Eigentlich wollte ich ja im letzten Beitrag einen Kunstgriff starten, um von Jan Fleischhauer aka Sudel-Jan über die 11Freunde, Rainer Rauffmann und 1899 Hoffenheim bei Franziska van Almsick zu landen. Dabei geriet der erste Text ein wenig aus den Fugen und kurzerhand entschied ich mich, deren zwei daraus zu machen.

Die 11Freunde, ein Magazin für Fußballkultur, seit 2000 auf dem Markt, erfreut sich einer großen Beliebtheit unter Fußballfans. Markenzeichen des Heftes sind Berichte und Fotos, die sich meist weniger um den rein sportlichen/statistischen Aspekt drehen, sondern eher das Drumherum beleuchten. Gab es vor Jahrzehnten außer dem Kicker, dem Reviersport oder den Fanzines kaum Literatur zum Thema Fußball, sieht man einmal von den Bildbänden zu fußballerischen Großereignissen ab, so hat sich das Bild seit dem Erscheinen von Nick Hornbys epochalem Werk Fever Pitch grundlegend geändert. Fußball ist spätestens seit der WM 2006 salonfähig geworden und mit Einzug der Flatrate in deutsche Stuben hat sich die Anzahl der im weitesten Sinne über Fußball geäußerten Worte verzigfacht.

Die Feuilletonisierung des Fußballs, woran die 11Freunde maßgeblichen Anteil haben, geht einher mit seltsamen Erscheinungsformen und vor allem veränderter Deutungsweisen. Dies betrifft auf der einen Seite das Verhalten der Fans, die abgesehen von großen Katastrophen (Heysel, Sheffield) bis dahin ihr Dasein weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit fristeten. Man schlug sich, man vertrug sich und man wurde dabei meist in Ruhe gelassen. Das mediale Interesse bezog sich nahezu ausschließlich auf das Geschehen auf dem grünen Rasen. Mit Erscheinen von Fever Pitch rückte das Verhalten von Fußballfans immer mehr in den Focus der Berichterstattung; auf der einen Seite erkannten viele, dass sie mit ihrer Passion nicht alleine dastanden – auf der anderen Seite entdeckten aber auch Menschen den Fußball für sich, die sich bislang zu schade waren, um mit den Fußballprolls in einen Topf geworfen zu werden. Mithin entwickelte sich das schöne Wörtchen Fußballkultur zu einem Begriff, der auf einmal (wenn überhaupt) nicht mehr für die Spielweise von Jürgen Grabowski oder Günther Netzer stand, sondern für das Geschehen als Ganzes. Aus der mühsamen Naturbändigung der Zivilisation entwuchs die feingeistige Kultur.

Dies ist natürlich ein Pfand, mit dem sich Geld verdienen lässt – und so störte auch im Sinne der Fernsehgelder und Vip-Logen auf einmal das Klientel, das sich vor gar nicht allzulanger Zeit auf den Rängen ungestört fühlen durfte; der gemeine Fan, der sich bis in die Achtziger hinein zwar dezenter Videoüberwachung ausgesetzt sah, sich dessen ungeachtet aber regelmäßig daneben benahm. Und sich daneben benehmen konnte. Sieht man einmal davon ab, dass zu Beginn der Achtziger in Hamburg Adrian Maleika, ein Werder-Fan durch den Steinwurfs eines HSV-Anhängers tragisch zu Tode kam, ist in all den Jahren trotz konfiszierter Wurfsterne und Fahrradketten relativ wenig ernsthaft Schlimmes passiert – obgleich es heftiger knallte als all die Jahre danach. Die Neo-Nazis kamen und sie wurden relativ bald wieder aus den Stadien hinaus komplimentiert, meist durch den Zusammenschluss aus Reihen der Fans.

