Dienstag Nacht, 1:15 Uhr – der rote Dacia rollt nach genau fünf Stunden und 15 Minuten Fahrt im Frankfurter Nordend ein und mit ihm eine müde und abgekämpfte Pia und ein ebenso fertiger Beve. Kurz zuvor haben wir am Gesundbrunnen in Berlin eine Currywurst und einen Fleischspieß mit scharfen Zwiebeln gefuttert – genau wie vier Tage zuvor, als wir Freitags in der Hitze des frühen Mittags hier gelandet sind. Dazwischen lagen vier Tage voller Bilder, Eindrücke und Menschen sowie einem abhanden gekommenen Pokal. Davon erzählen nun die folgenden Zeilen.

Die entscheidenden Fragen hatten wir schon Wochen vorher gelöst. Tickets fürs Finale, Unterkunft bei Freunden, Fahrt mit dem Auto – und während wir eben noch durch London geschlendert sind, verblasst langsam die Erinnerung daran und wird ersetzt durch die Gedanken- und Erlebnisbilder aus Berlin. Und während wir uns eben noch drauf gefreut haben, beginnen nun schon auch diese Bilder zu verblassen, so wie alles verblasst, bis zuletzt auch wir nur noch eine schwache Erinnerung sind. So will es der Lauf der Zeit. Und zwischendrin leuchtet das Leben, unser Leben.

Die Entscheidung, am Freitag in aller Herrgottsfrühe den Weg nach Berlin anzutreten, erwies sich als goldrichtig, die A5 ist frei, die Sonne lacht und wir rollen mit Cock Sparrer, Maximo Park, Mono & Nikitaman, The Jesus & the Mary Chain oder dem Moon Duo gemächlich über den Highway. Schneller als 140 geht’s nicht, meist langsamer und an den Bergen kämpft das 75 PS Motörchen mit der Höhe – aber wir sind gut im Schnitt, Baustellen werden zügig durchfahren, am Kirchheimer Dreieck sausen wir auf die A4, entern Thüringen und bedauern, dass es die alte Imbissbude zwischen Magdala und Schorba nicht mehr gibt. Noch 2006, als ich mit Matze und dem Bembelbarebbelwoi unterwegs war, bildete ein Stopp hier das erste Highlight. Jetzt liegt der Imbiss irgendwo fernab von der Autobahn in der Pampa und wir freuen uns stattdessen auf die Curry Baude im Wedding.

70 Kilometer vor Potsdam wird es hakelig, immer wieder müssen wir auf 60 runter, Baustellen bremsen uns ab, aber wir rollen, bis wir die Avus erreichen und kurz zuvor der Berliner Bär winkt. Stau auf der Stadtautobahn, für die letzten Kilometer brauchen wir eine knappe Stunde, aber auch die geht vorüber. Das Auto in der Hochstraße geparkt, noch vor ein Uhr Mittag gegessen, am Gesundbrunnen Gewimmel und Gewusel, einer hupt immer, ab und an ein Eintrachttrikot, ab und an eines des BVB. Und dann ist da noch der Kirchentag, aber gegen wen die spielen, ist uns entfallen.

