Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

Heimspiel in Bremen

Als wir losfuhren, hatten wir noch keine Karten für das vielleicht letzte Spiel Saison der Eintracht in Bremen. Natürlich hegten wir die leise Hoffnung, dass es doch noch klappt, aber sollte es auf einen Kneipenbesuch hinauslaufen, war dies bei der Tour eingepreist. Also, auf nach Bremen. Die Pia, der Dacia und ich.

Der erste Weg führt uns in aller Frühe … in die Waschanlage. Wer derzeit im Nordend unter Bäumen parkt, kennt das: Taubenkacke. Aber wir haben Zeit, es ist der Freitag vor Pfingsten. Noch lacht die Sonne, die Eisheiligen aber sollen für durchwachsenes Wetter sorgen, so dass die Chillies vorsichtshalber auf die Fensterbank gewandert sind. Zumindest die meisten. Irgendwann ist auch die Kiste sauber, klare Sicht, los geht’s. Mit dabei: TV Smith, The Domino State und der örtliche Verkehrsfunk – vor allem ab Dortmund. Ab dort wurde es zähflüssig und der Dacia pfiff zuweilen recht laut, wurde wieder leiser und pfiff dann wieder. Irgendwas stimmt nicht, aber er fährt wie ein Großer. Münster, Osnabrück. Mal stehen wir, mal rollen wir, die Minuten plätschern dahin, genau wie wir.

Irgendwann wird es uns zu blöde, wir verlassen die Autobahn und eiern über frühlingshafte Landstraßen. Natürlich gurkt dann ein LKW vor uns. Alle heizen immer. Nur nicht der Wagen vor uns. Und wenn du denkst, es geht nicht langsamer, dann kommt der liebe Gott und ruft: Einen hab ich noch. Er meint natürlich: Junger Mann, lerne dich in Geduld zu üben. Dafür sorgt jetzt ein Traktor. Und wenn du denkst, es geht nicht langsamer, dann kommt der liebe Gott und ruft: Einen hab ich noch. Kaum haben wir den Traktor hinter uns gelassen, setzt sich ein Elektroauto mit Tempo 25 Aufkleber vor uns. Wir brüllen vor Lachen, fahren am Schockemöhle Imperium vorbei, und setzen uns hinter Vechta wieder auf die Autobahn. Bremen kommt näher, am End geht es zügig und nach sechs Stunden rollen wir an den Flutlichtmasten des Weser Stadions am Osterdeich vorbei. Ich singe Alle Bremer stinken, alle Bremer stinken, weil sie aus der Weser trinken und: Hurra, Hurra, die Frankfurter sind da.

Unsere Unterkunft liegt am Sielwall, genau zwischen Stadion und Stadtmitte, ein Zimmer, sauber und ordentlich, für paarnzwanzig Euro pro Person. Wir parken und schleppen unser Gepäck nach oben. Da wir mitten im Highlife-Eck sind, halten wir es für eine gute Idee, die Kiste etwas sicherer abzustellen. Leute sitzen auf der Straße, Flip Flops und Shorts prägen das Bild, wir fahren ein paar Meter außerhalb und parken in einer kleinen Straße. Die Häuser besitzen Wintergärten, manchmal weht eine grünweiße Fahne aus dem Fenster und wir werfen uns in den Nachmittag.

Bremen ist grün-weiß, Fahnen, Aufkleber, Poster – die Stadt scheint gerüstet. Streetart im Viertel an allen Ecken und Enden, Tags, Bilder, zuweilen auch Auftragsarbeiten, in den Straßen sitzen sie, trinken Bier und Kaffee. Wir wandern in die Altstadt, hier steht der Roland seit Jahrhunderten, ein Seifenblasenclown verblüfft die Kinder und wir suchen die Bremer Stadtmusikanten. Ja wo sind sie denn? Wir geben uns die Blöße und fragen einen Einheimischen. Ah, danke. Versteckt hinter Gerüsten steht das Bremer Wahrzeichen und wird natürlich eifrig fotografiert. Und da fällt mir auf, dass ich keine Speicherkarte in der Kamera habe. Also, alle zu Saturn, ob mit oder ohne Karte – dann klappts auch mit den Bildern. Später schickt mir Lars eine Nachricht, ob wir auch Sitzplatzkarten nehmen würden? Na klar, Hauptsache drin. Morgen früh wüsste er Bescheid – das wäre ja ein Ding, wenn es doch noch klappen sollte. Aber ich halte es mit Dante: Tu der du eintrittst jede Hoffnung ab. Wenn dann doch dann gut. Vor allem müssen wir erst einmal kreuzende Straßenbahnen und Radfahrer überleben.

