Neulich waren wir in der Batschkapp, Calexico trat auf, im Vorprogramm Gaby Moreno. Ein paar Tage später ging es nach Offenbach zu den Editors, der Abend wurde von Twillight Sad eröffnet. Wie das so ist bei einem Rockkonzert. Hinfahren, Bierchen trinken, Musik hören, treiben lassen, heimfahren. Heute sollten beide Bands in Lyon spielen, die Auftritte wurden abgesagt. Weil nicht alle Besucher des Konzertes der Eagles of Death Metal in Paris heimgekommen sind. Weil sie nie mehr heimkommen werden.

Während des Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft in Paris gegen Frankreich rummste es gewaltig und mit der Zeit wurde es zur Gewissheit, dass irgendetwas passiert sein musste, das den Maßstab des Gewöhnlichen sprengt. Wer vor dem TV saß, war schneller informiert als die Reporter vor Ort, vor allem über Twitter. Noch bevor annähernd klar war, was passiert ist, ergoss sich das erste Shitstörmchen über die Reporter, die vor der Kamera mehr oder weniger hilflos agierten. Im Nachhinein hat sich dann der ein oder andere entschuldigt, weil klar wurde, welches Ausmaß das Attentat angenommen hat und das es gar nicht möglich ist, vor der Kamera angemessen zu agieren. Je länger der Abend ging, desto geringer wurde die Aufregung über die Berichterstattung, wich der Fassungslosigkeit über jede neue Erkenntnis.

Fassungslosigkeit. Wut. Trauer. Bis heute sind 129 Menschen gestorben, hunderte liegen in den Krankenhäusern. Und es hätte noch schlimmer kommen können, mindestens ein Attentäter hat es nicht geschafft, mit Sprengstoffgürtel ins vollbesetzte Stade de France zu gelangen. Die meisten Opfer starben in der Konzerthalle Bataclan. Sie wollten einfach nur Musik hören. Oder Merchandise der Eagles of Death Metal verkaufen. Hinfahren, Bierchen trinken, Musik hören, treiben lassen, heimfahren. Wie wir neulich. Und da stehen sie, schießen auf die Leute, laden nach und schießen weiter.

Fußball. Rockmusik. Kevin Trapp, der einstige Torhüter der Eintracht – jetzt für Saint Germain spielend – erstmals im Aufgebot der Nationalmannschaft – die Verbindung zum eigenen Leben liegt nahe. Twitter Meldungen überschlagen sich. Man musste kein Prophet sein, um zu vermuten, dass die Attentäter zum Dunstkreis des IS zählen.

Wie reagieren? Leute ändern ihr Profilbild auf facebook, von Tugce zu Charlie zu Paris. Ankara oder Beirut, Kobane, Israel oder Bagdad fallen dabei ein bisschen hinten runter. Gerade Israel lebt seit Jahrzehnten mit Anschlägen wie jetzt in Paris, muss Antworten finden auf die alltägliche Bedrohungen, hat Antworten gefunden. Es geht immer um Gewalt. Als Ausgangspunkt. Als Reaktion. Als Gegenreaktion. Geht es ums Land der Palästinenser? Man könnte meinen, dann lasst ihnen dieses Land. Was aber, wenn es einigen, zu allem bereiten um die Auslöschung Israels geht? Ein Teufelskreis, der möglicherweise auch „uns“ droht. Lösungen sind nicht in Sicht.

Wer ist wir? Unsere Wertegemeinschaft? Gibt es das überhaupt? Natürlich kommen die Ratten aus den Löchern, die, die Lösungen anbieten: Flüchtlinge. Grenzen zu, das ganze Programm für Dumpfbacken, die empfänglich sind für einfache Lösungen für Probleme für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Die Welt ist aus den Fugen. Das Attentat ändert alles. Die Zeit schreibt: Nie zuvor hat Paris eine so brutale Terrorserie erlebt. Wirklich?

Als Massaker von Paris ging ein Blutbad in Paris am 17. Oktober 1961 während des Algerienkriegs (1954–1962) in die Geschichte ein. Die Pariser Polizei ging brutal gegen eine nicht genehmigte, aber friedliche Demonstration mehrerer zehntausend Algerier vor, zu der die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN aufgerufen hatte. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 200 Menschen getötet wurden.[1] Sie wurden erschossen, erschlagen und zum Teil in der Seine ertränkt. Die blutig verlaufene Massendemonstration wurde in den französischen Medien seinerzeit nahezu flächendeckend totgeschwiegen und erst mit großem zeitlichem Abstand zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion in Frankreich.

Vielleicht war die Welt nie in den Fugen. Ruanda, Jugoslawien, Kambodscha, Vietnam, Hiroshima, Auschwitz, Verdun. Kolonien, Sklaverei, Ausrottung der Indianer, der Aboriginies, Bauernkriege, Hexenverbrennung, Inkas – Stichworte des Grauens, hingerotzt aus dem Kopf – und wenn man meint, es müsste ein Ende haben, so kommen die nächsten Wahnsinnigen. Im Namen Allahs, im Namen Gottes, im Namen der Demokratie, des Kommunismus, des Öls, des wasweißich. Da kannst du schreiben, was du willst. Es nimmt kein Ende. Es wird kein Ende nehmen. Auschwitz, Hiroshima, die industrielle Massenötung, es hätte ein Einschnitt werden können. War es aber nicht. Früher oder später kommt einer und erzählt Lügen – und andere machen mit. Drücken Knöpfchen, schwingen die Machete, betätigen den Abzug, zünden Streichhölzer. Es wird kein Ende nehmen. Nie. Es sei denn, die ganze große Scheiße fliegt uns komplett um die Ohren. Das kann jetzt aber auch kein Ziel sein.

