Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

Frankfurt – Mein Frankfurt

Frankfurt geht mir meistens auf die Nerven. Zuviel Geld, zu viele Hochhäuser, zuviel Schnickschnack und zuwenig Street-Credibility. Kurz, zuviel Lounge, zuwenig Punk. Oder von mir aus Rock’n’Roll.

Ich mochte das alte Frankfurt der Siebziger und frühen Achtziger, das Frankfurt der Straßenkinder, der Gastarbeiter, der unaufgeregt hässliche Alltag an einem tristen, regnerischen Novembermorgen. Grüneburgpark, Stadtbad Mitte, Trambahn, Bunker, Flohmarkt. Niemand mochte Frankfurt. Man konnte an den Main gehen und traf keinen Menschen. In der Kneipe in der Großmarkthalle hingegen saßen sie, die Trinker, die Nachtschwärmer, die Einsamen. Endstation Sehnsucht. Und die Eintracht holte Titel, Spieler posierten in Pelzmänteln vor S-Klasse Daimler, die Junkies versorgten sich an der Taunusanlage inmitten der Banker mit Stoff, das Bahnhofsviertel war das Bahnhofsviertel. Frankfurt war räudig, aber ehrlich. Und die alte Oper eine Ruine. Ein paar Meter weiter das TaT, Fassbinder inszenierte dort, Matthias Beltz spielte dort – oder im Volksbildungheim. Linton Kwesi Johnson später auch. Auf der Straße parkte ein roter Ford Mustang mit grünem Kennzeichen. Die Amis. Hier gab es keinen David Bowie, der sich inspirieren ließ wie einst in West-Berlin, hier gab es keinen Hans Albers. Hier gab es Michael Holm, der Smog in Frankfurt sang.

Die Großmarkthalle im Ostend ist Geschichte wie das Stadtbad Mitte, der Henniger Turm, die Batschkapp in Eschersheim, das Sudfass, das Technische Rathaus, die Kasernen wichen Wohnviertel und Bunker schicken Wohnungen. Die Alte Oper strahlt in neuem Glanz, auf dem Theaterplatz, der schon lange Willy-Brandt-Platz heißt, leuchtet ein überdimensionales Eurozeichen. Ist das Kunst oder kann das weg? Vielleicht kann es weg, die EZB hat mittlerweile das Gelände der einstigen Großmarkthalle in Beschlag genommen (und noch viel mehr) und ist nicht mehr am Schauspielhaus ansässig. Frankfurt, City of the Euro. Adorno, Horkheimer, kann man da was machen? Gemacht wurde viel, Gutes, wie Fixerstuben und Methadonprogramme und Schlechtes wie sterile Wohnviertel für Besserverdienende, in denen man kein Kind zum Spielen auf die Straße schicken möchte. Museumsufer, Fachwerkhäuschen Ostzeile, Fußgängerzone, pittoreske Aufhübschung einer Nutte, die sich jedem Geldbeutel an den Hals wirft.

Heute ist der Jahrestag der Auschwitz-Befreiung. Vor siebzig Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager, dessen Name zum Symbol für die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte geworden ist. Die Vernichtung von Millionen von Juden angezettelt und systematisch durchgeführt durch die Nazis. Und durch Bürger aus der Mitte Deutschlands.  Einige Tage später wurde die Weltöffentlichkeit über die Gräueltaten informiert. Die Ermittler fanden über eine Million Kleider, ca. 45.000 Paar Schuhe und sieben Tonnen Menschenhaar, die von den KZ-Wächtern zurückgelassen wurden.

Die Auschwitzprozesse fanden in Frankfurt statt. Der erste begann 18 Jahre nach Kriegsende. 18 Jahre.

Am Vorabend des 27. Januar 2015 trafen sich Tausende Frankfurter am Römer, um ein Zeichen zu setzen anlässlich der unsäglichen Ichschreibedennamenmalnichthin-Montagsspaziergänge durch vermeintliche Überfremdung bis ins Mark verängstigter Bürger in Dresden und anderswo, die dem Flüchtling nicht das Schwarze unter den Fingernagel gönnen, ihr könnt den ganzen Rotz nachlesen, die Medien sind voll davon. Zu voll.