In Offenbach oder Kaiserslautern flammten wie im Süden Europas regelmäßig bengalische Lichter auf den jeweiligen Bergen – und kein Mensch störte sich daran. Heutzutage sind selbst kleine Lichtlein gleichgesetzt mit den Kampfbegriffen Randale oder Gewalt und wo früher die Joints dampften wird einem heute nicht nur auf den besseren Plätzen selbst bei einem Glimmstengel mahnend auf die Schulter geklopft. Dafür aber ist über jede Fußballerfrisur schon herzlich gelacht worden und jedes lustige Zitat eines Kickers, über welches wir uns früher beömmelt haben (wenn es überhaupt zu uns gedrungen ist) wird heutzutage schon vor dem Aussprechen im Morgenmagazin der ARD gesendet. Fußballhistorie hat schon längst jegliches sentimental-nostalgische Flair verloren, sondern mutierte im Laufe der Jahre als schnöder Materialfundus zum Füllen der Seiten in Blogs und Magazinen, kurz: aus dem Hobby heranwachsender junger Männer wurde ein gesellschaftliches Ereignis in einem gigantischen finanziellen Kontext – mit dem Ergebnis, das längst nicht jeder, der nach dem Spiel ein Stadion verlässt auch weiß, wer gespielt hat und wie die Partie ausgegangen ist.

So ist der Fußball nicht nur zum Spielball finanzieller Interessen verkommen, sondern dient gleichermaßen als Egofutter derer, die ihn als vermeintliches Hobby lenken. Bekannten sich in den Siebziger Jahren (mit Ausnahme von gewieften Geschäftsleuten wie Günter Mast/Jägermeister Braunschweig) nahezu ausschließlich gesellschaftliche Sonderlinge zu leitenden Positionen im Fußball (Elton John beim FC Watfort oder Rod Stewart als bekennender Celtic-Fan), deren Engagement mit einer sowieso schon bekannten Verrücktheit erklärt und akzeptiert wurde, so leisten sich heutzutage vermeintlich hochseriöse Geschäftsleute einen eigenen Fußballverein.

Das Paradebeispiel in der Bundesliga schlechthin ist derzeit Dietmar Hopp mit seinem künstlich gepäppelten Verein TSG Hoffenheim, die 100 Jahre ihr Dasein als Dorfverein fristete, bis sich der Gründer von SAP nach dem Scheitern diverser anderer Projekte in Mannheim und Heidelberg  an seinen Jugendverein erinnerte und diesen mit beträchtlichen Zuschüssen von der Bezirksliga in die erste Bundesliga pimpte. Einhergehend war dabei die Umbenennung von TSG in 1899 Hoffenheim, um die langjährige Tradition zu unterstreichen. Dass dabei der traditionsreiche Name auf der Strecke blieb, scheint ein Treppenwitz der Geschichte.

Während also die TSG Hoffenheim Liga um Liga erklomm, baute Dietmar Hopp Stadion auf Stadion – und so spielt die ruhmreiche TSG heute in einer hochmodernen Arena in Sinsheim direkt an der Autobahn. Sogar Spiele der Frauenfußball-Weltmeisterschaft wurden dort ausgetragen – obgleich Sinsheim bislang nicht gerade durch übertriebene Affinität zu diesem Sport aufgefallen war. Auf 240 Millionen Euro bezifferte Spiegel-Online im Januar die Summe, die Hopp bislang der TSG zugebuttert hat. Selbstverständlich wurde diese Summe nicht mit Fußball erwirtschaftet, denn wie im Beitrag zu entnehmen ist die TSG hoch verschuldet.

Wie aber schafft ein Multimillionär dies alles und wozu? Sicher, Geld kann man nie genug besitzen, doch Geld alleine schafft eines nicht: Gesellschaftliche Anerkennung nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Für diese Akzeptanz wiederum ist Geld ein probates Mittel, denn wer Geld besitzt, der kann sich vieles kaufen – vor allem Beziehungen. Und Macht. Und so ist es wenig verwunderlich, dass der Sohn des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, Ralf, bei der TSG der verantwortliche Mann für Frauenfußball ist. Natürlich hat alles mit allem nichts zu tun. Völlig unabhängig davon bereitet sich die Deutsche Nationalmannschaft demnächst auf die bevorstehende Europameisterschaft vor, im schönen Tourettes in Südfrankreich. Der DFB in Form von Oliver Bierhoff schreibt dazu: „Bei der Realisierung des Trainingslagers in Südfrankreich hat uns Dietmar Hopp mit großem Engagement geholfen. Ihm gehört das Terrain, auf dem sich das Hotel Terre Blanche befindet. Ich habe mich sehr gefreut zu spüren, mit welcher Herzlichkeit er uns bei der EM-Vorbereitung unterstützt.“

