Nun also Bordeaux. Gegen halb vier rollten wir, in diesem Falle Pia und ich in Darmstadt, ein, gegen 16:00 Uhr rollte ein schwarzer BMW auf die Autobahn. Nicht dass wir unseren Dacia eingetauscht hätten, nein, am Steuer saß Gerd und vor uns lagen nun insgesamt 2,500 km mit unterschiedlichen Etappen – inklusive Fußball in Bordeaux.

Kaum fuhren wir an, ging die Sonne unter, natürlich in orange, so wollte es der Brauch; Popmusik der Jahrzehnte begleitete uns, zwischen New Model Army und Rumpelstilz (Kennt ihr die noch? Leute,bin ich denn ein Kiosk? Oder bin ich etwa ’ne Bank? Oder seh‘ ich aus wie ein Hotel? Oder wie ein Kassenschrank?) War ne Riesennummer damals. Die Grenze zu Frankreich wurde geräuschlos genommen, die Farben der Hinweisschilder änderten sich, die Kennzeichen der fahrenden Wagen auch – dazu kam die weniger schöne Tradition des Straßenzolls. Auch das Telefonnetz änderte sich. Aus O2 wurde … Orange.

Der Norden Frankreichs muss schön sein, allein wir sahen wenig davon, spulten Kilometer um Kilometer ab und landeten 35 Euro später in Chalone sur Saône, einem kleinen Ort im Burgund, wie gemacht für eine Übernachtung. Gerd hatte ein Appartement nahe des Bahnhofs gebucht, welches unseren Ansprüchen vollauf genügte, zumal ein Späti bis nachts um drei offen hatte. Zunächst ein Road-Bier für den Weg zu einer Restauration, anschließend der Schoppen in der Bar Concorde inklusive Champions-League, PSG vs Olympiakos – soviel Stil muss sein. Die Preise trieben uns die Tränen in die müden Augen, da war dann der Späti natürlich ein Joker. Nachts schlich ich nochmal in Wintermantel und Schlafanzughose nach unten, das Gelächter im Raum war groß.

Der nächste Morgen brachte Kaffee und Croissants und die Weiterfahrt, zunächst über die Landstraße – mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Wir durchquerten das Land der Averner, gedachten natürlich Asterix und Obelix, hielten nach dem Avernerschild Ausschau und fuhren urplötzlich durch schneebedeckte Berge in Richtung Süden. Alle hundert Kilometer stieg die Temperatur um 0,5°, was keineswegs überbordene Hitze bedeutete. An den Hängen grasten Kühe, später verkündeten Weinreben das nahe Bordeaux.

Kaum waren wir eingefahren, standen wir schon im Stau, rollten schwerfällig über die Brücke der Garonne und entdeckten die ersten orangenen Kappen der Frankfurter. Auf dem Hinweg allerdings war uns nur ein einziger Frankfurter Wagen begegnet. Wir quälten uns an einem Weihnachtsmarkt vorbei durch die engen Gassen, Frankfurter mit orangenen Kappen bummelten mit einem kleinen Bähnchen fröhlich durch die Stadt, deren Architektur auf den ersten Blick geprägt war durch alte weiße, den Anstrich verlierende Häuschen und monströse Neubauten, vor allem im Bereich unseres Hotels, dessen Tiefgarage dermaßen eng war, dass wir beinahe einen Knoten in den BMW gefahren hätten.

Eine große Eintrachtfahne flatterte am Citadine Hotel, unserer nächsten Etappe. Natürlich waren schon jede Menge Frankfurter vor Ort und wir machten uns gleich auf, die Stadt zu erkunden. An allen Ecken und Enden hockten Eintrachtler, unschwer an mannigfaltigen orangenen Utensilien zu erkennen. Wir wanderten an den Fluss, marschierten durch die Fußgängerzone, bis wir schließlich am großen Place de la Victoire landeten. Dass wir auf dem richtigen Weg waren, verkündeten die Kappen,die leeren Flaschen und vereinzelt auf den Stühlen hängende Frankfurter, gezeichnet von der langen Anreise.

Auf dem Platz natürlich HalliGalli, tausende Eintrachtler säumten die Steine, Rauchschwaden zogen in die Luft, und in der untergehenden Sonne bot sich ein orangenes Bild allererster Güte. Einzig ein Bierstand stand mutterseelenalleine auf dem Platz, die meisten hatten sich für kleines Geld in den umliegenden Supermärkten mit Bier eingedeckt. Ein orangener Ball flog in die Höhe, Andy und Dirk interviewten Fans für Eintracht TV, während sich der Zug langsam in Richtung Stadion in Bewegung setzte. Orange Kaos, Böller, Karneval in Frankreich. Flankiert von der Polizei wanderten Tausende Frankfurter durch Bordeaux, ein beeindruckendes Bild, besser bekommen es auch die Holländer nicht hin. Wir seilten uns auf halber Strecke ins Hotel ab, nachdem ich dem Herrn Thoma noch mit einem Bier aushelfen konnte, machten uns stadionfein und waren alsbald wieder auf der Straße.

