Das neue Jahr sauste mit Karacho in mein Leben, eine knappe Woche tummelte ich mich in Nordspanien, eine gute Woche lag ich anschließend flach und jetzt schaue ich aus dem Fenster in einen blaukalten Wintertag und die Wirklichkeit hat mich wieder. Zumindest fast.

Es war eine skurrile Woche zumal Pia ebenfalls angeschlagen war und zudem mein Vater operiert wurde, nichts Wildes und alles wieder gut, aber in diesem Falle wäre es besser gewesen, mein Körper hätte seine Auszeit zu einem anderen Zeitpunkt genommen, ich hätte mich um andere kümmern können, statt im Bett zu liegen – aber ich habe mich anders entschieden. Etwas in mir hat sich anders entschieden. Und ich habe das beste daraus gemacht: Viel Musik, viel Literatur, viele Filme, kaum Fußball, kaum Internet, leider auch keine Bewegung und keine frische Luft und auch der Garten musste ohne mich klar kommen. Nach zwei Tagen des Dahindämmerns füllte sich mein schwerer Kopf mit Dingen, die sich bereichernd anfühlen, kein digitaler Bullshit lenkte meine Aufmerksamkeit von Dingen ab, keine Alltagsnachrichten, kein Anlass zur selbstgerechten Empörung oder wahrhaftigem Zorn verklebte mein Gehirn.

Knapp 700 Seiten der Springsteen Autobiographie „Born to run“ zogen mich in ihren Bann, 700 Seiten aus dem Leben eines der wenigen Mainstream-Musiker, der mich seit über 30 Jahren begleitet, begeistert, auch wenn mich die Alben seit 1992 nicht mehr ganz so kickten, wie die von 1975 bis 1984, abgesehen vielleicht von „The Ghost of Tom Joad“ von 1995. Ein bewegendes Buch eines Mannes, der das Beste aus seinem Leben gemacht hat, der es ganz nach oben gepackt hat – ohne dass es zunächst danach aussah. Ein bewegendes Buch – auch und gerade weil er sich intensiv mit seinem Werdegang beschäftigt hat, der ihn auch vor dunklem innwendigem Regen nicht verschont hat. Ich sehe meinem Leben hinterher. Wo bin ich? Was ist passiert zwischen jenem Sommer im Jahr 1985 als wir auf dem Rasen des Waldstadions standen, zwei Joints hinter den Ohren, fünf Liter Apfelwein im Kanister und zu den Klängen des Boss „You can’t start a fire without a spark“ in den Frankfurter Sommerhimmel brüllten bis heute? Damals lag das aufregende Erwachsenenleben noch vor uns, jetzt, 31 Jahre später finde ich eine Ansammlung von Unfähigkeiten vor, eine einzige Reihe von Schlachten mit meinen Dämonen, vielleicht habe ich einige eingesperrt, vielleicht sind einige meine Freunde geworden, oft habe ich mich betäubt, um sie nicht wahrzunehmen, war unterwegs zu einem neuen Ich auf Reisen mit und ohne Pass – aber sie sind alle noch da, sie winken aus einem Bild von Bosch in mir zu mir herüber, jederzeit bereit mich herauszufordern. Gedankendenken ohne Stillstand. Gut, dass Pia da ist, ohne dass sie es will hält sie mehr meiner Dämonen in Schach, als ich es alleine könnte. Ich hoffe, ich kann ihr ein bisschen was zurückgeben, ich hoffe, dass sie noch lange da ist. Wenn dir irgendwann zuviel gesagt wurde, lässt du dir nichts mehr sagen, egal von wem – solange du den Eindruck hast, dass Gesagtes ungerecht ist, dass Gesagtes nichts mit dir zu tun hat. Autoritäten sind nicht deshalb Autoritäten,weil sie Autoritäten sind, sie sind Autoritäten, weil du sie dazu gemacht hast. Weil sie sich trotz dir in dein Leben geschlichen haben. Und glaubt mir, es gibt nicht viele, denen wirklicher Respekt gebührt. „Is a dream a lie if it don’t come true – Or is it something worse“. Muss man alles denken, was man denken kann? Stellt sich diese Frage überhaupt?

Einfach nur am Meer sitzen, die Wellen spülen deine Gedanken, kostbare Sekunden des Einswerden mit dir selbst. Was oder wer das auch immer ist.

Jetzt sind die Gelegenheiten am Meer zu sitzen ja eher überschaubar, weil sie viel zu selten realisiert werden. Was haben wir nicht alles für Gründe. Wir müssen ja noch ganz viel Zeit vergeuden, bis wir in einem lichten Moment auf das Naheliegenste kommen. Fahre los. Den Rest erledigst zu später.

Meer ist Wald ist Berg ist Schmetterling. Oder drei Stunden Springsteen live. Die alten Wunden bekommst du nie los. Liebe sie.