Der Wetterbericht sagte Kälte, Schnee, Regen und Glatteis voraus; beste Bedingungen, um den silbernen Golf anzuwerfen und Düsseldorf zu entern – ziemlich genau 14 Jahre nach dem letzten Ligaspiel zwischen der Eintracht und der heimischen Fortuna in der Landeshauptstadt NRWs. Vor ein paar Jahren lernten wir zwar schon das Stadion kennen, damals jedoch hieß der Gegner Bayer Leverkusen und das Stadion LTU-Arena. Heute also ging es gegen den tatsächlichen Gastgeber und das Ding heißt nun Esprit-Arena.

Vor ein paar Wochen haben wir dem Golf eine neue Anlage spendiert, die Dinger kosten heute ja nicht die Welt und der große Vorteil ist ein USB-Anschluss. Statt sinnfrei im Wagen umherfliegender CDs reicht nun ein 8Gb Stick – und du hast quasi auf einem daumennagelgroßen Etwas für Wochen Musik. Und die darf natürlich nicht fehlen, wenn die Frau Pia, der Herr Beve und der Golf auf Tour sind. Und so fuhren unangeschnallt auf der Rückbank mit: John Foxx, Hüsker Dü oder The Bones mit dem lustigen Track Psycho Dad – ein Song für Sascha Rösler. War natürlich noch jede Menge mehr dabei – und alle Songs gibts live und in Farbe am Freitag Abend im Backstage, ich sprach ja schon davon.

Das erste was mir einfiel, als ich im Nordend gelandet war: Hab ich eigentlich mein Fenster zu? Gute Frage, nächste Frage. Also führte unser erster Weg zurück in meine Heimat, die vielleicht gar nicht Heimat ist – aber wer will das schon so genau wissen. Das Fenster war geschlossen, die Spritpreise innerhalb weniger Sekunden um fünf Cent gefallen und somit waren wir gerüstet für den Ausflug, den die Ansprache der Düsseldorfer Polizei wie folgt eingeleitet hatte: Die Düsseldorfer Polizei freut sich auf Ihren Besuch.

In jener Ansprache hieß es auch, dass für Stadtbesucher neben den in der Altstadt bereit gestellten Shuttlebussen keine andere Möglichkeit besteht, zum Gästebereich der Arena zu kommen! Dies würde bedeuten, dass alle Frankfurter, die nichts davon wussten in den Klauen der Einheimischen bleiben sollten. Klang vernünftig. Wie auch immer, wir gehen stets unseren eigenen Weg – und dann gucken wir mal, was passiert.

Autobahn A3. Grau ist alle Theorie und grau ist auch der Tag. Durch Regenschneematschwasser und Salz verschlierten die Scheiben, die Wischer ackerten sich mit jeder Menge Frischwasser über das Glas, und wir fuhren stoisch durch Grauland. Allzuviel Verkehr war nicht auf den Gassen, wir kamen gut durch und rollten ziemlich genau um halb zwei in Düsseldorf Oberkassel ein, parkten wie geplant am Rheinufer fern ab jeglichen Trubels und packten uns warm ein. Beim letzten Besuch hatten wir vergessen, das Licht auszuschalten – und so kontrollierten wir den Umstand ganz genau und marschierten über die Oberkasselerbrücke in Richtung Altstadt, die dem geneigten Altbiertouristen als El Dorado erscheinen mag, in Wahrheit aber neben der Kö (wie wir Auskenner sagen) das overrateste Areal der ganzen Republik ist. Naja, neben Alt-Sachsenhausen vielleicht, dem Treffpunkt sämtlicher Junggesellenabschiede aus Frankfurt und vor allem: Umgebung.

Das Viertel schien um diese Zeit recht ausgestorben, sieht man einmal von den Mengen an Polizisten ab, die gegenüber der zu erwartenden Adler-Armee-Fraktion gerüstet hatte. Plakate zu Faschingsveranstaltungen kündeten von den kommenden lustigen Tagen, die wahrscheinlich mehr Verletzte und Dreck bringen werden, als sämtlich Spiele der Republik zusammen, aber seis drum; Karneval ist lustig und Fußball ist Krieg und wir sind die gefürchteten Protagonisten, die Masse Mensch, die es zu verwalten und einzuschüchtern gilt. Unterwegs trafen wir Danni, später Ben und Clemens dazwischen immer mal grimmige Einheimische mit Jogginghose und Gürteltasche, die moderne Uniform der nonkonformen Zunft. Irgendwo hockte eine Bronzefigur des Schneider Wibbel und die Legende sagt, dass es Glück bringe, über die Figur zu streichen, also taten wir, wie gehießen und hofften, dass es kein Fehler war. Im Moment, da ich diese Zeilen schreibe, merkt ihr, dass wir wieder in Frankfurt angekommen sind – ergo überlebt haben, das ist ein Glück in finstren Zeiten oder wie die Waterboys vor Jahr und Tag sangen: All we gotta do is surrender.

