Eins vorneweg, es war die erste Fahrt ohne meine kleine Kamera. Diese ist mir letzte Woche auf dem Museumsuferfest auf den Boden gepurzelt – und war hin. Von daher musste das Handy ran – und das ist nun nicht gerade neu. Gut, dass auch Pia ihres dabei hatte. Sinsheim also, dort, wo der Eintracht bislang noch kein Sieg gelungen ist.

Ein nicht unerheblicher Aspekt einer Reise ist der Start. Insbesondere dann, wenn der silberne Golf seit geraumer Zeit ein Eigenleben führt und mitunter selbst entscheidet, wann er anspringt – oder eben nicht. Wir hatte Glück, kurz vor zehn ratterte das Maschinchen wie am Schnürchen derweil die Sonne schon früh auf einen freundlichen Tag verwies. Stefan wartete schon an der Günthersburgallee auf uns und alsbald rollten wir wie so oft auf die Autobahn. Vor uns lagen 125 km einfache Strecke und mit uns reiste die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Erfolgserlebnisses von letzter Woche, als die Eintracht in einem begeisternden Spiel Bayer Leverkusen mit 2:1 niederringen konnte. Über die A5 sausten wir auf die A6, standen ein paar Minuten bei Heidelberg im Stau und erreichten Sinsheim lässig gegen halbzwölf.

Der erste Weg führte natürlich schnurstracks in ein … Schuhgeschäft. Hatte Pia noch bei der letzten Tour hierher aus dem fahrendem Wagen in jenem Laden runtergesetzte orangene Chucks erspäht, so trug sie diese nun an den Füßen und ein erneuter Blick kann ja nie schaden. Diesmal jedoch verließen wir das Geschäft mit leeren Händen, ich nutzte die Gelegenheit, um in einem nahen Fotoladen nach zu schauen, ob vielleicht eine Kamera wie meine verlustige im Angebot sei, aber auch hier war nichts zu holen, außer einem freundlichen Gespräch mit einer fachkundigen Verkäuferin. Immerhin.

Kurz darauf trafen wir Christian und Berge, einem Sinsheimer Gladbachfan und wanderten in die Pizzeria, die wir schon beim letzten Ausflug aufgesucht hatten. Leider hatte der Biergarten geschlossen, so saßen wir bei bestem Wetter drinnen – und waren nicht die einzigen Frankfurter, die sich hier breit gemacht hatten. Aus Erfahrung wussten wir, dass eine große Pizza hier in der Tat groß zu nennen ist, ergo orderte ich eine kleine und war zufrieden. Weniger Zufriedenstellend jedoch verlief der Bezahlvorgang, gleich vier Mal forderten wir die Rechnung und waren schon drauf und dran, uns aus dem Staub zu machen, als diese dann doch noch kam. War überschaubar, wie der ganze Ort, den wir per Pedes erkundeten, ehe wir zum Stadion auf der grünen Wiese aufbrachen.

Es scheint so, als konzentriere sich in Sinsheim alles auf Fußball, der Rest scheint im schleichenden Verfall begriffen; das Hallenbad ist für immer geschlossen, die Messe wird eher selten genutzt, von Hoppschen Geldflüssen auf den ersten Blick keine Spur. Wir verließen den Ort durch einen kleinen Tunnel und wanderten durch das Industriegebiet in Richtung Stadion; Frankfurter fuhren vorbei und gaben die Herkunft lautstark kund, zumindest solange keine Polizeiwagen in der Nähe war. Der durchschnittliche Hoffenheim-Fan scheint familiär gebunden, Kuttenfans sind eher selten. Als in Frankfurt oder Gelsenkirchen Kutten modern waren, reichte hier ein Gehstock um auf dem Dorfsportplatz dem Schiedsrichter zu drohen. Und das ist noch gar nicht solange her. Jetzt gibt es an der Tankstelle Fanartikel der TSG zum halben Preis.

Alles in allem fiel der Ausflug bislang in die Kategorie „Gemütlich“. Ein weiterer Tunnel führte uns neben den Parkplätzen an die Arena, die hochoffiziell Wirsol Rhein-Neckar-Arena heißt und sich direkt an der Autobahn gegenüber dem Technik-Museum befindet. Stefan wanderte weiter zu den Stehplätzen, Pia, Berge, Christian und ich erklommen die Stufen zu den Sitzplätzen, man nimmt ja, was man bekommen kann und alsbald hockten wir nebeneinander mittig hinter dem Tor, umringt von jeder Menge Eintrachtler, die fortan auch den Ton angaben – und zwar in jeder Beziehung. Zuvor wurde noch der Text des Hoffe-Fan-Songs eingeblendet (Neiderei und Lästerei gehen uns am … vorbei …) der dennoch nicht mitgesungen wurde. Als die Fahnenschwenker dann auf dem Platz mit den Fahnen wedelten, erklang das Badener Lied – und auch dieser Text wurde eingeblendet. Tradition verpflichtet. Später zogen die Fans hinter dem Tor zwei Blockfahnen auf: Hurra, das ganze Dorf ist da. Mögen sie dies demnächst wieder gegen Pfullendorf machen.

