Wie kaum ein anderer, sehen wir einmal von Uwe Bindewald und Oka Nikolov ab, steht der Name von Alex Schur für eine Ära der Eintracht, die nach dem erstmaligen Abstieg aus der Bundesliga 1996 begann. Aus der strahlenden Diva von einst, die mit Grabowski oder Hölzenbein und später mit Uwe Bein oder Tony Yeboah die Liga verzauberte, wurde nach dem desaströsen Abstieg eine andere Eintracht; eine Eintracht, die zunehmend über den Kampf ins Spiel kam, kommen musste, auch da der Gürtel enger und enger geschnallt werden musste.

Schur ist unzweifelhaft ein Frankfurter Bub, genauer ein Bockenheimer Bub, obgleich er mit seiner Familie schon lange in Hofheim-Diedenbergen lebt und auch dort heimisch geworden ist. Er hat nur für Frankfurter Vereine gespielt, sieht man einmal von seinem letzten Jahr als aktiver Fußballer ab, welches er bei der Spvgg Seligenstadt verbracht hatte. Nach seiner Jugendzeit beim VfR Bockenheim wechselte er zu Rot Weiß Frankfurt, blieb dort sechs Jahre und spielte anschließend ein Jahr für den FSV in der zweiten Liga. Im Alter von 24 Jahren trug er dann erstmals das Trikot seines erklärten Lieblingsvereins, der Frankfurter Eintracht. Ein Jahr lang am Riederwald bei den Amateuren, seit 1996 bei den Profis. Von Beginn an bei den Profis mit der Nummer 24, wurde diese Nummer zu seinem Markenzeichen, zehn Jahre voller Höhen und Tiefen folgten, bis er seine Profikarriere auch aufgrund einer schweren Verletzung 2006 beenden musste.

Jetzt hat er gemeinsam mit Oliver Zils ein Buch über seine ersten 45 Jahre herausgebracht: Vom Fan zum Kapitän – Geschichte einer Eintracht-Legende. Alex Schur. 24

Unterteilt ist das Buch angelehnt an seine Rückennummer in 24 Kapitel. Vorgestellt wurde es im Museum der Frankfurter Eintracht, mit dabei neben Alex auch der Autor Oliver Zils sowie René Heinen, Verlagsleiter des Societäts Verlags, der das Buch herausgegeben hat und dazu an die hundert Gäste, die einen durchaus heiteren Abend erlebten.

Alex Schur wurde vor einigen Jahren hochoffiziell zu einer Legende der Eintracht gewählt, deren Konterfeis die U-Bahn-Station Willy-Brandt-Platz zieren – und das ohne jemals einen Titel für die Eintracht gewonnen zu haben, die Zweitligameisterschaft 1998 zählt für uns nicht. Kein einziges Länderspiel hat Schur bestritten, sein erstes Bundesligaspiel erst mit 27 Jahren absolviert – und doch wird kaum jemand die Wahl zur Legende anzweifeln. Wie geht das?

Neben der Vereinstreue auch an schlechten Tagen, neben der Frankfurter Herkunft, neben einem legendären Tor gegen Reutlingen, damals 2003, welches den Bundesligaaufstieg bedeutete, muss es noch andere Faktoren geben. Schließlich war etwa Benni Köhler ähnlich lange bei der Eintracht, kommt Jermaine Jones auch aus Frankfurt, hat Horst Heldt auch einmal ein wichtiges Tor zum Klassenerhalt erzielt, damals gegen Ulm und war Andy Möller sicherlich der bessere Fußballer – und dennoch sieht man noch heute das Trikot mit der 24 in der Fankurve.

Wer Alex auf dem Platz erlebt hat, der weiß, dass er immer alles gegeben hat, dass er trotz limitierter technischer Möglichkeiten eine Eintracht verkörperte, die sich in die Herzen der Fans spielte, weil sie nie aufgab, weil sie nahbar war und der Frankfurter Bub stets vorneweg ging, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Und weil er stellvertretend für viele Fans einen Traum realisiert hatte: Von der Kurve auf den Platz. Und weil er stets der Alex oder Schui war und nie der Herr Schur, der vergessen hat, wo er herkommt. Die Fans haben meist ein gutes Gespür für Authentizität, sie bewundern einen Ronaldo ob seiner spielerischen Fähigkeiten, sie lieben ihn aber erst dann, wenn er trotz Security sich Zeit für ein Selfie mit einem Fan nimmt, der ewig und drei Tage nicht mit seinem Handy klar kommt. Wenn er Mensch wird, wie wir alle. Wenn er sich nicht inszeniert, sondern manchmal fünfe einfach gerade sein lässt. Wenn er sagt, was er denkt, ohne in Sprechblasen zu verfallen.

In 24 Kapiteln begegnen wir im Buch einem Alex Schur, der über vieles spricht, was ihn bewegt hat oder noch heute bewegt. Sein Elternhaus, seine Freunde, seine Familie, die Eintracht und Frankfurt. Und in den Schilderungen erleben wir einen Schur, der gleichermaßen nachdenklich, zuweilen grüblerisch, wie auch emotional wirkt. Ihm ist wenig in den Schoß gefallen, nicht die Profikarriere, nicht die Zeit davor oder danach – und dennoch erlebte Schur eine recht unbeschwerte Kindheit und Jugend. Große Reisen gab es nicht, aber tolle Ferientage im Garten der Eltern, eine Jugendliebe, die bis heute anhält – und natürlich die Ausflüge zur Eintracht, zunächst mit dem Vater, später mit Kumpels.

