Mai pen rai. Dies ist ist eine Formel auf Thai, deren Anwendung etwas Befreiendes hat. Wenn dein Gegenüber eine Frage nicht beantworten kann, oder den Eindruck hat, nicht präzise englisch zu  sprechen, wenn ein Missgeschick passiert und das Gefühl der Schuld an der Würde kratzt – mit dem Satz mai pen rai erwirkst du eine Art Erlösung, die durchaus mit einem Wai bedankt wird.

Der Wai, das Zusammenfügen der Hände wie zu einem Gebet, vor den Körper gehalten ist ein Gruß, eine Respektbekundung und eine Geste, deren Beherrschung eine Wissenschaft ist. Mai pen rai – Macht nichts, kann passieren, kein Problem – so in der Art ist wohl die Bedeutung zu verstehen.

Die thailändische Schrift zu lesen ist für einen Farang, eine Langnase, nahezu unmöglich, thailändisch zu sprechen zwar etwas einfacher, aber unsere Aussprache führt oft zu verständnislosen Blicken. Klang und Tonhöhe, die Variation der Laute, das Weglassen von Buchstaben ergeben zig unterschiedliche Bedeutungen. Aber der Versuch alleine führt oft zu einem Lächeln, und wenn Thais lächeln, öffnen sich Wege. Die thailändische Seele zu ergründen aber braucht Zeit, mehr Zeit als mir in diesem Leben zu Verfügung steht. Gleiches scheint gleich und doch ganz anders. Mai pen rai.

Drei Wochen, die wie im Flug vergangen sind, wobei sich der Flug länger zieht als drei Wochen. Es war diesmal im Gegensatz zum vergangenen Jahr keine Reise ins Ungewisse. Letztes Jahr war alles neu, jeder Weg wurde erstmals beschritten – diesmal folgte ich meinen eigenen Spuren, um sie Pia zu zeigen. Zwar reisten wir nicht über China, sondern über Doha nach Bangkok. Preislich machte es keinen Unterschied, alleine der Flug war kürzer, das Umsteigen einfacher und der Service angenehmer.

Wie im vergangenen Jahr nahmen wir vom Flughafen Suvarnabhumi die Bahn zur Station Phaya Thai, von dort ging es mit dem Taxi zur Unterkunft am Chayo Phraya, der Fluss, der sich durch Bangkok zieht, an dessen Ufer mächtige Hotels und zerfallene auf Stelzen stehende Buden nebeneinander stehen. Ich kann lange am Fluss sitzen, den mannigfaltigen Booten zusehen, den lärmenden Longtails, den Linienfähren, den Fischerbooten und der Lastkähne, den bunt beleuchteten Partyschiffen. In der Hand ein Chang oder ein Lemonshake. Unsere Unterkunft, kleiner als im letzten Jahr, da ein Teil des Grundstückes nun zum nebenan liegenden Club gehört, liegt direkt am Fluss, wenige Meter entfernt ragt die Brücke Rama VIII in die Höhe. Ich werde wie ein alter Bekannter begrüßt.

Wir treiben durch die Stadt, Isuzubusse dröhnen an uns vorbei, Scooter winden sich durch die Gassen, durch die Straßen, in denen jeder werkelt, hämmert, schraubt, brät, schnippelt. Alles ist geschäftig, beschäftigt und an jeder Ecke ein anderer Geruch, ein anderer Blickfang, es ist warm, heiß, laut. Das kleine Restaurant mit den wenigen Sitzplätzen, in dem ich vergangenes Jahr so gerne gesessen habe, hat geöffnet. Wir frühstücken, Mango Juice, Obst, Kaffee und laufen los. Wir machen die Busfahrt nach Ranong klar und nehmen die Fähre auf die andere Seite des Flusses, kämpfen uns bis zu Wat Arun vor, dessen Haupttempel eingerüstet ist, fahren zurück und besuchen Wat Pho mit dem Liegenden Buddha und nehmen dann ein Boot. Da wir zu schnell sind, landen wir statt auf der Orange Express Line auf einem Touristenboot, etwas teurer zwar, da das Boot aber in die falsche Richtung fährt ist es ein brauchbares Versehen, wir fahren eine für mich neue Strecke, vorbei an Chinatown, vorbei an einem Einkaufszentrum bis hin zum Pier 1, wo nur wenige Meter entfernt eine Station der Skytrain ist. Wir steigen aus, nehmen die Orange Express Line und tuckern bis zur Endstation zurück. Ein Kommen und Gehen, mit schrillem Pfiff legt das Boot an den Piers an, zwischendrin rasselt die Kassiererin mit ihrer runden metallenen Kasse. Alles ist Erlebnis.

