Der Treffpunkt für die Führung ist im Eingangsgebäude, ich gehe hinein. Für mindestens eine „Ausstellungsbaracke“ hatte mir die Zeit gefehlt, von den Ausstellungen der Nationen einmal ganz abgesehen. Am Eingang zeige ich mein Ticket vor – und erhalte einen kleinen roten Aufkleber, der mich als Teilnehmer der deutschsprachigen Führung ausweist. Ich klebe ihn mir auf den Mantel.

Die Kennzeichnung der Lagerinsassen war auch in der dunklen Zeit ein Merkmal der Gefangenen. Die Stoffdreiecke in unterschiedlichen Farben wurden auf die Häftlingskleidung genäht. Die homosexuellen Gefangenen mussten rosa Winkel tragen, Sinti und Roma braune, politische Gefangene rote und die Juden zwei zum Davidstern genähte Stoffdreiecke in gelb. Ich trage einen roten Aufkleber, mir wird mulmig. Dieser Aufkleber macht etwas in mir. Er kategorisiert mich, trennt mich von anderen und scheint eine Identität auszuweisen, die ich dieser Art nicht fühle. Ich gehe nach draußen, der Guide und, wie mir gleich klar werden sollte, die Leiterin der Führung soll gleich kommen. Neben mir warten zwei Männer mit roten Aufklebern. Sie rauchen. Nicht lange, dann werden sie darauf hingewiesen, dass dies nicht erlaubt ist. Eine weitere kleine Gruppe mit roten Aufklebern gesellt sich nach draußen. Etwas später kommt die Frau, die uns führen wird, sie sagt ihren Namen, ich verstehe ihn nicht. Dann geht es los. Mit mir nehmen acht deutschsprachige Menschen an dieser Führung teil. Die französische Führung startet zeitgleich mit zwei Teilnehmern. Wir bekommen Kopfhörer mit Empfängern, ich stelle ihn an – und höre die französischen Erläuterungen der kleinen Gruppe neben mir. Ein falscher Kanal ist eingestellt, als ich darauf hinweise, schauen mich alle an. Das ist also der Trottel, der es nicht gebacken bekommt. Eine Kanalumdrehung weiter bin ich auf dem Laufenden.

Jetzt bin ich Teil einer jener Gruppen, die ich zuvor von Raum zu Raum huschen sah. Immer stand jemand etwas abseits, immer hat noch jemand auf den Moment eines günstigen Fotos gewartet. Wir durchschreiten erneut das Einlasstor, unsere Führerin, wenn ich das so sagen darf, spricht ausgezeichnet deutsch, es ist kein Problem, ihr zu folgen. Zwei Mädchen aus einer anderen Gruppe, etwas überschminkt aber dennoch hübsch machen ein Selfie, im Hintergrund der Schriftzug mit dem umgedrehten B. Ich höre die imaginäre Musik des Häftlingsorchesters für die von der Zwangsarbeit Heimkehrenden. Eine Zeichnung zeigt einen heimkehrenden Zug der Zwangsarbeiter. Die Ausgemergelten schleppen die noch Kaputteren ins Lager, ein nicht vollzähliges Antreten beim Zählappell  hätte für alle fürchterliche Folgen – wenn man fürchterlich noch steigern kann. Zwei SS Männer stehen mit bleckenden Zähnen daneben. Die Heimkehrenden tragen auf ihren Schultern einen Häftling mit einer Dornenkrone, es ist Karfreitag – und noch in der niedrigsten Erniedrigung werden die Häftlinge verhöhnt.

Mit unserer Gruppe marschiere ich die Wege ab, die ich zuvor schon alleine betreten hatte, besuche die Baracken, die ich zuvor schon gesehen habe. Und ich bin froh, über drei Stunden Zeit für mich und meine Eindrücke gehabt zu haben, auch wenn ich nicht alles auf Anhieb fand. Ich konnte den Ort wirken lassen, konnte Ausstellungsgegenstände wirken lassen. Bilder. Worte. Jetzt geht alles relativ schnell, jedes Foto könnte die Gruppe aufhalten. Manchmal müssen wir warten, bis eine andere Gruppe den Erklärungen gelauscht hat und dann Platz für uns macht.

Es sind Details, die jetzt auffallen, das Foto, welches einen Moment der Selektion zeigt, immer dabei die Lagerärzte. Einer macht die Handbewegung: Da lang. Fotos aus der Zeit der Inbetriebnahme, die Formen des Alltages zeigen sind sehr selten, zusammengefasst unter dem Begriff Auschwitz Album., aufgenommen von Männern der SS, gefunden von Lilly Jacob. Heute wird das Album in Yad Vahem aufbewahrt. Dazu gibt es vier Fotografien, die von Häftlingen selbst aufgenommen wurden. Es war gelungen, eine Kamera in das Lager zu schmuggeln und die Filmaufnahmen wieder heraus. Zusammen sind sie wichtige Zeugen eines Vernichtungsablaufes, der von den Nazis geheim gehalten werden sollte. Unsere Führerin betont die Rolle der Ärzte im Vernichtungsprozess, die Verantwortung bei vollem Bewusstsein.

