{"id":9105,"date":"2015-02-05T12:40:43","date_gmt":"2015-02-05T11:40:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=9105"},"modified":"2015-02-05T12:43:56","modified_gmt":"2015-02-05T11:43:56","slug":"orte-des-grauens-heute-friseur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=9105","title":{"rendered":"Orte des Grauens. Heute: Friseur."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Seit ich denken kann, ist der Platz auf einem Friseurstuhl f\u00fcr mich ein Ort des Grauens. Egal wo. Bis auf eine einzige Ausnahme. Ich meine, Friseure sind nette Menschen, m\u00fcssen sich wom\u00f6glich ganz viel unsinniges Zeug anh\u00f6ren und machen eine Arbeit, die n\u00f6tig ist. Geschenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich &#8211; was h\u00f6chst selten vorkommt &#8211; zu einem Arzt gehe, brauche ich Hilfe. Dieser schaut mich an, untersucht mich &#8211; und ich bekomme Hilfe. Aber seid ihr jemals zu einem Arzt gegangen und wurdet gefragt: <em>Wie h\u00e4tten sie&#8217;s denn gerne?<\/em> Oder: <em>Soll&#8217;s mal was freches sein?<\/em> Da f\u00e4ngt es an.\u00a0 Wenn ich bei einem Arzt in der Sprechstunde bin, sitze ich mit ihm alleine in einem Raum. Und beim Friseur? So ich Gl\u00fcck habe, blicken nur die Mith\u00e4ftlinge von der Gala oder InTouch auf, wenn ich nach dem Waschen mit einem albernen Handtuch auf dem Kopf zum Stuhl schreite. Wenn ich Pech habe, z\u00fccken Passanten ihr Handy, fotografieren mich durch die Scheibe und ich lande in einem der antisozialen Netzwerke. Der Gang zu einem Friseur gleicht dem Gang zur eigenen Hinrichtung. Aber habt ihr euch schon einmal nach einer Hinrichtung schei\u00dfe gef\u00fchlt? Da geht es dann weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon als Kind wurde mir die Kommunion durch einen Friseur versaut. Auf dem Bild stehe ich stockensteif mit einer Kerze in der Hand und blicke grimmig mit dem albernsten Pony der Menschheitsgeschichte in die Kamera. Der passende Gelbstich rundet die Sache ab. Ich habe das bis heute nicht verdaut. Wenn man mich fragt, weshalb die H\u00e4lfte der Menscheit traumatisiert ist, so liegen die Ursachen meist nicht in fr\u00fchkindlicher Misshandlung oder anderen f\u00fcrchterlichen Gewaltszenarien, nein, es sind die Frisuren, die wir tragen mussten, die uns gequ\u00e4lt haben und wor\u00fcber wir nie offen sprechen konnten. Bist du schwul, Alkoholiker oder stehst auf Schwei\u00dff\u00fc\u00dfe? Kein Problem, sp\u00e4testens im n\u00e4chsten Stadtteil gibt es eine Selbsthilfegruppe. Aber der Kampf mit den Frisuren und Friseuren ist bis heute ein nicht gebrochenes Tabu. Anonyme Frisurenselbsthilfe? Gibts nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sage es offen heraus, ein Friseur ist f\u00fcr mich das, was f\u00fcr einen Vegetarier der Metzger ist. Nichts ist entw\u00fcrdigender, als auf einem Friseurstuhl zu sitzen und die grobporige Gesichtshaut in diesen fiesen Spiegeln zu betrachten, eingepackt in diese Polyester-\u00dcberw\u00fcrfe am besten mit Kragen. Und von hinten beugt urpl\u00f6tzlich sich dieser riesige Schatten \u00fcber dich, die Schere in der Hand. Der Sound von Psycho. Wieeeeeek, wieeeeeeek, wieeeeeeek. Dabei f\u00e4ngt alles so sch\u00f6n an, du liegst am Waschbecken, aus der kleinen Handdusche l\u00e4uft mildwarmes Wasser, gepflegte Frauenh\u00e4nde massieren dir Shampoo in die Haare, achten darauf, dass nichts in die Augen l\u00e4uft &#8211; und rubbeln die Haare leicht trocken. Und genau jetzt ist eigentlich der Zeitpunkt gekommen, sich zu verabschieden. Aber nein, zack, kommt das Handtuch auf die R\u00fcbe. Spiegel. Und genau jetzt gucken sie alle. Ich wei\u00df das, denn ich guck ja auch, wenn ich noch am Warten bin und denke das, was alle denken: Gott seht ihr schei\u00dfe aus. An dem Tag, an dem ich Alufolie im Haar haben sollte, weil es mal wieder <em>etwas freches<\/em> sein soll, laufe ich Amok.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Na, wie soll es denn werden?