… lautete der Plan. Aber wie heißt es so schön? Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm deine Pläne. Kurz und gut, wir hatten unmittelbar nach der Auslosung zur Gruppenphase den Flug nach Glasgow sowie ein Zimmer in Aberdeen gebucht. Ein Becherwurf in Helsinki, Pyrotechnik und eine unzurechnungsfähige UEFA machten einen Strich durch die Rechnung, Eintrachtfans wurden ausgesperrt; das Spiel in Aberdeen sollte unter Ausschluss einer Frankfurter Öffentlichkeit stattfinden und die schönen Pläne waren fürs Erste dahin.

Da jedoch weder Pia noch ich jemals in Schottland gewesen sind und die Flüge nach Glasgow ohnehin nicht stornierbar waren, cancelten wir unsere Unterkunft in Aberdeen, buchten dafür Nächte in Glasgow und harrten der Dinge die da kommen werden. Was in all den Tagen bis zum Abflug nicht kam, waren Tickets für das Spiel, von daher war klar, dass wir, so nicht Seltsames geschieht, in Glasgow bleiben werden. Immerhin: die zwingend notwendigen Reisepässe besaßen wir. Wir kamen allerdings kurz ins Wanken, als uns Kalle und Vatmier, die im gleichen Flieger Richtung Schottland schwebten, anboten uns mit dem Mietwagen a in die Stadt und b am Donnerstag nach Aberdeen mitzunehmen. Mit uns im Flugzeug hockten zudem jede Menge Holländer, da am Mittwoch hier Feyenoord auf Celtic treffen wird.

Das Angebot der Mitnahme in die Stadt nahmen wir dankend an und so stapften wir nach zwei Stunden Flug und Passkontrolle durch den Regen zur Mietwagenstation und stiegen wenig später in einen nagelneuen MG – wenig überraschend befand sich das Lenkrad auf der rechten Seite. Irritierend, dass uns ein Schotte in kurzer Hose und Flip Flops entgegen kam. Kalle brachte uns hingegen sicher in die Unterkunft nahe der Necropolis, dem alten Friedhofs in Glasgow. Wir bedankten uns für den hervorragenden Service, wünschten den beiden noch eine gute Fahrt, besorgten uns den Wohnungsschlüssel, der im gegenüberliegenden Minimarkt für uns hinterlegt wurde und marschierten durchs kühle Treppenhaus die steinernen Stufen in den zweiten Stock hinauf. Dort lebt Shona, die uns ein Zimmer ihrer geräumigen Wohnung für die nächsten vier Nächte vermietet hat. Aus unserem Fenster blicken wir über einen kleinen Hinterhof auf die Totenstadt. Elstern und Eichhörnchen sind unsere Nachbarn. Shona arbeitet. Unser Zimmer ist ansprechend aber kühl, die Küche im 70s-Style und das Bad ist sauber, wir haben es gut getroffen. Nur die Fußbodenheizung wie in Helsinki wird schmerzlich vermisst

Das erste Mal Schottland, das erste Mal Glasgow – wir sind gespannt und brechen auf zur ersten Erkundung. Leider können wir den Friedhof nicht durchqueren, so laufen wir außen daran vorbei. Direkt angrenzend liegt das weitläufige Gelände der Tennant Brauerei, an deren Außenwand die ersten Graffiti leuchten, allerdings Auftragsarbeiten für die Brauerei, von daher zu vernachlässigen. Wir umrunden Tennant, bis wir wieder am Friedhof sind, von dort führt eine Brücke zur Kathedrale, deren Spitze unfotogen eingerüstet ist. Anschließend laufen wir die High Street runter, bis wir tatsächlich das erste Mural entdecken, erinnernd an St Mungo, einer Legende, die einst an der Stelle der heutigen Kathedrale beerdigt wurde und heute deren Namensgeber ist.

