Alles ist immer im Fluss; ein ewiglicher Prozess ohne Anfang und ohne Ende, das große Werden ohne Ziel. Willkürlich greifen wir uns Punkte hervor, markieren Einschnitte, Ausschnitte und versuchen das Gewordene zu erklären.

Fußball 2000, ein Begriff womöglich geprägt vom Karlsruher Michael Harforth, der soeben in Frankfurt mit seinem KSC 1:0 gewonnen hat und dennoch bestätigt, dass die Eintracht Fußball von einem anderen Stern spielt. Fußball 2000.

Zu Gast im Museum waren Manfred Binz, Ralf Falkenmayer, Dietmar Roth, Lothar Sippel und Ralf Weber – zusammen absolvierten sie weit über eintausend Spiele für die Frankfurter Eintracht und alle standen an jenem 16. Mai 1992 auf dem Platz, als die Eintracht in Rostock die Meisterschaft verspielte. Damals, als Tausende von Fans voller Hoffnung an die Ostsee gefahren sind, damals, als Tausende den Paulsplatz säumten und alle nur einen einzigen Traum hatten: Deutscher Meister 1992 – Eintracht Frankfurt.

Wo beginnt die Geschichte? Vielleicht mit dem Klassenerhalt durch die Relegationsspiele gegen den 1.FC Saarbrücken. Nach einem 2:0 Hinspielsieg erzitterte sich die Eintracht an der Saar ein 1:2 und blieb dadurch erstklassig. Die Mannschaft um Trainer Jörg Berger hatte sich im letzten Moment gerettet und wurde im Sommer mit Spielern wie Uwe Bein, Ralf Falkenmayer und Lothar Sippel verstärkt. Roth, Binz – aber auch Uli Stein gehörten schon zu den Pokalsieger von 1988. Zwei Jahre später sollte die Eintracht auf dem dritten Platz landen und mit Jörn Andersen wurde erstmals ein Eintrachtler Torschützenkönig in der Bundesliga. Im Sommer 1990 wechselte nicht nur Yeboah an den Main sondern ein „verlorener Sohn“ kehrte zurück, Andy Möller. Und mit ihm wurde Klaus Gerster als Manager installiert.

Nach einem desaströsen 0:6 gegen den HSV endete die erste Ära Jörg Berger, völlig überraschend wurde Dragoslav Stepanovic als neuer Eintracht Trainer vorgestellt; ein Mann der zwar schon in der Weltauswahl Fußball gespielt hatte, der aber als Trainer noch keine allzu großen Erfolge vorzuweisen hatte. Die Stationen hießen Progress Frankfurt, FSV Frankfurt, Rot Weiß Frankfurt und Eintracht Trier. Nun also Bundesliga.

Die Laune im Team stieg schlagartig, obgleich es eine Zeit brauchte, bis der gebürtige Serbe mit seinem Dialekt die Spieler erreichte. Greif, greif, greif, rief er während des Trainings – und niemand wusste, was gemeint war – bis dann doch ein Lichtlein aufging. Permanentes Angreifen war gemeint. Und als Stepanovic vor einem Auswärtsspiel in Bremen deren Trainer Rehhagel als Mied bezeichnete, war guter Rat teuer – bis Dietmar Roth irgendwann die Erkenntnis überfiel: Mied. Myth. Mythos.

Saison 1991/1992. Der Kern der Mannschaft bestand aus Stein – Bindewald – Roth – Binz – Weber – Falkenmayer – Bein – Möller – Yeboah. Im Sturm stritten sich Kruse, Schmitt Sippel und der noch im September zurück gekehrte Jörn Andersen um einen freien Platz, im Mittelfeld hingegen Gründel, Studer, Klein und der im Winter 1991 aus Mainz gekommene Frank Möller.

Fußballerisch konnte keine andere Mannschaft der Eintracht in jenen Tagen das Wasser reichen, selbst bei Niederlagen attestierten die Gegner hochklassigen Fußball – es waren außersportliche Spannungen, die am Ende wohl ausschlaggebend waren, dass der ersehnte Titel letztlich nicht an den Main gewandert ist. Eine Truppe voller Typen und eigenwilliger Charaktere stand auf dem Platz, allen voran Uli Stein, der an guten Tagen ein Spiel ganz alleine entscheiden konnte, ein fußballbesessener, der abends bei einem Wodka-Lemon die Jungs in den Arm nahm, um am folgenden Tag den gleichen Spieler mit der Wucht einer Dampframme zusammenzufalten und auch bei einem Trainingsspiel dazwischen ging, dass auch ein Uwe Bein wochenlang das Gespräch verweigerte. Ralf Falkenmayer, das technisch hoch veranlagte Laufwunder, konstatierte im Nachhinein, dass es vielleicht besser gewesen wäre, ab und an mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Doch Falke hielt sich zurück. Ich wollte doch nur Fußball spielen. Und Manni Binz stellte fest, dass Uli Stein bei der heutigen Medienpräsenz ob seiner Wortwahl während des Spiels heutzutage wohl nicht all zulange auf dem Platz stehen würde.

