Jägerschnitzel – und die waren richtig gut, so dass wenigstens dies noch geklappt hat. Ich trank Spezi, Pia Wasser, zu dem die Einheimischen hier witzigerweise Kölsch sagen. Derweil bezwang Bayer Leverkusen in Paderborn der SC, unseren nächsten Gegner. Wenigstens kicken wir dann zuhause und in vernünftiger Kleidung.

Der Dacia parkte noch dort, wo er sollte, das Navi lotste uns souverän auf die Autobahn, das Radio dudelte vor sich hin und so rollten wir in die Nacht. Auswärtsfahrten sind lustig. Nur das Spiel ist ein bisschen lästig. Vor allem in Köln. Übrigens wurde das Spiel nicht in der Sportschau gezeigt, der Comedy Channel hatte sich die Rechte gesichert. Only Eintracht hurts like this.