Glasgow ist bekannt für seine Murals, die uns in der Tat auch häufiger begegnen als Kilt oder Dudelsack. Die Schott:innen tragen heutzutage Jeans und Turnschuhe, erstaunlicherweise jedoch häufig kurze Hosen und T-Shirt. Die Glaswegian sind wahrlich nicht aus Zucker. Und wie heißt es so schön: In Schottland gibt es zwei Jahreszeiten. Juni und Winter. Der Akzent hingegen ist hart. Ich weiß noch, wie ich vor ein paar Jahren in der Alten Oper bei einem Konzert von Amy Macdonald saß, die ja aus Glasgow stammt und ihren Ansagen lauschte. Ich verstand kein Wort, aber das Gesamtpaket, Tattoos, Dialekt, Auftreten hat mich schwer beeindruckt. Mit Roughness gepaart mit schwarzem Humor und unaufgeregter Beauty kriegst du mich.

Wir treiben durch die Stadt, trinken Tee und Kaffee, bestaunen die leuchtenden Weihnachtsmärkte hinter der mondänen Buchanan Street oder am George Square, wo in einem Festzelt zig Schotten mit Schoppen lautstark „I will survive“ mitsingen. Der George Square ist der zentrale Platz Glasgows, jetzt stehen hier Karussells und Buden, inmitten des Trubels thront Sir Walter Scott, der einst Ivanhoe geschrieben hat, und überblickt das gesellige Treiben. Das angrenzende Rathaus wird in bunten Farben angeleuchtet. Es ist keine vier Uhr und stockdunkel.

Wir wandern gemächlich durch Roades, Streets und Lanes Richtung East End bzw. Dennistoun, vorbei an Tennant und dem gegenüberliegenden freistehenden Ladywell Pub. Dann geht es die Ark Lane nach oben und schon sind wir wieder in der Firpark Terrace, quasi zuhause. Ich brühe einen Tee auf und wir liegen auf dem Bett und beratschlagen über das Abendessen. Da uns eine rechte Müdigkeit überkommt, beschließen wir, unten an der neben Tennant gelegenen Drygate Brauerei zünftig zu speisen – ein Plan, der in sich zusammenfällt, da alle Plätze belegt sind und wir zwar ein Bier bekommen würden, aber nichts zu futtern. So schlagen wir uns erneut durch die Nacht, und landen in einer Pizzeria, die uns Shona vorgeschlagen hatte. Wir müssen zwar ein paar Minuten auf einen Platz warten und es geht zu wie in einem Bahnhofsrestaurant, aber das Geschehen hier ist durchaus unterhaltsam. Am Tisch werden wir von einer jungen Frau mit beinhartem Akzent bedient, die Arme tätowiert. Sie arbeitet erst den fünften Tag in der Pizzeria, ist aber gut drauf und ich nenne sie in Gedanken Amy. In Wirklichkeit heißt sie Rachel, bringt uns nach wenigen Minuten eine hervorragende Pizza, und quatscht mit uns. Wir lachen und nicken. Sie auch. Verstanden haben wir so gut wie nichts. Aber wir hatten eine gute Zeit.

Oh the wind whistles down
The cold dark street tonight
And the people they were
Dancing to the music vibe
And the boys chase the girls
With the curls in their hair
While the shy tormented youth sit way over there
And the songs they get louder
Each one better than before.

Am folgenden Morgen wandern wir Richtung Necropolis und dort bis nach oben zur Statue für John Knox, den höchsten Punkt des Friedhofs. Von hier siehst du den Celtic Park und überhaupt über die ganze Stadt bis hin zu den Hügeln im Süden, sogar die Sonne scheint. Der Schotte, der mit uns hier oben die Aussicht genießt, entpuppt sich als Holländer und Anhänger von Feyenoord Rotterdam. Doch er zeigt sich friedlich und entspannt, so plaudern wir ein wenig über Fußball. Alsbald marschieren wir nach unten und besichtigen die mächtige Kathedrale mit dem Grab von Mungo. Auch hier tummeln sich einige Anhänger von Feyenoord – an die Eintrachtfans keine guten Erinnerungen haben. 1979 kehrten etliche von uns von Fahrradketten schwingenden Holländern gejagt und mit eingeworfenen Scheiben nach Frankfurt zurück. Aber wir erreichten damals die nächste Runde im Uefa-Cup und holten letztlich den Titel.

