Es ist Herbst. Novemberherbst. Blauhimmelnovemberherbst. Der rote Dacia rollt über die Autobahn, zuvor der Ginnheimer Spargel im Nebel. Gelbrotbraune Blätter an den Bäumen warten auf den Fall, der ewige Kreislauf der Natur. Die Fehlfarben singen So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Killing Joke antwortet mit Euphoria. Unterwegs. Die Pia, der Dacia und ich.

Wir fahren. Erstmals in der Saison 2015/16 fahren wir mit dem Dacia zu einem Auswärtsspiel. Karten hatten wir schon länger, Stefan drückte uns seine beiden in die Hand, da lag es nahe, mit dem eigenen Wagen zu fahren. Mit dabei auch: Dave Gahan, Tom Liwa, Sweet oder Ghostpoet. Musik und Autofahren geht nach all den Jahren immer noch zusammen. Auch wenn wir alle in die Jahre gekommen sind. Die Eintracht spielt in Sinsheim gegen die TSG Hoffenheim. Ich habe alle Auswärtsspiele der Eintracht in Sinsheim vor Ort gesehen. Selten kam etwas Gutes dabei heraus. Aber was will ich machen? Es ist wie ein innerer Zwang. Am Ende kommen stets die gleichen Fotos bei heraus, ich könnte wahrscheinlich die Bilder von vor fünf Jahren veröffentlichen, man würde es kaum bemerken.

In Sinsheim parken wir nahe der Hauptstraße, wie immer. Laufen runter. Wie immer. Dramatisch der Einschnitt, dass das Schuhgeschäft in dem Pia einst die orangenen Chucks aus dem fahrenden Golf gesehen hat, nicht mehr an der gleichen Stelle existiert. Wenn es überhaupt noch existiert. Kurz davor scheinen sich die Hoffenheimer Ultras zu treffen. Der Legoladen nebenan hat auch zu.

Wir schlendern durch die Fußgängerzone, an der Kirche vorbei. China Imbiss, Döner Kebab – ein bürgerliches Wirtshaus namens Linde, Krone, Post oder Adler fällt uns nicht ins Auge, wir nehmen die Pizzeria weiter oben. Wie immer. Die kleinste Pizza hat einen Durchmesser gleich einem Wagenrad, auch daran hat sich nichts geändert. Immerhin, sie ist gelungen, da kann man nicht meckern. Später entdecken wir Plakate an Laternenmasten: Von Sinsheim nach Syrien. So schlimm ist Sinsheim dann auch nicht. Es handelt sich hierbei aber auch nur um einen Veranstaltungshinweis der Grünen.

Am Bahnhof vorbei gehts dann Richtung Stadion, zu Fuß, wie immer. Die diesjährige Treckerausstellung findet ausnahmsweise mal nicht zeitgleich mit dem Spiel der TSG gegen die Eintracht statt. Aber natürlich stapeln sich rund um die Arena jede Menge Autos, das wird ein Spaß nach Abpfiff. Doch erst einmal muss angepfiffen werden. Auf dem Gästeparkplatz vor dem Gästeeingang spucken die Busse die Eintrachtfans aus, manch einer sucht noch eine Karte. Gude hier, gude da, wir fackeln nicht lange und stellen uns am Einlass an; es ist noch recht früh, von daher geht es halbwegs zügig. Zumindest bei mir. Durchsuchung, Füße aufstampfen, also bitte, schönes Spiel. Drin. Bei Pia dauert es etwas länger, die Damen werden sehr penibel untersucht. Wir suchen uns einen Platz, es ist praktisch, dass schon etliche Fahnenschwenker vor Ort sind, man sieht, wo man sich besser nicht hinstellt, so man aufs Spielfeld schauen möchte. Wie immer: Weiter oben.