Wir sind nicht mehr weit weg von unseren Freunden, die am Mauerpark wohnen, die letzten Meter fahren wir mit links – hier parken allerdings ist nicht; Anwohnerausweise, gesperrte Parkplätze und so fahre ich nach einem kurzen Hallo zurück in den Wedding, stelle den Dacia ab, hoffe, dass ich ihn in vier Tagen gesund und munter wiedersehe und hole das Fahrrad aus dem Kombi. Berlin, Pokalfinale, Urlaub. Hinten leuchtet der Alex in den blauen Himmel, S-Bahnen sausen unter mir hindurch und nur wenig später radeln Pia und ich über den Mauerpark durch Glasscherben nach Prenzlauer Berg, lassen uns treiben. Wie oft war ich schon hier, ein anderer Freund hat in der Stargarder Straße seit über 20 Jahren eine Kanzlei. Damals waren die Häuserzeilen grauschwarz, unübersehbar die Einschusslöcher vom Krieg. Ab und an parkte hier ein Trabbi, seltener ein Golf, die meisten Stellflächen aber blieben ungenutzt und in den Hinterhöfen wummerten in verfallenen Häusern Technobässe. Heute ist alles bunt, Trabbis samt ihrer zugehörigen Besitzer gibt es keine mehr, Parkplätze auch nicht, dafür aber Großstadt-Bullerbü für die, die es sich leisten können. Wir leisten uns ein Eis, trinken am Helmholtzpark ein Radler und schlendern durch den alten Friedhof an der Pappelallee. Abends sitzen wir draußen auf der kleinen Terrasse, trinken, rauchen und quatschen uns in die Nacht und kaum liegen wir im Bett, brechen wir auf in den nächsten Tag, den Tag des großen Finales. Lustig ist, dass wir einen Kabelbinder brauchen, in der Wohnung aber keinen finden können. Der liegt dann wie für uns gemacht mitten auf der Straße. Vielen Dank dafür!

Pia und ich radeln über die Schönhauser Allee Richtung Alex, verschließen die Räder und suchen den Platz, an dem sich die Eintracht trifft, die Dortmunder sind ja an der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, aber auch hier im einstigen Osten mengen sich Gelbe mit Schwarzweißen. Zunächst landen wir an der Bühne, seltsame Musik, seltsame Menschen – aber wir sind falsch, hier zelebriert sich der Kirchentag, wir müssen noch ein paar Ecken weiter, und treffen uns mit Andi, meinem alten Kumpel, mit dem wir schon viele Schlachten geschlagen haben. Und dann sind wir richtig, Holger und Tom legen auf der großen Bühne Platten auf, flieg junger Adler hinaus in die Freiheit, und überall ist es ein großes „Hallo“. Unzählige Begegnungen, unzählige Eintrachtrikots, Shirts, Geschichten, Umarmungen – in glühender Hitze; groß ist die Freude und zuversichtlich sind wir sowieso. Wenig später suchen wir einen ersten Späti auf, sind aber clever und beschränken uns auf Radler, der Tag ist lang, getrunken wird ob der Hitze viel und das erste Nahziel besagt, das Stadion in einem ordnungsgemäßen Zustand zu erreichen.

Nach einer Stunde brechen wir radelnd auf. Wir planen, in Kreuzberg am Mehringdamm bei Curry36 zu speisen, um von dort dann die finale Strecke zum Olympiastadion anzufahren. Und nach einem kurzen Abstecher in den Viktoriapark, geht es los. Die Hitze brennt uns in den Augen, der Asphalt trocknet den Mund aus, die Glasscherben auf den Wegen wollen umfahren werden. Unter den Yorckbrücken geht es Richtung Gedächtniskirche, dort feiern die Dortmunder, dann weiter auf die Kantstraße, vorbei am Savignyplatz, immer wieder durch einen kurzen Stopp an örtlichen Getränkehändlern unterbrochen. Und immer wenn ich durch Berlin rolle, mengt sich die Gegenwart mit der Vergangenheit. Hier hat eine Freundin gewohnt, dort waren wir Anfang der Neunziger im Kino, als Berlin noch eine einzige Baustelle war und hier tanzten wir auf der Loveparade. Die Strecke zieht sich, wir strampeln wie die Großen, reparieren unterwegs noch eine abgesprungene Kette und erreichen den Kaiserdamm. Bald treffen wir auf die ersten parkenden Busse und alsbald haben wir es geschafft, verschließen am Aufgang zum Gästebereich die Räder und tauchen ein in den großen Pokalabend. Menschen strömen zum Stadion, Frankfurter, Dortmunder, friedlich, unaufgeregt und da fällt uns ein, dass wir ja heute gar keine Gäste sind, die Gelben sind hier auch klar in der Überzahl. Wir latschen durch die S-Bahnstation, steigen auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf und dann leuchten sie in den Himmel: Die Olympischen Ringe. Unsere Kurve für heute.

