{"id":9006,"date":"2015-01-27T13:12:30","date_gmt":"2015-01-27T12:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=9006"},"modified":"2015-01-27T22:45:29","modified_gmt":"2015-01-27T21:45:29","slug":"frankfurt-mein-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=9006","title":{"rendered":"Frankfurt &#8211; Mein Frankfurt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Frankfurt geht mir meistens auf die Nerven. Zuviel Geld, zu viele Hochh\u00e4user, zuviel Schnickschnack und zuwenig Street-Credibility. Kurz, zuviel Lounge, zuwenig Punk. Oder von mir aus Rock&#8217;n&#8217;Roll.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mochte das alte Frankfurt der Siebziger und fr\u00fchen Achtziger, das Frankfurt der Stra\u00dfenkinder, der Gastarbeiter, der unaufgeregt h\u00e4ssliche Alltag an einem tristen, regnerischen Novembermorgen. Gr\u00fcneburgpark, Stadtbad Mitte, Trambahn, Bunker, Flohmarkt. Niemand mochte Frankfurt. Man konnte an den Main gehen und traf keinen Menschen. In der Kneipe in der Gro\u00dfmarkthalle hingegen sa\u00dfen sie, die Trinker, die Nachtschw\u00e4rmer, die Einsamen. Endstation Sehnsucht. Und die Eintracht holte Titel, Spieler posierten in Pelzm\u00e4nteln vor S-Klasse Daimler, die Junkies versorgten sich an der Taunusanlage inmitten der Banker mit Stoff, das Bahnhofsviertel war das Bahnhofsviertel. Frankfurt war r\u00e4udig, aber ehrlich. Und die alte Oper eine Ruine. Ein paar Meter weiter das TaT, Fassbinder inszenierte dort, Matthias Beltz spielte dort &#8211; oder im Volksbildungheim. Linton Kwesi Johnson sp\u00e4ter auch. Auf der Stra\u00dfe parkte ein roter Ford Mustang mit gr\u00fcnem Kennzeichen. <em>Die Amis. <\/em>Hier gab es keinen David Bowie, der sich inspirieren lie\u00df wie einst in West-Berlin, hier gab es keinen Hans Albers. Hier gab es Michael Holm, der<em> Smog in Frankfurt<\/em> sang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gro\u00dfmarkthalle im Ostend ist Geschichte wie das Stadtbad Mitte, der Henniger Turm, die Batschkapp in Eschersheim, das Sudfass, das Technische Rathaus, die Kasernen wichen Wohnviertel und Bunker schicken Wohnungen. Die Alte Oper strahlt in neuem Glanz, auf dem Theaterplatz, der schon lange Willy-Brandt-Platz hei\u00dft, leuchtet ein \u00fcberdimensionales Eurozeichen. Ist das Kunst oder kann das weg? Vielleicht kann es weg, die EZB hat mittlerweile das Gel\u00e4nde der einstigen Gro\u00dfmarkthalle in Beschlag genommen (und noch viel mehr) und ist nicht mehr am Schauspielhaus ans\u00e4ssig. Frankfurt, City of the Euro. Adorno, Horkheimer, kann man da was machen? Gemacht wurde viel, Gutes, wie Fixerstuben und Methadonprogramme und Schlechtes wie sterile Wohnviertel f\u00fcr Besserverdienende, in denen man kein Kind zum Spielen auf die Stra\u00dfe schicken m\u00f6chte. Museumsufer, Fachwerkh\u00e4uschen Ostzeile, Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, pittoreske Aufh\u00fcbschung einer Nutte, die sich jedem Geldbeutel an den Hals wirft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist der Jahrestag der Auschwitz-Befreiung. Vor siebzig Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager, dessen Name zum Symbol f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe der Menschheitsgeschichte geworden ist. Die Vernichtung von Millionen von Juden angezettelt und systematisch durchgef\u00fchrt durch die Nazis. Und durch B\u00fcrger aus der Mitte Deutschlands.\u00a0 <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/KZ_Auschwitz-Birkenau\" target=\"_blank\"><em>Einige Tage sp\u00e4ter wurde die Welt\u00f6ffentlichkeit \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten informiert. Die Ermittler fanden \u00fcber eine Million Kleider, ca. 45.000 Paar Schuhe und sieben Tonnen Menschenhaar, die von den KZ-W\u00e4chtern zur\u00fcckgelassen wurden.