Natürlich erleben wir im Buch die Jahre bei der Eintracht, die Eigenarten eines Uwe Bindewald, mit dem Schur wie auch mit Henning Bürger bis heute freundschaftlich verbunden ist, die Anekdoten über Chen Yang und Felix Magath, über Bernd Schneider oder Horst Ehrmantraut. Aber wir erfahren auch, wie es ist, wenn du im Team in die Jahre gekommen bist, wenn junge Spieler an deinem Platz kratzen, wenn durch eine schwere Verletzung wie in Aue 2005 sich das Ende der Karriere plötzlich noch schneller abzeichnet, als ohnehin geahnt. Wenn aus dem Platz im Rampenlicht plötzlich der Platz im Schatten wird, und aus dem gefeierten Fußballprofi plötzlich ein Jemand, der Praktikant im Marketing des RMV wird, der sich von jungen Mädels erklären lassen muss, wie Excel funktioniert und der damit klar kommen muss, in dem Verein, für den er zehn Jahre lang ein Aushängeschild war, nach dem Ende seiner Karriere zunächst keinen Platz zu finden. Da war kein nahtloser Übergang an die Mikrofone der Fernsehsender, kein Repräsentant, da war Alex Schur, der sich über Praktika einen Überblick über das Berufsleben verschaffen musste, der immerhin über eines der Praktika beim Verein der Frankfurter Eintracht auch über eine Trainerlaufbahn nachdachte, die Lizenzen erwarb und gleich in seinem ersten Jahr als hauptverantwortlicher Coach mit der U17 der SGE Deutscher Meister wurde. Zuvor allerdings war er Co-Trainer unter Frank Leicht, zunächst bei der U19, dann bei den Amateuren, der U23. Einer, der weit über 200 Spiele für die Eintracht absolviert hatte, der Volksheld wurde und Legende, agierte als Co-Trainer in der Jugend.

Schur hat dies akzeptiert, auch wenn die Situation sicherlich manchmal enttäuschend war, hinten anstellen ist nicht einfach, so man gewohnt ist, vorneweg zu laufen. Vielleicht ist dies sogar das bewundernswerteste, die Akzeptanz des Notwendigen nach grüblerischer Reflektion, nahezu buddhaesk sich seinem Schicksal zu fügen ohne sich in dessen Hände zu begeben, die Dinge von einer anderen Warte aus zu betrachten, um zufrieden seinen Weg zu gehen. Und zufrieden scheint er zu sein, der Alex. Zufrieden mit dem Erreichten, zufrieden mit seiner Familie, zufrieden mit seiner Eintracht, für sie er seit Jahren Trainer der U19 ist und immer wieder als Coach der Profis gehandelt wird, sobald ein Trainer schwächelt. Wenn die Zeit gekommen ist, wird ihn sicherlich der Ruf ereilen und wie wir ihn kennen, wird er ihn sicherlich auch annehmen. Aber „man muss nicht immer alles toppen“ sagte er im Museum der Eintracht. Er hat eine schöne Aufgabe in einem soliden Umfeld, eine Rückzugsmöglichkeit am Taunus, ein Auskommen, welches keine Reichtümer verspricht aber mit dem es sich leben lässt und eine Perspektive, die womöglich eines Tages Wirklichkeit wird.

Oliver Zils, der Schur nicht nur auf dem Platz als Eintrachfan erlebt, sondern ihn ob beider Kinder als Familienvater  in Hofheim kennen gelernt hat, ist ein Buch gelungen, welches atypisch für ein Fußballbuch ist, da es ein (Fußballer)leben in vielen Facetten beleuchtet, sich nicht nur auf Anekdoten und Heldengeschichten beschränkt, sondern einen Menschen präsentiert, der Zweifel zuließ und zulässt, uns an dessen Überlegungen teilhaben lässt und zudem dabei auch Werte vermittelt, welche in diesen Tagen zu häufig zu gut versteckt sind. Da passt es ganz gut, dass sich einige kleine faktische Fehlerchen eingeschlichen haben, dass es zuweilen etwas unstrukuriert klingt, sich die ein oder andere Episode zart wiederholt – wie im richtigen Leben halt.

Der Abend im Museum endete mit einem kleinen Überfall. Zwar präsentiert das Museum kein Trikot von Alex Schur, aber immerhin dessen Schuhe, die er beim 6:3 getragen hat. Wobei er den Treffer damals ja gar nicht mit dem Fuß, sondern mit dem Kopf erzielt hatte. „Eigentlich müsst ihr ja eine Locke von mir ausstellen“ meinte er. Lassts euch gesagt sein: Diese Locke haben wir jetzt. Zumindest ein paar Haare.

Und wenn jemand sagt: Schur, das ist doch der mit dem Tor zum 6:3 gegen Reutlingen, dann wird man begegnen müssen: Ja. Aber er ist noch viel mehr. Und vor allem ein richtig netter Kerl, dem der lausbubenhafte Schalk noch immer aus den Augen blitzt.