So, nachdem hier wochenlang Totenstille herrschte, wollen wir pünktlich zur neuen Saison mal wieder von uns hören lassen. Wir, das ist das Team von Beves Welt, also ich, Beve – der schlicht keine Zeit und Lust zum Bloggen hatte, ich hoffe, ihr verzeiht – zumal ich auch in den letzten Wochen so gut wie keine Fotos gemacht habe – ich war woanders.

Zumeist im Garten, der noch Zuwachs bekommen hat – und da gab es viel zu tun, hießen die natürlichen Feinde eben noch Hoffenheim, Offenbach oder Kaiserslautern, so wurden daraus Brennnessel, Giersch und Holzfäule. Aber natürlich hatte ich stets einen Blick auf die Eintracht, war bei der chilligen Saisoneröffnungsfeier des Nordwestkurve e.V. in der Louisa oder führte euch während der offiziellen Eröffnung durchs Museum der Eintracht. Morgen also Illertissen in Augsburg. Und da fing irgendwie auch alles an. In Augsburg.

Vielleicht erinnert ihr euch, der silberne Golf. Der hatte seinerzeit auf der A3 bei Aschaffenburg Ost den Geist aufgegeben, das Ende einer langen Beziehung. Nun ist der silberne Golf ein roter Dacia Kombi, das langsamste Auto auf Deutschlands Straßen – aber mit Platz für Balken, Dachpappe oder Rindermulch. Äh, Rindenmulch. Und mit dem gehts morgen nach – Augsburg, genau. Auf dass der Kreis sich schließen möge.

Zwischendrin gab es mindestens noch zwei bemerkenswerte Erlebnisse. Natürlich der historische Ausgleich der Eintracht gegen Wolfsburg, just als Kießlings 1:0 gegen den HSV auf der Anzeigentafel verkündet wurde und dann die Fahrt nach Bremen. Erstmals fuhr ich privat mit der Bahn zu einem Spiel. Zu verdanken hatte ich dies Christian, der mich kostenneutral mitnehmen konnte und da Tom gleichfalls mit dabei war, entwickelte sich eine muntere Tour, die mit einem Unentschieden und Krabbenbrötchen in Ostfriesland endete.

Tom war zuvor in Hamburg auf dem Kirchentag – so wie Hundertausende Gleichgesinnte, er schwärmte von einer besonderen Stimmung – na klar, die Anzahl der Gästefans hielt sich im Rahmen, man blieb unter sich, die dritte Halbzeit fiel aus. Wie anders wäre es jedoch, wenn sich Anhänger verschiedener Religionen zu gleicher Zeit in die gleiche Richtung aufmachen würden; Busse, Sonderzüge, PKWs, Flieger – das ganze Programm mit Pyro, Böller und skandierten Sprüchen nach mäßigem Alkohol- oder Drogengenuss. Ein fantastisches Bild, malen wir uns es doch einfach einmal aus.

Die Christen, trotz jeglicher Glaubensdivergenzen irgendwie seltsam vereint, waren die ersten. Auf den abgeschnitten Jeansjacken Sticker mit Texten wie: Alles außer Jesus ist scheiße oder Luther forever. Sie besetzten am Bahnhof die Pilsstuben, von Zeit zu Zeit explodierte eine La Bomba, schallten Gesänge durch den Bahnhof wie Hurra, Hurra, die Christen die sind da. Urplötzlich Gerenne, es hieß, der Sonderzug der Buddhisten sei angekommen und musste gebührend empfangen werden – doch aus dem Zug stolperten nur ein paar verstrahlte Sanyassins in orangenen Leibchen, sie klatschten in die Hände bam bam bambambam, bambambam und riefen Moksha. Ein Christ zockte ein Leibchen und verbrannte es unter dem Beifall einiger anderer, die Sanyassins aber zuckten nur mit den Schultern, hockten sich außerhalb auf eine Wiese und rollten ein Tütchen. Das war kein Gegner, so eine Art Freiburg unter den Gläubigen. Dann aber gings los. Drei Busse waren auf dem Vorfeld eingerollt, am hinteren Fenster hingen große Banner: Allah – Es kann nur einen geben, oder: Mekka – wir danken dir oder Gegen den modernen Islam.

Klar, die Moslems waren da, Hardcorejungs, die alles für ihren Glauben taten, kein Weg zu weit, keine Drittortauseinandersetzung zu belanglos. Rauchschwaden durchzogen die Luft, die Christen formierten sich, die Polizei war überfordert. Das schöne aber ist der Ehrenkodex. Als die beiden Gruppen wie auf ein geheimes Kommando aufeinander los stürmten, flogen die Fäuste, Waffen waren geächtet und wer auf dem Boden lag, wurde in Ruhe gelassen. Seit dem das Mittel des langjährigen Kirchenverbots griff, fanden ja die meisten Auseinandersetzungen außerhalb der heiligen Hallen statt. So schnell wie der Spuk gekommen war, war er auch schon wieder vorbei. Mal hörte man die Moslems: Kirchenmafia EKD, mal die Christen: Eure Eltern gehn zu Jesu Christ, das wars dann schon. Natürlich traf man sich anschließend auf einen schwarzen Tee und wer sich eben noch gekloppt hatte, tauschte nun Geschichten von früher aus, damals in den Siebzigern, als man sich noch mit Weihwasser bewarf und Burkas rippte. Die Zeiten sind lange vorbei. Aufruhr gabs nur noch, als die Moslem Ultras einige Christinnen mit Eieieieieieiei, Huuuuurensööööhne verunglimpften, bisschen Backenfutter und schon war Ruhe. Einige Christen und Moslems liefen gemeinsam Richtung Veranstaltungsort, passierten die Wiese, wo die Sanyassins hockten und skandierten: Warum seid ihr Hindus so leise, die aber zuckten gleichmütig mit den Achseln, boten einen Yogi-Tee an und erzählten sich Geschichten von Siddharta – woraufhin einer der Christen aus der Rolle fiel und plärrte: Und wir ficken die Sadhus in den Arsch.

