Nach der aufregenden letzten Woche stand jetzt also das finale Spiel der Saison 2011/12 in Karlsruhe auf dem Programm; vielleicht das überflüssigste Spiel des Jahres – zumindest aus Sicht der Eintracht. Wer immer jedoch auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet den Kick zwischen dem KSC und der Eintracht auf den letzten Spieltag zu terminieren – in Kenntnis der Rivalitäten – der hat nicht wirklich nachgedacht. Wie auch immer; Sonntagmorgen kurz vor halb neun, Kaffee, Kippchen, Karlsruhe.

Wie so oft ein Vermögen in den Tank geschüttet und dann bei Regen rauf auf den Highway, die 75 PS des silbernen Golfes schnurrten klaglos über den Asphalt, die Badeente (schwarz) staunte auf der Hutablage durch das Heckfenster nach draußen, der Wackel-Terrier hielt uns nach vorne den Weg frei, die Scheibenwischer taten ihr übriges. Doch die Hoffnung auf einen sonnigen Tag hatte ich noch nicht aufgegeben, immerhin standen zuletzt vorhergesagtes und erlebtes Wetter in einem erheblichen Widerspruch. Pia sagt schon gar nichts mehr; zuletzt fuhren wir bei 85% Regenwahrscheinlichkeit nach Aachen. Natürlich war es den ganzen Tag über dann trocken.

Regenwolkenverhangen die grünen Hügel des Odenwaldes, rechter Hand stachen Saisonarbeiter mühsam den Spargel derweil The Twilight Sad Kill it in the morning sangen. Später lief nur das neue Album von Killing Joke, betitelt MMXII:

I’ve seen you, in a dream,
On
a sunny day, where the skies are clear.
I’ll see you, in Cythera,
On
an island, far away from here.

Darmstadt, Bergstraße, Heidelberg – je näher wir dem Ort des eigentlichen Geschehens kamen, desto sonniger wurde der Tag; kurz vor Karlsruhe überholten wir eine Kolonne von Wasserwerfern und wurden so schon früh an das größte Polizeiaufgebot erinnert, das jemals wegen eines Fußballspieles in Baden-Württemberg aufgeboten wurde. Wie groß das ganze werden sollte, sollten wir erst später erfahren.

Bei KA-Durlach verließen wir die Autobahn [Nachtrag: und erkannten an einer Ampel einen schicken Wagen mit Mainzer Kennzeichen (MZ – CO …), einem Aufkleber der Coface Arena und – dem Eintracht-Adler. Bei nächster Gelegenheit ließ ich die Scheibe runter und fragte nach … und richtig: Im Auto saßen Mitarbeiter der Mainzer Arena im Dienstwagen; beide große Eintrachtfans und auf dem Weg in den Wildpark. Großartig.] Wir parkten den Golf in der Oststadt, fernab von City und Stadion und möglichem Gehassel – aber nah genug, um alles Spannende lässig per Pedes zu erreichen. Altbauten, Kneipen, Sonntagmorgenfrieden.

Da mein Kumpel Mustafa mit seiner Familie nur ein paar Schritte vom Parkplatz entfernt wohnt, überfielen wir sie spontan und erzwangen einen Kaffee, der uns Frankfurter Wilden angstschlotternd gewährt wurde. Leider waren sie zu einer Feier unabhängig vom Fußball eingeladen und so plauderten wir über die Eintracht, den KSC und das Leben im Allgemeinen und schon schlenderten Pia und ich mutterseelenallein durch die Oststadt Richtung Vogelsbräu. Vogel, wie wir salopp sagen; eine Bierwirtschaft größeren Ausmaßes, gefüllt mit KSC-Anhängern und natürlich auch etlichen Eintrachtlern.

Ulrich und Karin saßen am Tisch, wir gesellten uns dazu, verschwatzten die Zeit, tranken ein hauseigenes Bier und aßen einen Schweinebraten in Biersoße. Also ich; Pia lebt gesund und knabberte an einem Salat mit Kartoffelecken. Kaum hatten sich Ulrich und Karin verabschiedet, stießen Frauke und Öri zu uns und alsbald machten wir uns auf den Weg Richtung Wildpark. Hubschrauber kreisten flügelschlagend, auf dem Weg wanderten Fußballfans völlig ungetrübt zum Stadion. Auf dem Adenauerring aber stapelten sich die Polizeiautos.

