Das Stadion in Bochum ist klasse – so lautet einer der meist gehörten Sätze im Zusammenhang mit Fußballstadien. Völlig zu Recht, denn – das Stadion in Bochum ist klasse. Weniger klasse hingegen ist die Tatsache, dass Spiele der zweiten Liga Freitagabends um 18:00 Uhr angepfiffen werden und der geneigte Auswärtsfan sich mit Urlaubern und Feierabendlern gemeinsam auf der Autobahn staut. Wer einmal auf der A45 stand, der weiß dies – und hat dennoch kaum eine andere Wahl. Es sei denn, er hat das Glück, den Zeitpunkt seiner Reise frei zu wählen.

Nachdem wir schon vor einigen Wochen den FSV in Bochum begleitet hatten und trotz eines Zeitfenster von fünf Stunden nur mit Ach und Krach halbwegs rechtzeitig im Stadion ankamen, entschieden die Pia, der silberne Golf und ich, diesmal schon um 10:00 Uhr morgens los zu fahren – acht Stunden sollten reichen – für 230 Kilometer.

Und so rollten wir Punkt zehn auf die Friedberger Landstraße, die seit gefühlten Jahrzehnten zwecks Errichtung einer Straßenbahnlinie umgebaut wird. Kalt war es – aber sonnig und so schnurrten die 75 PS anstandslos durch das herbstliche Deutschland. Das ein oder andere Mal legte sich zarter Nebel auf die Autobahn, der genau so schnell ging, wie er gekommen war. Dann überholten wir einen LKW mit der bemerkenswerten Aufschrift Toleranz minimieren, wobei fairerweise gesagt werden muss, dass er nicht für eine politische Partei warb, sondern für Kugellager.

Da wir recht problemlos durch Sieger- und Sauerland schnurrten, entschieden wir uns dafür, die A45 zu verlassen und die restlichen Kilometer gemächlich auf der Landstraße entlang zu gondeln. Traditionell passierten wir auf der B54 bei Dahl den Abzweig Hoffnungsthal/Friedhof, rollten nach Hagen und von dort über Witten nach Bochum. Punkt halb zwei parkten wir vor der Justizvollzugsanstalt nur wenige Schritte entfernt von Anne Castroper und marschierten am Planetarium vorbei Richtung City. Eine Eintrittskarte konnte ich über Marc schon unter der Woche klar machen, eine zweite erhoffte ich mir im Laufe des Tages – und so verschickte ich die ein oder andere Nachricht, mit dem Hinweis auf ein fehlendes Ticket – und prompt kam die Rückmeldung: Jo, eine Karte haben wir noch übrig. Also war alles Wesentliche geklärt, und wir konnten beruhigt den Tag in Bochum genießen.

Jetzt ist es ja nicht so, dass Bochum durch überbordenes Flair und mediteranes Klima punktet, sondern eher durch eine bodenständige Grundhaltung und so ist es wenig verwunderlich, dass das hiesige Grundnahrungsmittel weder aus rohem Fisch mit Algen noch aus Handkäs besteht, sondern hier regiert die Currywurst. Wo auch immer die geschnittene Brühwurst mit roter Soße erfunden wurde, hier ist sie zuhause, hier wird sie besungen und hier wird sie natürlich auch von uns gesucht – und gefunden. Da die Hauptproduzenten, die Metzgerei Dönninghaus, zwar halb Bochum mit ihren Würstchen versorgen, im Laden an der Brückstraße jedoch keine Würstchen zum Adhoc-Verzehr anbieten, wurden wir an einem Imbiss in der Fußgängerzone fündig. So hockten wir wenig später an einem Brünnchen und futterten ne Currywurst mit Pommes, wobei die Wurst erst unter den Fritten entdeckt werden musste – aber es hat sich gelohnt: 4 von 5 möglichen Punkten würde der große Currywursttest im Ergebnis ergeben.

Erschreckenderweise hatte ich vergessen, die Ergebnisse im Tippspiel von Blog-G zu tippen aber dank Systemgastronomie auch im Bereich Kaffee mit offenem Wlan und Pias neuem Handy konnte ich dies mobil nachholen – und setzte dabei auf einen 3:1 Auswärtssieg unserer Eintracht. Überhaupt ist so ein Handy ganz praktisch, Navi, Foto, Internet – alles in einem und es gibt tatsächlich Geräte, für die man nicht vor einem Shop campieren muss, um eines zu bekommen. Kostet halt nur die Hälfte.

Hat Pia noch vor kurzem in Sinsheim aus dem fahrenden Auto heraus im Schaufenster eines Schuhladens orangefarbene Chucks entdeckt, so fiel ihr Blick beim Umherschlendern diesmal auf eine schicke Eieruhr, die nur wenig später in ihrer Tasche verstaut wurde – ein nettes Andenken an die heutige Fahrt, die eben noch Gegenwart und morgen schon tiefste Vergangenheit scheint. Ein toller Blickfang in jeder Küche, dazu praktisch und preiswert lesen wir in einer Kundenrezension eines großen Onlineversandhauses. Na also.