Nun gut, das Stadion schien nicht ganz ausverkauft, Neuzugang P. Ochs war ebensowenig im Kader von Hoffenheim wie Chris, es wäre auch seltsam gewesen, ausgerechnet diese beiden im Sinsheimer Trikot gegen die Eintracht spielen zu sehen. Die Eintracht begann wie schon im ersten Heimspiel mit Trapp im Tor, innen verteidigten Anderson und Zambrano, außen Jung und Oczipka, im Mittelfeld sorgten Schwegler und Rode für den Spielaufbau, während Meier sowie Inui und Aigner Druck nach vorne ausüben sollten derweil Occean als einzige Spitze nominiert war. Bei Hoffenheim stand Tim Wiese im Tor, ein Anblick, der gewöhnungsbedürftig ist.

Ein paar Tausend Eintrachtfans erlebten ein unterhaltsames Spiel und sie hielten zwei Mal den Atem an, als sich die TSG durch die Abwehr kombinierte, die Kugel jedoch nicht hinter Trapp im Gehäuse unterbrachte. Und als der Ball im Netz lag, entschied Schiedsrichter Weiner völlig zu Recht auf Abseits. Langsam kam die Eintracht besser ins Spiel und ging durchs einen Schuss von Meier nach 39 Minuten in Führung. Und als wir noch ungläubig auf den Rasen starrten, schnappte sich Schwegler den Ball, marschierte Richtung Tor und zog aus knapp dreißig Metern ab. Die Kugel driftete urplötzlich nach rechts ab und schlug unhaltbar hinter Wiese zum 0:2 ins Netz. Die SGE ist wieder da.

Lange dauerte es dann, bis Trapp in der zweiten Hälfte einen Ball halten musste. Hinten stand die Eintracht sicher, das Mittelfeld wirbelte und erspielte sich noch einige Chancen. Auf den Rängen wurde der Europacup gefeiert – vor allem, als die Blitztabelle eingeblendet wurde. Ganz oben thronte die Frankfurter Eintracht: Spitzenreiter, Spitzenreiter hey, hey hey. Ungläubig verfolgten wir das Spiel; die TSG wusste sich nur noch mit Fouls zu wehren, der gelbrot gefährdet Weis ging vom Platz, für ihn kam Salihovic – und für diesen war die Partie nach vier weiteren Minuten schon wieder beendet. Seine erste Aktion brachte gelb, die zweite gelbrot. Als Schröck nur drei Minuten später ebenfalls die Ampelkarte sah, schien die Partie endgültig gelaufen. Die Eintracht schob sich die Kugel zu – ohne jedoch zwingenden Druck auszuüben. Erst als sich Oczipka in den Strafraum tankte und zu Fall gebracht wurde, Weiner auf Elfmeter entschied und Meier sicher zum 0:3 verwandelte, war der Drops gelutscht. Martin Lanig wurde in der 88. Minute eingewechselt und nutzte seinen Kurzauftritt wie schon gegen Leverkusen zu einem wunderbaren Kopfballtreffer, nach einer herrlichen Flanke von Oczipka. 0:4, dannach war Schluss. Die Eintracht führte die Tabelle an, Hoffenheim war ans Ende gestürzt, die Sonne schien – Fußballherz, was willst du mehr. Wir feierten die Mannschaft noch eine ganze Weile und wanderten neben den sich stauenden PKWs beschwingt zurück zum Golf, der jetzt nur noch anspringen musste. Und dies machte er anstandlos. Wir verabschiedeten uns von Berge, der die Partie relativ emotionslos verfolgt hatte, seine Gladbacher hatten ja erst zum Abendspiel in Düsseldorf anzutreten und tuckerten gemächlich zurück.

Statt sich auf der Autobahn einen Stau einzufangen, rollten wir auf der Landstraße Richtung Heidelberg. Die Sonne bestrahlte das Grün des Kraichgaus in einem warmen orange, aus den Lautsprechern erklang das neue Album von Dead Can Dance, die nach 16 Jahren wieder eine Veröffentlichung vorgelegt hatten. Nebenan mäanderte glitzernd der Neckar, über Neckargemünd erreichten wir Heidelberg und kurz darauf auch die A5. Gladbach und Düsseldorf mühten sich währenddessen zu einem 0:0 und somit blieb die Eintracht auch über Nacht Tabellenführer der ersten Bundesliga. Ein unglaubliches Gefühl. Wir überlegten uns, welche Städte im Europapokal der Landesmeister ein lohnendes Ziel wären, ich hätte nichts gegen Porto, Amsterdam und Marseille, würde aber auch Dublin oder Glasgow nehmen. Jaja, ich weiß, sechs Punkte gegen den Abstieg

An der Günthersburgallee verabschiedeten wir uns von Christian und Stefan und parkten den silbernen Golf, der uns auch heute nicht im Stich gelassen hatte. Welch ein grandioser Tag, welche ein grandioses Spiel, das zudem den allersten Sieg gegen Hoffenheim in der ersten Bundesliga gebracht hatte. Und das nächste Mal habe ich hoffentlich auch eine neue Kamera. Auswärtssieg!