Da mir Dominik von den Kumpanen noch unter der Woche beim großen Anton Hübler Abend zwei Tickets mitgebracht hatte, hieß es am Samstagmorgen wieder einmal: Pia, Beve, Golf, aufstehen – es geht los. Das hieß es auch für Christian, den wir um halb elf am Alleenring aufgabelten und so rollten wir guter Dinge über die Miquelallee und die A66 in Richtung A5, Richtung Süden. Der Tag versprach verheißungsvoll zu werden, die Sonne begann, uns zu begleiten und aus dem Autoradio pluggerte der Soundtrack zum erhofften Auswärtssieg in Sinsheim: The Raveonettes, Rummelsnuff oder die Black Eyed Peas, deren Song I gotta feeling vor gar nicht so langer Zeit, einen interessanten Flashmob auf die Beine stellte. Jetzt bin ich weder ein Fan von Flashmobs noch von den Black Eyed Peas, aber diese Szenerie fand ich schon beeindruckend. Zum Ausgleich rockten später die Foo Fighters. Leider muckte dann der CD-Player und weigerte sich beharrlich, die letzten Lieder einer CD abzuspielen; so musste ich schweren Herzens auf Rainald Grebes Version des Goldenen Zitronen Klassikers Für immer Punk verzichten. 14 Kilometer Baustelle bis Darmstadt.

Wir passierten den Parkplatz Fuchsbuckel, weiter ging’s über Wiesloch Rauenberg, vorbei an Weinhängen mittenmang nach Sinsheim – im beschaulichen Kraichgau, wie es so schön heißt. Noch als wir über die Hauptstraße rollten, sprach eine Stimme laut und deutlich:

Da.

Chucks.

In Orange.

Reduziert.

Ich wusste sofort, was los war und konnte es kaum glauben. Pia hatte aus dem fahrenden Wagen in einem Schuhgeschäft die Schuhe entdeckt, derenwegen sie beinahe schon ins Ausland geflogen wäre, da sie in unseren Breitengraden eher selten sind. Aus dem fahrenden Auto. Damit stand der erste Programmpunkt des Tages fest. Wir parkten den Golf auf einem Parkplatz ein paar Meter neben der Hauptstraße – und schauten auf die Versicherungsagentur Gramlich. Ob dies jetzt für Frankfurter ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, blieb abzuwarten. Ich betete, dass die Chucks in Pias Größe vorrätig sind, die Enttäuschung wäre zu grob, wir flogen ins Schuhgeschäft neben der Metzgerei Dick – na sowas – und stellten mit einem Blick fest: die Größe ist vorhanden. Exakt einmal. Und sie passten. Ein schöner Tag. Die Welt steht still, ein schöner Tag. Chucks. In Orange. 39,95 Euro. Bezahlt mit der Adlercard. Und jetzt kommt ihr.

Die Chucks landeten im Kofferraum und wir spazierten durch die Fußgängerzone Sinsheims. Obgleich die Sonne durch die Wölklein lugte, war es doch recht frisch. Von irgendwo schwappten Frankfurter Fangesänge zu uns herüber, an einem sonnigen Plätzchen ließen es sich Donna und Pferd gut gehen, ein paar Meter dahinter saß Roland mit ein paar Kumpels und noch ein paar Meter weiter stießen wir auf die Kneipe am Fluss, in der wir beim letzten Spiel der Eintracht so freundlich begrüßt wurden. Dies Jahr allerdings wummerten deutsche Schlager aus den installierten Boxen, Traum von Amsterdam, interpretiert im immergleichen ubb-ubb-ubb-Sound. Tanzen die in Mallorca eigentlich immer zum gleichen Lied – seit zehn Jahren? Dort, wo der gleiche Frisör jedem die gleiche Frisur verpasst.

Wie auch immer, die Elsenz floss beharrlich Richtung Neckargemünd, wir verließen den Ort des Grauens und entdeckten am Rande der Innenstadt eine Pizzeria mit Sommergarten. Ein Grüppchen Frankfurter saß am Nebentisch, ansonsten beschien die Sonne den Hinterhof malerisch umrankt von alten Mauern und Grünpflanzen – wie gemacht für Senioren wie wir. Wir orderten Getränke und Pizza; die Pizza groß – was will man für 5,90 schon erwarten. Die Antwort kam wenig später in Form von wagenradgroßen Teigfladen, die woanders als Familienpizza durchgehen. Zu allem Erstaunen schmeckten die Pizzen vorzüglich und somit wanderten wir mit kugelrunden Bäuchen in Richtung Stadion.