Hat natürlich mit allem nichts zu tun; das sind Zufälle, die können passieren, das hat ja auch schon Trainer Baade festgestellt. Nebenbei erinnern wir uns an die im Stadion der TSG Hoffenheim installierten Anlage, die über Tonfrequenzen Schmähgesänge von Fans gegnerischer Mannschaften übertönen sollte. Während vereinzelte Bengalos seitens des DFB und der DFL geahndet werden, als wäre das jeweilige Stadion in Schutt und Asche gelegt worden, so hört man in Bezug auf die Machenschaften in Sinsheim lautstark: Nichts.

Spannend wird in diesem Zusammenhang eine Meldung, die heute vom nicht nur Nachrichtenmagazin Focus lanciert wurde: Franziska van Almsick soll Sportschau moderieren. Auch der Spiegel weiß darüber zu berichten. Van Almsick, war in jungen Jahren eine recht flotte Schwimmerin, die später vor allem durch Tätowierungen im Zusammenhang mit ihrer Liaison mit dem Handballer Stefan Kretzschmar aufgefallen ist. Mediale Präsenz zeigte sie neben ihrer Tätigkeit als Expertin im Schwimmsport vor allem während der WM 2010 in Südafrika, als sie abseits sportlicher Betreibungen über Land und Leute berichtete. Während die ehemalige Eisschnellläuferin Franziska Schenk, die gleichfalls als Moderatorin der Sportschau gehandelt wird immerhin ein Studium der Medienwissenschaft abgeschlossen hat und sich bislang auch als Sportmoderatorin einen Namen machen konnte, so überzeugte van Almsick vor allem im und neben dem Schwimmbecken. Was hat Frau van Almsick aber mit Fußball am Hut?

Ganz aufschlussreich ist dabei ein Interview, welches sie dem Magazin für Fußballkultur gab, in welchem Franzi sich ganz offen zur TSG Hoffenheim bekannte, sogar die richtigen Worte hatte sie parat: Wir fühlen uns als Traditionsverein! Und woher kommt dieses WIR? Ganz einfach: Dass ich der TSG die Treue halte, liegt auch an der Freundschaft zu Dietmar Hopp, den ich über meinen Mann (der Unternehmer Jürgen B. Harder, d. Red.) kennengelernt habe.

So ist das also, gleich und gleich gesellt sich gern – und über die jeweiligen Verflechtungen ist für die Beteiligten ne Menge drin. Wenn also alles wie geplant läuft, dann berichtet Franziska „WIR“ van Almsick  in der Sportschau über die Nationalmannschaft während der EM in Polen und der Ukraine, wobei das DFB-Team sich  in einem von Gatten-Freund Dietmar Hopp finanziertem Gelände darauf vorbereitet hatte – unterdessen der Sohn des DFB Präsidenten der Frauenfußballmannschaft in Hopps Verein vorsteht. Wer in irgendeiner Form vermutet, dass möglicherweise Interessenskonflikte vorliegen, möglicherweise sogar eine inhaltliche Einflussnahme, der muss sich sagen lassen, dass alles mit allem nichts zu tun hat. Und dass die wahre Gewalt von den Fans ausgeht und nicht etwa von den Konstellationen gut befreundeter Unternehmer an den Schaltstellen der Macht, die bis in die Medien die Posten besetzen und Inhalte definieren.

Eigentlich hatte mich das Interview der Franzi in 11 Freunde dermaßen erzürnt, dass ich erwog, mein Abo zu kündigen. Nun bin ich für die offenen Worte sogar ganz dankbar. Ein Grund zur Kündigung wäre vielleicht ein ganz anderer: Im Sonderheft zu den Nuller Jahren schreibt Andreas Bock über den ehemalige Eintracht-Stürmer Rainer Rauffmann, der in Zypern sein Glück gefunden hat: Als der 30-Jährige 1997 auf Zypern landete, war er bloß ein abgehalfteter Bundesligaprofi. Seine bisherigen Vereine lasen sich wie die Blaupause der Graumäusigkeit: Blau Weiß 90 Berlin, SV Meppen, Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld.

Eintracht Frankfurt eine Graue Maus? Das allerdings geht entschieden zu weit.