Hinter dem Römer lugt die Kuppel der Paulskirche in die regnerische Dunkelheit, Ort der ersten Nationalversammlung 1848 – als dies noch als progressiv galt. Auch die Paulskirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und als erstes historisches Gebäude wieder aufgebaut. Auf dem Römerberg stehen Tausende Frankfurter, Fahnen wehen, Gewerkschaften, politische Parteien, Regenbogenfarben. Schilder: Wirr ist das Volk. Oberbürgermeister Feldmann spricht. Beifall. Ein Flüchtling spricht. Beifall. No nation, no border. Weiter hinten an der Katharinenkirche ein Häuflein versprengter Deutschnationaler Angsthaber, umringt von sie schützender Polizei. Davor wiederum Tausende Frankfurter, die es nicht zulassen werden, dass der armselige Haufen sich durch die Stadt bewegt. Während der Römerberg an diesem Abend eher dem Familienblock bei der Eintracht glich, so ähnelte das Szenario an der Hauptwache dem quirligen Support auf den Stehplätzen. Nazis raus. Haut ab! Wieviele waren wir? 15.000?

Ich bin selten stolz. Aber an diesem Abend, an dem die Kleingeister in Frankfurt nicht den Hauch einer Chance hatten, weil Frankfurt wieder einmal wie selbstverständlich zeigte, dass Rassismus, Antisemitismus aber auch religiöse Radikalität in dieser Stadt keinen Platz haben und keinen Platz bekommen werden, hatte ich Tränen in den Augen. Das ist meine Stadt, getragen von Weltoffenheit, Selbstbewusstsein und dem Miteinander unterschiedlichster Menschen, die hier leben und arbeiten oder auch keine Arbeit haben. Da geht man halt mal raus in die Kälte und stellt sich hin und zeigt: Hey ihr Spacken, mit uns nicht. Einen Tag vor dem siebzigsten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.

Dies war den großen Nicht-Frankfurter Online-Portalen wie Spiegel oder Zeit oder Süddeutsche allerdings keinen Beitrag wert. Zumindest habe ich nichts gefunden. Da muss dann erst Grönemeyer kommen.

Rö

31 Kommentare

  1. Pia

    Nö, Grönemeyer brauch ich hier nicht, um in irgendwelchen Online-Portalen überregional erwähnt zu werden.
    Hauptsache wir, und alle die gestern Abend auf dem Römer oder an der Hauptwache gewesen sind, wissen, wie stolz wir auf unsere Stadt sein können.
    Und die 80-100 Hansel wissen, dass sie einen schweren Stand hier haben. Einen sehr schweren.

    • Beve

      Grönemeyer kann ruhig kommen, er muss ja nicht singen :-) klar, wir brauchen die Promis nicht, aber anscheinend diverse Zeitungen, um zu berichten. Und: Jo, die Hansel überlegen es sich zwei Mal, hier wieder einzulaufen – und das ist gut so!

  2. wib

    An der Hauptwache war wirklich Stehblock…
    Nicht nur, dass ich einige aus der Nordwest getroffen habe, es wurde auch „Hasta la victoria siempre“ skandiert, das ich doch auch schon im Stehblock hörte, oder net?
    Jedenfalls war es großartig und wie ich auch schon schrieb, habe ich seit den Zeiten der Startbahn West nicht mehr so viele Menschen auf einer politischen Kundgebung auf dem Römerberg gesehen. Fußballfeiern mal ausgenommen, aber die sind ja nicht politisch, oder? :)

    • Beve

      Alle auf den Römer, ob mit oder ohne Schale :-)

    • Petra

      Mag sein das du das schon im Stehblock hörtest. Fakt ist aber daß der Stehblock das von Linken übernommen hat. und nicht andersherum.
      Und auf meiner Seite der Demo ist es mir relativ egal ob einer ne Eintracht- Hoppenheim oder gar Offebäsch-Mütz aufhat. Antifaschismus stört sich nicht an kleingeistigeen Lokalanimositäten.

      • Beve

        Ist doch völlig egal, wer was wo übernommen hat. Schön ist aber, wenn die Eintrachtfahnen auf unserer Seite wedeln. War ja auch nicht immer so.

  3. rotundschwarz

    Bei einer solchen Liebeserklärung – was brauchen wir Grönemeyer, Spiegel, Zeit oder Süddeutsche. Unter dem Schnickschnack ist der Punk.

    PS: Aus dem Demo-Ticker der FR: „19 Uhr 27: „…Es redet einer, von ihm versteht man gar nichts. Eintracht-Fahnen wehen im Nachthimmel…“

    • Beve

      also gut, grönemeyer gestrichen. eintrachtfahnen hingegen nicht :-)

  4. owladler

    mal als Hinweis:
    http://www.wdr3.de/buehne/auschwitz-stimmen100.html
    noch ein paar Tage hörbar. Fritz Bauer auch.

    • Beve

      danke, sogar als download.

