Es scheint, als spitze sich eine Situation zu, die medial gemein als Randale definiert wird und vermeintlich kaum einen anderen Begriff zulässt. Der vermeintlich objektive Zuseher ist zunehmend empört, fordert virtuell Sanktionen und distanziert sich von Allem und Jedem.

Klar, es geht um Pyrotechnik beim Fußball, es geht um Platzstürme – sprich, es geht um all die Bilder, die uns in letzter Zeit erreichten – medial ganz schnell als Form von Randale und Gewalt, gar Kriminalität definiert. Und jeder Auftritt dieser Art wird uns als neue Form der Gewalt verkauft, als etwas Einzigartiges, das es gilt massiv zu sanktionieren. Erstaunlicherweise geht kein Aufschrei durch die Welt, wenn wirklich etwas Schreckliches passiert, bei all den Toten im sogenannten Drogenkrieg in Mexiko, bei den politischen Ereignissen in Syrien, selbst bei national befreiten Zonen im eigenen Land bleibt es merkwürdig ruhig.

Die Welt im Widerstreit gewaltiger Interessen, deren Darstellung geprägt sind von der jeweiligen Lobby. So akzeptieren wir einen „Normalzustand“ da wir es nicht anders gewohnt sind und empören uns, wenn der vermeintliche Normalzustand anders daherkommt, wenn etwas geschieht, das nicht dem Gewohnten entspricht, unabhängig von der Qualität. So ist für uns die massenhafte quälerische Tierhaltung, die maschinelle Verwertungsindustrie von Rindern, Schweinen und Hühnern völlig egal, wir gehen in die Supermärkte und kaufen ohne schlechtes Gewissen abgepacktes Fleisch und belegen die Brote unserer Kinder damit. Soll aber ein einziges Tierindividuum auf einer Bühne geopfert werden, so schreien wir auf und definieren die Verrohung der Welt, die aber tagtäglich nichts anderes als Verrohung präsentiert, rechtfertigt durch die Notwendigkeit des eigenen Lebensunterhaltes durch Arbeit, welches den eigenen Zusammenhang im Weltenlauf nicht hinterfragt.

Im Geiste aber denken wir uns eine heile Welt, die ruhig und im Fluss daherkommt, das samstagnachmittägliche Dahindümpeln bei Sonnenschein und mildem Wind, spielende Kinder im Garten, leises Rauschen der Blätter und genug zu Essen und Trinken und eine Fernbedienung ganz nah am Grill. Natürlich ist dies eine schöne Vorstellung, allein, es ist bloß ein Ausschnitt, der alles notwendig dem Werden innewohnende Zerstörende ausblendet. Eine Illusion.

Ähnlich beim Fußball, der als Teilaspekt Gesellschaftliches nicht nur widerspiegelt, sondern gleichermaßen auch vorantreibt. Selbst in einer idealen Weltvorstellung beim Fußball akzeptieren wir den Einfluss des Geldes als Notwendiges; die Werbebanner und Brustreklamen, die Business-Sitze und Logen – die allesamt im Rahmen eines Fußballspieles nicht nötig sind; bekanntlich brauchts eigentlich nur Spieler, Rasen, Bälle und Tore. Wie groß sind die Opfer, die direkt dem Einfluss von Gazprom, dem Sponsor von Schalke 04 zuzurechenen sind. Wieviele Menschen durften im Zusammenhang mit der WM in Südafrika nicht ihr gewohntes Leben leben, weil die Weltöffentlichkeit antiseptische Bilder gezeigt bekommen sollte. Wieviel Geld wurden dort in neue Stadien gesteckt, die heute schon verrotten, derweil gleich nebenan von Armut, Aids und Krise die Rede ist. Auch die tolle Olympiawelt Chinas aus dem Jahr 2008, die so schöne Bilder in alle Welt projezierte, fusste auf Zwangsumsiedlungen und – Illusion.

So akzeptieren wir eine illusionäre Weltdarstellung, weil es mühsam ist, den Hintergründen auf die Spur zu kommen. Und erst jetzt kommen Bilder ins Spiel, die unsere Illusion zerstören. Unsere Vorstellung einer illusionären  heilen Fußballwelt, die nicht heil ist. Dies beginnt bei den regelmäßig von Jens Weinreich enthüllten Verhaltensweisen der Fifa und endet nicht zuletzt durch Fußballfremdes in einem Stadionmagazin, in dem ein Flughafenbetreiber sich via Sponsoring das Recht zu politischer Propaganda erkauft hat. Skandalisiert aber wird etwas Anderes. Pyrotechnik und Platzsturm zum Beispiel zählen in der medialen Öffentlichkeit zum Allerschlimmsten, was dem gemeinem Familienvater und seinem Kinde angetan werden kann. Und jedes Mal wird uns eine neue historische Qualität verkauft.

