Zum wiederholten Mal luden die 11Freunde in Gestalt von Philipp Köster zum Jahresrückblick in die Frankfurter Batschkapp, erstmals jedoch unter meinen Augen. Die vergangenen Jahre war ich trotz illustrer Gäste wie Peter Fischer, Friedhelm Funkel, Manni Binz oder Henni Nachtsheim leider verhindert. Heuer hat es sehr lange gedauert, bis die Gästeliste durchsickerte, die meisten Anwesenden hatten sich ihre Karten ohne Kenntnis der Gäste besorgt, so auch wir.

Die Batschkapp dürfte ausverkauft gewesen sein – und es waren keineswegs nur Eintrachtfans vor Ort, die verschiedensten Clubs wurden durch Trikots repräsentiert. Die Halle lag in sattem Dunkel, nur die Bühne, dekoriert mit Couch, Tisch und Notebook, war beleuchtet, dezente Konzertatmosphäre. Köster betrat die Bühne und begrüßte die anspruchslosen Frankfurter, die ohne Kenntnis der Gäste den Laden voll gemacht hätten. Diesmal waren vor Ort: Ansgar Brinkmann, Fredi Bobic, Oliver Reck und Hartmut Scherzer, der für den kurzfristig indisponierten Norbert Meier eingesprungen war. Scherzer hat die Eintracht lange Jahre journalistisch begleitet, unter anderem für die Abendpost Nachtausgabe – und er hat gemeinsam mit Grabowski von der WM 1978 in Argentinien berichtet. Auch das große Buch über Grabi stammt aus seiner Feder.

Kösters Wortgewandtheit und sein allgemein bekanntes breitbeiniges Selbstbewusstsein schimmert auch auf der Bühne durch, vorteilhaft, wenn es um flottes Reagieren geht, jedoch kippt dies zuweilen in Überheblichkeit um, vor allem im Gespräch mit Scherzer, der sich freimütig dazu bekannte, noch alte Schule zu sein. Kein Facebook, kein Twitter. Laptop und Zeitung.

Der Jahresrückblick rieb sich wenig an der Eintracht, wie es vielleicht zu vermuten gewesen wäre, auch das jeweils persönliche Jahr der Gäste stand stets im Hintergrund, so blieb es meist bei Allgemeinplätzen, die jedoch unterhaltsam präsentiert wurden. Kurzer Rückblick auf die EM und die Geschichte des Will Griggs, vom Freak hinter dem Monitor bis hin zum kollektiven Stadiongesang. Wolfsburgs Transferpolitik war Thema, Tuchels Rede nach dem verlorenen Eintrachtspiel, kurzer Hinweis auf Leipzig (Wer Kösters Haltung zum Club kennt, ahnt, dass es wirklich nur ein kurzer Hinweis war), Leicesters Meisterschaft und der neue TV-Vertrag. Emotionaler Höhepunkt des Abends war sicher eine visuelle Erinnerung an den leider verstorbenen Johan Cruyff.

Brinkmann hielt sich merklich zurück, jedoch blickte zuweilen dessen sattsam bekannte Brinkmannsche Art durch. Auf die Frage, was es für seine Karriere bedeutet hätte, so es damals schon die sozialen Medien gegeben hätte, antwortete er schlicht: Mein Ende. Als Norbert Meier angesprochen wurde, warf er ein, dass er bei einem Trainer Meier, der seine Truppe motivieren will, stets an den Auftritt mit Albert Streit denken müsse, als Meier wie vom Blitz getroffen ohne Berührung umfiel. Soviel zum Kampf. Und zur Motivation. Und bei Schafstalls Training in Osnabrück war die Mannschaft schon beim Warmlaufen im roten Bereich angelangt.