Hinten zwischen den Bäumen stapelten sich hingegen KSC- und Eintrachtfans in einer langen Schlange, um durch einen winzigen Eingang Einlass in den Block E4 zu finden. Pferd und Öri versuchten, für eine bessere Einlass-Situation zu sorgen, ob es geklappt hat, kann ich nicht sagen. Da Frauke, Pia und ich ausnahmsweise mal Karten für die Haupttribüne hatten, schlugen wir uns zwischen Polizei und KSClern durch zum Haupteingang, der von einem steinernen nackten Mann bewacht wurde. Ruckzuck waren wir drinnen und hörten schon von weitem einen Knaller nach dem anderen. Buff. Buff. Buff. Rauch stieg auf – wir aber sahen nur die letzten Zuckungen des Spektakels – und ich wunderte mich, weshalb der Rauch zum Teil orange war. Nun gut, orange Chaos. Später entdeckte ich auf einer Fotostrecke einen auf dem Zaun sitzenden „Fan“ mit grün-weißer Hasskappe und einem grünen Bengalo in der Hand. Und nachdem schon die Fotos nach dem Spiel gegen 1860 an vorderster Front einen jungen Mann mit grün-weißem Schal zeigten, muss man doch mal ganz klar sagen, dass unsere Farben Rot-Schwarz-Weiß sind. Alles andere hat nur in extremen Ausnahmefällen (wie neulich beim Besuch der Bergamasci) in unserer Kurve etwas verloren. Rot. Schwarz. Weiß. Über die Böller sage ich nichts. Ich hoffe, die Aktivisten bekamen ihre Grenzen aufgezeigt.

Um uns herum versammelte sich ein buntes Völkchen aus Frankfurtern und KSClern – und während die Karlsruher um ihren KSC zitterten und das frühe 1:0 ausgiebig feierten, plagten wir uns mit der Leistung der Eintracht herum. Nach dem 0:2 gegen 60 bahnte sich die zweite schlappe Leistung an. War die Niederlage gegen die Löwen sportlich irrelevant, so wäre es ein hoffnungsvolles Zeichen gewesen, den Abstiegskampf mit einer beherzten Leistung zu entscheiden. Zugunsten der Alemannia – nichts gegen den KSC, dieser war ja nur zufällig unser Gegner. Aber da wir in Aachen den Aufstieg klar gemacht hatten, wäre es nur recht und billig gewesen, alles zu geben. Zumal auch die Fans ein Anrecht haben, maximale Leistung erleben zu dürfen. Frei jeder Schuld hierbei ist Sebastian Jung, der wohl krankheitsbedingt auf einen Einsatz verzichten musste – es wäre sein 34ster gewesen. Somit hat kein einziger Eintrachtler alle 34 Spiele mitgemacht.

Es kam, wie es kommen musste – der KSC sicherte sich mit dem 1:0 Sieg immerhin die Teilnahme an der Relegation; Aachen jedoch stieg trotz eines Auswärtssieges bei 1860 in die dritte Liga ab. Im End aber ist der letzte Spieltag nur einer von 34 – und wer es versäumt in den anderen 33 Spiele die Punkte zu holen, der guckt am Ende blöd aus der Wäsche. Ein schaler Beigeschmack bleibt dennoch.

Was sich aber nach dem Schlusspfiff in Karlsruhe ereignete, spottet jeglicher Beschreibung. Die schon vor Ende aufmarschierten und am Rande positionierten Hundertschaften marschierten gleich einer nordkoreanischen Choreografie auf den Platz, es waren keine Hunderte, es waren Tausend. Und dann kamen die Pferde; grazil tänzelnd huften sie auf das Spielfeld – derweil kein Karlsruher und kein Frankfurter Anstalten gemacht hatte, Anstalten zu machen. Es zeigte sich eine hochgradig absurde Situation; aus Tausenden Kehlen ertönte es völlig zu Recht: „Ihr seid so lächerlich“ und ich fühlte mich, wie im Zirkus. Clowns und Pferde waren schon da, es fehlten nur noch die wasserspeienden Elefanten. Sicher aber war ich mir über kommende Schlagzeilen: Dank ausgeklügelter Polizeitaktik konnte das Allerschlimmste im Zaume gehalten werden.

Enttäuscht ob der Niederlage, sich lustig machend über den Einsatz der Tausendschaft, marschierten wir mit Thor durch den Wald zurück auf die Straße. Thor machte sich auf Richtung Vogelsbräu, wir wanderten am Feinwarengeschäft Günther vorbei zum Golf, der noch genau so dort stand, wie wir ihn in den Morgenstunden verlassen hatten und tuckerten zurück auf die Autobahn.