War in der Fußgängerzone noch wenig Polizei zu sehen, so änderte sich dies am Bahnhof und als wir durch eine nahezu mittelalterliche Unterführung marschierten, waren wir endgültig im Fußball angekommen. Die ersten Ultras wurden kontrolliert. Hoffenheimer Ultras wohlgemerkt, fünf Cops standen um fünf Buben rum, einer der Staatsdiener filmte mit einer Kamera am Stock das Geschehen – das Ganze hatte was von einer Playmobilszenerie. Später an einer Tankstelle fragten wir die Bedienung, ob hier immer so ein Polizeiaufgebot wäre, wobei sie uns zuraunte: Eigentlich nicht. Aber heute … und jetzt wurde es beinahe verschwörerisch … sind doch die Frankfurter hier. Oha. Meistens geht mir der Frankfurter Ruf des Asozialen auf die Nerven, heute aber freute ich mich darüber.

Wir sind die Bösen. Die bärtigen Mexikaner im Nonnenkloster. Ein Dorf in Angst.

Die Polizisten setzten jedoch die Grundordnung durch. Dies vorwiegend bis ausschließlich bei Einheimischen, die die Anwesenheit der Frankfurter Anarchisten ausnutzte, ihrerseits über die Stränge zu schlagen – und neben dem Bürgersteig liefen. Die Ordnungsmacht stellte sogleich unmissverständlich die öffentlich rechtliche Ordnung wieder her: „Du läufst auf dem Bürgersteig oder siehst heute kein Fußball im Stadion.“ Schimpfend gehorchten die braven Hoffenheimer vom Fanclub Neckartal dem unrasierten Polizisten, der den Prototyp verachtenswürdiger Machtinterpretation darstellte. Er sah sich wahrscheinlich in der Rolle des furchtlosen Gesetzeshüters, der unter Einsatz seines Lebens die Demokratie gerettet hat, ich sah ihn eher, wie er einen Dreijährigen mit vorgehaltener Waffe zwingt, ein Bonbonpapierchen aufzuheben. Große Leistung.

Auf dem Messegelände Sinsheims fand zeitgleich zum Fußball eine große Ausstellung historischer Traktoren statt, ab und an zöckelten seltsame Fahrzeuge an uns vorbei und passten weit besser hierher als die Fußballinszenierung ein paar Meter dahinter. Klar, es sieht auf den ersten Blick aus, wie überall. Menschen in Trikots und Fanschals marschieren in eine auf die Wiese gestellte Arena, Polizeiautos stehen zwischen irgendwelchen Zäunen herum, Reklame springt dir von irgendwo ins Gesicht, dazu gibt es Stadionheftchen, Wurst und was zu trinken. Gegenüber der Autobahn erkennen wir das Technikmuseum mit den markanten Concordes, wir verabschieden uns fürs Erste von Christian, der eine Karte hinter dem Tor erhalten hatte, treffen auf Flo, der mit uns seine Sitzplatzkarten gegen Steher tauschen will – wir lassen uns beinahe drauf ein, bis wir erkennen, dass die Sitzplätze nicht nebeneinander sind. Also doch stehen.

Sinnfreie Zäune trennen den direkten Durchgang zum Treppenaufgang für Gäste, der schon recht voll ist. Überall bekannte Gesichter; hier Steff und Malte, dort Ina, André und Sandy, Marc und Oli – wir quatschen und schieben uns langsam Richtung Eingang und dann den vollen Block hoch. Irgendwann bleiben wir stehen, Massen strömen die Treppen nach oben, aber irgendwie arrangiert sich alles ohne große Worte. Am Rande des Spielfeldes wackelt eine aufblasbare Figur, auf dem Platz werden große Fahnen geschwungen – und dann geht es los. Vom ersten Moment an supportet die Eintrachtkurve – und macht bis zum Abpfiff weiter. Die Eintracht mit Ochs statt Kittel und Köhler für den verletzten Tzavellas spielt flott mit, erarbeitet sich Chancen, die Hoffenheims großartiger Keeper Starke allesamt zunichte macht. Gekas, Meier, Schwegler – kein Eintrachtler sollte während der gesamten 90 Minuten trotz bester Chancen treffen. Die TSG Hoffenheim hingegen, die wie schon während der gesamten Saison kaum einen gescheiten Ball spielt, wird von einer zunächst schweigenden Masse beobachtet – bis das verwöhnte Publikum tatsächlich das Team auspfeift. Da läuft schon die zweite Halbzeit, wir hatten uns zu Kine, Marc, Ruth und Schusch vorgekämpft und konnten es nicht fassen, dass Fährmann einen scharf geschossenen Ball in die Mitte des Strafraumes abklatschte, den der eingewechselte Firmino zum Führungstreffer abstauben konnte. Da musste Maik Franz schon zuschauen; wie im Hinspiel hatte Mlapa ihn vom Platz getreten, ohne dafür nennenswert bestraft zu werden. Die restlichen Minuten hatte man nicht groß den Eindruck, als fightete die Eintracht um ihre Existenz, folgerichtig blieb es beim 1:0 – die Kurve klatschte. Kein böses Wort fiel. Es war sowieso erstaunlich, wie viele Menschen schon während des Spiels, als die Eintracht noch nicht zurück lag und der Sternenhimmel inszeniert wurde, nicht auf den Platz sondern auf den Gesang bzw die Interpreten schauten. Recht so. Es gibt wichtigeres als Fußball.