Abends sickert die Meldung durch, dass in Frankfurt ein wenig Land unter ist, während wir in kurzen Hosen fröhlich durch die Sonne laufen. Aber am Flughafen geht es rund, die Mannschaft der Eintracht kann nicht fliegen, heißt es. Klar, nach drei Siegen in Folge heben wir doch nicht ab. Bremen gefällt uns ausnehmend gut, wir schlendern durch Gassen und Gässchen und spät am Abend nach dem Essen  an die Weser, an einem kleinen Hafen vorbei ans Stadion. Am Fantreff lungern ein paar Werderaner herum, ein Grill steht auf der Straße, es wirkt vieles unaufgeregt freundlich. Aber es wird frischer.

Der nächste Morgen beginnt mit einem Piepsen des Handys, Lars hat zwei Karten für uns. Oh, dankeschön, die Vorfreude steigt. Bei einem Frühstück beschimpfen sich unsere Bremer Freunde, die später dazukommen werden und wir gutgelaunt mit kleinen Nachrichten. Wir laufen an der Weser entlang Richtung Stadt, durch das Schnoor Viertel. Ein Kind hat sein Eis verloren. Eine grüne, eine weiße Kugel. Ein Zeichen?, Jetzt sind natürlich auch immer mehr Frankfurter unterwegs. Hier sind Gisela und Bernd, dort Nina und überall Hallo und Gudewie. Der Hahn der Bremer Stadtmusikanten trägt jetzt ein grünweißes Schweißtuch während die Beine des Esels gesäubert werden. Gediegene Damen sind in Werder Farben gehüllt, die Stadt scheint mehr an Werder zu hängen als die Frankfurter an der Eintracht – so scheint es. Jetzt ist die Zeit für Bierchen gekommen, für die Bremer, aber auch für uns. Ab jetzt steht das Spiel im Vordergrund. Matchday.

Wir treffen unsere Freunde am Brommyplatz, die ganze Sippschaft in grünweiß. Johanna stößt dazu, später Christian und Uwe – so sind wir wenigstens ein paar Frankfurter, die Zeit rennt und wir wandern Richtung Stadion. Ein letztes Bier, dann trennen sich die Wege. Frankfurter links, Bremer rechts. Bis jetzt war alles sehr entspannt, auch das Wetter spielt besser mit als befürchtet. Nur die peu a peu ankommenden Busfahrer haben teils schon eine Odyssee hinter sich. Kurz nach drei hat es auch Lars gepackt und drückt uns die Karten in die Hand. Geilgeilgeil. Ein paar Frankfurter drücken eine arme Socke von Schwarzmarktler der Polizei in die Hand, wobei dem Kerl ins Gesicht geschrieben steht, dass er nur ein einziges Mal ein Geschäftchen machen wollte. Jetzt hat er den Schlamassel, während die, die immer ihr Geschäft machen und etwas geschickter vorgehen, wie immer damit durchkommen. Wir aber sind drin. Kurz und schmerzlos.

Natürlich sitzt hier niemand, alles steht, die Mannschaften laufen ein, die Eintracht überraschend mit Ignjovski für Stendera. Ein einziger Punkt noch und wir drehen durch. Die Bremer Fans sind auch laut. Klatschpappenlaut. Als Wolfsburg gegen den VfB in Führung geht, brüllen alle. Die Eintracht hat zwei gute Chancen, Wiedwald, der im vergangenen Jahr noch bei der SGE im Tor stand, hält Bremen im Spiel. Doch je länger das ganze dauert, desto stärker lässt die Eintracht Bremen kommen. Und irgendwie entwickelt sich ein Spiel, in dem es wohl darauf hinausläuft, dass die Eintracht den einen Punkt sichern will. Ich halte dies für keine gute Idee. Zumal es in Halbzeit zwei genau so weiter geht. Bremen spielt leicht nach vorne, hat aber kaum Chancen, während die Eintracht im Ballbesitz die Kugel nach vorne drischt und diesen keine drei Sekunden in den eigenen Reihen hält. Eigentlich war ich davon überzeugt, dass Bremen kein Tor schießt, setzte jedoch voraus, dass zumindest ein Teil des Spiels sich in der Werder Hälfte abspielt. Doch von der Eintracht kommt nichts. Jetzt heisst es nur noch hoffen, dass es gut geht. Immerhin vergeht die Zeit etwas schneller als noch beim Spiel gegen den BVB. Noch 15 Minuten, noch zehn, noch fünf, noch vier, noch drei.

Tor. Tor für Werder. 1:0 in der 88. Minute. Die Nachspielzeit wird verjuxt, das Ding ist aus. Werder gerettet. Relegation. Nichts wie raus. Zwar hat die Polizei eine Absperrung angebracht, doch wir dürfen durch. Tranceähnlich wandern wir in Richtung Treffpunkt, eine Pizzeria. Setzen uns vor die Stufen, trinken ein Bierchen. Unsere Freunde kommen später. „Wir sind noch auf dem Rasen.“ Toll.

