Eigentlich. Also eigentlich wollten wir  eine Fahrradtour machen, vielleicht ans Gleisdreieck, die Übermalung des Graffitis fotografieren, oder in Niederrad beim  besten Burger-Imbiss der Stadt einen Burger verspachteln. Bis Uli im Blog-G darauf hinwies, dass um 18:00 das Spiel Bochum gegen den FSV Frankfurt angepfiffen wird. Pia schaute mich an: „Wollen wir nach Bochum fahren?“ Mein Gesicht verzog sich zu einem Fragezeichen, mein Mund aber sagte: „Können wir machen.“ Nach Bochum ist es nicht wahnsinnig weit, das Stadion an der Castroper Straße weiß zu gefallen und zudem stehen mit Trainer Funkel und Faton Toski auf Bochumer Seite und mit Patric Klandt, Yannick Stark und Alexander Huber beim FSV ne Menge ehemaliger Eintrachtler unter Vertrag. Also: Alle nach Bochum, ob mit oder ohne Karte.

Es war noch nicht ganz 13:00 Uhr, als der silberne Golf auf die Straße rollte. Bochum – FSV also. Gott, sind wir bescheuert. Auf Grund der schnellen Entscheidung blieb natürlich kein Raum für das Brennen einer speziellen CD, so dass mit Altbekanntem vorlieb genommen werden musste, nichts Spektakuläres begleitete uns also auf dem Hinweg.

Klassisch rollten wir auf die A661, die A5 und am Gambacher Kreuz auf die A45; der Sommer aber war nicht dabei. Trüb und regnerisch kam der Tag daher und wir kamen zunächst flott voran. Noch in Hessen entschieden wir uns, die Autobahn zu verlassen, um auf der Landstraße gemächlich daher zu tuckern und Gegenden zu durchfahren, die wir so noch nie gesehen hatten. Hinter Dillenburg ging es auf die Landstraße B54. Sah es die ersten Kilometer noch ganz gut aus, so zeigte sich bald, dass es weit langsamer voran ging, als gedacht. Hier wurde der Asphalt abgefräst, so dass wir eine ganze Weile vor einer Ampel warten mussten; dort war die Straße ob eines Notarztwageneinsatzes verstopft; kurz: Minute um Minute verrann und wir kamen nicht ernstlich weiter. Kurz hinter Siegen entschieden wir uns, doch wieder auf die A45 zu fahren. Auch diese Idee hatte nur eine begrenzte Halbwertszeit: Ab Lüdenscheid ging gar nichts mehr. Stillstand. Die Verkehrsnachrichten verkündeten eine Vollsperrung wegen eines Unfalls – 10 km Stau und wir mittendrin. Na super. Noch blieben wir gelassen – doch erneut verrann Minute um Minute ohne nennenswertes Vorankommen. Dazu drang die Kunde eines Attentats in Oslo zu uns; ein Sprengsatz war im Regierungsviertel hochgegangen, die Rede war von einem Toten und etlichen Zerstörungen.

In der Reihe Parkplätze mit lustigen Namen fand heute der Parkplatz Unterm Hipperich seinen Platz, wie generell auffällig war, dass viele der Parkplätze die noch während der letzten Fahrten geschlossen waren nun in neuem Glanze und mit Toilettenhäuschen ausgestattet wieder geöffnet waren. Sieht man sonst während Auswärtsfahrten auf diesen Anlagen jede Menge Busse oder PKWs mit Auswärtsfans, so schienen wir nun die einzigen Frankfurter zu sein, die zum Fußball unterwegs waren. Alle Viertelstunde erfuhren wir, dass sich an der Vollsperrung nichts geändert hatte und die Autofahrer umgeleitet würden – doch nur mühsam kamen wir der nächsten Ausfahrt näher. Immer wieder überholten uns einzelne Autos rechts auf dem Standstreifen, erst als die Ausfahrt 13 (Lüdenscheid Nord) ausgeschildert war, taten wir es ihnen gleich. Im Verhältnis zu den stehenden Wagen waren es dennoch nur wenige, die die A45 verließen. Kaum waren wir wieder auf der Landstraße, atmeten wir durch. Aus dem Radio erklang Disco Partizani von Shantel, Schalksmühle hieß der Ort, den wir passierten – Bochum, wir kommen. Kaum hatten wir uns an die freie Fahrt gewöhnt, hieß es Stopp. Motor aus, warten – ein Grund dafür war nicht ersichtlich – also wendeten wir und versuchten unser Glück auf den Nebenstraßen der Nebenstraßen; ein Auto der Frankfurter Rundschau verfuhr ähnlich – so langsam drängte die Zeit.