Lothar Sippel, zu Beginn der Saison gesetzt und als Torschütze durchaus erfolgreich, wurde von Stepi auf die Bank gesetzt, als er seinen Vertrag während der laufenden Saison noch nicht verlängert hatte. Unfreiwillig eroberte sich Sippel fortan den Ruf als effektivster Joker der Liga.

Der sonst so besonnene Dietmar Roth geriet vor einem Spiel mit dem Trainer aneinander und wurde nun in die Nähe der „Rebellen“ um Gründel, Studer und Kruse gerückt, mit denen Stepi phasenweise überhaupt nicht mehr gesprochen hat; Uli Stein rangelte mit Andy Möller, derweil sich Uwe Bein gegen Ende der Saison ebenso wie Uwe Bindewald mit Verletzungen herum plagte. Ralf Weber hingegen plagte sich mit den Schiedsrichtern – der nicht gegebene Elfer in Rostock war das dritte nicht gepfiffene elfmeterreife Foul an ihm im Laufe der Saison und selbst im vorletzten Spiel gegen Werder Bremen, als Uwe Bein kurz vor Ende umgesenst wurde, blieb ein Pfiff aus. Obgleich wir mit einem Mythos aufräumen mussten: Lange hielt sich nämlich das Gerücht, dass die Eintracht in der Saison 91/92 keinen Elfmeter bekommen habe – doch zwei Mal versenkte Bein die Kugel aus elf Metern im Netz; beim 6:1 gegen die Stuttgarter Kickers wie beim Sieg über Dynamo Dresden.

Zum Fakt, dass Andy Möller im Falle einer Meisterschaft das fünffache an Siegprämie bekommen hätte, wie der Rest der Mannschaft, stellte Binz fest, dass dies unerheblich gewesen sei, immerhin hätte Möller eh das fünffache verdient und Roth ergänzte, dass ein Jeder selbst für seinen Vertrag verantwortlich gewesen sei und somit keinen Grund zur Klage gehabt hätte.

Während die Mannschaft in etlichen Spielen brillierte, so zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison, dass es auch einige Spiele gab, in denen gegen klar unterlegene Mannschaften trotz überlegenem Spiel kein Sieg heraus sprang. Dem Pokalaus gegen den KSC (0:1) folgte das aus im Uefa-Cup gegen Gent (o:o; o:1) und auch gegen abstiegsbedrohte Teams wie in Bochum, bei Borussia Mönchengladbach oder gegen Wattenscheid konnte die Eintracht nicht gewinnen. Dennoch war klar, dass bei einem Sieg bei Hansa Rostock der Titel erstmals seit 1959 an die Frankfurter Eintracht gehen würde. Jenes Rostock, dass in dieser Saison jedoch Bayern München gleich zwei Mal besiegen konnte und auch zuhause Stuttgart und Dortmund geschlagen hatte.

Unisono bestätigten die Spieler, dass die Mannschaft vor dem Spiel hochkonzentriert war. Lutz Meinl, Physio zur damaligen Zeit, bestätigte dies, gab aber gleichermaßen zu Protokoll, dass die Funktionäre schon vor dem Spiel Meister waren. Entsprechend präsentierten sie sich am Abend im Hotel. T-Shirts und Postkarten waren gedruckt und schon vor Anpfiff präsent.

Manchmal gibt es Spiele, in denen gelingt alles. Es entwickelt sich zu einem Selbstläufer und am Ende steht ein glanzvoller Erfolg. Und manchmal gibt es Spiele, da läuft nichts und die Spieler geraten ins Denken. Und während gegen die Gedanken angekämpft wird, verrinnt die Zeit und es läuft nicht viel zusammen. So erklärte Dietmar Roth den Ablauf der Partie in Rostock. Als Beispiel sei eine Chance von Möller genannt, die in 99 von 100 Fällen zu einem Tor führt – in Rostock versprang der Ball und die Chance war dahin. Allgemein wurden vor allem Ralf Weber und Ralf Falkenmayer genannt, die den unbändigen Willen zeigten, das Spiel gewinnen zu wollen. An Möller lief die Partie vorbei, Uwe Bein fand nicht die gewohnten Anspielstationen und bei den Chancen war Rostocks Torhüter Hoffmann auf dem Posten. Sippels Treffer wurde wegen vermeintlichen Handspieles nicht anerkannt, Schmitts Schuss knallte an den Pfosten – wenn es nicht läuft, dann läuft es nicht. Immerhin, bei für Hansa günstigem Verlauf des letzten Spieltages, hätte sich Rostock in der Liga halten können. Am Ende stiegen sie trotz des Sieges ab, da Wattenscheid gegen Gladbach gleichfalls gewann.