Nach wenigen Kilometern warnten uns große Schilder vor einem Stau, der sich prompt meldete und anschließend knapp zehn Kilometer hinzog; And also trees spielten nur für uns das neue Album Hunter not the hunted, die Sonne mengte sich mit den Wolken zu fabelhaften Bildern, alsbald lag der Stau hinter uns, wir überholten etliche Eintracht-Busse (Hey Stadtallendorf, ich bin nicht Funkel, ich bin Beve) und  rollten gegen halb sieben in Frankfurt ein. Regen.

Wir hatten aber noch Großes vor. Der Römer wartete auf uns. Nein nicht falsch verstehen, üblicherweise hätten wir um eine solche Veranstaltung in der jetzigen Sizuation einen großen Bogen gemacht; da wir aber auf Grund unserer aufopferungsvollen Arbeit für das Eintracht-Museum Einlasskarten für In-den-Römer hatten, wollten wir uns diese Chance nicht entgehen lassen. So parkten wir den Golf citynah, machten uns – für meine Verhältnisse – fein und marschierten auf den Römerberg, der erstaunlicherweise gut gefüllt war. Life is life wummerte fernab jeglicher Ultra-Aggro-Musik aus den Boxen, so manch Internet-User hätte seine helle Freude daran gehabt. Wir nicht.

Nun gut, lässig schlenderten wir in den Römer, warfen einen Blick in den Kaisersaal, trafen jede Menge bekannte Gesichter und lauschten den Worten der Oberbürgermeisterin, die die Eintracht im nächsten Jahr in der Champions-League sah und ihre Rede mit einem, bzw. sogar zwei Glück Auf Eintracht beendete, dem klassischen wohlwollenden Gruß hier in Frankfurt. Später sprach noch Heribert Bruchhagen und er sprach in Gleichnissen. Lange schon wünschte sich ein jemand ein Pony – doch niemals wurde es angeschafft – da das Geld fehle. Und er meinte dies natürlich bezogen auf den Wunsch nach der Königsklasse im Verhältnis zum Geld, dass von der Eintracht ja im Rahmen der Stadionmiete an den Stadtsäckel überwiesen wird, statt nach Barcelona für Messi. Oder so ähnlich. So oder so war der Tag recht Pferdelastig. Dann kam die Mannschaft.

Ich verkrümelte mich nach draußen, um die Reaktion der Fans zu erleben; Rauch und Bengalos flammten auf, Fahnen wehten in der Luft und die Schals wurden in die Höhe gereckt. Das Team, aber brav im Anzug, platzte auf dem Balkon nicht gerade vor überbordener Begeisterung – und als We are the champions gespielt wurde, ging ich wieder rein. Abgesehen davon, dass wir die Nummer 20 in Deutschland sind und keineswegs die Nummer Eins, gibt es eigentlich nur noch „Stand up for the champions“ von Right Said Fred, das noch schlimmer bei einer Ehrung kommt. Ich meine 1978 war es bestimmt toll und einfallsreich, einen Sieger mit Queen zu ehren. Heute nicht. Prompt ertönte dann auch Right Said Fred und wir wanderten zwischen Buffet und Getränkestand umher und schwatzten bis sich die Reihen deutlich gelichtet hatten. War auch mal interessant und natürlich nett von der Eintracht, dass sie an uns gedacht hatte.

Dann ging es brav nach Hause. Leider hatten es weder St Pauli noch Paderborn geschafft, die Fortuna abzufangen – die nun gegen Hertha BSC um den letzten verbliebenen Platz in Liga Eins spielt. Und nachdem es in der kommenden Saison ja schon nicht gegen Union Berlin geht, so wäre wenigstens eine Partie gegen die Hertha in der Hauptstadt mit einer Bembelbar gesegnet.

Das war’s also für’s Erste in Liga Zwei. Es war nicht alles schlecht; die Spiele in Berlin und gegen Aue bildeten vielleicht die Höhepunkte gemeinsam mit den Derbys gegen den FSV; Alex Meier ist für mich der Spieler der Saison und ich bin gespannt, wie sich Oka Nikolov im kommenden Jahr gegen wen auch immer behauptet. Die schönste Meldung des Tages aber kam von unserer U19. Die Mannschaft um Trainer Alex Schur hat schon vor Saisonende den Klassenerhalt in der Junioren-Bundesliga-Süd/Südwest geschafft. Nachdem letzte Woche der Club mit 1:0 bezwungen wurde, so gab es nun ein 5:0 beim 1.FC Saarbrücken und ein schwieriges Jahr fand doch noch ein versöhnliches Ende. Glück Auf! Äh, Glückwunsch natürlich.