Wenn du mit wachen Augen durch Glasgow marschierst, fallen vor allen die Widersprüche auf, der Bettler vor Marks & Spencer, die alten viktorianischen Bauten neben den hochmodernen Glasfassaden, die Streetart neben der Reklame, die mondäne Buchanan Street neben der Bahnhofsunterführung oder die verwirrenden Ensembles rund um Glasgow Cross. Vergangene Vergangenheit, jüngste Vergangenheit und Gegenwart mengen sich zu einem lebendigen Ganzen, selbst mächtige Orte wie die Kathedrale fallen im Gesamtwerk Glasgows kaum auf und der Clyde, der hiesige Fluss, mäandert mit einem unaufgeregtem Selbstbewusstsein durch die Stadt. Glasgow – Eine Stadt für Fotograf:innen.

Unten am Clyde findest du Wände voller Streetart, ein Grüppchen mit Farbeimern und Rollen in den Händen nähert sich der Wall, eigenartig nur, dass sie zu einem nicht gerade jung sind und zudem holländisch sprechen, wir gehen davon aus, dass die Wand sich in den nächsten Minuten ändern wird. Gelassen macht sich die Gruppe ans Werk, derweil wir weiter am Fluss entlang wandern und am Shawarma King eine Falafel-Pause einlegen. Immer wieder begegnen uns an den Häuserwänden großformatige Murals. Motorroller und Fahrräder hingegen begegnen uns vergleichsweise selten, die Stadt ist nicht für Zweiräder ausgelegt, Autos bestimmen das Straßenbild, Parkplätze dazu. Auf dem Rückweg schlendern wir erneut am Fluss entlang. Nun prangt an der Graffitiwand in großen rotschwarzweißen Lettern und Ziffern: F1908 R. Die Rotterdamer hinterließen Spuren, mal sehen, wie lange. Später taucht die untergehende Sonne die Stadt in ein pittoreskes Licht.

Den Abend verbringen wir im Crown Creighton Pub in der Duke Street im East End, unweit vom Celtic Park. Wer eine Karte für das Spiel in der Tasche hat, macht sich auf den Weg, wir bleiben hier. Celtic schlägt Feyenoord völlig verdient mit 2:1, ein älteres Paar, er ohne Zähne, sie mit Rollator, freut sich, wir freuen uns mit. Und Rachael Hudson schrieb auf Google über den Pub: An old man’s pub but you always get the best banter. The pub is cheap and cheerful and does 35ml measures. My favourite touch is always the jukebox with a great selection of music for every taste. They also play the football and usually guaranteed a seat! Genau so ist das und das ist gut. Am gleichen Abend gebe ich Vatmier endgültig Bescheid, dass wir nicht mit nach Aberdeen fahren werden.

Stattdessen machen wir uns auf den Weg nach Loch Lomond, einem vielbesungenen See ohne Monster am Fuße der Highlands, dessen Südwestspitze eine knapp einstündige Zugfahrt von Glasgow entfernt am Ort Balloch liegt. Oder wie wir Einheimischen sagen: Am Bealach. Dorf am See. Wir laufen nach einem Abstecher ins bezaubernde Café La Bodega in die nur wenige Schritte entfernte Bahnstation Bellgrove, lösen Hin- und Rückfahrtickets für schlappe sieben Pfund und steigen in die nahezu pünktlich anrollende Bahn, die Sonne scheint freundlich auf uns herab. Wir fahren durch die Vororte, durch Partick, Singer oder Bowling, Schulkinder in Uniform spielen auf dem Pausenhof, zwischen den roten Backsteinhäusern ziehen sich schmale Grünanlagen hin. Dann gleiten wir am Ufer des Clyde entlang, lecke Boote liegen zur Hälfte unter Wasser, verfaulte Zeit. In Balloch steigen nur wenige Menschen aus, obgleich hier Endstation ist. Der gleiche Zug wird in wenigen Minuten wieder nach Glasgow rollen. Wir haben Glück, die freundliche Dame an der Touristen-Information macht uns auf die in wenigen Minuten beginnende Bootsfahrt aufmerksam, die im Sommer zwei Stunden dauert, im Winter aber nur 60 Minuten und so lösen wir am Boot zwei Tickets und entern den Silver Dolphin der Sweeneys Cruises. Mit uns entscheidet sich noch eine Handvoll Touristen für die Tour. Nach wenigen Minuten sind wir vollzählig, ein junger Mann, der später an der Bar Getränke verkaufen wird, löst die Taue und gemächlich beginnen wir über den kleinen Fluss Leven zu tuckern. Ich öffne eine schmale Tür, die auf das Vordeck führt. Von hier weht einem zwar der Wind um die Nase aber du hast eine fantastisch frische Sicht auf die Küstenlinie und später auf den See.