Stuttgart gewann in Köln, Wolfsburg und St. Pauli teilten sich die Punkte – und wir guckten in die Röhre, völlig unnötig – zumal sich später herausstellte, dass das Tor des Tages abseits war. Kann passieren. Dass jedoch das gesamte Mittelfeld der Eintracht seit Monaten nicht bundestauglich ist, das sollte eigentlich nicht passieren. Dass seit Monaten, egal ob Ulreich, Wiese oder Starke die Torhüter der Gegner die jeweiligen Teams im Spiel halten, während unsere ebenfalls die Gegner im Spiel halten auch nicht. Dass ich sie hasse, die langen Bälle auf unseren Mittelstürmer, dass ich die winkende 21 nicht mehr sehen kann und dessen Spielweise im Zusammenhang mit dem Spielverständnis der Eintracht im Jahr 2011 als eine der Grundursachen für den Niedergang ausmache, sei hier nur am Rande erwähnt. Dass der Trainer Daum und nicht mehr Skibbe heißt, erkennt man an den Interviews  – nicht aber auf dem Platz. Ehrlich, mir ist es im Moment beinahe wurscht, ob die Eintracht absteigt; immerhin bräuchte ich ein paar der Pfeifen dann auf dem Platz nicht mehr zu sehen, die im Falle des Klassenerhaltes noch einen Vertrag bis 2012 besitzen.

Ich starrte nach Abpfiff in einen imaginären Tunnel, hinter mir schimpfte es über das Hoffenheimer Totentheater, das sich hier über 90 Minuten abgespielt hatte. Klar, so einen Verein braucht kein Mensch in der Bundesliga – aber mich beschäftigte die deprimierende Situation der Eintracht weit mehr. Die Leute hier sind glücklich; ein ehrenwerter Milliardär hat sich ein Spielzeug hingestellt, es wird Bundesliga simuliert, statt Museum und Trecker-Ausstellung haben die Menschen hier noch eine weitere Abwechslung und wenn man Geld hat, lässt es sich rundum leben; es ist grüner und ruhiger als woanders und es gibt Internet. Wenn es der ruhmreichen Eintracht nicht gelingt, diesen Verein in sechs Spielen auch nur einmal zu schlagen, verbietet sich jeglicher Hochmut. Auch wenn die Fans noch so toll singen können.

Der Rückweg führte uns über die Landstraße nach Hoffenheim, ein paar Kilometer entfernt vom Arenagehassel, liegt der Ursprung eines Dorfvereines, der bis vor wenigen Jahren gegen Zuzenhausen oder Sinsheim spielte. Kaum ein Fremder kommt hierher, wenn Bundesliga ansteht; keine Mark wird hier Samstagsmittags mehr umgesetzt, wenn Dortmund, Schalke oder Frankfurt zu Gast ist. Am Ortseingang liegt die hochgelobte Nachwuchsakademie; ein paar Jugendliche kicken aufs Tor; im Fitnessraum oben wird Fußballtennis gespielt – für Jugendliche muss es ein Traum sein, hier zu kicken, wenn nicht gerade die Versuchungen des Lebens locken. Am anderen Ende des Ortes ragen die Flutlichtmasten des Dietmar-Hopp-Stadions aus dem Wald. Wir parkten am Rande des Fußweges und marschierten hoch zum Stadion, Aufkleber pappen an den Lichtmasten. 1999 wurde dieses Stadion gebaut; zuvor stand hier ein Sportplatz und erlebte Jahrzehntelang den Fußball, der eigentlich hierher gehört. Heute kickt hier die zweite Mannschaft der TSG in der vierthöchsten Spielklasse.

Wir wanderten zurück zum Golf und verließen Hoffenheim. Über die Landstraße tuckerten wir über Bammental und Neckargemünd am abendlichen Neckar entlang Richtung Heidelberg und von dort auf die A5 nach Frankfurt. Da der CD-Player im Golf weiterhin die Angewohnheit hat, CDs nicht mehr bis zum Ende abzuspielen, hörten wir notgedrungen SWF3. Bremen kickte 1:1 gegen Schalke derweil Christopher Cross‘ Klassiker Ride like the wind leicht aufgepimpt aus den Lautsprechern pluggerte.

A5, Miquelallee, Ginnheimer Spargel, Günthersburgallee. Wir verabschiedeten uns von Christian und waren uns einig: es war ein schöner Tag gewesen – so man einmal von der Zeit zwischen 15:30 und 17:20 absieht. Es dauerte ein Weilchen, bis wir einen Parkplatz gefunden hatten; wir räumten den Golf aus. Ich trug in einer Plastiktüte die Reste der Pizza.

Pia aber trug in den Händen: Chucks.

In Orange.

Runtergesetzt.