Der Pokalsieg 1981, das Lagerfeuer im Wohnzimmer, Stepanovic, Toppmöller, Zebec, Fuji-Cup, aufgesägte Beine oder der unfreiwillige und unwürdige Abgang von Bum-Kun Cha im Jahr 1983 nach Leverkusen – all dies kam im Museum der Frankfurter Eintracht nicht bzw kaum zur Sprache – und das obgleich mit Bum-Kun Cha und Tony Yeboah gleich zwei Weltklassespieler der Eintracht zu Gast waren und aus erster Hand hätten erzählen können? Woran lags?

Es ist die Zeit, die uns wie Staubkörner durch die Finger rinnt und kaum, dass wir mit kurzen Hosen über den Schulhof geflitzt sind, werden die Haare so vorhanden grau und die Äuglein schwach. So streiften wir an einem denkwürdigen Abend so allerlei, was sich zwischen den Jahren 1978, dem ersten Auftritt Bum-Kun Chas in Deutschland und 1995, dem überraschenden Abgang Yeboahs aus Frankfurt so abgespielt hat.

Erstmals arbeiteten wir mit Dolmetscher, auf dass kein Wort verloren geht, obgleich sowohl Cha als auch Yeboah recht gut deutsch sprechen. Holger Ruhl, der neben seiner Tätigkeit als „Pfleger“ der englischen Variante der Eintracht-Homepage auch den lesenswerten Blog Schobberobber betreibt, übersetzte für Tony die Fragen souverän ins Englische und Frau Park trat an, die deutschen Worte ins Südkoreanische zu übersetzen. Doch obsiegte bei ihr letztlich die Nervosität angesichts des Volkshelden aus Südkorea und der überwältigenden und gleichfalls überwältigten Menge an Eintrachtfans, die im Foyer der Hauptribüne unsere Helden frenetisch begrüßte. Hilfreich in die Bresche sprang kurzerhand Oh Un Mi, ihres Zeichens Ehefrau und seit den Siebzigern treue Begleiterin Bum-Kuns. Und kaum hatte sie das Mikrofon ergriffen, flogen ihr die Herzen nur so zu. Völlig zurecht will ich meinen und ich selbst hatte das große Glück, mit unseren Helden da oben zu sitzen und zu plaudern.

Über Chas erstes Engagement in Deutschland, überraschenderweise bei Darmstadt 98 obgleich der damalige Amateurtrainer der Eintracht, Dieter Schulte, auf einer Reise den vielfachen Nationalspieler für die Eintracht entdeckt hatte. Da dort aber mit Ruedi Elsener und Bruno Pezzey schon zwei Ausländer spielten und damals nicht mehr als zwei zeitgleich auf dem Platz stehen durften, waren die Stellen belegt – und so landete Cha bei den Lilien, absolvierte ein Ligaspiel und kehrte zwecks Ableistung des Militärdienstes in seine Heimat zurück. Der zweite Anlauf in Deutschland führte in zunächst zum Probetraining nach Bremen, wartend, wie sich die Vertragsgestaltung des Schweizers Elsener entwickelt. Und als dieser nach Zürich wechselte, war die Bahn frei für Cha, der sich sogleich in die Mannschaft der Frankfurter Eintracht spielen konnte. Und wie.

Schnell, (willens)stark und mit einer ungeheuren Kopfballstärke versehen, katapultierte sich Cha recht bald in die Schlagzeilen und wurde von gegnerischen Verteidigern geradezu gejagt. Böse erwischte ihn dabei der Leverkusener Jürgen Gelsdorf im August 1980, der Cha dermaßen rüde umlegte, dass dieser kurzzeitig schon das Ende seiner Karriere gekommen sah. Doch der liebe Gott und Chas Heilungskräfte legten sich ins Zeug und sechs Wochen nach dem Foul lief Cha wieder für die Eintracht auf. Und wer glaubt, Cha, der noch heute die damlige Verletzung spürt, würde einen Groll gegen Gelsdorf hegen, der wird sich wundern. Nicht zuletzt dadurch, dass die Fans der Eintracht ihn in den unsicheren Tagen der Verletzung unterstützten, ihm Blumen ins Maingau-Krankenhaus brachten, fühlte sich Cha seiner Wahlheimat Frankfurt noch ein Stückchen mehr verbunden. Und somit zog er auch aus einer schweren Verletzung ein positives Fazit. Die Ironie der Geschichte aber wollte, dass Cha, der die Eintracht 1983 des Geldes wegen verlassen musste, ausgerechnet nach Leverkusen wechselte und dort nun mit Gelsdorf gemeinsam in einem Team spielte.