&#8220; &#8222;Wenn ich das w\u00fcsste, w\u00fcrde ich es selber machen&#8230;&#8220; m\u00f6chte ich schreien, doch ich murmel etwas von &#8222;e bissi k\u00fcrzer&#8220; oder &#8222;vorne nicht so komisch&#8220; oder was von &#8222;stufig&#8220;. Meine Finger bedeuten dabei eine Handbewegung, die meist zwischen drei und 15 Zentimeter interpretiert wird. Die Friseuese beginnt, schneidet ein bisschen ab und fragt jovial: &#8222;Recht so?&#8220; Soll ich dann sagen: &#8222;Ne, l\u00e4nger&#8220;? Neulich hatte ich sogar ein Video von einer bescheuerten Band dabei, dessen S\u00e4nger eine ganz akzeptable Frisur hatte. Das habe ich mir beim n\u00e4chsten Mal auch geschenkt, es war einer der Tiefpunkte meines an Tiefpunkten nicht gerade armen Lebens. Aus dem Handy t\u00f6nte es blechern und die Blicke der Umsitzenden werde ich nie vergessen. Entw\u00fcrdigend. Die Frisur war dann: Typ\u00e4hnlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lasse das Rumgeschnipsel \u00fcber mich ergehen wie man &#8222;\u00c4lterwerden&#8220; \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst. Klaglos mit debilem Blick\u00a0 &#8211; sich seinem Schicksal \u00fcberlassen, das kann ich. Man wei\u00df, was kommt, kann aber nichts daran \u00e4ndern. Goldene Regel Nummer Eins: Niemals bei einem Friseur sich f\u00f6hnen lassen. Obs drau\u00dfen hagelt, -25\u00b0 hat oder ein Weg von mehreren Stunden vor mir liegt: Never ever lasse ich einen fremden F\u00f6hn an meine Haare. F\u00f6hnfrisur, das ist das Pur unter den Frisuren, das haargewordene Abenteuerland. K\u00f6nnt ihr euch Ghandi, Che Guevara, Joey Ramone oder Sid Vicious mit gef\u00f6hnten Haaren vorstellen? <strong>Wollt<\/strong> ihr euch Ghandi, Che Guevara, Joey Ramone oder Sid Vicious &#8230; Eben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrelang trug mich meine Haare schulterlang, Spitzenschneiden erledigte meine Mutter oder Freunde. Und das war schon eine Qual. Wobei es mir lieber war, als dieser d\u00e4mliche Hinweis: &#8222;Ey, du hast Spliss.&#8220; Ja mein Gott, na und? Ehrlich gesagt, habe ich mir die Spitzen nur schneiden lassen, weil ich diese Frage nicht mehr h\u00f6ren wollte. Dann trug ich die Haare raspelkurz. Mit dem Rasierer dr\u00fcber, fertig. Das war ok, ich wusste, was dabei rumkommt. Jetzt sitze ich nach vollbrachter Tat auf dem Stuhl, glotze mit nassen, gek\u00e4mmten Haaren in den Spiegel und dann kommt unweigerlich die Frage: &#8222;Gut so?&#8220; Was soll ich da sagen? &#8222;Nein, schei\u00dfe wie immer?&#8220; Es w\u00e4re ehrlich, aber ich Trottel hoffe stets, dass sich das Ganze nach dem trocknen noch zum Guten wendet und murmel &#8222;Jo, ist okay&#8220; in meinen Bart, sch\u00fcttel wild meinen Kopf, zahle, verschwinde und wei\u00df, dass es sich noch nie zum Guten gewendet hat. Es ist ein Elend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrlich, wenn ich zum Zahnarzt gehe, bin ich guter Dinge. Eine Spritze kommt f\u00fcr mich nicht in Frage, nicht weil ich Angst vor Spritzen habe, pah, nein, ich brauche sie einfach nicht. Aber beim Friseur, da wo ich eine brauchen k\u00f6nnte, da wurde ich noch nie gefragt. Nach einer Operation bleibst du im Krankenhaus, nach dem Friseurbesuch wirst du nach drau\u00dfen geschickt, da l\u00e4uft etwas grunds\u00e4tzlich falsch, ich sag&#8217;s euch. Einmal, ein einziges Mal war ich bei einem Friseur gl\u00fccklich. Damals, 2004 in Indien. Mit einer Schere schnitt Gott meine Haare so gleichm\u00e4\u00dfig kurz, wie es mit dem Rasierer nicht geht. Er flammte meine Ohrl\u00e4ppchen aus und rasierte mich mit einem Messer, dass ich mich wochenlang nicht rasieren musste. Ich duftete nach allem, was das Herz erfreut und f\u00fchlte mich frei und leicht. Dazu trug ich einen Stein in der Tasche, der jede Blutung nach einer Rasur sofort stoppt. Heute werde ich leicht melancholisch, wenn ich daran denke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ich denken kann, ist der Platz auf einem Friseurstuhl f\u00fcr mich ein Ort des Grauens. Egal wo. Bis auf eine einzige Ausnahme. 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