Schon beim Endspiel um die Süddeutsche Meisterschaft 1931 wurde seitens der Anhänger der unterlegenen Bayern aus München das Feld vor dem regulären Ende gestürmt. Wer die Bilder vom Finale 1932 kennt, der weiß, das Tausende auf dem Nürnberger Rasen die Meisterschaft der Bayern feierten. Nach dem Finale 1959 tragen Fans die Spieler auf dem Rasen umher. 1998, als die Fans der Eintracht durch ein 2:2 gegen Mainz 05 schon in der 89. Minute auf das Feld flitzten, wurde die Partie vor der Zeit abgepfiffen und ein Jahr später zeigten sich die Lauternbezwinger inmitten Tausender Fans auf dem Rasen des Waldstadions. Man muss dies alles nicht toll finden – aber neu ist hierbei gar nichts.

Erschreckend ist auch die mediale Bewertung immergleicher Bilder. Als die Eintracht in Aachen gewann, Fans auf den Platz flitzten und später auf dem Tor hockten, um sich ein Teil des Netzes abzuzwacken oder Rasenstückchen mitzunehmen, dabei ein paar Werbebanden zu Bruch gingen, so sprach alle Welt von dem massiven Sachschaden und den berühmten 75.000 Euro. Nach der Meisterschaft in Dortmund wurde unisono von freudiger Stimmung berichtet, die Bilder aber waren die gleichen. Als Frankfurter nach dem Spiel gegen 1860 auf den Platz rannten, geisterten vorrangig martialische Bilder durch die Gazetten, meist der junge Mann mit Sturmhaube und Fackel bzw. die Crew, die schnustracks auf die Gästekurve zurannte und nur durch die Polizei abgehalten werden konnte, irgendwas zu machen. Die anderen über 50.000, die sich irgendwie anders verhielten, waren nicht der Rede wert, selbst die Tausende, die friedlich vor der Waldtribüne feierten, fielen unter „… Ferner liefen…“

Szenenwechsel. Düsseldorf.

Nach dem Führungstreffer der Fortuna musste das Spiel für mehrere Minuten unterbrochen werden, da etliche Fackeln seitens der Herthafans auf das Spielfeld geworfen wurden. Das werde ich nie verstehen; in einer Situation, in der es ums sportliche Überleben geht, dafür zu sorgen, dass die eigene Mannschaft in der Konzentration derartig irritiert wird, dass ein weiters Mosaiksteinchen zum Abstieg mutwillig in Kauf genommen wird. Mal ganz abgesehen davon, dass Fotografen und Ordner erheblichen Gefahren ausgesetzt werden und zudem der eigene Verein ganz sicher zur Kasse gebeten oder gar zur Aussperrung von Zuschauern verurteilt wird. Mit der Folge, demnächst evtl. selbst draußen bleiben zu müssen. Wobei natürlich diese Art von Strafe höchst fraglich ist; generell gilt völlig zu Recht, dass ein Übeltäter bestraft wird und so dieser nicht erwischt wird, man leidlich damit leben muss. Gleiches gilt für Serienmörder.

Interessant dabei wäre natürlich eine Stellungnahme derer, die Fackeln und Böller auf den Platz werfen. Weshalb macht ihr das? Sollte jemand diesen Text lesen und selbst geworfen haben, so möge er sich bitte bei mir melden. Das ganze bleibt selbstverständlich hochanonym – mich würde die Motivation interessieren.

Hochgradig skurrile Bilder spielten sich in Düsseldorf wenige Sekunden vor Ende ab, als die Fans schon vor dem Schlusspfiff auf den Platz geflitzt sind. Es waren keine Bilder der Randale, es waren Düsseldorfer, die in der Annahme, die Partie sei zu Ende und Fortuna aufgestiegen, feiern wollten. Unglücklich für die Hertha, die ja zu diesem Zeitpunkt nur ein einziges Tor gebraucht hätte, um selbst aufzusteigen drinzubleiben. Wenige Tage zuvor hatte Manchester City die Meisterschaft in England durch zwei Tore in der Nachspielzeit errungen. Eine knifflige Situation, die einmalig und durch alle Beteiligten gerecht zu lösen ist. Respekt gebührt dabei Sascha Rösler, der sich mitten unter die Menschen mengte und diese aufforderte, auf die Ränge zurückzukehren, während sich andere feige verpissten.