Abends sitzen wir mit anderen Reisenden am Fluss, trinken, rauchen, reden, bis später dann der Ventilator kreist und wir in die Nacht schlafen. Noch liegt ein Tag Bangkok vor uns, die ersten Souvenirs landen in Pias Tasche und schon sitzen wir im Nachtbus nach Ranong, die Lüftung bläst uns an die Hälse. Da wir aber noch am Busterminal stoppen, besorgen wir uns unter freundlicher Mithilfe zweier Thais in einem 7Eleven eine Art Gaffa, kleben die Öffnungen zu und rattern durch Thailand. Der buntbeleuchtete Bus knallt über Schlaglöcher, passsiert bei Chumpon die schmale Stelle zwischen Myanmar und Thailand und spuckt uns an der Busstation in Ranong aus. Mit einem Pick Up Taxi fahren wir zur Markthalle, nehmen einen Tee und später zwei Scooter, die uns zur Fähranlegestelle bringen. Wir fahren durch die Markthalle wie James Bond, verlieren uns kurzzeitig, treffen uns wieder und besorgen uns zwei Tickets für das Normal Boat nach Koh Phayam. Das Speedboat ist schneller, das Normal Boat aber tuckert zwei Stunden lang durch die Andamanische See. Inseln ziehen an uns vorbei, mit jedem Meter wird das Wasser klarer, bis am Horizont unsere Insel auftaucht. Ich habe das Gefühl, ich komme nach Hause, erkenne das Pier, nebenan das Mönchspier mit den beiden großen Buddhafiguren am Hang und schon legen wir an und springen von Bord.

Wenige Minuten später sitzen wir auf einem Roller und tuckern gemächlich zu unserer Unterkunft, vorbei an kleinen Lädchen, an Cashewbäumen bis wir den Stichweg zur Unterkunft erreichen. Noch ein paar Meter durch den kleinen Dschungel und schon parken wir den Roller, laufen ein paar Schritte hinunter ans Meer, hinunter zum kleinen Restaurant, zu unserer Hütte und sind da. Es ist, als wäre ich nie weg gewesen. Cha und Eow sind vor Ort, ein Hallo, ein Coconutshake. Eine Hängematte.

Pia, die nicht genau wusste, was sie erwartet, ist mehr als zufrieden. Wir sind müde aber glücklich. Am Horizont sehen wir die Ausläufer von Myanmar, hinter dem Spiegel in der Hütte wohnt noch der Gecko. Viel hat sich nicht geändert. Und das ist gut so.

Die folgenden Tage gleichen sich und sind doch alle ganz verschieden. Ebbe und Flut wechseln sich ab, bei Ebbe ist der Meeresboden Strand, bei Flut bist du nach drei Schritten in einer großen Badewanne, die dich schwerelos trägt. Es hält die große Gemächlichkeit Einzug. Wir frühstücken, baden, liegen in der Hängematte und beobachten Geckos. Seeadler kreisen über uns, nachts irritieren Geräusche, die sich später als quakende Frösche herausstellen. Wenn die Sonne untergeht, sitzen alle in den wenigen Stühlen am Restaurant und beobachten den Sonnenball, der am Horizont versinkt. Abend für Abend eine heilige Pflicht. An einem jeden Tag ist die Vorfreude auf die Lektüre der Speisenkarte groß. Eow kocht großartig, jeder, der hier wohnt, es gibt insgesamt neun Bungalows, fünf kleine und vier größere, isst hier zu Abend. Es ist das Highlight in der dunklen Nacht. Weiter hinten in der Bucht leuchten die bunten Lämpchen der Hippy Bar, eine aus Strandgut gezimmerte Anlage.

Wenn der Tag am heißesten ist, nehmen wir den Roller, besuchen die Affen, die sich blicken lassen, wenn du dir Zeit nimmst, besuchen den Long Beach oder die Monkee Bay, den View Point oder die kleine Insel, die nur bei Ebbe zu Fuß zu erreichen ist. Einige wenige Geschäfte bieten bunte Stoffe an, Röcke, Kleider, Taschen, so dass auch Pias Shopping Gen zu seinem Recht kommt. Benzin für die Roller gibt es an jeder Ecke in abgeschnittenen Wasserflaschen, man braucht nicht viel, die Insel misst 40 km² und dennoch gibt es immer noch einen Weg, den ich nicht kenne.