Mit einem Schöppchen in der Hand wanderten wir gemächlich zurück in Richtung Stadion, dessen Flutlichtmasten in den glasblauen Himmel glänzten. Jede Menge Frankfurter tummelten sich schon vor dem Gästeeingang, die meisten aber standen … im Stau. Auch unsere Karten waren  noch unterwegs, während wir erfuhren, dass der Bochumer Hauptbahnhof wegen einer Bombenalarms derzeit gesperrt wurde. Dies alles führte dazu, dass der Anpfiff kurzerhand um 30 Minuten nach hinten verlegt wurde – auch wenn sich der Grund des Alarms später als ein herrenloser Teppich samt Dunstabzugshaube heraus stellte. Wobei sich die Dunstabzugshaube final als Friteuse erwies.

Das Schöne an Auswärtsspielen ist ja auch, dass man eine Menge Eintrachtfans trifft, die allesamt tolle Geschichten im Gepäck tragen. Wir trafen Harald, der schon seit den Sechziger Jahren die Eintracht begleitet und sich für all das Geld wohl auch ein Einfamilienhäuschen hätte zulegen können, wir trafen auf Werner aus Stadtallendorf, die wie immer mit vollbesetztem Bus anreisten und auf viele andere Verrückte, die bei Wind und Wetter der Eintracht hinterher reisen. Bald traf auch Marc ein, und mit ihm eine der beiden Eintrittskarten. Glücklicherweise traf ich René dessen Kumpel meine zweite Karte im Auto nach Bochum bringen sollte – dabei stellte sich heraus, dass diese zweite Karte soeben verkauft wurde. Ein Rückruf bestätigte dies. Pia wirkte kurzzeitig recht unglücklich, aber schon griff Dino, der neben uns stand, zum Hörer, doch noch ehe er telefonieren konnte, meinte eine Stimme hinter uns, dass es manchmal ganz praktisch sei, ein Telefonat unfreiwillig mitzuhören, denn er habe noch eine Karte, die schnurstracks in Pias Besitz überging. Somit war alles gut und wir enterten den Block. Noch waren jede Menge Leute unterwegs, so dass wir locker nach oben marschierten, ordentlich Platz hatten und eine gute Sicht dazu. Trotz halbstündig verspätetem Anpfiff trudelten die letzten erst gegen Ende der ersten Halbzeit ein, da konnten wir schon zwischen Stadiondach und den Sitzen einen prächtig verfärbten sonnenuntergehenden Herbsthimmel beobachten, derweil die Eintracht mit 2:0 führte.

Die Bochumer Kurve hatte das Spiel mit einer Choreo anlässlich des einhundertsten Geburtstag des Fußballs anne Castroper eröffnet, die Eintracht hingegen erzielte den ersten Treffer; eine scharfe Hereingabe des umtriebigen Köhler schoss in den Strafraum und von dort mittenmang ins Bochumer Herz. Dachten wir zunächst noch, dass Jimmy Hoffer das Tor erzielt hätte, so stellte sich später heraus, dass es ein Eigentor des VfL war. Hoffer jedoch blieb es vorbehalten, 20 Minuten später butterweich in den Strafraum zu flanken, so dass Benni Köhler sensationell mit dem Kopf das 2:0 für die Eintracht erzielte, die das Spiel weitgehend im Griff hatte.

Nach dem Seitenwechsel erspielte sich der VfL einige Tormöglichkeiten, die mehr oder minder kläglich versemmelt wurden. Bemerkenswert die Premiere von Stefan Bell im Trikot der Eintracht, der den angeschlagenen Anderson ab der 46. Minute ersetzte. Hatte in Dresden ein nicht vorhandenes Trikot einen Einsatz unserer Nummer Fünf verhindert, so konnte Bell diesmal ein ansprechendes Debüt abliefern.

Die Eintracht brachte den Vorsprung souverän über die Zeit, einzig die mangelnde Torausbeute gilt es zu kritisieren aber immerhin: nach dem elften ungeschlagenen Spiel in Folge stand der Sprung auf Platz Eins in der Tabelle. Die Fans feierten ihre Helden noch eine halbe Stunde nach Abpfiff – wir freuten uns mit und verließen das Ruhrstadion mal wieder mit lachenden Augen. Der Hunger trieb uns noch einmal Richtung City, während an uns etliche Polizeiautos mit Blaulicht vorbei rauschten. Nach einem unfreiwillig langen Spaziergang, der uns am alten Stadtpark vorbei führte, landeten wir gegen 21:30 Uhr wieder am Golf, der noch brav die Stellung gehalten hatte und zur Musik von WDR2 mit Jefferson Airplane (White Rabbit) und The Lovin‘ Spoonful (Summer in the City) sausten wir über die nächtliche Autobahn Richtung Heimat. Trotz etlicher Baustellen kamen wir gut durch, erst gegen Ende der Fahrt kroch die Müdigkeit in mir hoch, doch da parkte der Golf schon im Nordend und wir waren wieder zuhause: Die Pia, der Golf, die Eieruhr und ich. Auswärtssieg!