Bobic, der übrigens mit Tuchel in grauer Vorzeit bei den Stuttgarter Kickers gekickt hatte, pendelte zwischen Lausbub und elder Statesman. Er gewinnt der Präsentation einzelner Fußballer in den sozialen Medien nicht allzuviel ab, klare Ansage von ihm: Die Präsentation findet auf dem Platz statt. Seine Lieblingssentenz Am Ende des Tages kam ihm viermal über die Lippen, für knapp zwei Stunden ein ordentlicher Wert. Für Heiterkeit sorgten seine Einlassungen zur Sendung Doppelpass. Ich musste 60 Minuten lang Edmund Stoiber zuhören. Einige Zuschauer sind dabei fast eingeschlafen, ich konnte nicht, ich war ja vor der Kamera. Ein kleiner Versprecher von Bobic, der über seine Bewerbung bei der Eintracht sprach, das Wort „Bewerbung“ aber noch korrigierte, bevor es vollends ausgesprochen war, wurde von Kösters geistesgegenwärtig aufgegriffen und in die Frage umgewandelt, wie man sich den so eine Bewerbung vorstellen könne. Bobic bekam die Kurve, vermied das Wort Bewerbung und sprach von mobilen Telefonen, Kontakt und Kommunikation.

Oliver Reck, bekanntermaßen kein Wortakrobat, nahm zu Schalke Stellung, immerhin hat er dort fünf Jahre gespielt. Wichtig für Schalke seien „Authentizität“ und Kontinuität, dabei lobte er Neumanager Heidel, der trotz holprigem Start an Trainer Weinzierl festgehalten hatte. Schön war die Wortkreation „Erdbodenkante“. Von dort nämlich seien Vereine, die nicht am Geldregen der TV-Verträge partizpieren verschwunden. Es ging natürlich um die finanzielle Ausstattung der Amateurligen, um die Schere die zwischen den beiden oberen und den folgenden Ligen klafft. Ist ein Absturz aus Liga Eins im Zweifel verkraftbar, so ist der Fall aus der zweiten Liga finanziell kaum noch aufzufangen.

Hartmut Scherzer redete sich ins kurz ins Verhängnis, als die Sprache auf Leipzig kam, ein Club, dessen Aufstieg er durchaus wohlwollend betrachtet. Leider hat Köster in diesem Moment auf ein Erkenntnis bringendes Gespräch zu Gunsten des Koketierens mit der eigenen Haltung verzichtet – wobei die Argumente ja auch schon sattsam ausgetauscht sind. Scherzer hält die vorhersehbare Entlassung von Meier zu diesem Zeitpunkt für einen Fehler und erinnerte zudem an den Karriereknick einstiger Frankfurter Spieler, die nach Wolfsburg gewechselt sind, Ochs oder Jung, die mehr oder minder von der ganz großen Bildfläche verschwunden sind – im Gegensatz zu Russ, der mit seiner Rückkehr nach Frankfurt alles richtig gemacht hätte.

Zu den Gesprächsrunden wurden kurzweilige Filme eingespielt, die schönsten Schwalben, die gröbsten Fouls im Amateurfußball und natürlich Löws Griff in den Schritt.

Ein bunter Streifzug also durch die Fußballgeschichte des Jahre 2016, der weitgehend auf Tiefgründiges und Persönliches verzichtete, etliche Aspekte anriss und recht unterhaltsam war. Dies lag nicht zuletzt an Köster, der – sich seiner Selbst bewusst – wie am Schnürchen durch den Abend führte, gefühlt auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten, wobei er gerade bei Scherzer, der das große Rampenlicht nicht so gewohnt war, eher als Dompteur denn als Gastgeber auftrat. Dankenswerter Weise wurde auf den geplanten Blick auf die Bayern verzichtet, das Publikum war darob bis auf Vereinzelte Problemfälle nicht böse.

Die Leute waren zufrieden, applaudierten artig und strömten in die Kälte, wer wollte, konnte jedoch noch das CL-Spiel zwischen Real Madrid und dem BVB auf Leinwand verfolgen. Immerhin, denn trotz allem Unterhaltungswert sind 16,50 Euro Eintritt doch ein stolzer Preis. Und es bleibt die Frage, weshalb bei einem Jahresrückblick in Frankfurt ein Foto einer historischen Partie zwischen dem MSV Duisburg und dem BVB vor Beginn die Leinwand ziert. Aber dies sind Petitessen im großen Kampf um das runde Leder.