  5. r.adler

    Beve, ein schöner Beitrag! Ja, Frankfurt ist anders als in den 70er oder 80er Jahren. Das ist gut und das ist schlecht. Einige Gegebenheiten von damals brauch ich auch nicht mehr…

    Schön, euch gestern getroffen zu haben. Wenn man die (sichtbaren) Eintracht Anhänger abgezogen hätte, wäre etwa eindrittel weniger Gegendemonstranten anwesend gewesen :-)

    Ich habe mich gefreut, soviele SGE Fahnen und Adler gesehen zu haben.

    Nur: Warum lässt man die Pedingsda Deppen nicht einfach abziehen. Das hatte was von Spießrutenlauf an sich. Unnötig.

  6. Beve

    Jo, hätte man sich auch kein Bein bei gebrochen.

    Eintrachtler überall. Sauber :-)

  7. alexander

    Sehr schön, vieles zum einrahmen dabei. Wenn ich auch bei solchen Zeilen immer wieder bedauere dass ich ein paar Jahre zu spät nach Frankfurt gekommen bin.

  8. Johanna

    Danke für diesen tollen Text! Eigentlich hatte ich geplant, etwas eigenes zu schreiben – aber du hast schon alles gesagt. Hättest du vielleicht Lust, diesen Beitrag auf http://www.lesflaneurs.de als Gast zweitzuveröffentlichen? Du kannst mich gerne via Twitter konktaktieren, dort hatte ich dich nämlich auch schon angeschrieben. Danke und liebe Grüße, Johanna

    • Beve

      Danke. Geht klar mit der Zweitveröffentlichung.

  9. Kine

    Hauptwache = Stehblock – ein guter Vergleich ;-) Mir sind auch die vielen Eintracht-Mützen, -Schals etc. aufgefallen. Und kaum, dass ich dort angekommen war, sind mir gleich ein paar Jungs aus dem Geiselgangster-Bus begegnet :-D
    Dann der Römerberg, der trotz Kälte und Schneeregen aus allen Nähten platzte. Vom Paulsplatz aus war kein Zugang mehr möglich, auch hinten von der Schirn aus kam ich nicht mehr allzu weit. Ganz, ganz großartig. Auch als Nicht-Frankfurterin war ich gestern abend extrem stolz auf die geilste Stadt der Welt.

    • Beve

      Ja, wir freuen uns über alle. Außer Off… :-)

  10. Simone

    DANKE
    Für diesen absolut treffenden einfühlsamen Text, dem ich uneingeschränkt zustimme und bei dem ich (in der S-Bahn lesend) Tränen in den Augen hatte.

    • Beve

      Danke. Es war ja auch ein bewegender Abend und der kurzfristige Gedanke: HIER bin ich zuhause ein guter.

  11. Andi

    Hi Axel,

    dein Artikel ist mit Herzblut geschrieben, ich glaube du drückst aus was viele auch meiner Bekannten und Freunde denken!
    Und weil es so ein schön geschriebener Artikel ist, ist er es mir wert, daß ich ein paaar Anmerkungen dazu machen möchte:

    Zum ersten Absatz: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz!“
    Aber du bist ja nicht umsonst schwarzer Romantiker ;-)
    Und Street-credibility kannst du höchstens selbst haben – oder eben nicht.

    Ich persönlich finde das heutige Frankfurt im großen und ganzen angenehmer, wenn ich an die „autogerechte Stadt“ und den Häuserkampf denke, um nur 2 negative Beispiele zu nennen. Mir gefällt das Mainufer, die Förderung des Fahrradverkehrs, der Versuch den öffentlichen Raum schöner zu machen, besserer ÖPNV usw. usf.

    Dagegen stehen die fortschreitende Gentrifizierung, das Verschwinden der von dir genannten Gebäude und Institutionen, den AFE-Turm nicht zu vergessen!
    Für mich ein Sinnbild für den Ausverkauf guter bürgerlich-republikanischer Traditionen und Volkseigentum im eigentlichen Sinne an Investoren und die sogenannte „Eliteförderung“.

    Das €-Zeichen vor der EZB ist für mich ein widerwärtiges perverses Denkmal für den Gott Mammon, das goldene Kalb um das alle wie im Wahn herumtanzen.

    Soweit – so schlecht.

    Den Bogen von den gestrigen Ereignissen zwischen Hauptwache und Römer zur Auschwitzbefreiung vor 70 Jahren finde ich allerdings mehr als eine Nummer zu groß! Das sind diese paar verwirrten Hanseln nicht wert!

