Unterwegs. Fahre bei tagblauem Himmel auf der Autobahn, fahre auf der Landstraße, balearische Ibiza-Gitarrenklänge, ein Reisebus fährt gemächlich vor mir her, die Insassen betrachten den Rhein. Aus aller Welt kommen die Menschen hierher, parken irgendwo und wandern durch die Gassen, beim Dacia quietscht etwas, dass nicht quietschen soll.

Ich parke außerhalb von der Stadt am Friedhof, es ist ruhig und heiß, es könnte ein schöner Tag werden, laufe ein paar Meter, vielleicht zu warm angezogen, aber habe ich eine Wahl? Erreiche die Hauptstraße am Rhein, die Eisenbahn rasselt vorbei, Radfahrer planen stehend die Route, in den Restaurants sitzen die Ausflügler, tragen Sonnenbrillen und ein gelebtes Leben, Schnitzel für sieben Euro fünfzig, die Speisenkarten auf japanisch. Nebenan gibt es Eis und Souvenirs.

Ein paar Schritte weiter zeugt ein Schild von einer bekannten Gasse, dort reihen sich Restaurants an Restaurants, hölzerne Fässer davor laden zum Besuch ein, ein hölzerner Willkommensgruß eingeritzt in einer fremden Sprache. Man trinkt Wein, Stimmengewirr, Gelache, Geplauder, es könnte ein schöner Tag werden, unbeschwert und leicht, wie so viele noch kommen könnten, wenn der Kopf nicht machen würde, was er macht. Doch glücklich, dessen Kopf noch macht.

Weiter oben in der Fußgängerzone esse ich eine Kleinigkeit, noch habe ich etwas Zeit, bevor ich weiter laufe, an den Häusern lehnt ordentlich platziert Sperrmüll, unsere Pressspanwelt zum Wegwerfen. Solide ist der Tod.

Die Schule ist aus, Kinder spazieren in Gruppen Richtung Heimat oder nach Hause oder in ein Eiscafé, ich spaziere Richtung Auto. Da ich von oben komme, durchquere ich den Friedhof, an der Trauerhalle haben sich einige Menschen versammelt, ich rauche draußen. Neben mir parkt jetzt ein Renault aus Frankfurt, am Heck prangt ein Eintrachtaufkleber. Wie bei mir.

Ich gehe zurück zur Trauerhalle, erkenne einen Bekannten, nicke ihm traurig zu. Viele Menschen. Der kleine Raum ist besetzt, ein Trauerbuch liegt davor, ich trage mich ein, nehme einen Totenzettel und warte in der Hitze unter einem sommerblauen Himmel, Menschen umarmen sich. Lese: So, also du denkst, du könntest Himmel und Hölle unterscheiden, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Kannst du ein grünes Feld von einer kalten Stahlschranke unterscheiden? Ein gütiges Lächeln von Sirenengesang? Glaubst du, du siehst wirklich dahinter …

Die Zeit verlangsamt sich, ich gehe in den Schatten, Menschen kommen an, die meisten haben schon ein paar Tage auf dem Buckel, schweigende Umarmungen, Tränengesichter. Ich laufe eine Runde, komme an einem mit Sonnenblumen verzierten Urnengrab vorbei, eine Schale mit Erde, eine Schale mit Rosenblättern daneben. In einer Stunde werde ich wieder hier stehen.

Aus Lautsprechern erklingt: We’re just two lost souls, swimming in a fishbowl, Year after year, Running over the same old ground. What have we found? The same old fears. Wish you were here.

Zwischen den Worten des nun folgenden Nekrologs erklingen immer wieder Lieder, von Bob Dylan, von Patti Smith, die Gedanken der Anwesenden sind wohl wie bei jeder Trauerfeier eine Melange aus Trauer, Erinnerung, Unwohlsein, Absurdem. Für mich wäre es völlig nachvollziehbar, so jemand sich plötzlich nackt ausziehen oder Aerobic machen oder unflätig werden würde. Visualisierte Gedanken wären eine Mischung aus einem Bild von Hieronymus Bosch vermengt mit einem Film von Schlingensief. Die Sonne scheint als könnte sie kein Wässerchen trüben.