Einige Bootchen liegen vertaut auf dem Leven, auch hier einige halb versunken, rechter Hand thront versteckt das Balloch Castle, während wir uns gemächlich auf den See schieben und sich vor uns zaghaft die Highlands erheben. Links, dort wo einst eine Jugendherberge den Glasgow Kids Sommerfrische versprach, wässert nun ein Flugzeug des Golfclubs, so verschiebt sich auch hier die Zeit. Der See und die Wolken hingegen zelebrieren für uns ein wunderbares Schauspiel, bis wir an einer bewohnten Insel umkehren und nach einer guten Stunde wieder in Balloch festmachen. Anschließend drehen wir fußläufig eine Runde am Ufer, kommen am gesperrten Balloch Castle vorbei und landen im Mavi neben dem Fisch Restaurant Blue Lagoon. Zwei Männer in AC/DC Weihnachtspullovern sorgen sich um die meist weiblichen Gäste, der ganze Laden veströmt einen zeitlosen Charme – als das Handy noch nicht erfunden und dunkles Türkis noch eine erlaubte Einrichtungsfarbe war – kurz, ein Ort zum Wohlfühlen. Später drehen wir noch eine Runde auf der anderen Seite des Leven, wo ein Kiosk samt Lichterkette auf Kundschaft wartet – doch wir sind mutterseelenalleine hier. Gegenüber liegt die Maid of the Loch, der letzte auf dem Loch Lomond verkehrende Raddampfer, aufgeslippt und reperaturbedürftig. Nach einem kurzen Blick in den Souvenirshop rollen wir in aller Seelenruhe wieder zurück nach Glasgow, das übrigens nicht die schottische Hauptstadt ist. Diese heißt Edinburgh und spielt auf unserer Reise keine Rolle.

Diesmal fahren wir nicht bis Bellgrove, sondern steigen an der Queen Street aus – aus Gründen. Zum Einen ist es von hier nicht allzu weit ins Stereo – dort spielen heute Abend die Bar Stool Preachers und wir hoffen noch auf Tickets. Zum Anderen kickt ja die Eintracht heute in Aberdeen – und wir planen den Kick im Raven zu schauen. Anpfiff ist ja um 17:45 Ortszeit, das lässt Raum für die Abendgestaltung. Leider hat der Club noch geschlossen und öffnet erst um 19:00 seine Pforten, von daher schieben wir uns die Renfield Street nach oben ins Raven, finden auch zwei Plätze und erfahren, dass genau auf dem Fernseher über uns die Eintracht gegen Aberdeen gezeigt wird. Das scheint außer uns niemanden zu interessieren. Immerhin, Baum spielt erstmals von Beginn an, die Eintracht dominiert die Partie und fängt sich mit der ersten nennenswerten Aktion der Schotten das 0:1. Kurz nach Beginn der zweiten Hälfte mache ich mich leichten Herzens auf den Weg zum Stereo, Pia schaut sich das Elend weiter an. Und während ich in der Schlange vor dem Club warte, fängt sie die ruhmreiche SGE das 0:2. Immerhin bekomme ich nach Öffnung der Pforten zwei Tickets. Doch was heißt Tickets? Ich bekomme ein Kreuz auf die Hand gemalt und Pia soll einfach ihren Namen an der Kasse nennen.

