Diesmal beginnt alles im Doktor Flotte; eine Kneipe zwischen Leipziger-, Adalbert- und Gräfstraße die schon seit Ewigkeiten den Trinkern und verlorenen Seelen eine Heimat bietet. Als ich kurz vor 14 Uhr am Donnerstag den Laden betrete, hocken Marc und Olli schon bei einem Pils, Wanderschuhe an den Füßen, die Rucksäcke liegen auf der Bank bereit. Ich glaube, ich war das letzte Mal zu Studienzeiten hier, Anfang der Neunziger, als wir ganze Nachmittage vebrachten, die Revolution wie auch Weizenbier einzuleiten – Letzteres hat nachweislich besser funktioniert.

Als Chris, der uns abholt, durchfunkt, wollen wir zahlen. Der schlichte Aufruf „Zahlen“ wird missverstanden, der Wirt beginnt ein Radler zu produzieren – im letzten Moment sorgen wir für Klarheit, werfen die Rucksäcke ins Auto und tuckern langsam Richtung Autobahn. Vor uns liegen 500 km, das Ziel in Vorarlberg: Eine Alm in den Bergen noch hinter Mellau, Au und Schoppernau.

Mir läuft der Rotz und ich muss niesen; das liegt daran, dass ich meinen Schlafsack vor der Fahrt ausgeschüttelt habe und die Hausstaubmilben sich schnurstracks in mir eine neue Heimat gesucht haben. Gesundheit. Danke. Gesundheit. Danke. Gesundheit. Danke. Einer geht noch. Haaaatschi. Danke.

Die Fahrt wird munter, wir hangeln uns von Raststätte zu Parkplatz, an Getränken mangelt es nicht und auch nicht am Willen, den Wagen von Gewicht zu befreien. Zur Abwechslung halten wir Ausschau nach Autos, deren Aufschrift an (ehemalige) Eintrachtler erinnert, hier ein Holz, dort ein Roth – es funktioniert. Bei Sinsheim überlegen wir, kurz anzuhalten, fahren aber weiter. Allgäu, Pfändertunnel und dann gehts die Berge hinauf – es regnet, langsam schleicht sich die Nacht heran und legt sich über den Bregenzerwald.

Letztes Mal waren die Berge tief eingeschneit – und der Weg auf die Alm arg beschwerlich; nun ist der Berg grün – zumindest am Tag – und neben dem Fußweg, den Olli und Marc nehmen, führt ein anderer zur Hütte, der breit genug für den Toyota ist. Wir werfen auch die Gepäckstücke derer, die schon zuvor angekommen sind nebst Lebensmittel in den Wagen, der nun bis oben hin vollgepackt ist und schleichen den Berg hinauf. Trotz Dunkelheit erkennen wir die mächtige Umgebung.

Oben angekommen begrüßen wir erst einmal die schon vorher angereisten Petra, Delta, Holger und Maxi und bewundern ein frisch geborenes Kalb. Noch am Morgen geschlüpft sieht es bereits aus wie ein alter Hase. Hier oben wohnen Kuh und Mensch Seit an Seit, zumindest in den Sommertagen; im Herbst müssen die Viecher runter ins Tal; der Hang, der gleichzeitig die Weide ist, ist dann tief verschneit und kein Grashalm spitzt hervor.

Durchatmen, in die Berge gucken, Essen fassen. Bis spät in die Nacht hocken wir beisammen, trinken Apfelwein oder Bier und freuen uns am Gelände, das auch in der Nacht eine spürbare Kraft ausstrahlt. Da kommt man schon auf Gedanken.

Am nächsten Morgen war der Bauer schon beizeiten oben gewesen, um die Kühe zu melken und auf die Weide zu lassen. Als ich aufwache bimmeln die Glöckchen der Tiere schon bei jedem Schritt; ein Klingeln, das uns die nächsten Tage begleiten wird.

Spät am Morgen früstücken wir und brechen anschließend zu einer Wanderung auf, die Sonne scheint , als könne sie kein Wölkchen trüben; wir marschieren durch Berg und Tal, landen an einem Bergsee, in dem ich todesmutig zunächst meine Füße und dann mich höchstselbst umrundet von neugierigen Forellen im See abkühle. Weiter geht’s; bei jeder Biegung wechselt der Blick auf ein Bergpanorama als hätte es Gott gemalt; rechter Hand ragt die Höferspitze in den Himmel, unser Ziel für den morgigen Tag. Im Tal glänzt eine kleine Kirche, wir rasten an einer Alm, die frischen Ziegen- und auch Bergkäse anbietet; dazu trinkt der Wanderer Almdudler, Molke oder ein Bier. Höchst pikant des Etikett des Radlers, frivol gezeichnet hockt ein junges Maderl auf dem Gepäckträger eines Rades. Leider habe ich kein Foto davon, wenn eines auftaucht, stelle ich es hier ein.

