Da stand ich und blickte aufs Wasser. Linker Hand erwachte der Vorort, der Blick nach rechts offenbarte die Skyline. So ähnlich war es vor ein paar Tagen auch. Damals stand ich in Tel Aviv am Strand, nun allerdings am Eisernen Steg in Frankfurt. Immerhin: Neben mir stand Pia, ich war sozusagen wieder komplett. Es war frisch.

Zwei Schiffe dümpelten am Ufer, eines von der FuFa, eines von den Fanclubs. Da Niko uns Karten für Schiff und Spiel organisiert hatte, enterten wir das Boot der Fanclubs, hier ein Hallo, dort ein Gude Wie, viele waren müde und manch einer noch gedanklich in Israel. Wir bahnten uns den Weg nach unten, schusch hing am DJ Pult in den Seilen, hier saßen Kine und Petra und seit einiger Zeit mal wieder Annika und Domenico, während wir uns zu Ariane, Niko und Johannes an den Tisch setzten. Von Vorfreude war wenig zu spüren, allen steckten die vergangenen Niederlagen in den Knochen, selbst Pia musste mehr oder weniger zart aufs Schiff geschubst werden. Wir befanden uns nun auf der Nautillus, vor uns fuhr das Wappen von Frankfurt, dort waren Kommando Westend, Bembelbar und Schobberobber mit dabei. Zumindest wehten deren Fahnen an der Reling.

Ich wanderte hoch aufs Deck, die Reise begann. Wir durchquerten den Eisernen Steg, hielten Kurs aufs Äbbelwoiglas und tuckerten Richtung Höchst. Längere Aufenthalte auf Deck waren ungemütlich, eine Zigarette, ein Plausch, schon gings nach unten, dort wars warm. So ging es eine Zeitlang, mal ein Schöppchen besorgen, mal ein Kippchen rauchen, mal ein Schwätzchen halten und mal nach draußen gucken. Von Zeit zu Zeit winkten Eintrachtler am Ufer, oder auf den Schleusen, und ab und an stand ein Polizeiauto im Gebüsch und beäugte uns misstrauisch. Alleine auf der Fahrt hatte ich mehr Polizei gesehen, als während der kompletten Israeltour. Mit steigendem Bierkonsum hob sich die Stimmung, jedoch keinesfalls überborden. Schals wurden nach oben gereckt, im Herzen von Europa gesungen.

Als wir in Mainz ankamen, umkreiste uns ein Polizeiboot, ein weitaus größeres Aufgebot erwartete uns an Land. Doch zunächst mussten beide Schiffe noch eine ganze Weile auf dem Rhein treiben, bis wir anlegen durften. Oben auf der Brücke Rennerei – doch es war harmlos, ein Volkslauf führte heute durch Mainz. Dann verließen die Eintrachtler das Wappen von Frankfurt, anschließend waren wir dran, hasteten durch die Absperrgitter, Pia hatte Ariane im Schlepptau. In Sichtweite Polizei und Shuttlebusse, auf die wir gar keine Lust hatten. Wir trafen ZoLo und Axel, scheinbar ging ein Böller in die Luft, von daher hieß es: Ab in die Busse.

Pia und ich durchkletterten die Absperrung und planten einen Marsch durch die Altstand, sofort kam ein Trupp Uniformierter auf uns zu – doch manchmal ist es von Vorteil, in Diensten von Eintracht Frankfurt zu stehen, wir durften unseren Weg individuell fortsetzen und marschierten in die City, die recht ausgestorben daherkam. Dennoch: Freiheit. Am Dom kam uns ein Grüppchen Läufer entgegen: Erbarme, zu spät, die Hesse komme riefen sie, wir lachten. Ich stimmte nochmal an: Erbarme, zu spät und sie antworteten lachend: Die Hesse komme.