Der Einlass geht erstaunlich schnell, ein kurzer Kartencheck, eine kurze Kontrolle und natürlich überall ein Gudewie. Man kennt sich. Wir lungern noch ein bisschen vor den Eingängen zu den Blöcken herum, es gibt ja immer was zu babbeln, trennen uns dann von Andi und entern die Kurve. Endspiel. Mit der Eintracht. In Berlin. Bei Sonne. Jetzt fehlt nur noch der Pokal.

Das Stadion ist schon gut gefüllt, viele wollen wie wir die Momente, das Ambiente genießen. Auf unseren Sitzen liegt ein Fähnchen, über die Lehne hängt ein Shirt, Elemente der geplanten Choreo. Überall bekannte Gesichter, jede und jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen, der Kartenerwerb, die Fahrt, die Unterkunft, die Hoffnung. Vor unserer Kurve liegen schwarzweiße Stoffbahnen, gegenüber natürlich das gleiche in gelb. Einzelne Dortmunder verirren sich zu uns in die Kurve, der Stadionsprecher erzählt irgendwas, die Sekunden ticken hernieder – und obgleich wir die imaginäre Heimmannschaft sind, beginnt unser Programm zuerst, die Reihenfolge bekomme ich nicht mehr zusammen, aber wir singen Im Herzen von Europa, wedeln mit den Fähnchen, später marschieren Charly Körbel, Bernd Hölzenbein und Jürgen Grabowski vor unserer Kurve auf, die Kapitäne unserer vier Pokalsiege, wir toben – und toben noch lauter, als Tankard unten auf dem Rasen wie schon 2006 „Schwarz-Weiß wie Schnee“ brettern. Alle brüllen mit und Jürgen steht dabei. Jetzt haben auch die zu spät Geborenen die Eintracht im Endspiel geseh’n, mit dem Jürgen, mit dem Jürgen.

Eine schwarz-weiße Kurve wird von einem leuchtblauen Himmel und Sonnenschein bedeckt und bei der Mannschaftsaufstellung gibt es einige lange Gesichter: Der lange verletzte Medojevic spielt von Beginn an, ebenso wie Seferovic. Blum, Meier und Russ nur auf der Bank, Varela an der Playstation. Das kann ja was werden. Aber egal, wir sind hier, mit dem Jürgen, jetzt noch einmal 90 Minuten oder mehr alles geben und dann den Pokal … Es wäre so geil …

Dann sind die Dortmunder dran und laufen niemals alleine, die Akustik ist im Stadion bescheiden, man hört sie kaum, aber sie werden schon feiern. Letztlich ist das Olympiastadion aber der beste Austragungsort in Deutschland, es passen ein Haufen Menschen hinein und es hat nie eine Mannschaft einen Heimvorteil. Das Rahmenprogramm sieht bombastische Musik vor, irgendwie schafft es auch der Pokal ins Stadion, als Ferrero Rocher verkleidete Tänzerinnnen tanzen über den grünen Rasen, die großen Wappen der Eintracht und des BVB werden ausgebreitet, die Mannschaften kommen aufs Feld, Fähnchen werden gewedelt, eine große Blockfahne wird in unserer Kurve über die Köpfe gezogen, jedoch nicht über unsere, da wir links oben sitzen und frische Luft bekommen, eine schöne Sache für diesen Moment. Mit diesen Choreos ist es ja so eine Sache. Einerseits ist die Jugend wochenlang mit der Anfertigung beschäftigt und kommt nicht auf dumme Gedanken, es sieht ja meistens auch ganz nett aus – andererseits liefern solche Bilder natürlich genau das Bild, mit dem sich dann Anstoßzeiten Sonntags um 13:00 Uhr oder Meinungsverbote oder überhaupt der ganze Zirkus trefflich und authentisch bewerben lassen. Aber na gut, immerhin schallt minutenlang im Wechselgesang brüllend laut „Scheiß-DFB“ durch das weite Rund, Frankfurter und Dortmunder, getrennt in den Farben, vereint in der Sache. Davon wird wahrscheinlich der Zuhausegebliebene nichts mitbekommen, Bitburger oder was weiß ich wer muss ja beworben werden, derweil DFB-Präsident Grindel bei Häppchen dem BVB die Daumen drückt.

