Pia hatte die Idee: Frag doch mal Timm, ob er Lust hat, die Eintracht zu sehenes ist doch nicht weit. Gute Idee, fürwahr. Da der Bub heute nicht mit seiner Mannschaft, der Spvgg Seligenstadt, trainieren musste und Zeit hatte, galt es als ausgemacht: Heimspiel in Großkrotzenburg. Mit dabei: Papa Eins (meiner), Papa Zwei (Timms) Sohn Eins (Timm) und Onkel Beve. Als ich Timm abholen wollte, war er schon abfahrbereit: Mütze, Schal, Jacke, Shirt und Schweißband – allesamt mit Adler. Da muss sein Papa zwei Mal schlucken, sagt man ihm doch einen Hang zum Verein östlich von Fechenheim nach, aber gut, da muss er durch. Halbherzige Abwerbeversuche (Ich fahr zum Bieberer Berg jetzt, kommste mit?) scheiterten grandios: Ich hasse die Kickers meinte der wohlerzogenen Nachwuchs, den ich voller Stolz betrachtete. Von wem hat er das bloß?

So rollten vier Buben von Sieben bis 70 bei strahlendem Sonnenschein über Alzenau Richtung Großkrotzenburg während Mama Beve auf Timms Schwester aufpasste. Mama Timm musste leider Richtung Arbeit, aber vier Jungs unter sich, das hat was. Die Anfahrt gestaltete sich unkompliziert, die Großkrotzenburger hatten kurzerhand eine Fahrspur vor dem Sportplatz zum Parkplatz umfunktioniert und nach wenigen Schritten holten wir am Eingang des heimischen Oberwaldstadions die Eintrittskarten zu acht Euro das Stück für Erwachsene. Als uns zwei Mädels zwecks Losverkauf anquatschten, schlugen wir gleichfalls zu und waren nun gut gerüstet. Das kleine Stadion war schon ordentlich gefüllt, die Tribüne vollbesetzt – die offizielle Zuschauerzahl wurde später mit 2.000 angegeben. Nach einem kurzen Blick auf den Rasen wanderten wir zur Gegengerade und fanden auf Höhe der Mittellinie ein gutes Plätzchen. Die tiefstehende Sonne blendete zwar, aber als ich Timm vor die Bande hob und es mir mit ihm dort gemütlich machte während Opa die erste Runde Getränke springen ließ, war die Welt in Ordnung.

Direkt vor uns schnickten sich die Ersatzspieler für das heutige Spiel Nikolov, Caio, Gekas, Friend, Schildenfeld, Tzavellas und Titsch-Rivero die Bälle zu; Timm kannte sie fast alle, nur bei Titsch meinte er kurz, ob der Blonde Rode sei. Als ich verneinte und erklärte, dies sei Marcel Titsch-Rivero, meinte er: ah, der hat die 36, gell? Genau nickte ich stolz und wir fachsimpelten, bis der Lautsprecher die vor der Bande sitzenden aufforderte, den Platz zu wechseln. Wir zögerten kurz, blieben aber zunächst sitzen und beklatschten die Teams, die pünktlich um halb sechs auf den Rasen liefen. Zuvor wurden noch die Hymnen von Großkrotzenburg und der Eintracht gespielt – und es wird nicht mehr lange dauern, dann kann Timm beim Herzen von Europa mitsingen.

Die Eintracht begann in weißen Trikots mit Kessler – Schmidt, Bell, Bellaid, Djakpa – Korkmaz, Lehmann (C), Clark, Alvarez – Idrissou, Hoffer; die Großkrotzenburger waren dann doch eher unbekannt. Nach zwei Minuten hatte zumindest einer Geschichte geschrieben; Capone hatte beim ersten Angriff der Großkrotzenburger unter frenetischem Jubel des heimischen Anhangs die Führung erzielt. Prompt handelte er sich fürs Ausziehen des Trikots die gelbe Karte ein, eine formal richtige aber im Rahmen übertriebene Entscheidung des Schiedsrichters, der ansonsten wenig Mühe mit der Partie hatte; zumindest weniger als die Eintracht, die in der ersten Hälfte lediglich zum Ausgleich durch Hoffer kam, der eine Flanke von Alvarez mit dem Kopf verwandelte. Ansonsten mühte sich die Eintracht vergeblich und scheiterte mehrfach am gut aufgelegten Torwart der Einheimischen.

In der Halbzeit wurden die Gewinner der Lotterie verkündet, natürlich waren wir nicht dabei – aber was soll’s, Hauptsache die Eintracht gewinnt – und Timm sieht ein paar Tore. Die hatte er nämlich bei seinen beiden Bundesligaspielen eher auf Seiten der Gegner gesehen; o:4 gegen Hoffenheim und 1:4 gegen den HSV lautet seine Arena-Bilanz, lediglich das 8:0 in Aschaffenburg im letzten Jahr verbessert seine Ausbeute. Und tatsächlich; Veh schickte in der zweiten Hälfte mit Caio, Friend, Gekas, Titsch-Rivero und Tzavellas gleich fünf Neue für Alvarez, Clark, Djakpa, Hoffer und Idrissou aufs Feld, die gegen konditionell schwächelnde Gastgeber mehr Glück hatten, als in Halbzeit Eins. Lehmann, Korkmaz, Bell und Gekas (2) schraubten das Ergebnis auf 6:1, während Timm wurstfutternd die Treffer beklatschte. Langsam wurde es frisch, die Sonne versank gemächlich hinter der Haupttribüne und mit dem Schlusspfiff sauste die Jugend auf den Platz und umlagerte die Spieler.

Ich marschierte mit Timm über den Rasen, Korkmaz wurde von einer Menschentraube umringt, ein paar Meter entfernt stand Marcel Titsch-Rivero, ich drückte Timm die Kappe in die Hand und guckte, was er machte. Wir standen im Rücken von Marcel, er konnte uns nicht sehen und schrieb Autogramm um Autogramm. Timm schob sich ein bisschen vor, hielt die Kappe ein wenig höher und schwupps, hatte er eine Unterschrift ergattert, die Kinderaugen leuchteten hell wie der volle Mond in den Bergen Vorarlbergs.

Derart beglückt wanderten wir zurück zum Auto, bequatschten den Spielverlauf und rollten anschließend zurück in die Heimat. Da hat jetzt einer was zu erzählen und ein ganzes Säcklein Erinnerungen dazu, von damals, als er mit Onkel, Opa und Papa in Großkrotzenburg die Eintracht gesehen hat. Und einen Sieg obendrein.