Erneut wiesen uns leere Flaschen den Weg, von Zeit zu Zeit pappte ein Eintracht-Aufkleber an einem Straßenschild und natürlich trafen wir jede Menge Leute, ein jeder mit seiner eigenen Geschichte. Alsbald ragte ein Fluchtlichtmast ins Dunkel, zum Einlass hin wurden wir nicht wirklich kontrolliert und suchten uns einen Platz im Stadion Jacques-Chaban-Delmas. Natürlich war unsere Kurve voll, natürlich leuchtete unsere Kurve orange und natürlich waren doppelt so viele Frankfurter wie Franzosen vor Ort.

Die Platzfindung gestaltete sich schwierig, nicht jeder arbeitete kollektiv mit. Als ich mich zu Matze stellte, meckerte ein Frankfurter, dass er nichts sähe und schubste mich leicht, die Situation drohte zu eskalieren, beruhigte sich alsbald aber wieder. Ein anderer beharrte stur auf seinem Stuhl, genau für diesen Platz hätte er ja schließlich bezahlt, der Trottel weigerte sich sogar nur einen einzigen Schritt zur Seite zu machen, auf dass Pia und ich nebeneinander stehen konnten – und dies obgleich sein Kumpel für ihn sogar Platz machte. Erbärmlicher Haufen. Vor uns standen jetzt Ruth und Holger und Thomas und ein nicht mehr ganz nüchterner Geselle, der sinnfrei vor sich hin krakelte. Was sich die ersten fünf Minuten ganz witzig anließ, begann danach zu nerven. Massiv zu nerven. Mittlerweile war unsere Kurve in Rauch aufgegangen, die Mannschaften eingelaufen und das Spiel angepfiffen worden.

Eine Kurve in Orange, eine Eintracht in Türkis und dazu der Gesang: Schwarz-Weiß-Rot – Das sind unsere Farben. Sehr skurril das Ganze. Letztlich freuten sich die Fans, dass sie vor Ort waren derweil die Eintracht nach Orientierung suchte – und nicht wirklich fand. Rein Fußballtechnisch waren die ersten 45 Minuten zum Vergessen, wir hatten uns schon zuvor auf die Suche nach einem besseren Platz gemacht – und sollten zu Beginn der zweiten Hälfte fündig werden. Oben saßen Flo und Matze, wir gesellten uns dazu, hatten eine gute Sicht und freundliche Nachbarn. Die einen schwenkten von Zeit zu Zeit eine große Eintrachtfahne, anderen supporteten oder kommentierten fachmännisch das Gesehene, es muss nicht immer Kindergeburtstag, Karneval oder Seniorenteller im Stadion sein.

Als Martin Lanig nach dem einzig gelungenen Spielzug für die Führung der Eintracht sorgte, glich unsere Kurve einem Tollhaus. Der Treffer bedeutete den sicheren Platz eins in der Gruppe, entsprechend gelöst die Stimmung nach Abpfiff. Tausende verharrten auf den Rängen, reckten die Schals in die Höhe, sangen Im Herzen von Europa, feierten sich und die Mannschaft und später sogar noch den Trainer, Armin Veh. Salu, Ca va …

Draußen trafen wir ZoLo, der keinen glücklichen Eindruck machte, einige der Gründe dürften demnächst medial aufbereitet werden. Wir suchten Gerd, fanden ihn wenig später und wollten gemächlich ins Hotel trotten, als Petra händeringend und mit leerem Akku ihre Begleitung suchte. Nach einigem Hin und Her war auch dies geklärt, Sandra und Markus waren da schon auf dem Weg zu ihrem VW Bus, nachdem sie zuvor erklärt hatten, dass tatsächlich einige Frankfurter in Bordeaux zelteten. Nur die Hadde … Später trafen wir noch Frank und Uli, die durchaus guter Dinge waren.

Kalt wars nun – und hungrig waren wir dazu, doch ein Rundgang um die vier Ecken brachte keine Linderung, also ging es ab ins Hotel, ein Hallo an Gabi und noch ein paar Bier zur Nacht und Stille.

Der nächste Morgen brachte für Pia eine gefüllte Badewanne, während Gerd und ich noch an der Matratze horchten. Etwas später als geplant verließen wir die Stätte unseres Triumphes und rollten noch weiter südlich. Nun ja, fast, zunächst ging es zu zwei kleinen Weingüter rund um Bordeaux. Dort füllten wir unsere Vorräte auf, probierten dazu ein Schlückchen und fuhren weiter in Richtung Arcachon, der nächsten Etappe unserer Tour de France. Nach einem Spaziergang am Bassin, der Bucht von Arcachon, checkten wir im Trianon direkt neben dem Kasino ein, und stellten fest, dass das kleine Städtchen kurz vor dem Winterschlaf steht. Während sich hier im Sommer Tausende durch die Gassen schieben, ging es nun gemächlich zu, etliche Läden waren geschlossen, man blieb unter sich.