Oh Mann, das hätte nicht sein müssen. Später kommen sie alle, auch Pias Schwester mit Mann und Kids, halb Bremen, halb Frankfurt. Die Eintrachtler lassen die Köpfe hängen, die Bremer gut gelaunt. Klar, was auch sonst. Später bringen wir sie noch zur Fähre an der Weser. Sie steigen ein, die Fähre tuckert los – und kreiselt mitten auf dem Fluss ausgelassen um sich selbst. Der Fährmann scheint Werderaner zu sein, wir können wieder lachen. Es ist ja noch nicht vorbei. Spät in der Nacht stehen wir mit einem Schöppchen in der Hand vor den Kneipen am Sielwall. Es regnet in Strömen. Andrea ist noch bei uns, bis sie in die Bremer Nacht verschwindet. Wir dackeln heim. Nass und bedröppelt.

Am nächsten Morgen wollen wir noch einmal ans Stadion, Helga ist mit ihrer Gallusgruppe unterwegs und hat noch einen kleinen Ausflug auf den Rasen und in die Kabinen vor und wir können uns anschließen. Und plötzlich marschieren wir durch den Spielertunnel aufs Spielfeld. Wir stehen dort, wo gestern … ach lassen wir das. Ein paar Klatschpappen vergammeln auf den grünen Sitzen, in der Eintrachtkabine sieht es aus wie Sau. Leere und volle Getränkebecher, Magnesiumröhrchen und ein Matchplan, der nur die eine Spielhälfte dokumentiert. Ist dann doch nicht aufgegangen.

Anschließend lassen wir uns noch durch das Wuseum treiben, die Anfänge von Werder auf der grünen Wiese, die großen Erfolge und die ersten Fußballschuhe von Thorsten Frings. Von der Eintracht finden wir nichts. Ich bin immer noch unglücklich wegen des gestrigen Spiels, aber es nutzt ja nichts. Wir gehen essen, tanken den Dacia voll und tuckern über die Autobahn Richtung Heimat. Keine LKWs, kein Stau – ab und an ein paar Regentropfen. Osnabrück, Münster, Dortmund und während wir der Heimat immer näher kommen, steigt der FSV ab. Immer wieder blendet WDR2 Reportagen aus dem Abstiegskampf der zweiten Liga ein. Ewig steht es überall 0:0, dann geht 1860 am Hang in Führung. Zwar schaffen die Bornheimer den Ausgleich, doch da der wackere MSV Duisburg gegen Leipzig in Führung geht, schwimmen die Felle davon. Selbst das 2:1 für den FSV ist zu wenig. Paderborn ist weg, Bornheim ist weg, der MSV steht in der Relegation. Mich freut es für den Trainer Baade, der in den kletzten Wochen ja durchgedreht ist. Aber schade, schade, FSV. Aber wer gegen Düsseldorf, Sandhausen, Paderborn und Kaiserslautern nicht punktet, der weint am letzten Spieltag. Genau wie Stuttgart. Nicht nur der VfB ist abgestiegen, sondern auch der VfB II und die Stuttgarter Kickers – weil Wehen in der 94. Minute noch ein Tor geschossen hat. Hoffen wir, dass Frankfurt nicht nachlegt.

Jetzt also Nürnberg. Ein Südklassiker. Machbar. MACHBAR!

Eintracht!

 

8 Kommentare

  1. fg-sge

    Schöne Eindrücke von eurem Ausflug, leider mit dem falschem Ergebnis Beve :-( Niko Kovac hat vieles richtig gemacht, Sa hat er sich leider verzockt. Das darf er gegen den Glubb besser machen , hoffentlich mit AM14FG !

  2. Beve

    Danke. Wird schon schief gehen :-)

  3. vatmier

    Danke für die Eindrücke. Wir waren letzte Saison zum letzten Spiel auch in Bremen. Mit dem Wohnmobil, war auch eine schöne Zeit mit einer 0:1 Niederlage. Aber wie grausam verschieden ist die Bedeutung der Spieler. Nürnberg ist machbar, aber das war Bremen auch.

  4. Beve

    was ich übrigens vergessen habe war die Ampel auf der Landstraße auf gerader Strecke ohne Kreuzung und der Typ, der in Bremen brüllend laut gerufen hat: Werder ist scheiße. Alle erschießen. Fußball ist scheiße. Frankfurt ist schön. Alle Profifußballer erschießen. Michael Schumacher ist bald tod. BRÜLLEND.

  5. Andi

    Dante? Bayernsau! Never forget, never forgive!
    http://www.op-online.de/sport/eintracht-frankfurt/dante-haelt-nicht-viel-fair-play-2839905.html
    Und noch nicht mal richtig Deutsch kann der, „Tu der du eintrittst jede Hoffnung ab“ sagt ja noch nicht mal der Fährmann…

    Ansonsten: was wäre Fußball ohne „Heimspiel in…“

  6. Beve

    Er jetzt wieder :-)

  7. Creutzburg

    Sehr schön geschrieben, so richtig zum Mitfühlen.

  8. Beve

    Danke :-)

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