So steige ich die Stufen hinunter, und lande in einem herrlich dunklen und abgeranzten Clubraum mit Sitzbänken an der Wand, auf die ich mich setze. Kaum habe ich mich aus meiner Jacke gewurschtelt, erspähe ich auch schon Pia. Langsam füllt sich der Laden, es wird voll. Den Anfang macht Billy Liar, ein Musiker der auf seiner Gitarre rumpunkt, völlig okay und fucking unterhaltsam. Dann wird es laut und souverän. Ultrabomb betritt die Bühne – und rockt den Laden innert Sekunden. Kein Wunder, Bassist Greg Norton spielte einst bei Hüsker Dü, Gitarrist Finny McConnell spielt im Hauptberuf bei den Mahones und Schlagzeuger Jamie Oliver trommelte ein paar Jahre bei den U.K. Subs – eine recht prominente Besetzung also, es ist laut und dreckig. Und voll. Und gut. Vor allem, da die Band auch mit den ersten Zeilen von „Dirty old town“ zum Abschluss des Auftrittes an den unlängst verstorbenen Shane MacGowan erinnert, dem Sänger und Texter der Pogues, dessen Mythos mehr Leute zu lieben scheinen als den Menschen selbst.

Nach einer Umbaupause, die eine gute Viertelstunde dauert, entern die Bar Stool Preachers die Bühne und haben ihr Publikum sofort im Griff. Die Mischung aus Punk und Ska kommt an – erstaunlicherweise zählen Pia und ich zu den Jüngeren. Als nach einer guten halben Stunde allerdings von einer Zuschauerin „Free  Palestine“ durchs Mikro gebrüllt werden darf, verhagelt es uns die gute Laune, der Stecker ward gezogen. Über 260 Opfer der Hamas auf dem Nova Festival in Israel, dazu unzählige Verletzte, neben den vielen anderen Opfern außerhalb des Konzertes – sie reichen nicht für Solidarität unter den Freunden der freien Musik, im Gegenteil. In „Free Palestine“ wird es allerdings unter Führung der Hamas auch kein Konzert der Bar Stool Preachers geben. Und die Schreihälsin im freien Schottland wird sich in Gaza auch anders anziehen dürfen. Wir gehen.

Ein neuer Tag. Wir frühstücken in einem kleinen Café auf der Duke Street, um anschließend den Bus Richtung Bahnhof zu nehmen. Von dort spazieren wir über die Sauchiehall Street Richtung West End und passieren das Teehouse Mackintosh at the Willow. Charles Rennie Mackintosh war ein zu Lebzeitenein  bekannter Architekt und Designer, der verarmt in London starb und vergessen wurde. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich Glasgow wieder an seinen bemerkenswerten Sohn erinnerte. Doch davon wird er auch nicht mehr gesund. Immerhin hat er nun sein eigenes Mural.

Nach einem kurzen Abstecher in den Kelvingrove Park, umgeben von mondänen Wohnanlagen, überqueren wir das Flüsschen Kelvin, quasi die hiesige Nidda und landen am prächtigen Kelvingrove Art Gallery and Museum, in dem du Tage verbringen könntest – und das Beste ist: Der Eintritt ist frei. Diese Melange aus Senckenberg und Historischen Museum sowie dem Städel präsentiert unzählige Gemälde, darunter auch eines der matchstick men von L.S. Lowry. Der Christ of Saint John of the Cross von Dali ist derzeit leider ausgeliehen, der einzige Wermutstropfen in diesen Stunden – aber wir sind auch reichlich groggy. So laufen wir am Rande der Universität die Byres Road nach Norden, flankiert von Bars, Geschäften und Geschäftchen, wobei gefühlt jeder zweite Laden ein Maklerbüro mit beleuchteten Angeboten im Aushang ist. Gentrifizierung aller Orten, sie verkaufen Substanz und die Seele der Viertel in aller Welt, aus Wohnungen wurden Spekulationsobjekte für Fonds und die Verarmten wissen nicht wohin mit ihren Träumen und auch nicht wohin mit ihrem Leben. Und es trifft dich schneller als du denkst. Und wenn du dann an der Schwindsucht krepiert bist, bauen sie dir ein Denkmal und ziehen dir im Ausverkauf deines Namens noch einmal das Fell über die Ohren.

