Du Kappe, geh mal zum Friseur – Eine Geschichte der Amateure der Frankfurter Eintracht

Zwischen 1953 und 2014 stellte Eintracht Frankfurt neben den Vertragsspielern auch eine reine Amateurmannschaft. Deren Heimat war meist der Riederwald, der ein Jahr vor der ersten Teilnahme am Ligabetrieb offiziell eingeweiht wurde. Und da war natürlich immer etwas los.

Was haben Bernd Hölzenbein, Jürgen Klopp und Jay Jay Okocha mit Billy Ott, Danny Galm oder Rudi Doppel gemeinsam? Die pfiffigen unter uns wissen es natürlich sofort: Sie alle schnürten für die Frankfurter Eintracht am Riederwald die Fußballschuhe. Für die Eintracht Amateure natürlich, deren finales Spiel am 26. Mai 2014 in Koblenz abgepfiffen wurde. Die Anzeigetafel verkündete an jenem Tag ein stattliches 0:4. Hunderte mitgereiste Eintrachtfans bejubelten den überzeugenden Auswärtssieg und feierten zum letzten Mal die Mannschaft. Kurz zuvor hatte der Verein den Rückzug der Amateure oder besser U23 oder Eintracht II, wie es seit 2005 hieß, aus dem Spielbetrieb zur Saison 2014/15 beschlossen. Eine Ära, die 1953 begonnen hatte, ging nun zu Ende.

Von ganz unten …

In der allerersten Truppe, die 1953 in der B-Klasse Frankfurt Gruppe 2 an den Start ging, stand mit Hermann Höfer sogar ein späterer Deutscher Meister. Dabei wollte der hessische Fußballverband im Jahr 1952 zunächst den Antritt der Amateurmannschaften von Vereinen mit Vertragsspielern im Ligabetrieb verweigern. Erst die Androhung des DFB, den hessischen Startplatz bei der Deutschen Amateurmeisterschaft zu streichen, brachte ein Einsehen, der Weg war geebnet. Am Ende der ersten Saison wurden die Amateure souverän Meister. Neben einem Torverhältnis von 123:18 standen 49:3 Punkte zu Buche. Auch im folgenden Jahr sollte der Eintrachtnachwuchs aufsteigen. Diesmal im Kader mit dabei: Hansi Eigenbrodt. Fünf Jahre später wurde auch er mit der ersten Mannschaft Deutscher Meister.

Bis 1965 tummelten sich die Amateure der Eintracht in der 2. Amateurliga Frankfurt-West. 1965 qualifizierten sie sich für die neue Gruppenliga Süd, um 1969 erstmals in die Hessenliga aufzusteigen. Von 1969 an spielten sie bis 2008 nahezu durchweg in der Hessenliga, die 1978 in Oberliga Hessen umbenannt wurde. Diese war bis 1994 die dritthöchste deutsche Spielklasse. Gleich im ersten Jahr in der Hessenliga wurden die Amateure Hessenmeister und qualifizierten sich für die Deutsche Amateurmeisterschaft. Konnten sich die Jungs unter Trainer Udo Klug in der ersten Runde noch gegen Victoria Hamburg durchsetzen, so war in der zweiten Runde gegen die Braunschweiger Eintracht Schluss, zwei 0:1 Niederlagen stehen seither in den Geschichtsbüchern. Sogar im Süddeutschen Pokal sind die Amateure in dieser Saison angetreten, da sie 68/69 den Hessenpokal gewonnen hatten. Nach einem 1:0 gegen den KSC war nach dem 0:4 gegen den OFC jedoch Endstation.

Unterbunden war die Zeit in der Hessenliga von 1969 bis 2008 nur durch zwei einjährige Intermezzi in der Regionalliga Süd 1995/96 und 2002/2003. Zum Verständnis: Von 1963 bis 1974 waren die Regionalligen die zweithöchsten Ligen. Mit Einführung der zweiten Liga 1974 wurden die Regionalligen abgeschafft und zwanzig Jahre später wieder als dritthöchste Klasse etabliert. Mit der Einführung der neuen dritten Liga im Jahr 2008 war die Regionalliga nur noch die vierthöchste Spielklasse, die Hessenliga gar die fünfte. Dort aber sind die Amateure nie angetreten. Seit 2008 spielten sie konsequent in der Regionalliga Süd, die 2012 zur Regionalliga Südwest umstrukturiert wurde.

Hier fehlen die Perspektiven

Bemerkenswert der erste Aufstieg in die Regionalliga 1995. In der Oberliga Hessen lieferte sich das Team um Coach Rudi Bommer und Torhüter Oka Nikolov ein Kopf an Kopf Rennen mit dem SC Neukirchen. Als Bommer sich beim Spiel in Lohfelden fürchterlich über einen ungerechtfertigten Platzverweis von Thomas Sobotzik ereiferte, wurde er vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt. Mit Folgen. Der Hessische Fußballverband verdonnerte ihn zu einer Geldstrafe von 250 DM. Schiedsrichter xxx (Name der Redaktion bekannt) hatte folgenden Sachverhalt zu Protokoll gegeben: „In der zweiten Halbzeit wurde der Trainer von Eintracht Frankfurt nach mehrmaliger Reklamation an dem SR-Gespann auf die Tribüne geschickt. Nach dem Spiel sagte der Trainer von Eintracht Frankfurt ‚Du Kappe, lass dir mal die Haare schneiden‘ zu dem Schiedsrichter.“

Die ausgesprochene Geldstrafe wird dem Unrechtsgehalt der sportlichen Verfehlung gerecht stand anschließend in der Urteilsbegründung.

Die Eintracht aber ließ sich nicht beirren. Am Ende der Saison lagen Neukirchen und die Amateure punktgleich in der Tabelle vorn. Da das Torverhältnis nicht gewertet wurde, musste ein Entscheidungsspiel her. Im Gießener Waldstadion unterlag die Eintracht sang- und klanglos mit 0:4. Immerhin sollte es für die Amateure noch eine weitere Chance zum Aufstieg geben, im Relegationsspiel gegen den Zweiten aus Baden-Württemberg, den VfR Pforzheim, der als Favorit ins Rennen ging. 1.100 Zuschauer sahen in Sandhausen einen überragenden Matthias Hagner, dessen drei Tore doch noch für den Aufstieg der Eintracht sorgten, der Anschlusstreffer in der 85. Minute kam für die Pforzheimer zu spät. „Drei Treffer, die sein Team nicht nur in die dritte Liga führten, sondern gleichzeitig seine Abschiedsvorstellung waren. ‚Hier fehlen die Perspektiven‘ sagte Hagner, der seinen Vertrag bei der Eintracht gekündigt hat“ konnte man anschließend im kicker lesen. Soweit kam es dann doch nicht. In der folgenden Saison wurde Hagner sowohl bei den Amateuren als auch bei den Profis bester Torschütze der Eintracht. Genutzt hat es jedoch nur wenig, beide Mannschaften stiegen in der Saison 95/96 als Tabellensiebzehnter ab. Die Profis waren erstmals in ihrer Geschichte nicht mehr erstklassig.

Dieser Text und die folgenden sind in leicht anderer Fassung erstmals in der Diva 3/2014 erschienen.