Kurz bevor es losgeht, leuchtet die bis dato choreolose BVB-Kurve in gelbbuntem Rauch mit Geflacker und Geflimmer, echte Liebe, straßentauglich, Bilder für den authentischen Fußballfan. Ich schwanke zwischen „Ochjo ganz nett und Firlefanz“. Anpfiff.

Jetzt gilt es nach knapp 30 Jahren den Pokal erstmals wieder nach Frankfurt zu holen, es wäre ein Traum. Aber der BVB spielt uns in den ersten Minuten schwindlig, nach acht Minuten die kalte Dusche, das 0:1 durch Dembele und angesichts des bisherigen Auftritts droht ein Debakel, der Traum droht zu platzen, noch bevor er ausgeträumt wurde. Aber die Eintracht berappelt sich, fuchst sich ins Spiel, die Kurve erwacht, Wechselgesang zwischen Unter- und Oberrang, Pia wedelt mit dem Fähnchen. Immer mehr wedeln mit dem Fähnchen und die Eintracht erarbeitet sich Chancen, Chandler köpft knapp vorbei. In der 28. Minute ist es dann soweit, Rebic trifft zum Ausgleich, alles explodiert – bis auf den BVB, der zu implodieren droht, die Eintracht bleibt überlegen, Seferovic zimmert die Kugel an den Pfosten, wir haben sie im Griff, weiter, weiter – aber Schiedsrichter Aytekin entscheidet sich, nicht durchspielen zu lassen, er pfeift skandalöserweise zur Halbzeit. 1:1 – Die SGE ist wieder da.

Die Pausenminuten verrinnen, was weiß ich, was passiert. Eigentlich sollte ja Frau Fischer, Helene, auftreten – aber es scheint zunächst tatsächlich so, dass der DFB aufgrund der massiven Kritiken auf den Auftritt verzichtet – das wäre ja was gewesen, aber es kommt das unvermeidliche: Der Auftritt Helenes der Abwaschbaren. Nicht nur, dass sie vor ein paar Jahren im BVB-Trikot bei einer Finalniederlagenfeier der Dortmunder aufgetreten ist, so geht es hier und heute um Fußball. Es ist ja eigentlich alles gesagt zum Zirkus – aber sehr laut waren sie schon, die gellenden Pfiffe, die Frau Fischer begleiteten. Natürlich wurde ihr Sound angehoben, natürlich haben nordkoreanische Techniker den Fernsehton so geregelt, dass die Wirklichkeit für die Fernsehzuschauer angepasst wurde, es ist eine Verblödungsindustrie in der wenige profitieren, viele benutzt werden und der wache Rest weinen oder aber kämpfen möchte – und im Zweifel dennoch klaglos 30, 50, 100 oder noch mehr Euro auf den Tisch legt, um dabei zu sein.