Wir machten einen kleinen Rundgang durch die Stadt und fragten einen Mainzer Fan (erkennbar an der Kappe) nach dem besten Weg ins Stadion, er bot uns an, ihn zu begleiten. Er war nett, war schon in den Siebzigern zu Oberligazeiten dabei, wir tauschten Geschichten aus, während wir zunächst in die Straßenbahn und am Bahnhof in die Busse stiegen, die Fahrt verlief gesittet und wir wanderten gemeinsam zum Stadion nah an der Uni. Am Eingang trennten sich unsere Wege, sowohl er als auch wir hatten nichts Gutes befürchtet, von daher dürfte vom Spiel wohl nichts zu erwarten sein.

Dadurch, dass wir aus der Stadt kamen, ging der Einlass in den Gästebereich flott, die meisten Frankfurter mussten sich ja von der anderen Seite zum Einlass drängeln. Wir  ließen uns durchsuchen, ein humaner Vorgang und wanderten nach oben. Dort trafen wir Stefan und Christian, die hinter Arne, Suse und Muelli standen, die ich eben noch am Ben Gurion Airport in Tel Aviv gesehen hatte. Jetzt also Mainz. Ein kleiner Zeppelin reklamte durchs Stadion, dass eigentlich recht gelungen ist, der Stadionsprecher ging uns ganz traditionell auf die Nerven – letztlich forderte ihn eine ganze Kurve zum Schweigen auf – vergeblich.

Mainz 05 in rot-weiß, die Eintracht in grüngerippt, Schalparade der Einheimischen bei einem Lied, welches nach Liverpool gehört, dann ging’s los. Nach drei Minuten köpfte Meier an den Pfosten, und die nächsten 45 Minuten ging es hin und her, hochklassig geht anders, beide Teams hatten Chancen, Inui stolperte, der Ball verweigerte sich  jedoch dem Tor. Halbzeit.

In der zweiten Hälfte blubberte das Spiel vor sich hin, und sehenden Auges schien die Eintracht nachzulassen. Also gut, 0:0 dachte ich und verfolgte die untergehende Sonne. 80. Minute, 82. Minute, 84. Minute – der Eintracht gelang nichts mehr – und es kam, was kommen musste. Flanke Mainz, Kopfball des eingewechselten Choupo-Moting, Tor für Mainz. Abpfiff.

Einige schimpften, andere starrten schweigsam auf das Spielfeld. Dino hob fragend die Arme, Sebastian Jung guckte ratlos zurück. Zaghafter Beifall der Mannschaft an die Kurve, die wiederum pfiff oder schmollte. Welch Elend.

Wir drängten Schrittchenweise aus dem Block, wanderten zu den Shuttlebussen und wunderten uns, weshalb vom Ultra bis zum Polizisten, vom Ordner bis zum Senior jeder auf die untere Seite unseres Busses starrte. Wir hielten. Fuhren weiter. Hielten erneut. Was war da? Basti versuchte, es heraus zu finden – vergeblich. Immerhin erreichten wir den Bahnhof, starrten auf die Reifen und erkannten: Nichts. Seis drum.

Zu Hunderten enterten wir den Bahnsteig, drängten uns vor die Gleise, doch statt des Zuges nach Frankfurt fuhr die reguläre S-Bahn nach Wiesbaden ein, Fahrgäste bahnten sich ihren Weg durch deprimierte Eintrachtler, wir bewunderten die Orga. Zwanzig Minuten später rollte unser Zug ein, ein Geschiebe, ein Gequetsche. Pia fand einen Platz, Thomas saß neben uns, so recht fanden wir keine Erklärung für das soeben erlebte auf dem grünen Rasen. Ergo rollten wir von Bahnhof zu Bahnhof bis wir endlich die finale Station am Hauptbahnhof erreichten. Natürlich fuhr uns die U4 vor der Nase weg. Ferschkes kamen vorbei, sie hatten Glück und konnten die U5 zum Römer nehmen, wir warteten, hockten uns in die U4, stiegen Bornheim Mitte aus und wanderten nach Hause. Lust auf Sportschau oder solche Faxen hatte niemand. Pia kochte Nudeln, ich hing fröstelnd im Bett und las Die Odyssee von Asterix. Dort kommt nämlich Jerusalem vor. Quo vadis Eintracht?