Die Heimfahrt mit dem Bus indes gerät zum Abenteuer. Da uns der Bus Nummer Vier vor der Nase wegfährt, wollen wir die Nummer 90 in der Hoffnung, Richtung East End zu kommen nehmen. Es regnet – und es dauert eine ganze Weile im ungemütlichen und nachtdunklen Draußen, bis der Bus kommt. Wasser läuft die Scheiben herunter, wir setzen uns und sind gespannt, was passiert. Das Internet ist mangels zeitweiligen Empfangsaussetzern auch keine große Hilfe und eine Anzeige im Bus ist nicht vorhanden. Wir fahren und halten, fahren und halten – Menschen kommen und gehen, wir sitzen immer noch brav auf unseren Plätzen und harren der Dinge. Irgendwann hat Pia wieder Empfang, wir sind im richtigen Bus – umrunden allerdings die halbe Stadt – bis wir nach einer Stunde ein paar Meter von unserer Wohnung entfernt durchgefroren aussteigen. Tee und Gebäck. Abends nehmen wir einen flotteren Bus in Richtung George Square und besuchen noch einmal die Pizzeria. Nach einem Rundgang, der uns noch ein letztes Mal an den Clyde führt (der Feyenoord Tag ist nur ein bisschen übermalt) fahren wir mit dem Bus zurück und laufen an den Mauern der Brauerei vorbei heimwärts, die wir doch eben erstmals gesehen hatten.

Am nächsten Mittag geht unser Flieger von Glasgow über München nach Frankfurt. Wir lassen uns Zeit, verabschieden uns von der Wohnung, die vier Tage unser Zuhause war und rollen mit den Koffern zurück in die City. Draußen floriert das Leben, der Weihnachtsmarkt, genauer gesagt das Winterfest, wie es

beschildert ist, wird auch morgen noch leuchten, wenn wir längst wieder in Frankfurt sind und Kelvingrove Art Gallery oder Loch Lomond für uns nur noch Erinnerung sein werden. Aber sie existiert, die Erinnerung. Unser Flieger hat Verspätung, wir drücken uns am überschaubaren Glasgower Airport herum, bis dann doch das Boarding beginnt. Mittlerweile hat sich Andreas samt Freundin zu uns gesellt, wir kennen uns schon seit Taxi Zeiten, jetzt nutzen wir die gleichen Flüge, so klein ist die Welt. Bis München geht alles glatt, dann heißt es wieder warten – ein paar Passagiere haben zwar ihre Koffer einladen lassen – fliegen aber nicht mit, so dass das Gepäck wieder ausgeladen werden muss.

Irgendwann landen wir in Frankfurt, irgendwann folgt unser Gepäck – im Gegensatz zu den meisten S-Bahnen, die ausfallen. Wir quetschen uns in den 61er Bus, eine Kunst, da die Mitfahrenden keinen Bock haben, Platz zu machen, der zwar nicht reichlich aber durchaus vorhanden ist. Ein gestandener Mann jammert rum, dass er kaum atmen könne. Willkommen in Deutschland. In einen Busshuttle zum einem beliebigen Fußballspiel in Europa hätten sich doppelt so viele Leute in den Bus gequetscht und hier kann irgendein Kevin nicht atmen. Naja. Am Südbahnhof purzeln wir nach draußen, warten ein paar Minuten auf die 18 und rumpeln zum Nibelungenplatz. Es ist dunkel und kalt – auch in der Wohnung. Wie in Glasgow. 3 Firpark Terrace. Scotland. Aber wir sind Zuhause. Das ist schön, denn wir haben eines.

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