Nach eine paar Tagen könnten wir wie ausgemacht die Hütte wechseln, so wie ich im letzten Jahr von Reihe zwei in Reihe eins gezogen bin, fünf Schritte bis zum Wasser. Sandra und Steffen, die bislang dort wohnten, wollten eigentlich abreisen, hatten aber noch ein paar Tage verlängert. Um uns den Umzug, die kleine Packerei und Eow und Cha das reinigen zu ersparen, bleiben wir noch ein paar Tage hinten, alle sind uns dankbar und wir fühlen uns auch so wohl. Als ich ein paar Tage später einen Pfropf im Ohr habe und unruhig werde, da ich kaum noch höre, wird unser Bleiben in Reihe zwei belohnt. Sandra hat eine Lösung für die Ohren wie auch einen Blasebälgchen im Gepäck, Pia träufelt mir die Lösung ins Ohr, nach wenigen Minuten blase ich mit dem Balg Wasser hinein und schon höre ich wieder so gut, wie es mit meinen alten Ohren möglich ist – mein Problem ist gelöst. Ich auch.

Viele Reisende bleiben nur wenige Tage hier, Nora und Björn bleiben etwas länger. Wir verstehen uns, jeder macht sein Ding und Abends essen wir gemeinsam. Manchmal bestellen wir am Vorabend, das Massaman Curry braucht einen ganzen Tag im Kochtopf, bis es fertig ist – und es lohnt sich, wie sich alles hier lohnt. Björn lernt derweil den Sarong schätzen, das Problem der wunden Oberschenkel bei reibenden Badehosen kenne nicht nur ich, der Sarong aber umschmeichelt die Beine, reibt nicht und ist ein weiteres kleines Glück. Bei Nok nebenan lassen wir uns mit Blick auf das Meer massieren und schweben wie mit einem Gummikörper durch den Tag, der mit dem Sonnenaufgang um 6:32 Uhr beginnt. Eines Tages fahren Pia und ich auf die andere Seite der Insel auf das Longtailpier, überstehen die auf uns zu rennende Hundemeute, die sich dann doch friedlich um uns schart und erleben den frühen Morgen mit der aufgehenden Sonne.

So ziehen die Tage friedlich dahin, nachts wacht der Sternenhimmel über uns, bei nahezu vollem Mond schwimme ich in der nächtlichen See und schon ist der Tag der Abreise gekommen. Ein letztes Frühstück, ein letztes Meeresbad, ein letztes Curry, ein weiterer vorläufiger Abschied. Nora und Björn begleiten uns ans Pier, wir winken, bis wir sie kaum noch sehen, legen uns aufs Oberdeck und sehen wie die Insel immer kleiner wird. Das Normal Boat tuckert langsam zurück, lange noch sehen wir Koh Phayam nach – und dann fällt mir ein, dass mein Handy noch am Tresen liegt, dort, wo der Netzempfang am besten ist und ich mir die App zwecks Online Check In runterladen wollte. Online war ich ansonsten so gut wie nie. Es ist Ostersonntag, mein Telefon und ich reisen getrennt – das Gute aber ist, dass Nora und Björn kommende Woche in Frankfurt landen werden und mit ihnen mein kleines schwarzes Kästchen, letztlich fügt sich dann doch alles.

Über Ranong geht es mit dem Nachtbus zurück nach Bangkok, zurück an den Chayo Phraya, zurück in das tosende Leben. Einmal ziehe ich Pia im letzten Moment trotz grüner Ampel zurück, ein Bus rast an uns vorbei. Schnell kann es vorbei sein. Wir besuchen Chinatown, kaufen Souvenirs und futtern an den Ständen oder in kleinen Markthallen, sitzen am letzten Abend auf der gegenüberliegenden Flussseite, wo Thais an den Teppen hocken und aus tönernen Töpfen in denen Holzkohle glüht, ihr Abendessen zu sich nehmen. Das machen wir im kommenden Jahr auch. Nebenan wird geskatet, gekickt, geinlinert. Bunt beleuchtet die Brücke Rama VIII – ein letzter Weg, bevor uns das Taxi sicher zum Flughafen bringt. Der Fahrer drückt uns für nächstes Jahr seine Visitenkarte in die Hand und entschuldigt sich für sein schlechtes Englisch. Ich sage: Mai pen rai. Er lacht.