Gott sei Dank, die Luft bleibt im Schlauch. So muss ich am Sonntagmorgen gegen halb acht nur den Mantel aufziehen und das Rad montieren, bevor ich todmüde von Oberrad aus Richtung Main rolle. Unten am Ufer geht es noch recht beschaulich zu, einzig die Jogger flitzen sich gesund. Frisch ist’s, doch die Wettervorhersage verspricht brütende Hitze und 34° – und so sollte es ja auch kommen. Jedoch weit später als erwartet. Früher schaute man aus dem Fenster, prüfte die Luft und wusste, wie das Wetter wird. Heutzutage guckt man zwei Tage vorher ins Internet, ärgert sich zwei Tage über das kommende Wetter und wundert sich dann, dass es ganz anders kommt – aber gut.

Vor mir die Skyline der Stadt, linker Hand harren stumm die Baumstümpfe der zwecks geplanter EZB-Brücke gefällten Bäume, rechter Hand ragen die Kräne der Baustelle der ehemaligen Großmarkthalle, die derzeit zur neuen Europäischen Zentralbank umgebaut wird, in den Frankfurter Morgenhimmel. Das geht hier, ein denkmalgeschütztes Monument auseinander zu schneiden, um gläserne Paläste zu platzieren. Was jedoch nicht geht, ist wie seit Jahrzehnten im Rahmen der Bornheimer Kerb bei Musik auf der Straße zu feiern. Aber dies ist ein anderes Thema.

Auf dem Uferweg liegen die Reste des vergangenen Tages verstreut auf dem Boden; Wodkaflasche, Becher, Pizzaschachteln, Tüten von Burgerketten und – Scherben. Die bringen ja bekanntlich dem einen Glück und dem anderen einen Platten. Die Enten und Gänse kümmert dies scheinbar wenig, sie sind trotzdem immer hier und hoffen, dass was für sie abfällt.

Vom Holbeinsteg kommend pickt ein Mitarbeiter den Müll auf, ich registriere dies wohlwollend und rolle über den Steg ins Bahnhofsviertel, wo Pia schon an der Münchner Straße auf mich wartet. Wir verschließen die Räder und marschieren zur Südseite des Bahnhofs, zum ausgemachten Treffpunkt – und wir sind nicht die ersten. Aus dem Augenwinkel erkennen wir schusch, der soeben im Hauptbahnhof verschwindet, Mark, Ariane, Andi und etliche unserer Mitfahrer haben sich schon eingefunden und warten auf den Bus der Geiselgangster, der uns heute nach Frankfurt ans Stadion bringen soll. Es ist mittlerweile 9:00 Uhr, das Spiel beginnt um 13:30 – die Zeit wird knapp. Hier und da wird gefrühstückt (Binding Export) die Stimmung ist ausgelassen, der Bus kommt, die Fahrt beginnt.

Wir sausen über die Autobahn, stimmungsvolle Gesänge erschallen während wir bei Unterliederbach den Highway wieder verlassen. Der Bus schlängelt sich durch ein Wohngebiet und sammelt vor dem örtlichen Polizeirevier wie geplant einige Mitreisende ein – anschließend geht’s zurück auf die A66 bis zur Raststätte Weilbach; auch das Binding Export muss wieder raus. Unterdessen zieht sich der Himmel zu und die Regentropfen auf der Windschutz legen beredt Zeugnis ab ob der Genauigkeit der Wettervorhersage; 34° und trocken. Wir fahren weiter, und erreichen bald einen Ort traurigster Finsternis; brennende Mülltonnen, Berge von Unrat auf den Wegen und ein unerträglicher Gestank von Schwefel liegt in der Luft, das Atmen fällt mit jedem Moment schwerer. Wir rollen eine Anhöhe hinauf, Bilder grausamster Natur nisten sich in deinem Kopf ein, unvorstellbare Szenen spielen sich auf den Wegen ab, wir müssen anhalten, finden einen Parkplatz, dahinter ein kleiner Park. Es ist schlimm. Nebenan wird allem Anschein nach ein Stadion gebaut, einige müssen brechen. Ich entdecke einen Aufkleber im Gras, erleichtere mich spontan. Wenig später kommt ein Mitreisender und trägt freudestrahlend jenen Aufkleber in seinen Händen, die ich kurz darauf mit Bier reinige.

Die örtliche Gang fährt blauweiße Autos mit putzigen Lichtern auf dem Dach, die blau blinken – wir wollen uns auf nichts einlassen, fliehen nahezu panisch aus diesem unwirtlichen Gelände; erst Kilometer weiter unten wird die Sicht wieder besser, dennoch muss der Bus im großen Kreisel mehrere Runden drehen, zu verwirrt die Sinne, zu grausam das Erlebte.

Mit jedem gefahrenen Meter bessert sich die Lage und als linksseitig der Frankfurter Stadtteil Oberrad zu sehen ist, da erscheint die Luft urplötzlich unglaublich mild, als hätte eine unsichtbare Hand den Schleier des Grauens mirnichtsdirnichts abgezogen, nur der Himmel will nicht ganz aufreißen, als traue er dem Braten noch nicht so ganz.