Im Ort nebenan, La Teste-de-Buch, wurden im großen Stil Austern gezüchtet. Gerd hatte einen Platz aufgetrieben, wo diese quasi aus dem Wasser verkauft wurden. Teils zerfallene Hüttchen säumten die Straße der Fischer, kaum jemand war zu sehen und wir enterten einen kleinen, hemdsärmligen Laden mit einer freundlichen Verkäuferin, welcher Austern, Wein und Kleingetier zu vernünftigen Konditionen anbot. Wir orderten Austern und Krabben, tranken Wein dazu und ich war hochgespannt, was es denn nun mit jenen hochgelobten Austern auf sich hatte, ich hatte ja noch nie welche gegessen.  Und ich sage es vorweg: ich werde es auch nicht mehr wirklich. Die Bedienung öffnete und säuberte die Tierchen und servierte sie mit Zitrone. Ich träufelte ein paar Tropfen auf das Innere, löste das Fleisch vom Rand und schlürfte meine erste Auster. Schmeckte wie Glibber in Salzwasser mit einem Hauch Zitrone. Ich meine, ich liebe Gambas und Garnelen, Crevetten und Krabben und jedwede Art von Fisch – aber verborgen wird mir wohl ewiglich der Grund bleiben, weshalb Austern solch einen legendären Ruf genießen.

Seis drum, der Ort war ein guter, leider konnte ich ein schickes Servierschälchen nicht käuflich erwerben und schon waren wir wieder unterwegs zur Düne von Pilat – der größten Wanderdüne Europas. Vor dreißig Jahren hatte ich hier einmal drei Wochen Urlaub gemacht – damals wimmelte der Strand von Badenden, heute hatten wir ihn nahezu für uns. Ein paar Frankfurter hatten ihren Hang zur SGE auf den großen Steinen ehemaliger Bunker verewigt, ansonsten war nichts los. Wir blickten ehrfürchtig auf Düne und Atlantik, spazierten im Sand umher und fotografierten natürlich wie die Großen.

Zur beginnenden Dunkelheit fuhren wir zurück nach Arcachon, welches nunmehr weihnachtlich beleuchtet daherkam. Wir bummelten durch die Gassen, bestaunten Preise und Gebäude und besorgten für Matze noch eine Zeitung inkl. Spielbericht. Später am Abend gönnten wir uns Chez Yvette noch ein französisches Menü, futterten Salat mit warmen Ziegenkäse oder Fischsuppe, Schwertfisch und Hühnchen, tranken leckeren Chateau Bonnet (Entre-deux-mers) und freuten uns über einen gelungenen letzten Abend. Später im Hotel nutzten wir die Badewanne und Oui Fi, gönnten uns ein Schöppchen zur Nacht, während draußen zwischen den Bäumen die Weihnachtsbeleuchtung hektisch blinkte.

Der letzte Morgen in Frankreich brachte einen Spaziergang am Wasser, der uns zur Markthalle führte. Dort wurden richtige gebratene Hähnchen verkauft, nicht so Hüngerlinge wie bei uns. Natürlich war Fisch im Angebot, jede Menge Austern, das Dutzend um die sechs Euro, Wurst und Käse, Baguette und Croissants. Ein kleines Paradies für Genießer mit gepflegtem Geldbeutel. Wir deckten uns für die Fahrt ein, verabschiedeten uns vom Meer und schon ging die Reise wieder Richtung Heimat. Nun lagen 1250 km vor uns, der Großteil davon auf französischen Autobahnen. Ein kleiner Stau vor Bordeaux brachte die einzige kleine Verzögerung, ansonsten ging es mitten durch Frankreich, von dem man nicht wirklich viel sieht. Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde rollten wir durch das Land, Troyes, Reims, Orleans, Metz. Natürlich erhob sich Natur erst mit der Dunkelheit, zuvor erschien der Weg doch recht eintönig. Sarrebruck kam näher und näher, bis es Saarbrücken wurde und die Hinweisschilder auf Deutsch das nahende Ende unserer Reise verkündeten. Kaiserslautern, Mannheim, Darmstadt. Vorläufige Endstation, umsteigen in den roten Dacia Richtung Frankfurt. Wir verabschiedeten uns von Gerd, bedankten uns für die Möglichkeit, einmal mit nem Fünfer BMW durch Frankreich zu cruisen, stiegen in den kalten Dacia und tuckerten nach Frankfurt. Das wars also mit Bordeaux im Winter. Schön wars. Und das nächste mal dann alle wieder in traditionellem rotschwarzweiß. Denn das sind unsere Farben.