Der Abend dreht sich langsam in den Tag, schleichende Dunkelheit, der Himmel über Berlin. Beim BVB müssen Reus und Schmelzer raus, aber dennoch beginnen die Gelben, wie sie auch zu Beginn der ersten Halbzeit die Eintracht unter Druck gesetzt hatten, aber die schwarzweißen Recken halten tapfer dagegen, setzen Nadelstiche, ein Spiel in dem alles möglich ist – man hätte es nach dem 0:1 nicht mehr für möglich gehalten. Aber es kommt, wie es kommen musste. Der BVB wird zwingender, die Eintracht wankt, und als Hradecky Pulisic im Strafraum von den Beinen holt, zeigt der Schiri auf den Punkt, die Aufregung hält sich in Grenzen. Aubameyang läuft an, Hradecky fliegt – der Ball aber floppt zum 1:2 ins Netz. Aber noch ist Zeit, eine knappe halbe Stunde inklusive Nachspiel, doch die Beine werden schwer, die Eintracht müht sich, zeigt Herz, doch die Bälle die aufs den zeitspielenden Bürki zufliegen, sind nicht zwingend, auch wenn Meier und Blum noch eingewechselt werden. Die Sekunden verticken erbarmungslos, bitte lieber Fußballgott, schenke uns erst einmal ein Tor, dann sehen wir weiter, bring die Eintracht zurück ins Spiel. Aber der Fußballgott lungert irgendwo rum, wahrscheinlich „Atemlos“ auf dem Kopfhörer und so kam es, wie es kommen musste. Ein letzter Freistoß kurz vor dem Ende flattert in Kniehöhe in den Strafraum, und dann bezeugen die rennenden Dortmunder den Abpfiff, die Frankfurter sitzen enttäuscht auf dem Rasen und ich will eigentlich nur weg. Aus der Traum, vorbei, eben noch war alles möglich, jetzt heißt es wieder: Warten. Ein Jahr? 10 Jahre? Ewig? Ich bin geknickt. Klar, Dank an die Mannschaft, tapfer gekämpft und so. Wir bleiben noch ein Weilchen, aber sobald der erste Ansatz Dortmunder Feierlichkeiten zu erahnen ist, schlurfen wir nach unten, treffen Andi und meine Schwester, die mit meinem Neffen und meiner Nichte auch hier ist. Der Nachwuchs trägt es mit Fassung, in der einen Hand die Fahne, in der anderen einen Pokalbecher, wir umarmen uns – immerhin, es war ein Erlebnis.

Aber ein Erlebnis ohne Pokal. Da können sie noch so sehr davon schreiben, wie toll die Fans, die Choreo und der Jürgen war. DIE haben den Pokal und wir nicht. Das bleibt. Leider für die Ewigkeit.

Auf dem Rückweg nehmen wir die Gerade über Kaiserdamm und Siegessäule, wir rollen mit unseren Rädern durch die nächtliche Hauptstadt, in meiner Hand flattert das Choreofähnchen, aus Trotz und Traurigkeit. Niemand hupt oder feiert, nur wenige Meter hinter dem Stadion ist das Finale weit weg. Hinter der Siegessäule ist die Straße des 17. Juni ob einer Veranstaltung des Kirchentages für Autos gesperrt, wir haben Platz, rollen mit der Eintrachtfahne aufs Brandenburger Tor zu, dahinter wacht der Alex, an dem am Morgen unsere Reise begann. Der Hunger treibt uns in die Oranienstraße in einen Burgerladen. Nur ein paar Schritte dahinter liegt der Franziskaner, die Gastwirtschaft, in der heute eigentlich die Bembelbar den Pokalsieg feiern wollte. Im Gegensatz zu 2006, als die komplette Dresdner Straße von Frankfurtern belagert war und pfiffige Spätibesitzer Bier aus dem Kofferraum verkauften, ist die Gemengelage heute überschaubar. Ab und an bahnt sich ein Auto den Weg durch die Umstehenden, natürlich viele bekannte Gesichter. Aber überbordende Feierstimmung kommt nicht auf, der Tag fordert seinen Tribut. Wir trinken eins, zwei Radler, babbeln mit alten Bekannten und machen uns gegen drei auf den Heimweg. Mein Fähnchen hängt an einem Anhänger, ich lasse es dort und kämpfe mich, während Andi sich auf seinen Heimweg macht, mit Pia durch Berlin Mitte. Ohne Pokal – aber mit vielen Eindrücken eines erlebnisreichen Tages.

