Im Grunde kam es, wie es kommen musste. Den stärksten Moment der Eintracht erlebten wir nach Abpfiff der Partie gegen den SV Darmstadt98. Die Eintracht-Spieler stellten sich der Kurve, Fans gelangten durch die weshalb auch immer geöffneten Tore an den Spielfeldrand, es wurde diskutiert. Natürlich mussten drei Kameraden das Spielfeld betreten, natürlich musste die Polizei in einer Stärke, die man sich bei brennenden Flüchtlingsheimen wünscht, Präsenz zeigen – und endlich waren sie da, die Bilder auf die alle gewartet hatten.

Am Tag zuvor hat die U19 gegen abgeschlagene Lilien verloren, 0:1 – das war Tiefpunkt Nummer eins.

Fangen wir mit dem Positiven an: Das Spiel war am Sonntag Abend, das Wochenende also nicht gelaufen. Und auf der Waldtribüne hat alles geklappt, alle Gäste waren pünktlich vor Ort, Markus Sotirianos von der FuFA der Lilien, sein Eintracht Pendant Stefan Ungänz, dazu Christian Hahn, Eintrachtfan, der das Spieltagsplakat gestaltet hatte und der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch – der uns unter anderem erklärte, was die Böllen am Böllenfalltor eigentlich sind, nämlich: Pappeln. Der Bildungsauftrag wurde routiniert umgesetzt, es konnte losgehen.

Zuvorderst inszenierte die Nordwestkurve eine Choreographie, Tausende Eintrachtfahnen flatterten im Winde, Hessenland – mein Königreich war zu lesen. Da war bei mir als bekennendem Vertreter der freien Stadt Frankfurt erstmals die Zeit gekommen, kritisch die Augenbraue nach oben zu ziehen. Natürlich fackelte es ein bisschen, was der Vertreter der Polizei zum Anlass nahm, über die Stadionlautsprecher zur Ordnung zu rufen – dies jedoch in einem Ton, der bei Kenntnis der Situation alles andere als Verständnis oder Akzeptanz verspricht. Brüllen ist selten ein guter Ratgeber.

Bei der Eintracht fand sich Ignjovski auf der Bank wieder, der bislang alles andere als überzeugende Hasebe verteidigte auf rechts, Gacinovic, der einzige Lichtblick aus dem Spiel in Mainz, durfte gleichfalls von Beginn an ran. Meier war gesperrt. Allen war klar, alles andere als ein Sieg der Eintracht ist indiskutabel gegen die Lilien, größere Beträge dürfte jedoch niemand darauf verwettet haben, zu schwach und mutlos die letzten Auftritte der Eintracht in einer an Tiefpunkten nicht gerade armen Saison. Ingolstadt, Gladbach, Aue die Highlights in negativer Hinsicht. Bislang.

In den ersten Minuten entwickelte sich sowohl auf den Rängen als auch auf dem Rasen ein munteres Spiel, doch mit zunehmender Dauer beschlich einen die Erkenntnis, dass die Entwicklung genau jenen Weg einschlagen würde, der prognostiziert wurde. Darmstadt machte die Räume eng, Heller rannte um sein Leben und die Eintracht, die meist über links kam, fand kein Mittel, sich entscheidend durchzusetzen. Gacinovic rackerte und blieb hängen, Aigner ist seit Wochen nur noch ein Schatten seiner selbst und Hasebe kein rechter Verteidiger – dafür wohl der bessere Sechser. Dort bemühte sich Reinartz mit zunehmend weniger Erfolg. Seferovic zeigte sich hochmotiviert und leistete sich einen Fauxpass, als er an der Torauslinie einen Darmstädter samt Ball mit Ansage umnietete und mit gelb gut bedient war. Spielintelligenz – ein Wort, welches einem bei der Eintracht im Herbst 2015 nicht als erstes einfällt.