Wie aber umgehen, mit Dingen, die vielschichtig sind und keine einfache Antworten zulassen. Gerne wird darauf hingewiesen, dass es eine Lösung sein könnte, die Stehplätze abzuschaffen, die Karten zu verteuern und den Einzelnen während eines Spiels stärker zu kontrollieren. Dies mag für den Ablauf eines Fußballspiels kurz gedacht dafür sorgen, dass es beim Fußball ruhiger wird, übersieht aber völlig, dass zum Einen die elementarste Gewalt in der Welt durch die Generierung von Geld ausgeübt wird (Stichwort Gazprom) und diese Form der Gewalt aber nur am Rande thematisiert wird. Geld, dass wiederum notwendig ist, um sich fortan Fußballspiele leisten zu können. Und zum Anderen werden diejenigen, die sich den herrschenden Vorstellungen einer heilen Welt widersetzen, so sie nicht mehr zum Fußball kommen dennoch nicht aus der Welt fallen. Das heißt nichts Anderes, als dass der Fußball ein gesellschaftliches Problem an die Gesellschaft zurück gibt – und die Folgen für alle Beteiligten weitaus gravierender sein werden, als es jetzt beim Fußball der Fall ist. Radikale Gruppen, sei es religöser, sei es politischer Natur warten nur darauf, die Versprengten in ihre Obhut zu nehmen.

Was bleibt zu tun? Orientierungssuchender Nachwuchs braucht Wesensgemäße Angebote. Dafür stehen nicht zuletzt die Fanprojekte, die finanziell stiefmütterlich behandelt werden, deren Mitarbeiter oft eine Ansprache finden und dem Nachwuchs gleichermmaßen eine Heimat anbieten und Geborgenheit vermitteln können. In der Pflicht stehen aber auch die Medien, relative Banalitäten nicht zu skandalisieren, um den Provokateuren keine Bühne zu geben, denn nichts anderes ist ein Böller. Eine Provokation. Und solange die Provokation zündet und gestreut wird, um so stärker hat sie funktioniert. Und um so stärker besteht das Interesse, dies erneut zu tun. Dazu gehört aber auch seitens der Fans, den Kontakt zu den Medien zu suchen und eigene Inhalte zu vermitteln, den Schreibenden, Fotografierenden und Bildermachenden Argumente in die Hand zu liefern. Dies meint nicht, bspw. einen geworfenen Böller zu verharmlosen – die Gefahr einer Verletzung besteht konkret; Torhüter Georg Koch musste seine Karriere deshalb beenden. Dies meint viel eher den Versuch all das Geschehene intelligent ins Verhältnis zu setzen. Nicht jeder Platzsturm ist Randale, nicht jede Fackel nackte Gewalt. Dies wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass selbst Werbepartner des DFB den Einsatz von Pyrotechnik in der Werbung als Stimmungsmittel verkaufen, wie Bitburger in einem in Stadien gezeigten Werbespot. Der, wenn mich nicht alles täuscht sogar direkt nach dem Halbzeitpfiff in Aachen, als kurz vorher eine Fackel auf’s Feld flog, gezeigt wurde.

Die Welt muss mit Zerstörung, mit Gewalt und Nichtbegreifbaren leben, da führt selbst bei bestem Willen kein Weg daran vorbei. Einzig Toleranz, Kommunikation und Reflektion können dazu beitragen, die Auswüchse im Rahmen zu halten. Je enger der Gürtel der Freiheit gezogen wird, umso stärker sucht sich der Druck ein Ventil – es muss nicht beim Fußball platzen. Über Fußball aber besteht die Möglichkeit des Diskurses am Thema. Die Zuspitzung der Spirale der Gewalt aber fordert unweigerlich Opfer auf allen Seiten. Wenn nicht beim Fußball, dann woanders – und wenn die Medien dies nicht beleuchten, so gibt es sie dennoch. Zu einer optionalen besseren Welt gehört aber auch, dass jede/r einzelne in jedem Moment seines Daseins sein eigenes Verhalten in Bezug auf Doppelmoral, Heuchelei und dem Bezug mieser kleiner Vorteile überprüft – und im End anders lebt.