Zuvor wurde er jedoch gleich in seiner ersten Frankfurter Saison Uefa-Cup-Sieger und beantwortete die Frage nach seinem schönsten Tor in typischer Bescheidenheit prompt mit dem tollen Tor von Stefan Lottermann gegen Feyennoord.

Cha war neben Okudera in Köln einer der ersten Asiaten in der Bundesliga und bezog mit seiner Gattin und der erstgeborenen Tochter eine Wohnung in der Dietzenbacher Talstraße, vor der der junge Beve einst sogar ehrfürchtig stand, sich aber nicht traute, zu klingeln. Diese Wohnung gehörte, man glaubt es kaum, einem Vertreter der Offenbacher Kickers. Schwamm drüber. Natürlich fiel die Eingewöhnung nicht leicht, die Sprache, die Nahrung – alles war fremd, doch nicht zuletzt Charly Körbel nahm sich seiner fürsorglich an, derweil sich Bernd Nickel um die Speisen kümmerte und aus der Großmarkthalle Berge von Lebensmittel anschleppte. Und Cha hatte Hunger. Er, der neben den üblichen Trainingseinheiten stets freiwillig noch eine Schippe drauflegte, war aus seiner Heimat drei warme Mahlzeiten gewohnt, vorwiegend natürlich Reis und orderte so manchesmal noch ein zweites Steak, obgleich ihm dabei nicht wirklich wohl war, denn dekadent wollte er keinesfalls sein. Apfelwein trank er hingegen nicht – wobei Charly Körbel einst so manches erzählte über Mannschaftstreffen beim Ruppe-Karl in Ober-Erlenbach, was ich hier aber aus Rücksicht auf die Ohren von Oh Un Mi verschweige.

Hochinteressant hingegen ist die Namensgebung der Familie Cha.Traditionell bezeugen Männernamen Kraft und Stärke und in unterschiedlichen Zeiten symbolisieren unterschiedliche Motive jene Attribute. Und da haben Chas Eltern nicht gezaudert. Cha, der Familienname bedeutet Wagen resp. Auto. Bum, das ist der Tiger und Kun die Wurzel. Etwas einfacher machten es sich dann die frischgebackenen Eltern in den Siebzigern und Achtzigern. Sohnemann Du-Ri Cha ist der Zweitgeborene – und so heißt er dann auch: Der Zweite. Wen wundert es, dass seine Schwestern die Erste und die Dritte heißen. Und noch weniger verwunderlich ist der Name von Frau Cha, wie wir Hessen sagen. Übersetzt heißt Oh Un Mi nicht anderes als Silberschön. Völlig zu Recht. Namen haben übrigens in Südkorea eine große Bedeutung – und wie wir erfuhren, kommt es vor, dass Männer bei einer erlittenen Schmach ihren Namen ändern.

Bemerkenswert übrigens, dass Bum-Kun Cha vor seinem Engagement in Deutschland keine Spieler der Frankfurter Eintracht kannte, dafür aber Beckenbauer, Müller, Overath und … Jupp Heynckes. Da zuckte Yeboah kurz, kannte diesen aber auch nicht und daran scheint sich bis heute nicht viel geändert zu haben. Erst mit 15 Jahren begann Cha mit dem Fußballspiel – und war nur wenige Jahre später Nationalspieler. Heute ist er Asiens Fußballer des Jahrhunderts und erzählt mit leuchtenden Augen von Jürgen Grabowski oder Bernd Hölzenbein.

Anthony Yeboah war kaum sechs, da begann er zu kicken und dies wurde von seinem Vater gefördert, der schnell erkannte, dass Tony der stärkste seiner Kinder am Ball war. Bei Auswahlspielen Ghanas wurde er entdeckt, spielte zunächst in Dortmund vor und landete letztlich beim Zweitligisten 1.FC Saarbrücken, der in den Relegationsspielen der Saison 88/89 der Eintracht den Bundesligaplatz streitig machte, aber nicht abnehmen konnte – trotz zweier Yeboah Tore im Rückspiel, welches auf Messers Schneide stand. Und da es natürlich besser ist, der junge Mann schießt Tore für und nicht gegen die Eintracht, so unterbreitete die Eintracht dem Vollblutstürmer ein Angebot, welches dieser nach dem erneuten Scheitern in der Relegation, diesmal gegen den VfL Bochum, mit den Worten why not annahm.

Ob damals schon jemand wusste, dass Anthony Yeboah in seiner Heimat Ghana noch einen zweiten Vornamen trägt? Seit gestern weiß die Eintrachtgemeinde, dass dem tatsächlich so ist. Ein alter Brauch besagt nämlich, dass Kinder den Tag ihrer Geburt im Namen tragen und da Tony an einem Donnerstag zur Welt kam, so heißt er Yaw, eben Donnerstag.