Die Zeit war auf unserer Seite, so speisten wir gepflegt und wanderten anschließend an Gevatter Rhein entlang, grau wie eine Schwalbe in der Dämmerung mäanderte der mächtige Fluss seines Wegs, Lastkähne beladen mit Kies und Containern zogen vorbei, derweil in einem Seitenärmchen einige Hausboote vor sich hindümpelten, durch ein Fenster sahen wir ein Kind beim Seilsprung, wer weiß, ob es sich an diesen Tag erinnern wird, wir aber werden es, soviel ist sicher. Irgendwo in Düsseldorf pappte auf einer überlebensgroßen Unterwäsche-Reklame von David Beckham auf dessen Unterhose ein Eintracht-Aufkleber

Es begann zu nieseln. Wir verließen den Rhein, orderten in einer Dönerbude ein Altbier, soviel Lokalkolorit muss sein, zogen an gleichfalls biertrinkenden Düsseldorfern vorüber und erreichten bei einbrechender Dunkelheit das Messegelände. Das heißt hier eine ganze Menge, denn der Ort der Fußballspiele hier gleicht einer riesigen Messehalle und war somit also nicht mehr allzuweit entfernt. Die größte Übung bestand nun darin, die Ketten zu durchbrechen und sicheren Fußes zum Gästebereich zu kommen. Und siehe da: Es fand sich hochoffiziell ein Weg und somit hatten wir der befremdlichen Ankündigung, dass der Gästeingang nur so oder so zu erreichen sein soll, ein Schnippchen geschlagen und erreichten den Eingang Nord-Ost, der nur für uns bestimmt war ohne nennenswerten Vorkommnisse. Ina, die unsere Karten hatte, war gleichfalls schon in Rufweite und alsbald hielten wir unsere Tickets in den Händen. Da wir sicherheitshalber auch des daheim-gebliebenen Nikos Karte genommen hatten, war diese nun überzählig. Johannes hatte sie bei sich und binnen Sekunden war die Karte verkauft; wir waren nun ungebunden und enterten die Messehalle „Esprit“.

Der Einlass war kurz und schmerzlos, wir trafen auf Kroni, schmauchten ein Kippchen und wanderten alsbald auf die Stehränge in die bevorzugte Höhe. Dort hielten bereits Suse, Arne und Mueli die Stellung, wenig später gesellten sich noch Hilde und Basti in die Höhe und somit war auch in der letzten Reihe der Stehplätze ein illustres Grüppchen anzutreffen. Ein weiteres illustres Grüppchen sorgte wenig später für ein rechtes Spektakel; einige Düsseldorfer im Oberrang hatten die Pufferzone geentert und gestikulierten grimmig in Richtung der Frankfurter, die von den wilden Buben durch eine Reihe Ordner und einen massiven Zaun getrennt wurde. Es wurde gerotzt und über den Zaun gelangt, ein paar Becher flogen hin und her; die Ordner aber wurden sträflich alleine gelassen von der Polizei, die über eine viertel Stunde später aufmarschierte – als bereits alles vorbei war. Wie immer, wo man sie braucht, da sind sie nicht und wo sie sind, da braucht man sie nicht. Das kommt dabei heraus, wenn Konzepte auf dem Reißbrett erstellt werden. Einige sportliche Frankfurter im Unterrang, die nicht im Oberrang zurückhanseln konnten, verliehen ihrer Grimmigkeit Ausdruck, in dem sie ein paar Böller in Richtung der sich warmmachenden Eintrachtler warfen – das belebt natürlich ungemein.

