Der erste Januar ist ein eher grauer Tag. Beinahe hätte ich den Jahreswechsel verschlafen, als ich Neujahr erwache bin ich stocknüchtern. Die erste Meldung, die mich heimsucht, ist die Nachricht vom Attentat in einem Istanbuler Club. 39 Tote, zig Verletzte. Die Facebookprofilbildchen leuchten nicht in den Farben der Türkei.

Die Schlagzeilen werden von seltsamen Vokabular beherrscht, von Nafris. Für die einen Nordafrikaner, für die anderen Nordafrikanische Intensivtäter. Wenn ich an Polizeieinsätze solcher Größenordnung denke, denke ich zuerst an Fußball. Und da war es immer so, dass einige wenige „Gewalttäter“ den Anlass für die Polizei gegeben hatten, oftmals Hunderte zu drangsalieren, von denen die allermeisten schlicht zum Spiel wollten. Die – völlig richtige – Reaktion seitens der Fans war, dies Prozedere anzuprangern. Jetzt läuft die Argumentation genau anders herum, jetzt geht es ja auch um Ausländer, Kanaken, wo gehobelt wird, fallen Späne. Und immer, wenn Rainer Wendt ins Spiel kommt, sehe ich zu, dass ich möglichst weit weg von ihm bin, dies hat sich bewährt.

Das Land spaltet sich, Besorgte auf der einen Seite, die urplötzlich auf Seiten der Obdachlosen und Frauen stehen, solange diese von Migrantenhintergründlern in Deutschland drangsaliert werden. Allerdings nur dann. Auf der anderen Seite religionsverseuchte Machos, deren religiöser Hintergrund Fassade für gegenteiliges Handeln ist. Die CSU.

Und die anderen halt …

Man muss ja so aufpassen, was man sagt. Während es jahrzehntelang gang und gäbe war, sich über religiöse Ikonen lustig zu machen, so ist ein lustlos hingerotztes Ziegenficker über einen muslimischen Leader gleichbedeutend mit einer Fatwa, Salman Rushdie kann ein Lied davon singen. Und damit fing die ganze Scheiße ja irgendwie an. Oder mit dem Telekom Magenta, wer weiß das schon genau.

Ich weiß jetzt auch nicht, was ich lieber machen wollte, mit einer Kippa durch Neukölln laufen oder mit schwarzer Haut durch Sachsen. In Frankfurt geht’s ja noch, deshalb bin ich ja auch noch ganz gerne hier, auch wenn ich nicht böse wäre, so anarchische Syndikalisten sämtliche Hochhäuser der Stadt über Nacht abtragen würden – abgesehen vom Messeturm und dem Main Plaza.

Man kommt ja so leicht ins Plaudern in diesen Tagen. Im Ostpark ist’s grau, einzelne Spaziergänger schieben ihre warm eingepackten Kinder durch den leichten Schnee, hinter dem Parkcafé wächst die neue Obdachlosenunterkunft, Entengänse wackeln über die weiße Wiese, ich würde gerne traurige Fotos machen. Schönheit ist nur dann schön, wenn ein Hauch Melancholie in ihr wohnt – da, wo die wilden Rosen wachsen. Wir küssen uns unter einem Mistelstrauch.

The filth that comes out of your mouth,
I will not listen to
You treat your dogs better than you treat each other,
The words that come out of your mouth
disgust me the thoughts in your heart sicken me.

(Marianne Faithfull – Mother Wolf)

Den ganzen Tag über läuft Marianne Faithfull bei einer Tasse Tee. Manchmal unterbrochen durch Udo Lindenberg – beide über Siebzig, ich lese Benjamin Stuckrad-Barres Autobiografie Panikherz, ein Weihnachtsgeschenk von Pia. Eine Darstellung seines Rise and Falls, eng verknüpft mit Lindenberg. Stuckrad-Barre ging mir seit jeher auf die Nerven, das Buch aber schießt dich weg, inspiriert auf eigenartige Weise. Nicht alles, nein. Als er das Buch schreibt, sitzt er in einem Hotel in Los Angeles, angekommen mit Lindenberg, geblieben ohne ihn. Hinter sich lassend destruktivste Kokainsucht. Sich selbst mitnehmend. Meine neuen Vorsätze fürs neue Jahr? Weniger Bullshit. Und vielleicht einmal Lindenberg treffen. Wollen ja jetzt alle, das letzte Album „Stärker als die Zeit“ ist ja die Platte des Jahres 2016. Gott ist das lange her, als Schneewittchen oder Hoch im Norden oder Cello als Dauerschleife lief. Udo war immer der große Bruder, der sein Ding gemacht hat – und dann abgestürzt ist. Aber als er in unser Leben reingeknallt ist, gab er uns Halt, den Losern dieser Welt und er bereicherte unsere Sprache. Gut, seine Ostnummer war eher so lala, das Mädchen aus Ostberlin aber groß. Sein Sonderzug fuhr nach Pankow – unserer zur Endstation. Jetzt wünsche ich mir einen Panikgürtel zum Geburtstag.

Alter Trick: die Sonne abholen. Das hilft immer: losfahren, rumstreunen, Perspektive wechseln, in andere Welten gehen, sich treiben lassen und die Antennen neu justieren.

Auch wünsche ich mir manchmal, ich hätte die Handynummer von Lindenberg und Springsteen. Sie geben dir durch ihre Kunst immer das Gefühl, dass ein paar Worte ihrerseits immer ganz hilfreich sein können, wenn du durchhängst. Obwohl: Ich telefoniere ja so gut wie nie. Oder: Einmal im Leben einen Spaziergang mit Marianne Faithfull rund um den Hyde Park machen. Und dann einen Songtext schreiben. Man muss sich Ziele setzen. Oder, um es mit Udo zu sagen:

Die Zeit vergeht – du wirst nicht jünger
Und leichter wird das meiste nicht
Du mußt nicht wünschen
Du muß fordern!
– wie ’ne Knarre vorm Gesicht
vergiß es, leise anzufragen
Wo es langgeht
Sollst du selber sagen

Nie wieder stilles banges Hoffen
Nie wieder warten, stumm und klein
Du warst doch lang genug das Opfer
Jetzt wirst du der Täter sein
Arme Seele – alles Pleite?
Komm doch rüber auf die Sonnenseite!