Wir fahren; fahren bis wir hinten an der Gutleutstraße links Richtung Main auf einen Parkplatz abbiegen. Ein paar Meter zu Fuß und schon liegt er vor uns, der Orange Beach, eine unbekümmerte Bastion der Entspanntheit – einzig der strömende Regen stört das Idyll, als wolle er all den Schmutz des letzten Ortes final abwaschen. Uns kümmert’s wenig, wir futtern Würstchen, trinken Bier und quatschen uns in Stimmung – denn all zu lange ist es nicht, mehr, bis im nahen Stadtwald das 173. Derby gegen den FSV Frankfurt angepfiffen wird. Und je näher wir dem Stadion kommen, desto klarer wird der Himmel, auch der Regen hat genug gearbeitet und wir stehen nun auf der Kennedyallee im Stau. Es wird tatsächlich knapp, und so verlassen wir den Bus zu Fuß Richtung Haupteingang, statt wie geplant am Parkplatz Gleisdreieck einzurollen. Danke ihr Geiselgangster, es war ein großartige Auswärtshinfahrt. Und: Rosa Polos sind scheiße.

Am Haupteingang selbst türmen sich Menschemassen, Eintrachtler, Bornheimer, doch der Einlass geht fix. Sanftes Abtasten und schon sind wir im Stadion, in dem die Eintracht heute zu Gast ist und sich dennoch nicht fremd vorkommt. Die Sonne scheint.

Als wir endlich unsere Plätze auf der Gegentribüne erreichen, läuft das Spiel bereits seit sieben Minuten, noch ist kein Tor gefallen. Das Stadion ist nicht ganz ausverkauft, die besseren Plätze sind nur halbbesetzt. Dennoch kann der FSV Frankfurt die größte Kulisse seiner Geschichte begrüßen, die offizielle Zuschauerzahl wird später bekannt gegeben: 50.250 Fans wollen das Spiel vor Ort erleben; die Eintrachtler in ihrer angestammten Kurve, die FSVler im gut gefüllten Gästeblock.

Während der FSV traditionell in schwarzblauen Trikots auf dem Platz steht, tragen die Eintrachtler ihre nagelneuen weißen Auswärtstrikots, die mit der aufgedruckten Zielscheibe. Der ästhetische Punkt geht klar nach Bornheim, auf den Rängen wie auf dem Rasen aber übernimmt die Eintracht das Kommando und schon in der 13. Minute in Führung. Auf dem Videowürfel blinkt groß das Wort Tor auf, erzielt hat es der schnell reagierende Sebastian Rode. Der FSV vergibt seine Chancen leichtfertig, die Eintracht dominiert und als Gekas von Klandt gefoult wird, pfeift Schiedsrichter Drees Elfmeter. Gekas schnappt sich den Ball und entgegen der Binsenweisheit, dass der gefoulte Spieler nicht selbst schießen soll, legt er sich die Kugel zurecht und schiebt ihn glücklich an Klandt vorbei zum 2:0 ins Netz. Noch vor der Pause erhöht der quirlige Köhler, der den gesperrten Meier auf der zentralen Position im Mittelfeld ersetzt, auf 3:0. Halbzeit.

Nach der Pause plätschert die Partie unaufgeregt vor sich hin; die Eintracht lässt es ruhig angehen, der FSV ist nicht in der Lage, gut gemeinte Absichten in die Tat umzusetzen. Als Köhler umringt von drei Bornheimern die Kugel am Strafraum vertändelt, gellen Pfiffe durchs weite Rund – der Mensch braucht halt ein Ventil und ist nicht immer geschmackssicher. Später übersieht Gekas traditionell zwei weitaus besser postierte Mitspieler und verliert den Ball, was mich in Rage versetzt. Ehrlich, wenn Gekas auf dem Platz steht, spielst du üblicher Weise mit 10 Mann und hoffst, dass der elfte wenigstens hie und da trifft – ein Unterfangen, welches im Jahr 2011 nicht wirklich von Erfolg gekrönt war. So ist es auch wenig verwunderlich, dass der in der 88. Minute für Gekas eingewechselte Hoffer nur eine Minute später sich auf rechtsaußen schön durchsetzt und Köhler in der Mitte bedient, der den Ball nur noch einschieben muss – 4:0. Spielende. Auswärtssieg.

Das hätten die wenigsten erwartet, dass das 173 Derby eine recht einseitige Angelegenheit wird; die meisten dachten, dass es wohl eine ganz enge Kiste werden würde; so aber klettert die Eintracht in der Tabelle auf Rang zwei, während der FSV beginnt, sich unten einzurichten.

Nach einem kurzen Besuch im Museum wandern Pia und ich noch einmal ans Gleisdreieck und begrüßten jede Menge bekannte Gesichter. Tom hatte sich verletzt und war leicht angeschlagen, doch die Zeit heilt alle Wunden und mit einem 4:0 im Rücken geht es vielleicht sogar noch ein bisschen schneller.

Mit Ursula und Pedro marschieren wir später zur S-Bahn, fahren zum Bahnhof und treffen am Ende der Münchner Straße auf Dominik und René, die im Auto auf den ADAC warten. Ich blicke noch kurz unter die Motorhaube, kann aber nichts entdecken und als ich noch schaue, kommt der gelbe Engel um die Ecke. Somit können wir die beiden Unglücksraben in guten Händen wissend alleine lassen, holen unsere Räder und radeln nach Sachsenhausen. Dort gönnen wir uns eine Pizza und lassen den Abend in der Alten Liebe oder besser davor ausklingen. Heiß ist es noch geworden, 34° und trocken dazu. Die Jungs der Bembelbar schauen mit einer Barhocker-Polonaise kurz draußen vorbei, die Dunkelheit legt sich langsam über die Stadt, und bei Musik und Tanz wird drinnen gefeiert, bis man die Tänzer auswringen kann. Als ich gegen zehn im Nordend eintrudele läuft auch an mir das Wasser nur so herunter, doch es war ein toller Tag, der hinter uns liegt – und das mit einem tollen Ergebnis: Auswärtssieg! Der Favorit hat das Derby dann doch noch gewonnen.

Die Skizze der Fahrt stammt von SNF.