Unter Johnny Cashs We’ll meet again marschiert der Trauerzug hinter den Eltern, der Verwandschaft, der Lebensgefährtin, zum Urnengrab. Viele sind gekommen, jetzt warten sie, bis sie an der Reihe sind, ein Schäufelchen Erde oder ein Blümchen hinein zu werfen. Derweil stehen die engsten Angehörigen Spalier, sie werden hoffen, dass es bald vorbei ist und doch bringt uns dieses Vorbei näher an unser eigenes Grab. Ich bin an der Reihe, machs gut, umarme jemanden, den ich gut und lange kenne und der nun sehr traurig ist. Man hätte noch so viel machen können.

Unterwegs. Pia und ich marschieren am nächsten Morgen Richtung U-Bahn, am Geldautomat ein kurzes Warten, eine Zeitung dazu, umsteigen am Hauptbahnhof, der Zug steht bereit. Wir marschieren nach oben, finden zwei Plätze und schauen aus dem Fenster, Pia trägt ein Sommerkleid, dazu Schuhe, die wir neulich in Lissabon gekauft haben, ich in kurzen Hosen, es wird der heißeste Tag des Jahres, Langen. Darmstadt, Zwingenberg. Mit uns reisen etliche, die wohl das gleiche Ziel haben, bepackt mit Rucksäckchen, mit Wasserflaschen, Bensheim, aussteigen. Willkommen zum Hessentag.

Die Sonne gleißt, wir wandern in die Altstadt, ich kaufe mir eine Sonnenbrille. Eigentlich mag ich keine Sonnenbrillen. Als ich vor Jahren in Indien war, fiel mir das unfassbare Leuchten der Augen der Menschen dort auf. Wer etwas Geld für eine Sonnenbrille übrig hatte, verbarg fortan dieses Leuchten unter den dunklen Gläsern. Ich wollte dieses Leuchten aber sehen. An eigenes Leuchten war nicht zu denken, das sage ich ohne Gram, es war denen vorbehalten, die nichts besaßen.

Wenn die Gläser der Sonnenbrille ins orange-bräunliche übergehen, scheint die Welt etwas freundlicher, das ist doch etwas. Wir schlendern durch die Gassen, die Stadt erwacht, manche Buden sind noch geschlossen. Wein und Bratwurst, Bier und Crépes werden feilgeboten, hinter dem Bahnhof die Hessentagsmeile, am Himmel schwebt ein großer Ballon mit einem Eintrachtadler.

Dort, wo sonst der Alltag alltäglich ist, stehen nun Buden. Billige T-Shirts mit billigen Sprüchen, Bratwurst, asiatische Nudeln, Spanferkel, Angebote zur nachhaltigen Geldanlage zur Unterstützung förderungswürdiger Projekte, Bier, afrikanische Kunst aus Fernost, Cocktails. Ich freue mich über meine neue Sonnenbrille. Die Polizei lädt zum Besuch ein, ebenso die Bundeswehr, die Landesregierung, der Einzelhandel; Babys können gewickelt werden, Glücksräder gedreht. Soviel Glück kann es gar nicht geben.

Weiter oben sind wir der Natur auf der Spur, ein Wildschwein dreht sich am Spieß, Ziegen, Esel, Rinder tummeln sich auf durch elektroumzäunten Kleinweiden, wir probieren frische Milch. Holz wird zu Bänken verarbeitet, irgendwo brennt ein Feuer, relative Stille, wir klettern auf einen provisorischen Hochsitz und gucken durch ein Fernglas.

Am Badesee ist baden nicht erlaubt, dafür wird uns ein Wasserspiel versprochen. Magic Lake. Zu lauten Houseklängen rauschen Wasserfontänchen in die Luft, dahinter rauscht die Autobahn, ein Animateur animiert anschließend die Gäste und uns zum Verlassen des Platzes. Wasser ist immer gut, ein Schattenplatz auch. Wir kühlen die Füße in einem Plantschbecken, wandern zum Eintrachtstand, kennen aber niemanden und marschieren zurück in die Stadt. Sonnenmilch. Eine Blaskapelle in orange spielt Tage wie diesen oder Rivers of Babylon, es scheint, als laufe sie uns hinterher. Später treffen wir einen Freund, wir sind verabredet, trinken Apfelwein und schlendern gemeinsam zurück zum Hessentagsgelände. Begegnen vielen Gruppen, meist Jugendlicher, ganz in weiß. Eine Tanzveranstaltung am Abend hat dieses Motto ausgegeben. Zurück auf der Festmeile. Dort treffen wir auf die Frau unseres Freundes mit den Kindern im Gepäck, die je einen Luftballon in den Händen halten. Auf dem Kinderspielgelände gibt es Sonnenmilch gratis und Wasserklänge, die Kids haben Spaß, wir werden von anderen Kids lässig zum Frisbeespielen eingeladen. Großes Interesse erweckt der Polizeihubschrauber bei den Kids, sie dürfen hineinklettern. Ich sehe diese Hubschrauber bei Fußballspielen und mag sie nicht sonderlich.

