Gestern saß ich vor dem Fernseher, obgleich die Eintracht in Mainz spielte. Keine 30 Kilometer von der Haustüre entfernt. Weshalb ist das eigentlich so? Weshalb fliege ich nach Tel Aviv, gondel nach Wilhelmshaven oder Bochum, bleibe aber beim nächstgelegenen Spiel in heimischen Gefilden?

WEIL ISCH MISCH NUR UFFRESCH.

Meist fuhren wir mit einem der nunmehr zahlreichen Schiffe nach Mainz. Das könnte eigentlich ganz lustig sein. Nette Leute, Apfelwein, Sonnendeck. Aber nach ein paar Schöppchen ist die Reise vorbei – und dann fängt das Elend an. Schon beim Aussteigen. Der FSV Mainz 05 spielt seit geraumer Zeit nicht mehr am Bruchweg, sondern in der Coface-Arena, über fünf Kilometer von der Anlegestelle entfernt. Sobald das Schiff angelegt hat, erwarten dich zig Polizeiautos. Und du wirst sofort in Busse verfrachtet, die dich nahe dem Wertstoffhof Bretzenheim vor dem Stadion ausspucken. Solltest du wider Erwarten eigene Wege gehen wollen, viel Glück. Das wirst du brauchen, um dem Korridor zu entkommen. Vor dem Stadion dann ist es ähnlich idyllisch, wie vor einem Schlachthof. Doch dort ist die Verpflegung besser. Schlimmer wird es nur noch IM Stadion. Und das liegt an vier Gründen.

1. Klatschpappen. Der Inbegriff der Entmündigung sind Klatschpappen. Das sind geknickte Pappkartons, die in die Hände geschlagen „Batsch“ machen. Und wenn ganz viele Menschen „Batsch“ machen, ist das ein Lärmchen. Auf den Klatschpappen steht Werbung. Und wenn eine Horde erwachsener Menschen wie auf ein geheimes Kommando diese Klatschpappen benutzt, dann befürchte ich, dass sie auf ein anderes, weniger geheimes, Kommando ganz andere Dinge machen. Wenn Menschen im Stadion unbedingt Stimmung machen wollen, sollen sie singen, in die Hände klatschen oder pfeifen. Von mir aus Unflätiges brüllen. Wer aber jeden Anspruch auf Würde aufgegeben hat, der nimmt Klatschpappen. Mit Werbung. Nach dem Spiel liegen die Dinger dann auf dem Boden und sind einfach nur Müll. Okay, das waren sie vorher auch schon. Ressourcennutzung der aufgeklärten Menschheit? Klatschpappen. Und du so? Ich klatsch Pappe. Niederungen der Zivilisation. Wer Klatschpappen herstellt, verteilt oder benutzt, hat seinen Anspruch auf Menschenrechte verwirkt.

2. You’ll never walk alone. Dies ist ein wunderschönes Lied, dessen bekannteste Interpretation von Gerry & the Pacemakers stammt. Seit Beginn der 60er Jahre Hymne des FC Liverpool. Wikipedia kennt folgende Anekdote: Der Legende nach fiel vor einem Spiel die Soundanlage des Stadions an der Anfield Road aus, während der Song lief. Der Fan-Block intonierte das Lied daraufhin selbst. Seit diesem Tag wird vor Spielbeginn in Liverpool das Lied vom Publikum geschlossen angestimmt, als eine Art Hymne des Vereins.

Das ist eine tolle Geschichte. Eine Geschichte, die nach Liverpool gehört. Und als Hymne nur dorthin. Und keineswegs nach Mainz. Weshalb dieser Club jemals auf die Idee kam, eine legendäre Hymne eines anderen Vereins zu klauen, steht in den Sternen, genau wie die Antwort auf die Frage, was Mainz mit Liverpool verbindet. Ein norwegischer Vater hat seine Tochter Ynwa genannt, als Zweitname natürlich, mit erstem Namen heißt die junge Dame Karoline. Dieser Vater war natürlich nicht Fan von Mainz 05. Nein, er ist selbstverständlich Fan von Liverpool. Niemand würde außerhalb Duisburgs auf die Idee kommen, den Zebratwist als Hymne zu installieren. Außer Mainz, wer weiß das schon.

3. Klaus Hafner. Klaus Hafner ist Stadionsprecher bei Mainz 05. Während andernorts der Stadionsprecher im besten Falle Gastgeber ist, die Mannschaftsaufstellung verliest und Torschützen durchsagt, so ist das in Mainz anders. Hier ist der Stadionsprecher eine Brüllmücke, die sogar ungestraft durch Durchsagen ins laufende Spiel eingreift, also zum Beispiel eingeschlafene Zuschauer animiert, die Klatschpappen einzusetzen. „Auf geeeeehts“. Vor dem Spiel wird alles und jeder animierend und brüllend begrüßt. Jede Tribüne, jeder Zuschauer, jeder Grashalm. Die einen (vor allem er selbst) sagen: Unikum. Die anderen wünschen sich den Kerl zum Teufel. Und wenn diese Brüllmücke dereinst das Zeitliche gesegnet hat, wird jener Teufel auf die Erde kommen, irgendwo in Frankfurt an einem Büdchen sitzen und mit einem Bier in der Hand erklären: „Ich musste da raus, es war die reinste Hölle.“

4. Eintracht Frankfurt gewinnt nicht in Mainz. Und das nehme ich der SGE übel. Vor dem Spiel gibt es stets das übliche Palaver. Einer sagt: „Ich freu mich aufs Derby“. Prompt kommt ein anderer um die Ecke. „Das ist kein Derby“. Zeitungen füllen ganze Seiten: DerbyDerbyDerby. Dann die Gegenseite „NeinNeinNein“. So geht das immer. Freunde, es ist scheißegal, ob das ein Derby ist oder nicht. Nennt es wie ihr wollt. ABER GEWINNT ENDLICH MAL IN DIESEM NEST.

Nächste Woche dann: Weshalb ich nach einer Niederlage der Eintracht nicht mehr in einem Blog einer bekannten Frankfurter Tageszeitung lese …