Die Nationalsozialisten dokumentierten die Häftlinge, die länger im Lager blieben durch Fotos, diejenigen, die gleich in die Gaskammern geschickt wurden, wurden nicht erfasst. Später wurde den Häftlingen eine Nummer eintätowiert. Den Erwachsenen auf den Unterarm, den Kindern mangels Platz auf den Schenkel. Ausgemergelte Körper ohne Namen, ein ganzes Leben reduziert auf eine Nummer, bevor es weggeworfen wurde. Das Leben.

Zwei hölzerne Balken stehen nebeneinander an der Barackenwand, am oberen Ende mit einem metallenen Ring versehen. Folterinstrumente. Häftlinge wurden dort mit zusammengebundenen Armen aufgehängt. Und hängen gelassen. Der Appellplatz mit einem hölzernen Häuschen für den SS-Wärter. Nebenan ein metallener Galgen.

Wir besuchen noch einmal das Krematorium. Dort wurde auch die erste Gaskammer in Betrieb genommen, die ersten Vergasungen fanden hier im September 1941 an sowjetischen Kriegsgefangenen probeweise statt. 600 Sowjets und 250 kranke Polen sollten durch Zyklon B getötet werden, das Sterben dauerte länger als einen Tag. In anderen Lagern vorgenommene Vergasungen wurden oft mit Motorabgasen durchgeführt, Zyklon B ermöglichte eine effizientere Vernichtung. Die Massenvernichtung wurde über Jahre hinweg perfektioniert. In ersten Ideen planten die Nazis die Ansiedlungen der Juden in Madagaskar, dann die Lager im Osten. Erst im Laufe der Jahre entwickelten sie die Ausgrenzung der Juden bis hin zur Ausrottung. Schritt für Schritt. Eine jeweils neue Ebene der Demütigung bildete die Basis für eine weitere Stufe des Grauens. Kühl und logistisch klar organisiert. Etappenweise Entmenschlichung. Grausamer Höhepunkt war die schrittweise Inbetriebnahme der folgenden sechs Gaskammern in Auschwitz-Birkenau ab März 1942. Ab dann steigerte sich die Massenvernichtung bis Ende 1944 ins extremste der Extreme. Hinter dem Krematorium befindet sich ein Galgen. Dort wurde der langjährige Lagerleiter nach Kriegsende gehenkt.

Erneut laufen wir die großen Vitrinen ab, die Brillen, die Töpfe, die Koffer und Schuhe, Rasierpinsel und Haare, traurige Überreste anderthalb Millionen ermordeter Menschen. Eine Vitrine ist durch eine Plane blickfest verschlossen. Es ist die Vitrine der Kindersachen.

Die Geschichte von Auschwitz ist auch die Geschichte derer, die versuchten, dem Lager zu entfliehen. Einigen wenigen ist es gelungen, dem Lager zu entkommen, Stacheldraht, Außenposten und Außengebiet zu entkommen. Folgen hatte eine Flucht, ob erfolgreich oder nicht, stets für diejenigen, die im Umfeld des Geflüchteten lebten. Sie wurden verhört, gefoltert, gequält oder ermordet. Das heißt, wenn du dich mit dem Gedanken an Flucht trägst, weißt du, dass deine Freunde, deine Angehörigen mit Sicherheit gequält, wahrscheinlich ermordet werden. Wem die Flucht nicht gelang, wurde entweder erschossen oder eingefangen und fürchterlich verhört, gefoltert und langsam ermordet. Zuvor wurde der Flüchtling als abschreckendes Beispiel öffentlich ausgestellt. Hinter ihm ein Schild: Hurra, wir sind wieder da.

Es ist eine Geschichte unglaublichster Qualen, unglaublichen Leids, gemacht von deutschen Nationalsozialisten jeglicher Couleur. Menschenversuche an Frauen, an Sinti und Roma, die aus Neugierde umgebracht wurden, es ist die Geschichte eines unfassbaren Sterbens, das sich Leben nannte. Verhöhnt, verspottet von denen, sich in großen Teilen anschließend feige aus dem Staub gemacht haben. Die Geschichte der Täter ist eine weitere Geschichte. Sie wird hier nicht erzählt. Aber zu viele kamen zu gut dabei weg.

Nach gut anderthalb Stunden haben wir unseren Rundgang beendet, leider haben wir die Räume, die ich noch gerne gesehen hätte, nicht besucht. Nach einer kurzen Pause wird es mit dem Shuttlebus zwei Kilometer Richtung Auschwitz-Birkenau gehen. Ich rauche. neben mir lachen zwei Männer. Wie kann man hier lachen?