Tore aber schoss er für die Eintracht wie am Fließband, die meisten aber Samstags. Und auf die Frage, welcher Treffer ihm am besten in Erinnerung geblieben ist, antwortete er etwas überraschend: Ein Elfmeter in Köln – und das, obgleich er eigentlich nur selten zum Strafstoß antrat. Aber am letzten Spieltag der Saison 93/94 stand einiges auf dem Spiel, nicht zuletzt die Qualifikation zum Uefa-Cup aber auch der Titel des Torschützenkönig. Yeboah lief an und ballerte die Kugel an Bodo Illgner vorbei zum 2:3 aus Kölner Sicht ins Netz. dadurch qualifizierten sich die Adler für den internationalen Wettbewerb und Yeboah wurde zum zweiten Mal Torschützenkönig der Bundesliga. Ein Jahr zuvor sicherte er sich diesen Titel als erster Afrikaner überhaupt – eine Ehre, die ihn bis heute mit Stolz erfüllt.

Wenn man meint, er lebte von Uwe Beins tödlichem Pass, so gibt er dies umunwunden zu, versichert aber sofort, dass ihm die Bälle auch von anderen Mitspieler reihenweise serviert wurden; Andy Möller, Maurizio Gaudino, JayJay Okocha – sie alle spielten für den ersten afrikanischen Spielführer eines Bundesligateams, der in Deutschland erstmals Schnee gesehen hatte.

Natürlich blieb er ob seiner Hautfarbe von Rassismen nicht verschont, ihn wunderte es nur, dass die gleichen, die ihn verhöhnten, anschließend um Autogramme baten. Nicht zuletzt dadurch entstand der Sketch Anthony Sabini von Badesalz, den er auch mit beiden gemeinsam im aktuellen Sportstudio zum Besten gab. Ihn lebhafter Erinnerung geblieben sind ihm auch die Ausfälle der Zuschauer in Wien, als die Eintracht dort gegen Casino Salzburg antrat. Später war er Teil der Aktion Mein Freund ist Ausländer – gemeinsam mit Souleyman Sane und Anthony Baffoe, die ob ihrer schwarzen Hautfarbe ebensolchen Anfeindungen ausgesetzt waren wie Yeboah. Und in Frankfurt erblickte die Aktion: United colors of bembeltown das Licht der Welt.

Bei den Zuschauern saß auch Yeboahs Tochter Shereena, die – wie sie später zugab – den Rummel um ihren Vater gewohnt war. Doch auch sie musste schmunzeln, als Tonys Frankfurter Friseuse ihr Bilder zeigte, auf denen sie als junges Mädchen mit Zöpfen zu sehen war. Lässig hingegen wurde es, als ein großer Fan von Yeboah seinen Rücken entblößte und unter Blitzlichtgewitter eine großflächige Tätowierung präsentierte. Yeboah staunte nicht schlecht, als er den Namen der Eintracht dort las, nebst einer trikotgroßen 9 und dazu den Namen Yeboah.

Mit Uli Stein, einer der großen, aber auch zuweilen rauen Fußballern des Fußballs 2000 kam Yeboah aus, sometimes good, sometimes bad, wie er sagte, das große gemeisame Ziel aber, die Deutsche Meisterschaft, blieb beiden versagt – und über Rostock wollte niemand so richtig reden. Auch nicht über das große Missverständnis Jupp Heynckes – nur soviel sei verraten – Yeboah wollte die Eintracht nicht verlassen und er bekam zum Abschied im Januar keine Blumen. Dies wiederum verbindet ihn mit Bum-Kun Cha, der unfreiwillige Abgang ohne Blumen.

„Doch warum ich keine Blumen? Eintracht weiß, dass ich definitiv weggehe. Was habe ich gemacht, dass Sie mir keine Blumen geben? Zählen UEFA-Pokal und DFB-Pokal, die ich gewinnen half, nicht mehr? So ein Abschied ist nicht normal. Hätte ich nicht bei Eintracht für möglich gehalten.“

 … sprach Cha seinerzeit enttäuscht und wer kann diese Enttäuschung nach vier erfolgreichen Jahren nicht nachvollziehen? Und so zauberten wir Blumen wie aus dem Nichts und verabschiedeten Cha nach dreißig und Yeboah nach achtzehn Jahren standesgemäß und natürlich hatten wir auch einen Strauß für Shereena Yeboa und Oh Un Mi übrig. Unter stehenden Ovationen wurden unsere Helden verabschiedet – doch im Anschluss mussten sie noch stundenlang Autogramme schreiben und in die Kameras lächeln.  Doch dies machten sie geduldig und freundlich, so dass nahezu ein Jeder strahlend von Dannen zog. Und ich bin sicher, auch Cha und Yeboah hatten ihre Freude an jenem legendären 24.01.2013 im Eintracht-Museum.

Fotos: Pia Geiger