Schon beim Warmmachen der Eintracht wird die Kurve laut, die Trommler prügeln wie die Berserker auf ihr Schlagwerk ein, es füllt sich zusehends, der Block wird voll. Aber bei uns geht’s, wir haben Platz. Dafür bin ich nicht undankbar. Bei Hoffenheim wird Schwegler spielen, auch Kuranyi. Stimmt, den gibts ja auch noch. Die Eintracht kickt in Schwarz-Rot, das ist schonmal gut. Unten auf den Rasen laufen die Fahnenschwenker ein, das Badener Lied wird abgespielt und wie immer der Text eingeblendet. Anpfiff, wird auch Zeit.

Die Stimmung in der Kurve ist recht ausgelassen, das soll sich im Verlauf des Spieles noch steigern. Ab und an bläst irgendjemand jemand anderes an, weil dieser etwas falsch gemacht hat. Fotografieren statt Supporten. Geht gar nicht. Meint einer. Unten hat die Eintracht Chancen, Baumann hält alles, das Spiel ist ganz flott, Seferovic sieht nach zehn Minuten gelb, sowohl unnötig als auch zu Recht. Schiedsrichter Kircher hat schwierige Entscheidungen zu treffen. Ein Tor der Eintracht wird zurück gepfiffen. Abseits. Scheint zu stimmen. Ein langer Ball auf Aigner wird zurück gepfiffen. Abseits. Scheint nicht zu stimmen. Hasebe wird im Strafraum gelegt, der fällige Elfmeter wird verweigert. Frechheit. Trotz ordentlichem Kick und guter Chancen steht es Nullnull.

Die zweite Halbzeit beginnt ähnlich wie die erste. Ignjovski verzieht aus aussichtsreicher Position, dann verflacht das Spiel. Die Kurve beschäftigt sich mit sich selbst, steigert sich in einen kleinen Rausch. Die Anzeigetafel zuckt alle paar Sekunden; fällt ein Spieler hin, heißt es gute Besserung, es ist unfassbar, mit welcher Dreistigkeit die Reklameindustrie hier vom eigentlichen, dem Spiel ablenkt. Denn natürlich schielt das Auge bei jeder Lichtbewegung nach oben. Die Eintracht hat Hoffenheim wieder im Griff, ein Tor aber fällt bis zum Schlusspfiff nicht. Selten war es so leicht gewesen, hier zu gewinnen. Aber dass beide Teams jetzt zweimal hintereinander null zu null spielten, ist dann auch kein Zufall. Abpfiff, Ende, Einbruch der Dunkelheit.

Wir latschen zurück Richtung City, Pia flirtet mit einem Kleinkind, welches auf Papas Arm getragen wird und lachend nach hinten winkt. Autos stehen im Stau. Wir überholen sie, biegen ab auf den Schwimmbadweg. Auch hier Autos. Glaube nicht, dass wir zu Fuß langsamer sind. Unser Dacia steht noch brav dort, wo wir ihn zurück gelassen haben. Und so rollen wir gemächlich auf die Landstraße Richtung Heidelberg, Motörhead scheppern: Victöry or die. Beides kommt heute allerdings nicht in Frage, in der Höhe blitzt das Heidelberger Schloss in die Nacht auf. Könnte man auch mal wieder hinfahren. Vielleicht das nächste Mal, wenn die Eintracht in Sinsheim spielt, irgendwie war ich jetzt hier auch oft genug. Wird Zeit, dass die TSG sich wieder in die Niederungen des Fußballs bewegt, wäre gerne mal wieder in Kaiserslautern. Oder Nürnberg. Bielefeld. Bochum. Duisburg. Wird dann wohl doch eher Leipzig – das macht die Sache aber auch nicht besser. Bleibt die Frage, wo die Spieler der TSG Hoffenheim eigentlich wohnen? Mal kurz ins Gibson ist hier nicht. Aber das ist deren Problem, nicht meins. Als wir an Darmstadt vorbei fahren kicken die Lilien gegen den HSV.

Später leuchtet der Ginnheimer Spargel in die Dunkelheit. Wir haben unser Ziel erreicht. Frankfurt. Euphoria sieht anders aus. Aber es war alles auch schon mal schlimmer. Das ist die gute Nachricht …