Wer ist schuldig?

Die Attentäter von Paris wussten wer vermeintlich Schuld hat. Sie bestraften. In ihrer Welt wird das vielleicht sogar stimmen. So absurd das klingt. Schuld haben immer die anderen. Natürlich fällt es leicht, aus unserer Sicht die ganzen durchgeknallten Islamisten als das zu bezeichnen, was sie sind: Durchgeknallte Islamisten. So man sich jedoch in eine andere Art des Denkens hinein versetzt, was zugegebenermaßen schwer fällt, so erweist sich urplötzlich auch die vermeintlich zivilisierte Welt als durchgeknallt. Zum Beispiel der Einmarsch der Army in den Irak aufgrund fingierter Beweise angeblicher Giftwaffen, die nie existiert haben. Unser Alltag ist nur deshalb normal, weil wir keinen anderen Alltag kennen. Weil wir unseren Alltag mit unseren Augen sehen. Weil wir bei unseren Schweinereien weggucken, #VW, #Waffenexport Saudi Arabien, #WM in Katar, #FIFA, #DFB, #NSU, weil die Schweinereien zu komplex sind, um sie zu verstehen. Und was juckt uns ein auf der Baustelle eines Stadions in Katar verreckter Inder. Zig verreckte Inder. Abgeschlagene Köpfe verstehen wir, das funktioniert. Paris verstehen wir.

Umso perfider ist das Auftreten von Söder, von Seehofer und Konsorten, die nichts anderes zu tun haben und sofort auf die Flüchtlinge zeigen. Die, die niemals ein Flüchtlingsheim selbst anzünden. Weil sie wissen, dass andere Idioten dies für sie erledigen, weil Charaktermasken wie sie niemals für Taten verantwortlich sind, deren Ursprung sie mit sind. Die, die im Geflecht der Abhängigkeiten stets ihren Vorteil ziehen und ihre Hände in Unschuld waschen, dreisterweise im Gewand des christlichen. Wie auch die vermeintlich gottesfürchtigen Anführer der anderen Seite wiederum andere Idioten ins Jenseits schicken. Man fragt sich, weshalb sich die Anführer des IS nicht als allererstes in die Luft sprengen, die Belohnung folgt ja vermeintlich auf dem Fuß.

Und wir? Wir haben schon verloren. Verloren, wenn wir Flüchtlingsheime anzünden. Aber auch verloren, wenn wir trotz des Rahmens der Meinungsfreiheit den Propheten nicht mehr beleidigen, weil wir Angst haben, in die Luft gesprengt zu werden. Nach den Angriffen auf Charlie Hebdo völlig begründet. Wir machen Witze über den Papst, über Jesus, auch über die Juden. Aber wir lachen nicht über den Propheten. Zumindest öffentlich. Eine Kapitulation, die schon längst gegriffen hat.

Lösungen? Vielleicht sehen Lösungen so aus, dass der Export von Waffen und Kriegsmaterial drastisch eingeschränkt wird. Eine vermeintliche freie Gesellschaft, deren Wohlstand auch auf der Produktion von Kriegswaffen beruht, erscheint fragwürdig. Vielleicht sehen Lösungen so aus, dass Religion noch stärker als bisher in private Räume zurück gedrängt wird. Religionsunterricht gleich welcher Couleur darf niemals eine Unterweisung in eine Glaubensrichtung sein. Religionsunterricht muss die großen Weltreligionen in positiven wie negativen Erscheinungsformen beleuchten, ohne in eine Richtung zu erziehen. Wer aber im privaten seine Religion praktiziert, auch wenn dieses nicht unseren Beifall findet, sollte dies ungestört machen dürfen. Nicht jeder Christ verbrennt Hexen, nicht jeder Muslim befindet sich im Jihad und nicht jeder Jude lehnt Israel ab. Lasst die Kirchen, die Moscheen, die Synagogen in Ruhe. Haltet sie aber raus aus dem öffentlichen Leben. Und lasst die Menschen die Kleidung tragen, die sie wollen. Aber gebt den Kindern mit auf dem Weg, dass Themen wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe oder Demut keine religiösen Themen sind, sondern philosophische. Jesus und Siddhartha sitzen am Feuer und beobachten euch dabei.

Vielleicht ist das ein Anfang. Wie die Bekämpfung der Armut und die Akzeptanz, dass vermeintlicher Wohlstand stets auf Kosten anderer geht. Und dieses andere zurück schlägt. Immer. Und denkt daran: Ein Prophet, der nicht über sich selbst lacht, sich nicht selbst in Frage steht, der ist kein Prophet. Und ein Gläubiger, der dies nicht akzeptiert, ist auf dem Irrweg. Und der andere ist immer auch ich.