Nach wenigen Stunden Schlaf das Erwachen. Noch immer ohne Pokal. Aber wir können es eh nicht ändern, und so geht es hinaus in den Tag. Während Gott und die Fußballwelt peu a peu Berlin verlässt und die Autobahnen verstopft, bleiben wir noch zwei Tage und fahren mit der Bahn zunächst an den Tegeler See, das Wasser glänzt in die Sonne, Segel flattern im Wind und die Spaziergänger tragen noch die gleichen Schuhe für ältere Menschen wie Ende der 60er.

Abends machen wir uns auf nach Charlottenburg, Freund Flo besucht dort am Savignyplatz schon lange ein griechisches Lokal, Terzo Mondo, welches schon seit den frühen 70ern dem einstigen Lindenstraßenwirt Kostas Papanastasiou gehört und schwärmt uns regelmäßig davon vor. Nun können wir die Gelegenheit nutzen und uns dort alle zusammen treffen. Da Pia und ich etwas früher dran sind, machen wir uns auf die Suche und finden es natürlich. Kostas sitzt mit einer Freundin auf einem Bänkchen davor – und bei einem Blick auf die Speisekarte stellen wir fest: Wegen Renovierung geschlossen. Sichtbare Enttäuschung läuft in uns hinab, Kostas bemerkt dies und entwickelt einen Plan, dass ab morgen nur ein Teil geschlossen bleibt und wir im anderen eine Suppe bekommen. Doch morgen sind wir in Frankfurt und so wird kurzerhand improvisiert, Tische werden angeschleppt, die wir gemeinsam aufbauen und bald sitzen wir zusammen, trinken Weißwein und Bier und freuen uns über die Herzlichkeit, die uns unverhofft begegnet. Auch Flo ist begeistert. Kostas versucht noch kurzerhand einen Koch aufzutreiben, aber wir merken: Es wird stressig. Und so trinken wir noch eine Runde, dürfen das Lokal von innen inspizieren, die alten Räume, die noch den linken Geist der vergangenen Jahrzehnte ausatmen, die Poster, die Gitarre, die an der Ecke lehnt. Dann ist es an der Zeit, aufzubrechen. Wir bedanken uns, versprechen wieder zu kommen, sobald wir wieder vor Ort sind, schießen noch ein Foto und brechen auf in die „Dicke Wirtin“ auf der anderen Seite des Savignyplatzes wo wir trefflich bewirtet werden und bis in die Puppen bleiben. Naja, was heißt bis in die Puppen? Noch vor Mitternacht sind wir todmüde und nehmen die Bahnen Richtung Schönhauser.

Da der nächste Tag noch ein weiterer heißer zu werden scheint, bleiben wir noch bis zum frühen Abend in der Hauptstadt, frühstücken mit Andi im Molinari, lassen uns am Kanal die Sonne aufs Haupt scheinen und treiben dann langsam zurück zu unseren Freunden. Einem großen Abschied folgt ein letzter Imbiss am Gesundbrunnen, dann rollen wir wieder mit dem roten Dacia auf die Autobahn. Langsam versinkt auch dieser Tag in der Dunkelheit, die Autobahnen sind frei und wir treiben so zügig, wie es mit einem Dacia eben geht über den Asphalt. Immer mehr LKWs parken nunmehr auf dem Seitenstreifen; Leipzig, Jena, Weimar, Erfurt, Westdeutschland – bis in der Ferne die Skyline von Frankfurt auftaucht. Wir sind wieder da, in der Heimat. Doch was heißt schon Heimat? „Heimat ist da, wo man dich vermisst“ hat ein schlauer Kopf eimal gesagt. Und wir vermissen sie, unsere Freunde in Berlin und wir werden wiederkommen. Ob mit oder ohne Eintracht. Zumal wir unseren Pokal ja noch eines Tages abholen müssen. Und falls ihr mal vor Ort seid: Besucht das Terzo Mondo. Es wird sich lohnen. So oder so.