Und dann kam, was kommen musste. Freistoß für Darmstadt, Sulu steigt am höchsten und trifft. Fortan ging es bergab. Darmstadt zeigte sein bekanntes Gesicht, einzelne Spieler krümmten sich vor Schmerzen und trabten kurz darauf munter über den Platz, vor allem aber rannten sie weiter mit Mann und Maus und ließen der Eintracht im Grunde keine Chance.

In der Halbzeit versuchte ich die Terrasse zu verlassen und erstmals in dieser Saison das Spiel auf den Stehplätzen weiter zu verfolgen, dort war aber alles so dicht und eng, dass ich wieder zurück dackelte. Der Rest verlief irgendwie in Trance, sehenden Auges ging es die Rutschbahn hinab in Richtung Stacheldraht. Mit Beginn der zweiten Halbzeit ersetzte Waldschmidt den jungen Gacinovic, Aigner aber bleib weiter auf dem Feld. Später kam noch der bereits abgewanderte Kadlec für Medojevic, ob er einen Ballkontakt hatte weiß ich nicht. Kurz zuvor hatte Darmstadts Trainer Dirk Schuster für den offensiven Rosenthal den noch offensiveren Sailer eingewechselt. Bei Führung. Im Waldstadion. Ein weiterer Tiefpunkt einer bislang desaströsen Saison.

Anschließend wurde es bunt in der Nordwestkurve, gerippte (oder womöglich gar gekaufte …) Banner der Lilien wurden präsentiert, diese alsbald passend zum Advent angezündet, der Polizeisprecher brüllte durchs Mikro. Schlusspfiff. Bedröppelt schlichen die Eintrachtspieler in die Kurve, aus unerfindlichen Gründen wurden die Tore geöffnet, Fans stürmten auf die Mannschaft zu und es wurde hitzig diskutiert. Das war sicherlich der stärkste Moment der Eintrachtspieler, die sich mutig stellten. Wobei man sich ja auch fragen kann, für wie wichtig ich mich eigentlich halte, so ich den Block verlasse und mit den Spielern ganz dringend reden muss. Aber gut, verbuchen wir das unter enttäuschte Emotion. Bis dahin verlief alles noch halbwegs manierlich. Natürlich mussten dann zwei, drei Leute mit großer Geste auf den Platz marschieren, auf dass die Polizei mit noch größerer Geste in Hundertschaften antwortet. Daraufhin schossen die zwei drei ganz Mutigen wie der Blitz zurück in die Kurve. Jetzt fehlten nur noch die Pferde. Und die Betroffenheitskommentare derer, die aus den Szenen nach Spielende ein Bürgerkriegsszenario herbei schreiben wollen. Es war alles nicht schön, und es kam alles so, wie man es vorher wusste.

Später auf der Pressekonferenz hoffte Eintrachttrainer Veh auf ein Lichtlein, welches von irgendwo her kommt und den rechten Weg weist, ich aber nutzte die Gunst der Stunde und stellte Ingo Durstewitz von der FR absichtslos ein Bein, auf dass dieser beinahe samt Notebook hingesegelt wäre. Eine der stärksten Szene eines Frankfurters an diesem Abend. Ingo aber machte dann das beste daraus, nämlich einen Artikel in der Rundschau: Die Mannschaft hat nichts, worauf sie sich zurückziehen und auf was sie sich berufen kann. Sie ist völlig konzept- und hilflos. Sie hat gar keinen Plan und keine Idee mehr, wie sie zum Erfolg kommen will. Für was diese Mannschaft steht, ist nicht zu erkennen. Das war alles anders geplant. Das Spiel ist statisch und behäbig, fußballerisch ist das sowieso an Limitiertheit und Schlichtheit kaum zu überbieten. Hinzu kommt: Angst essen Seele auf.

Und das klingt dann schwer nach Offenbarungseid. Zwei Spiele muss die Eintracht bis zur Winterpause noch absolvieren, ohne die gelb gesperrten Russ, Zambrano und Stendera in Dortmund und zum Abschluss gegen Werder Bremen. Viel wird nicht mehr zu holen sein in diesem Halbjahr, welches im Juni so schön eingeleitet wurde: Ich möchte träumen dürfen. Ochjo …