Wir schlichen über Straßen, die kaum breiter waren als unser Auto, die Hügel des Sauerlandes erhoben sich idyllisch grün, Kühe grasten auf den Weiden, Sonnenstrahlen brachen sich ihren Weg – man hätte meinen können, man sei in Südtirol. Irgendwann landeten wir wieder auf der B54, hier ein Stäuchen, dort eine Ampel, dann und wann Tempo 70, 50, 30, Hagen, Witten und kurz vor 18:00 Uhr passierten wir das Ortschild Bochum. Noch waren wir einige Kilometer vom Stadion entfernt; ein freundlicher Bochumer wies uns den Weg und betonte, dass es ihm egal sei, wer gewinnt – nur für seinen Enkel würde es ihn freuen, so der VfL siegreich vom Platz gehen würde. Wir nahmen dies so hin und den beschriebenen Weg und landeten flugs an der Justizvollzugsanstalt, wo wir schon des Öfteren geparkt hatten, wenn hier die Eintracht gespielt hatte. Tatsächlich fanden wir auch noch einen Parkplatz, verschlossen den Golf und eilten zum Stadion, dessen Flutlichtmasten stramm in die Höhe ragten. Frisch war es in Bochum, da schienen meine kurze Hosen etwas unpassend – aber es ist Sommer, egal wie kühl es ist. Natürlich gab es noch Karten, der Stehplatz für 11 Euro – und nach neun gespielten Minuten landeten wir in der Gästekurve, in der sich vielleicht 50 FSV-Anhänger verloren. Auf den Sitzplätzen verfolgten 5 Fans das Spiel. Die Bochumer Kurve war gut gefüllt und guter Dinge; Friedhelm Funkel verharrte an der Trainerbank ebenso wie Toski auf dieser, während Huber, Klandt und Stark von Beginn an für Bornheim auf dem Feld standen.

Der FSV, ganz in Rot, war keineswegs gewillt, sich hier von einem der Aufstiegsfavoriten vorführen zu lassen und hatte sogar die besseren Chancen, bis zur Halbzeit sollten jedoch keine Tore fallen. Relativ müde schob sich die Partie voran, mal hielt Klandt einen Freistoß, mal verzogen die Bornheimer – im Großen und Ganzen aber hielt sich der Schwung in Grenzen. Mann sind wir bescheuert meinte Pia – und sie hatte nicht ganz unrecht: Statt durch Frankfurt zu radeln und Burger zu futtern, standen wir nun nach nahezu fünfstündiger Fahrt 240 km entfernt von der Heimat beim Spiel zweier Mannschaften der Zweiten Liga, die uns nicht wirklich erwärmen konnten. VFL Bochum vs  FSV Frankfurt 0:0 nach 45 Minuten vor etwas über 12.300 Zuschauern, davon 50 Frankfurter ohne Banner oder gar Support. Immerhin, wir genossen den Platz in der Kurve und ich dachte an FredN, einen Kumpel von mir, der vor ein paar Jahren gestorben ist. FredN war nicht nur Österreicher mit Hang zu Wacker Innsbruck, sondern auch Sympathisant von Schalke und großer FSV-Anhänger. Vor zehn Jahren, als er noch in der Hessenliga Ordner beim FSV war, haben wir einige Spiele zusammen am Bornheimer Hang gesehen, damals vor 150 Zuschauern. Wenn er jetzt von oben zugeguckt hat wird er sich sicher gewundert haben, wen er so alles in der Kurve seiner SchwarzBlauen entdeckte. Und er hat zugeguckt, da bin ich mir sicher.