Gestärkt geht es weiter; Murmeltiere belagern die Südhänge und lassen sich die Sonne auf den Pelz scheinen, am Wegesrand wachsen neben unzähligen anderen Pflanzen Siberdisteln und Schirling; Waldarbeiter zersägen gefällte Bäume, die per Seilbahn die Hänge hinab geführt werden, eine Kettensäge kreischt und bald erreichen wir nach einem ordentlichen Aufstieg unsere kleine Alm und genießen den Blick auf die Berge und einen Schoppen dazu.

Während Chris sich ans Werk macht, den abendlichen Hirschgulasch vorzubereiten, warten wir auf schusch, der für heute erwartet wird – und sich auch tatsächlich über die Wege zum Parkplatz unten schlängelt. Und dann wieder wegfährt. Blöd nur, dass ich ihn anrufen will, die Nummer aber ohne D-Vorwahl wähle und während ich noch die neue Nummer eingebe, mittlerweile Olli angerufen hat – was mir aber entgangen ist. Als ich mich dann bei schusch melde, hält er für mich für blöde.

So kanns gehen, zunächst ein großes Hallo, dann der Hirschgulasch, während sich die Nacht über die Hütte legt. Die Kühe stehen im Stall, der Mond schickt sich an voll zu werden – und als er dann stark und hell am Himmel leuchtet, versaut der Kerl das ganze Sternenlicht. Meint Petra und ich gucke verwundert. Als in der Nacht die Erde weiter gewandert ist und der Mond nicht mehr direkt über uns leuchtet, weiß ich, was sie gemeint hat. Tausend Punkte glimmen am Himmel und einer blinkt beständig, so dass er hier vor jahren den Namen Blinky erhalten hat. Hallo Blinky, ich geh ins Bett und kaum falle ich auf mein Lager, gleite ich einen langen traumlosen Schlaf. Ab und an bimmelt es von irgendwo.

Der nächste Tag bringt Hitze, ein Fußballspiel in Cottbus und einen rufenden Berg. Es ist vielleicht einer der letzten Sommertage, unser Gepäck ist leicht, als wir aufbrechen, die Höferspitze zu erklimmen – es geht bergauf. An der nächsten Alm lassen wir ein paar Handtücher zurück, ganz in der Nähe rauscht ein Tobel – und dort wollen wir nach der Tour baden oder zumindest duschen. Tobel nennt man die karstigen Abgänge, durch die das Bergwasser von oben ins Tal rauscht – manchmal rechte Rinnsale, manchmal reißend wie eine Wildsau deren Junge bedroht werden.

Der Weg ist anstrengend, Meter um Meter marschieren wir in die Höhe. Knapp 700 Höhenmeter sind zu bewältigen, das mag für den geübten Wandersmann ein Klacks sein, wir Stadtkinder aber kennen nur den Lohrberg – und dort hinauf wird geschlendert. Kine versorgt Petra mit SMS aus dem Stadion der Freundschaft. Cottbus führt mittlerweile mit 1:0. Nach der nächsten Alm wird es noch steiler, aus dem Weg wird eine Art Tritt den wir Schritt für Schritt überwinden. Cottbus führt 2:0. Wieder erreichen wir eine Alm, die Blicke hinauf zeigen uns, dass der Gipfel wartet. Schwere Stahkonstruktionen sind im Berg verbaut, um die Lawinengefahr für die Täler zu mindern. Es muss eine Heidenarbeit sein, die Teile am Hang zu montieren. Cottbus führt 3:2.

Die letzten Meter werden zur Qual, jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt, Schweiß läuft in die Augen, nach wenigen Schritten folgt eine Pause; durchatmen und manchmal scheint es, der Gipfel wandert weg von dir je näher du ihm kommst. Immerhin, plötzlich tönt es hinter mir: Und schon wieder ungeschlagen SGE. 3:3. Das kann was werden mit dem Aufstieg. Hier wie Dort. Tatsächlich. Kurz unterhalb des Gipfels starrt eine nackerte mannshohe Bronzefigur wie ein vergessener Wanderer über die Täler. Der rechte Platz für eine längere Pause. Erneutes Durschnaufen. Und weiter geht’s; Schritt für Schritt; noch fünf Lawinengitter, noch vier. Pause. Noch drei. Pause. Nur noch zwei; noch eines – und dann haben wir es geschafft, wir stehen auf dem Gipfel am Kreuz und blicken rundum. Oben!