    Ansonsten freue ich mich auf den nächsten Beitrag von dir, mit oder ohne Grönemeyer ;-)

  12. AS

    Danke für den Beitrag. Kann ich unterschreiben – zumindest was den vergangenen Montag betrifft (die anderen Sachen sehe ich als Hinzugezogener ein wenig anders) ;)

    • Beve

      Frankfurt war im vergangenen Jahrhundert mehrfach extremen Wandlungen unterworfen, schde, dass ich das Vorkriegs-Frankfurt nur aus Bildern kenne. Viele, auch die Jüngeren und Hinzugezogenen sprechen davon, dass die Stadt seit den letzten zwanzig Jahren an Lebensqualität gewonnen hat. Aber ich mochte Schmuddelecken schon immer etwas mehr als Fassaden. Und mit Schmuddelecke meine ich jetzt nicht Dreck.

  13. Beve

    Danke Andi. Wenn ich mir die verwirrten Hansel in Dresden ansehe, scheint der Bogen nicht mehr ganz so groß. Und Auschwitz markiert unsere Verantwortung, jeglichen Ansatz im Keim zu ersticken.

    Das heutige Frankfurt hat sicher was, aber wenn ich mich zwischem dem Stadtbad Mitte oder dem elitären Bad im Hilton, das nun an dessen Stelle steht, entscheiden müsste, ich würde jederzeit das Stadtbad nehmen. Ein symbolischer Change, wie ich finde, ebenso wie Großmarkthalle vs EZB.

  14. Wölli

    Dein Text spricht mir aus dem Herzen! Es macht mich froh zu lesen, dass
    15.000 Menschen gegen die braunen Dumpfbacken auf die Straße, bzw.
    Hauptwache und Römerberg gegangen sind.

    Da ich seit fast 10 Jahren in Berlin arbeite und lebe, verfolge ich gerade Deinen Blogg sehr regelmäßig. Heimat bleibt Heimat.

    Ja, Frankfurt hat sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert. Manches ist besser, manches ist schlechter geworden. Auf jeden Fall regiert der Euro.
    Schickimicki ist angesagt. Das ist hier in Kreuzberg (noch) anders. Zum
    Glück. Hier ist es urbaner und rauher, nicht so durchgestylt wie in
    Frankfurt. Die Probleme sind aber auch andere.

    Gerade wenn man nur alle paar Wochen oder Monate in Frankfurt ist, fallen einem die Veränderungen deutlich auf. Ich denke da nur an das neue Europa-Viertel hinter der Festhalle, grausam.

    Zum Glück gibt es immer noch unsere Eintracht, den Flohmarkt am Main, wenn auch nur noch alle 2 Wochen, die Germania in der Textorstraße, die
    Atschel in der Wallstraße, die Bergerstraße und die wunderbare
    Kleinmarkthalle, um die uns viele Nicht-Frankfurter beneiden.

    Und trotz fast 600 Kilometer Entfernung gibt es hier zum Glück eine sehr lebhafte Eintracht Frankfurt Fan-Scene, den EFC Adler Berlin. Fußball schauen wir entweder bei Steffen in der „Glühlampe“ in Friedrichshain (U-Bahn Warschauer Straße)oder
    in der neuen „Frau Rauscher“ (Inhaber: Stefan) bei der S-Bahn-Haltestelle „Prenzlauer Allee“. Immer mit Äppler vom Fass und Rindsworscht.

    Auch hier versucht ein kleines Häuflein Verängstigter, Ewiggestriger jeden Montag einen Spaziergang durch die Innenstadt. Bisher sind sie noch keinen Meter weg gekommen vom Roten Rathaus, da sie immer „umzingelt“ waren. Gut so. Und so wird es hoffentlich auch
    bleiben.

    • Beve

      Danke, bleibt weiter wehrhaft und haltet die Eintrachtfahnen hoch. In Preußen, die uns einst annektiert und uns den Status als freie Stadt genommen haben.

  15. r.adler

    Frankfurt galt in den 70er Jahren als unregierbare Stadt und Moloch, die kaum einen Oberbürgermeister lang leben liess. Der einzige, der damals Frankfurt einigermassen gewachsen schien war Rudi Arndt.

  16. Beve

    Dynamit Rudi :-)

  17. tikerscherk

    Ein toller Beitrag über die Stadt, die ich liebe, mein Frankfurt.
    Du sprichst mir aus der Seele.

    • Beve

      Danke :-)

  18. Tom Benway

    Schöne Beschreibung des „alten“ Frankfurt. Ich erinnere mich genauso daran.

    • Beve

      War nicht die Schlechteste Zeit damals.

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