Natürlich kamen wir auf die ominöse 76. Minute zu sprechen, als Weber alleine auf das Tor zog und nur durch ein Foul des jetzigen DFB-U17-Trainers Stefan Böger gebremst werden konnte. Alle wussten: Das war ein glasklarer Elfmeter. Nur einer nicht – ausgerechnet der Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz. So blieb die Pfeife stumm und Ralf Weber konnte schon während des Spiels von Manni Binz nur mit Mühe daran gehindert werden, dem Mann in schwarz an den Kragen zu gehen. Nach Spielende klammerte sich Busfahrer Helmut Grievan an Weber und bewahrte ihn mit aller Kraft vor dem vorzeitigen Karriereende – und so ging nur eine Kamera zu Bruch und nicht Alfons Berg. Dass dieser sich im Nachhinein entschuldigte zeugte zwar von Größe, brachte aber auch keinen Titel.

Als die Mannschaft dann im Bus Richtung Flughafen rollte, hielt der Wagen auf halber Strecke an. Stein und Möller holten den Champagner hervor, und es begann die Frustbewältigung. Stein legte den Queen-Song The show must go on auf – und Ralf Weber sagt dazu heute: Ich kann das Scheißlied nicht mehr hören.

Die Feier im Sheraton-Hotel in Frankfurt fiel trist aus. Nur ein Bruchteil der geladenen Gäste war gekommen; der „Musterprofi“ Manfred Binz betrank sich binnen kurzem mit einer Flasche Wodka, hockte dann erzählend auf dem Klo, um in der Nacht dann nicht wirklich zu schlafen und todmüde zeigte sich die Eintracht dann auf dem Römer-Balkon. Und noch einmal brachen alle Dämme. Statt einer handvoll Fans war der Römerberg übersät mit Eintrachtlern, die eine fast tolle Saison zu würdigen wussten und die Mannschaft konnte kaum glauben, was sie dort erlebte.

Nach Ende der hochemotionalen Saison wechselte Lothar Sippel nach Dortmund. Neulich, bei einem Benefizspiel, erkannte er im leitenden Schiedsrichter den Mann, der schon 1992 das Spiel gepfiffen hat. Und wieder versagte Herr Berg einen Elfmeter. Freunde werden die beiden wohl nicht mehr, ähnlich wie Ralf Weber, der den ausbleibenden Pfiff bis heute nicht verziehen hat.

Binz, Falkenmayer, Roth und Weber zählten noch in der Saison 95/96 zum Kader der Eintracht, die nach Saisonende erstmals in der Historie absteigen musste. Viele Spiele machten sie jedoch auf Grund von Verletzungen nicht; Weber kam sogar gar nicht zum Einsatz; Falke konnte nur 12 Spiele absolvieren. Traurig dann der Abschied von Ralf Falkenmayer und Manfred Binz. Während Falke auf ein Angebot der Eintracht wartete, dass jedoch nie kam (er schlug sogar ein Angebot von Mainz 05 deshalb aus) und sich kurz vor Beginn dem damaligen Regionalligisten Eintracht Trier anschloss, wechselte Binz mehr oder weniger unfreiwillig nach Brescia, Italien. Statt eines Gespräches um einen angemessenen Zweitliga-Vertrag wurde ihm seitens der Eintracht mitgeteilt, dass er ja für 350.000 D-Mark nicht spielen würde – ein Antwort darauf wurde nicht abgewartet. Wer weiß, wie sich die Eintracht entwickelt hätte, wären beide Spieler auch in der ersten Zweit-Liga-Saison aufgelaufen, in der mit Bindewald und Roth immerhin noch zwei Spieler aus der Saison 91/92 im Kader standen. Und ganz nebenbei sei erwähnt, dass Oka Nikolov vor zwanzig Jahren als A-Jugendlicher erstmals bei einem Bundesligaspiel auf der Bank saß. Ersatztorhüter Thomas Ernst hatte sich vor dem Spiel gegen Nürnberg verletzt.

Berichte über den Abend im Museum findet ihr in der Frankfurter Neuen Presse, geschrieben von Horst Reber und auch Kerstin hat in ihrem Blog rotundschwarz den Gesprächsverlauf und ihre Emotionen eindrucksvoll geschildert.

Fotos: Pia Geiger