Es ist kalt geworden, sehr kalt. Leichter Schnee fällt. Er ist weiß. Man könnte meinen, selbst der Schnee müsste Trauer tragen. Schwarzer Schnee. Aber er ist weiß. Wir fahren auf das Eingangstor in Birkenau zu. Bahngleise führen nebenan ebenfalls durch das Tor. Hinter dem Eingang erstreckt sich ein riesiges Gelände. Linker Hand Steinbaracken. Rechter Hand gemauerte Schornsteine. So weit das Auge reicht Stacheldrahtzäune an steinernen Pfosten. Und Wachhäuschen. Hinter dem Tor erstreckt sich die Rampe. An deren Ende steht ein Waggon. Hier fanden die letzten Selektionen statt. Hier standen Zigtausende. Hier wurde über ihr finales Schicksal entschieden. Bis Mai 1944 wurden die Selektionen bei Massentransporten an der „Judenrampe“ des 2,5 Kilometer entfernten Güterbahnhofs in Auschwitz durchgeführt. Ab dann an der Rampe hier in Birkenau. wo ich jetzt stehe.

Die in vollgepropften Zügen Ankommenden mussten sich in zwei Gruppen aufstellen, Männer und Jungen ab 14 Jahren in der einen, Frauen und Kinder in der anderen. Zunächst aber fielen die Toten aus den Zügen. Alles Hab und Gut wurde konfisziert. Ärzte wählten diejenigen aus, die zwangsarbeiten sollten. Kinder wurden sofort in die Gaskammer geschickt. Jüdische Häftlinge, die bei der Selektion helfen mussten, versuchten Kinder zuzuraunen, ein höheres Alter anzugeben, versuchten Kinder von ihren Müttern zu trennen, um die Überlebenschancen zu erhöhen. Ich glaube nicht, dass alle wussten, was ihnen bevorstand. Um die Dimensionen der Vernichtung zu verdeutlichen, hier ein Auszug aus Wikipedia:

Die deutsche Wehrmacht marschierte im März 1944 in Ungarn ein. Dort lebte noch die größte Gruppe europäischer Juden einer Nation, die bislang vom Holocaust verschont geblieben war. Von den 795.000 ungarischen Juden wurden von Mai bis Juli 1944 rund 438.000 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

438.000 ungarische Juden binnen drei Monaten.

Es schneit stärker.

Wir beeilen uns. Eindrücke mengen sich mit der Kälte, meine Finger mühen sich, zu fotografieren. Weiter hinten die Gedenkstätten. Menschen stehen davor, wir gehen weiter. Immer weiter. Wir sehen die Reste eines gesprengten Krematoriums, der zerfallene Auskleideraum, die Gaskammer, grasüberwachsene Ruinen. Jetzt wirkt das weiße Modell aus dem Stammlager nach. Die Ankommenden wurden ihrer Habseligkeiten beraubt, durch eine Treppe in die Katakomben des Grauens geschickt, entkleidet, vergast, geschoren und verbrannt. Vor wenigen Minuten hatten sie sich von ihrer Familie getrennt, vielleicht auf ein Wiedersehen gehofft. Hier, wo ich jetzt stehe.

Wir ziehen weiter, vorbei an den Frauenbaracken, die steinernen, die erhaltenen. Nebenan die gemauerten Schornsteine sind Überreste der hölzernen Baracken, die von den Nazis angezündet wurden, um Spuren zu verwischen. Das Holz brannte, die Schornsteine blieben stehen – als stumme Zeugen der Vernichtung. warm aber hatten es die Gefangenen im Winter nie. Dafür um so drückender im Sommer. Wir treten in eine steinerne Baracke ein. Dunkel und kalt.

Mehrstöckige Lagerbetten stehen dicht an dicht. Wer in der untersten Ebene hauste, vegetierte auf blankem Steinboden, bei Wintertemperaturen unter -20 Grad. Quälende Enge, dicht an dicht. Alle waren krank. Immer. Wer oben hauste, dessen Körperflüssigkeiten tropften auf die darunterliegenden. Erbrochenes, Kot, Urin. Auf einer Stoffwand für Kinder angefertigte Zeichnungen zur Dekoration. Mir wird schlecht. Auf manchen Lagern haben Besucher in Gedenken an das Leid Rosen hinterlassen. Wir befinden uns hier in den komfortabeleren Unterkünften. Weiter hinten steht die Todesbaracke, als seien nicht alle Todesbaracken. Hier wurde die Qual auf die Spitze getrieben. Einziger Lebenszweck ist leiden. Keine Einzelheiten, bitte.

Wir gehen zurück zum Eingangstor. bevor uns der Shuttlebus zurück ins Stammlager bringt, erwerbe ich in einem kleinen Shop ein Buch über Auschwitz. dann sitze ich im warmen Bus. Hinter mir verschwindet das Eingangstor, wir nähern uns dem Parkplatz am Stammlager. Die Gruppe löst sich auf. In einem anderen Shop könnte ich ein Poster kaufen. Auschwitz 1940-1945. Ich lasse es bleiben.

Ich ziehe mir einen Kaffee. Laufe durch die Gasse mit den Informationstafeln, verlasse das Konzentrationslager. Mit jedem Schritt in Richtung des Ortes wird es etwas wärmer. Wohnblocks, kleine Geschäfte, Parkplätze. Ich überquere die Sola, laufe über den Marktplatz. Morgen fahre ich nach Hause. Pia wartet auf mich. Das ist schön.

Bisherige Berichte der Reise.