Bald darauf trennen sich unsere Wege zunächst, Pia und ich haben Karten für das abendliche Konzert im Sternendom, Anna Depenbusch – und das schöne war, dass die Bahnfahrt von Frankfurt und zurück in den relativ günstigen Karten enthalten ist. Der Sternendom ist natürlich kein wirklicher Dom, sondern ein weißes Kuppelzelt, das schon ordentlich gefüllt ist, es ist warm. Auf der Bühne steht ein Klavier.

Nach salbungsvollen Worten des Veranstalters erscheint Anna Depenbusch, trägt einen schwarzen Rock, eine weißes Oberteil und rote, hohe Schuhe. Nun wird es dunkel, einzig ein Spot beleuchtet ihr Gesicht. Spielt Sommer aus Papier. In der fünften Textzeile kommt das Wort „Schnee“ vor, Heiterkeit. Das Publikum ist entspannt, Anna federleicht melancholisch bis heiter, ich hoffe, du bist glücklich in Berlin. Hat das Publikum im Griff, doch dazu bedarf es nicht viel. Nach fünfundvierzig Minuten, die viel zu schnell vorbeigehen, gibt es eine kleine Pause. Zeit für ein Wasser, Zeit für eine Zigarette. Nach zwanzig Minuten geht es weiter. Anna nun in weißem Rock und schwarzem Oberteil in roten, hohen Schuhen, bedankt sich mit Handküssen für den wohlwollenden Applaus, Heimat. Engel. Singt von einem Engel auf meinem Handgelenk. Zumindest verstehen Pia und ich diese Worte. Nicht nur wir, Anna erzählt, dass sie einst nach einem Konzert einen gläsernen Schutzengel geschenkt bekommen hatte, welchen sie auf ihr Handgelenk setzen sollte. Nein: Ich bin nur ein Engel, auf deine Bahn gelenkt. Achso. Dann: Kommando Untergang. Traurigschön.

Auch der zweite Teil ist nun zu Ende, nicht endenwollender Applaus, Zugabe mit dem Tretboot nach Hawaii, Ahoi, Ahoi, Mit dem Tretboot nach Hawaii, Die Sonne scheint bist du dabei? Komm wir machen heute frei! Und trinken saure Limonade, Essen Blaubeereis mit Sahne Und wenn sie fragen wo wir waren, Sagen wir: Tretbootfahren.

Anna bekommt eine Flasche Wein geschenkt, bedankt sich artig und singt zum Finale „Benjamin“. Gibt anschließend Autogramme, ich hole mir eine CD, die ich noch nicht habe, lasse sie für uns signieren, bedanke mich jetzt selbst. Draußen ist nun bald Nacht, von irgendwoher wummert Musik. Wir treffen uns noch einmal mit unserem Freund, trinken ein finales Schöppchen. Die Natur auf der Spur hat Feierabend, die Jugend ganz in weiß tanzt zu modernen Klängen, die Buden schließen langsam für den morgigen Tag. Wir wandern nach Auerbach, werden im Bahnhof von einem vorbeirauschenden Güterzug fast auf die Gleise geweht und wundern uns über die Diskrepanz zwischen dem ausgedruckten und ausgewiesenen Fahrplan. Aber unser Zug ist fast pünktlich, wir verabschieden uns, und landen inmitten weißer Jugendlichen im proppevollen Zug. War wohl doch nicht so doll. Wenn sich Jugendliche unterhalten wird es manchmal sinnfrei, manchmal laut. So war ich also auch.

Zwingenberg, Darmstadt Süd, Frankfurt – mit jedem Halt wird die Bahn etwas leerer, die letzten Kilometer können wir uns setzen, Endstation Hauptbahnhof. Nachtschwärmer sind unterwegs in die Disco, die Mädchen aufgebrezelt in hohen Schuhen. Dabei könnten sie so hübsch sein. Die U-Bahn kommt, wir rauschen in die Nacht, waren unterwegs. Es ist gut, mit Pia unterwegs zu sein. Sehr gut, sogar. Auch wenn abends die Füße schmerzen. Oder der Rücken. Danke dafür.

Anna Depenbusch – Tretboot nach Hawaii from HBBL303 on Vimeo.