<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Auschwitzprozesse\" target=\"_blank\">Auschwitzprozesse <\/a>fanden in Frankfurt statt. Der erste begann 18 Jahre nach Kriegsende. 18 Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Vorabend des 27. Januar 2015 trafen sich Tausende Frankfurter am R\u00f6mer, um ein Zeichen zu setzen anl\u00e4sslich der uns\u00e4glichen Ichschreibedennamenmalnichthin-Montagsspazierg\u00e4nge durch vermeintliche \u00dcberfremdung bis ins Mark ver\u00e4ngstigter B\u00fcrger in Dresden und anderswo, die dem Fl\u00fcchtling nicht das Schwarze unter den Fingernagel g\u00f6nnen, ihr k\u00f6nnt den ganzen Rotz nachlesen, die Medien sind voll davon. Zu voll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter dem R\u00f6mer lugt die Kuppel der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankfurter_Paulskirche\" target=\"_blank\">Paulskirche <\/a>in die regnerische Dunkelheit, Ort der ersten Nationalversammlung 1848 &#8211; als dies noch als progressiv galt. Auch die Paulskirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerst\u00f6rt und als erstes historisches Geb\u00e4ude wieder aufgebaut. Auf dem R\u00f6merberg stehen Tausende Frankfurter, Fahnen wehen, Gewerkschaften, politische Parteien, Regenbogenfarben. Schilder: <em>Wirr ist das Volk.<\/em> Oberb\u00fcrgermeister Feldmann spricht. Beifall. Ein Fl\u00fcchtling spricht. Beifall. No nation, no border. Weiter hinten an der Katharinenkirche ein H\u00e4uflein versprengter Deutschnationaler Angsthaber, umringt von sie sch\u00fctzender Polizei. Davor wiederum Tausende Frankfurter, die es nicht zulassen werden, dass der armselige Haufen sich durch die Stadt bewegt. W\u00e4hrend der R\u00f6merberg an diesem Abend eher dem Familienblock bei der Eintracht glich, so \u00e4hnelte das Szenario an der Hauptwache dem quirligen Support auf den Stehpl\u00e4tzen. Nazis raus. Haut ab! Wieviele waren wir? 15.000?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin selten stolz. Aber an diesem Abend, an dem die Kleingeister in Frankfurt nicht den Hauch einer Chance hatten, weil Frankfurt wieder einmal wie selbstverst\u00e4ndlich zeigte, dass Rassismus, Antisemitismus aber auch religi\u00f6se Radikalit\u00e4t in dieser Stadt keinen Platz haben und keinen Platz bekommen werden, hatte ich Tr\u00e4nen in den Augen. <strong>Das<\/strong> ist meine Stadt, getragen von Weltoffenheit, Selbstbewusstsein und dem Miteinander unterschiedlichster Menschen, die hier leben und arbeiten oder auch keine Arbeit haben. Da geht man halt mal raus in die K\u00e4lte und stellt sich hin und zeigt: Hey ihr Spacken, mit uns nicht. Einen Tag vor dem siebzigsten Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies war den gro\u00dfen Nicht-Frankfurter Online-Portalen wie Spiegel oder Zeit oder S\u00fcddeutsche allerdings keinen Beitrag wert. Zumindest habe ich nichts gefunden. Da muss dann erst Gr\u00f6nemeyer kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.beveswelt.de\/?attachment_id=9014\" rel=\"attachment wp-att-9014\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-9014\" src=\"http:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/R\u00f6.jpg\" alt=\"R\u00f6\" width=\"600\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/R\u00f6.jpg 600w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/R\u00f6-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurt geht mir meistens auf die Nerven. 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