Also, alles auf Null: Anpfiff. Naja, fast, denn bevor Schiedsrichter Brych anpfeifen konnte, verkündete der Stadionsprecher, dass auf Grund des geschlossenen Daches im Stadion ein Rauchverbot gälte, an das sich natürlich alle gehalten haben. Bei der Vorstellung des Frankfurter Trainers pfiffen die Fortunen pflichtgemäß, wir revanchierten uns natürlich bei Verkündung des Namen Röslers. Zwischendrinn wurde noch ein neuer Fortuna-Song vorgestellt, immer die gleiche Nummer; lahmer Rocksong mit Punk-Attitude, der so wild klingt, wie ein abgestandenes Altbier, wobei sich die Frage stellt, ob abgestanden bei Altbier nicht eine Tautologie ist.

Also Anpfiff. Naja fast, denn kurz bevor es losging, feierte ein Teil des Frankfurter Anhangs Silvester. Rauch. Leucht. Knall. Zisch. Gut verteilt illuminierten die Frankfurter Feuerwerker die Gästekurve; der Rauch aber legte sich wie Morgennebel über das Spielfeld und somit verzögerte sich der Beginn um ein paar Minuten. Mittlerweile schlagen ja zwei Herzen in meiner Brust: Auf der einen Seite wird es wieder eine Strafe für die Eintracht geben, und wie die Herren in Grau entscheiden, ist ja zuweilen nicht wirklich nachvollziehbar. Das ist natürlich ärgerlich. Auf der anderen Seite kräht, sagen wir mal in Griechenland kein Hahn nach dem Geflacker – und natürlich spektakelt es ganz ordentlich vor einem Spiel um Platz eins in dunkler Nacht. Was man halt so dunkel nennt bei geschlossenem Dach in einer Messehalle.

Jetzt aber: Anpfiff. Die Eintracht in Schwarz, Fortuna in Rot und der Schiedsrichter unter besonderer Beobachtung, wir erinnern uns: Der Fortune im Jahr 2011/12 erhielt bislang 10 Elfmeter und hält sich generell nur mit Mühe auf den Beinen. Schiedsrichter Brych aber lag neulich bei einem Pokalspiel mit einer Roten Karte dicht daneben – wie viele meinen.

Die Stimmung auf den Rängen war eines Spitzenspieles würdig, Düsseldorfer wie Frankfurter machten stimmgewaltig Remmidemmi und die Eintracht hatte ihr Kämpferherz im Gepäck. Spannend wars allemal, obgleich Torgelegenheiten eher selten waren. Mit Butscher auf der linken Seite haben wir einen guten Griff getan, gleiches gilt aber für Düsseldorfs Nummer Fünf, der Herr Lukimya-Mulongoti der ein mächtiges Spiel hinlegte. Unser Meier war Dreh- und Angelpunkt, Matmour hatte vor allem zu Beginn einige mannhafte Szenen und ganz hinten behielt Oka Nikolov die Ruhe. Nullnull zur Halbzeit.

In Hälfte zwei ging das nicht wirklich hochklassige aber durchaus unterhaltsame Spielchen weiter; Chancen hüben wie drüben, mal hielt Ratajczack, mal Nikolov und just als Düsseldorf etwas übergewichtig schien, erinnerte uns Alex Meier an die gute alte Zeit. Mannhaft behauptete er den Ball, tauchte in den freien Raum und legte wie mit dem Rassiermesser geschnitten die Kugel auf Benny Köhler, der den Ball lässig ins Eck versenkte. Heissa.