Die erste spektakulären Momente sahen wir nur wenige Minuten nach Wiederanpfiff. DER Bus der Bornheimer war gelandet (die Vollsperrung der Autobahn hatte für die Verzögerung gesorgt) – und ein Trupp von knapp 50 Unerschrockenen enterte die Kurve und verkündete, dass sie nun da seien. Ein paar Ältere marschierten nach oben, der harte Kern der Supporter scharte sich in einem Grüppchen zusammen und angetrieben von einem sehr jugendlichen Capo und einem noch jugendlicheren Trommler supporteten sie fortan unentwegt den sich tapfer im Spiel haltenden FSV, der sich zwar in der Defensive wiederfand, dennoch auch in Halbzeit zwei die besseren Chancen besaß und sogar ein Tor erzielte, welches aber wegen vermeintlichem Abseits keine Anerkennung fand. Eiiiieiiiieiei mit Frankfurter Haschisch und Apfelwein – Karneval in Bornheim. Die Polizei aber – für jeden Bornheimer standen 1-2 Polizisten parat – hatte es sich längst auf der Gegengerade bequem gemacht.

Hie und da zeigte sich der Bochumer Anhang unzufrieden und pfiff, die Trainer wechselten ein ums andere Mal – und als sich alles schon auf ein Unentschieden eingestellt hatte, da sauste die Kugel ins Bornheimer Netz.  Zaghaft begann ein paar Schritte von uns entfernt ein winziges Rauchbömbchen zu glimmen, da stürmten auch schon 4, 5 Ordner herbei und zerrten unter Protest der anderen einen Knaben aus dem Block. Die Aufregung war groß, schien es doch, dass die Security den Falschen erwischt hatte. Während noch lautstark diskutiert wurde, pfiff der Schiri das Spiel ab und besiegelte damit die Niederlage des FSV. Bochum aber fuhr den ersten Saisonsieg ein.

Wir verließen den Block, erkannten den vermeintlichen Rauchbomben-Übeltäter an einem Polizeibus, an dem er in ein Röhrchen blasen musste (es war nicht der gezogene) und wechselten die Straßenseite, um am beliebten Stadion-Grill eine Currywurst zu ordern. Die Frau hinter dem Tresen setzte sich resolut gegen wankende Bochumer durch und reichte uns die Speisen. Alsbald saßen wir wieder im Golf, verließen mit einem letzten Blick auf das Ruhrstadion Bochum und rollten zurück auf die Autobahn. Bei Hagen-Süd ging es zurück auf die B54, den Sonnenuntergang im Rücken tuckerten wir an leerstehenden Häusern, die zum Verkauf standen, ebenso vorbei wie am Hoffnungstal, dass uns von der Rückreise aus Dortmund vor ein paar Wochen noch gut bekannt war. Rechter Hand mäanderte die Volme durchs Sauerland, ab und an flammten Grablichter an der Seite, die an Verunglückte erinnerte, während der Nachrichtensprecher mittlerweile von sieben Toten in Oslo sprach. Unterdessen unterlag der MSV Duisburg im Abendspiel zuhause gegen Energie Cottbus mit 1:2.

Bei Meinerzhagen sauste der silberne Golf zurück auf die Autobahn; Siegen, Hessen, Wetzlar, Friedberg, Frankfurt – wir rollten durch die Dunkelheit und landeten exakt um 23:06 im Frankfurter Nordend.

480 km mehr auf dem Tacho, Mann sind wir bescheuert.