Mittlerweile waren die Juden eingetroffen, alle in Schwarz, zahlenmäßig überschaubar, sie kamen im gleichen Zug wie die Zeugen Jehovas – die sich natürlich anhören durften: In Europa, kennt euch keine Sau. Einer der Zeugen, ein langjähriger Religionsbekannter Rowdy, der eigentlich Stadtverbot, es aber dennoch bis zum Bahnhof geschafft hatte konnte nicht an sich halten: Und wir haben die Juden im Endsieg gesehn, mit dem Adolf, mt dem Adolf – das aber ging sogar den eigenen Anhängern zuweit: Nazis raus hallte es durch den Bahnhof und der Rowdy wurde von allen isoliert. Er betonte zwar, es handelte sich um Satire – aber hier war eine Grenze überschritten. Das sah auch das Fanprojekt der Buddhisten so, die ruhig und zurückhaltend Flyer am eigenen Stand für ein Miteinander verteilten, aus den Boxen ertönte Nirwanas Come as you are. Die meisten ignorierten die freundlichen Gesellen, mal riefen vorbeiziehende Juden: Nie mehr ins Nirvana, woraufhin einer der Buddisten aus der Ecke sprang und dem überraschten Anführer das Käppi zockte: Hey Schlomo, jetzt müsst ihr euch auflösen rief er und schon gings für die Juden weiter, einige lachten sogar über den Unglücklichen ohne Kippa.

Natürlich rappelte es zwischen Juden und Moslems, zwischen Christen und Juden und auch der ein oder andere Hindu mengte sich dazwischen und pöbelte: Wir haben Shiva und ihr nicht. Im großen und ganzen aber war es einfriedliches Religionsfest, sicherlich gab es Kollateralschäden, zwei betrunkene Moslems wurden von den eigenen Anhängern vermöbelt, und als die Christen ein Banner entrollten Deutscher Meister 1939 tobten die Juden, rissen Pflastersteine aus der Verankerung – konnten aber sich letztlich wieder beruhigen, hier ging es ja schließlich nur um Religion, die schönste Nebensache der Welt, einige revanchierten sich mit Ihr seid Christen, asoziale Christen, ihr schlaft unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission, schlussendlich aber neigte sich ein buntes Wochenende dem Finale entgegen; die gemeinschaftliche Abschlusskundgebung richtete sich gegen die Ungläubigen, die modernen Religionen, die Versitzplatzierungen der Kirchen und Moscheen und die Willkürlichen Gebetszeiten.

Der Imam brüllte durchs Mikro: Auf gehts und jeder, wirklich jeder rief aus tiefstem Herzen Wir haben Götter und ihr nicht. Natürlich provozierten ein paar Atheisten, die meisten einheimisch, riefen Tod und Hass dem Götterkult oder Nie mehr in die Kirche – solche Splittergruppen wurden aber nicht sonderlich ernst genommen, ein paar Buddhisten verbrannten sich zwar aus Protest, einige Christen versuchten die Ungläubigen zu bekehren, derweil die Moslems mit 72 Jungfrauen lockten. Die Atheisten aber gaben sich desinteressiert: Jungfrauen? Dreizehnjährige Tussies mit Zahnspangen und Hello Kitty Schulranzen – darauf steht ihr? Gott, ihr seid scheiße, wie das Christentum. Als die Atheisten in sicherer Entfernung waren blökten sie noch: Zieht den Moslems die Kopftücher aus, Kopftücher aus während die Christen sich anhören durften: Jesus Vater, der war ein Baptist. Die Juden aber, die sich in den Zwanzigern noch hämisch anhören durften Ihr könnt nach Hause fahren wurden in Ruhe gelassen. Letztlich löste sich alles auf, alle waren müde, ein paar Christen schmissen noch ne Runde Messwein, sogar ein paar Moslems hatten sich dazu gesellt, die Hindus lachten mit den Juden bei einem schwarzen Afghanen um die Wette und ein paar Mormonen erzählten sich schmutzige Witze. Alles also halb so wild. Religion ist kein Ponyhof, das wussten alle und die meisten werden auch im nächsten Jahr wieder dabei sein. Nach Hamburg wird dann Medina einladen – unter dem Motto: Getrennt in den Farben, vereint in der Sache.

Na  gut, morgen also Illertissen. Dacia. Rot!