Bemerkenswert waren während der gesamten Partie einige weitere Szenen. Da trat der Herr Rösler dem Schildenfeld am Frankfurter Strafraum massiv in die Hacken, um den am Boden liegenden dann zu schubsen und in Maikfranzscher Manier anzubrüllen; Sympathiepunkte gabs en masse. Wenn mich nicht alles täuscht wurde ein vielversprechender Konter der Eintracht abgepfiffen, um dem sympathischen 34jährigen Psycho eine gelbe Karte unter die Nase zu reiben. Ein anderes Mal wälzte sich ein Düsseldorfer fernab vom Geschehen auf dem Rasen, just als die Eintracht flott nach vorne agierte. Selbstverständlich wurde auch hier unterbrochen. Dazu gab es zwei Szenen, einmal mit Rode, der ackerte wie weiland der Herr Falkenmayer. Rode wurde im Strafraum unsanft zu Fall gebracht, nicht dass man zwingend Elfmeter hätte pfeifen müssen. Desgleichen bei Idrissou, der für den im End etwas glücklosen Hoffer ins Spiel kam. Also, der Schiri verteilte hier keine Geschenke – Fußball ist ein Männersport hätte man meinen können. Wenn, ja wenn da nicht jene 89. Minute angebrochen wäre. Kurz zuvor hatte die Eintracht Glück, einmal hatte der Pfosten, ein ander Mal Rode auf der Linie gerettet. Und da die Fortuna traditionell aus dem Spiel heraus wenig Tore schießt (Um genau zu sein: So viele wie Dynamo Dresden) musste ein Elfmeter her. Furuholm fiel hin, schrie und verstarb. Kurzzeitig. Brych ließ souverän weiterspielen, aber der Linienrichter, der Herr Jan-Hendrik Salver verlangte nach seinem ganz großen Auftritt. Obgleich er bei der Szene irgendwo in der Nähe von Köln gestanden hatte, wollte er ganz genau gesehen haben, was am anderen Ufer des Rheins so von sich gegangen war. Die Düsseldorfer zeterten, beschwerten sich und so kam, was kommen musste: Brych fiel um und zeigte Strafstoß für Düsseldorf in der letzten Minute. Es war der elfte Elfmeter in der laufenden Saison. Die nachfolgenden Mannschaften aus Fürth, Frankfurt, St. Pauli und Paderborn haben zusammen NEUN Elfmeter zugesprochen bekommen. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Düsseldorfs Trainer Norbert Meier ist übrigens jener, welcher seinerzeit mit Albert Streit zusammen geraten war und daraufhin von seinem Verein, dem MSV Duisburg wegen idiotischen Verhaltens gefeuert wurde. Der Apfel und der Stamm. Eintrudelnde Kurznachrichten bestätigten, was alle wussten: Betrug

Wie auch immer Langeneke traf bei seinem neunten Versuch zum neunten Mal, der Ball war drin, Oka beinahe noch dran. 1:1. Die Nachspielzeit war zu vernachlässigen, sie wurde schlicht nicht ausgespielt und somit hatte die Eintracht zwar doch noch den Ausgleich hinnehmen müssen – wir aber feierten zurecht einen gefühlten Auswärtssieg mit dem heiligen Zorn in der Tasche. Rösler machte sich noch vor Veh zum Affen und sah gelb-rot, was uns aber zumindest für dieses Spiel nicht mehr nutzte. Die Düsseldorfer drehten uns eine lange Nase, ich aber sage euch: Abgerechnet wird zum Schluss. Die Liga ist gewarnt und wer weiß; vielleicht wird den Fortunen in dieser Saison kurz vor Abpfiff doch noch ein Elfmeter verweigert, der den Aufstieg bedeutet hätte. Die Eintracht aber, die monatelang mehr oder minder emotionslos durch die Saison geglitten war, wurde durch den Elfmeterpfiff in ihrer Ehre gepackt. Da war kein betrübtes Vom-Platz-schleichen, da war Wut und Zorn und das Leben zurück.

Apropos Zurück. Zurück nahmen wir den Shuttlebus, der gedacht Richtung Altstadt fahren sollte, de facto aber zum Flughafen rollte, der doch etwas abseits vom Schuss liegt. Bei zunehmender Irritation verließen wir die Sardinenbüchse am Fernbahnhof, rollten mit einer schicken S-Bahn zum Hauptbahnhof und nahmen die Old-School-U-Bahn in Richtung Luegplatz. Von dort waren es nur ein paar Meter zum Golf, der brav gewartet hatte und alsbald waren wir zurück auf der Straße. Gott seis gedankt blieb das gefürchtete Glatteis aus, wir überholten respektvoll hupend den Eintracht-Bus und sausten zurück Richtung Heimat. Peter Heppner sang den Song Twelve (1) ob er damit jedoch den Schiedsrichter gemeint hatte, ist nicht überliefert.

Mühsam schrappten die Wischer über die verschlierte Scheibe, es war spät in der Nacht, als wir in Frankfurt einrollten. Der Zorn war noch nicht verraucht, aber wer weiß, vielleicht war genau die Partie die Initialzündung, die es braucht, um die letzten Spiele mit ganzem Herzen anzugehen. Nötig wär es allemal.

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Bilder: Pia & Beve