Das ist die Belohnung für die Mühen, rechter Hand führt ein schmaler Grat in Richtung einer Alm, rundum erheben sich die Berge in den blauen Himmel; Adler kreisen in luftiger Höhe und wir entdecken sogar den gestrigen See, der natürlich heute noch immer da ist. Delta denkt sich Zeit für ein gutes Buch und der Rest guckt in die Luft und genießt die Aussicht und den Stolz, es geschafft zu haben. Wir tragen uns in das Gipfelbuch ein und marschieren nach einer Weile wieder zurück – auch der Abstieg ist heikel. Doch mit jedem Schritt fühlen wir uns sicherer und bald hüpfe ich hinunter wie ein junges Reh. Oder wie heißt das Tier mit dem Rüssel?

Sobald wir an der Hütte angekommen sind, wo wir unsere Handtücher gelagert haben, schnappen wir uns diese und marschieren zum Tobel, den wir uns zum Wellnessbereich erkoren haben. Leider stürzt das Bergwasser nicht in rauen Mengen ins Tal, doch wir entdecken ein geeignetes Plätzchen für eine Bergdusche. Während die einen skeptisch den großen Zeh ins Wasser tauchen reißen sich die anderen die Klamotten vom Leib und halten prustend den Kopf unter das eisige Wasser; Urschreie ertönen doch alsbald folgt ein wohliges Kribbeln und es scheint, als reinige das Bergwasser nicht nur von Außen. Derart gepusht gehts zurück zur Alm.

Unten angekommen macht sich Holger ans Werk das Abendessen zu zubereiten, es gibt Rouladen nach Art des Berges, wir futtern, trinken und genießen von Zeit zu Zeit die Aussicht, den vollen Mond und schwatzen dabei über Gott und die Welt bis einer nach dem anderen still und leise in der Koje verschwindet.

Der nächste Morgen ist für mich Mittag. Während sich Olli noch einmal den Berg hinauf gewagt hat, bauen die anderen steinerne Staudämme am schon gestern besuchten Tobel, dem Sulztobel. Ich schlafe den Schlaf des Gerechten, niemand weckt mich und so erwache ich erst, als schusch schon wieder zurückkehrt. Ganz langsam scheint sich die Wetterlage zu ändern, eine leichte Brise kommt auf und wir beginnen, unsere Sachen für die Fahrt zu packen. Ein letzter Blick und schon fährt Chris den Toyota mit dem Gepäck ins Tal hinunter; wir laufen hingegen den Berg bis hinab zum Bauern.

Dort angekommen begleichen wir unsere Rechnung, bekommen noch einen Kaffee und stärken uns mit einem Stück selbstgebackenen Kuchen bis es an der Zeit ist, die Berge zu verlassen. schusch verabschiedet sich Richtung München, wir fahren den gekannten Weg: Schröcken, Schoppernau, Au, Mellau – die Orte ziehen an uns vorbei, in der Bregenzerach wird geangelt, während die Kühe gelangweilt und glockenläutend auf den Wiesen der Dämmerung harren. Ein letzter Bergblick, ein letzter Rast und schon landen wir hinter dem Pfändertunnel wieder auf der Autobahn in Deutschland.

Es regnet; aus dem Autoradio erklingt Iggy Pops Candy, auch Udo Lindenberg gibt sich mit Inga Humpe die Ehre: Ein Herz kann man nicht reparieren tönt es aus den Lautsprechern; wir verlassen das Allgäu während Deutschlands Basketballer auch die letzte Chance für eine Olympiateilnahme gegen Litauen verspielen, passieren Würzburg, halten hie und da an einer Raststätte und nach sechs Stunden Fahrt verlässt uns Olli in Bad Vilbel. Am Alleenring ist auch für mich Endstation; ich verabschiede mich von Chris und Marc, die weiter nach Bockenheim fahren. Mit meiner Tasche über der Schulter marschiere ich zu Pia, die noch wach ist. Und, wie war’s fragt sie. Schön war’s meine ich und gucke auf meine Schuhe, die nicht nur aussehen wie ein Kuhstall, sondern genau so riechen. Aber schön war’s wirklich, droben auf dem Berg. Auch wenn ich jetzt schon zum zweiten Mal keine Gams entdecken konnte. Womöglich gibt’s die hier gar nicht. Wie Pelikane – die extrem schnell wachsen und bei der Geburt recht hässlich sind. Aber dies ist ein anderes Thema